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Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr“ (Teil 2)


Bernhard Hennen erschafft Fantasywelten, die den Leser mit ihren unglaublich wirklichkeitstreu geschilderten Details in den Bann ziehen. Hier erzählt der Autor, warum im Schreibprozess Expertengespräche und selbst gemachte Erfahrungen unerlässlich sind.

Manchmal steht einem das Leben im Weg, auch wenn man die besten Absichten für Recherchen hegt und möglichst viel am eigenen Leibe erfahren möchte. Ich zum Beispiel bin gegen Pferde allergisch. Deshalb habe ich mehr Stunden auf den Rücken von Kamelen als auf dem von Pferden verbracht und das, obwohl es kaum einen Roman von mir gibt, in dem keine Pferde vorkommen. Wissenslücken versuche ich hier durch Fachliteratur zu schließen, doch das ist in meinen Augen nur der drittbeste Weg. Wo immer es möglich ist, suche ich zu Fachgebieten, die zum Thema in Romanen werden, Experten zu finden. Manchmal ist das schwieriger, in anderen Fällen finden sich die Experten schon in der Nachbarschaft. Bei allen Fragen bezüglich des Reitens habe ich eine Pferdebesitzerin und eine Reitlehrerin als Sachverständige, die alle Szenen rund um die beliebten Vierbeiner zu lesen bekommen, lange bevor sie ins Lektorat gehen, und die mir schon manch peinlichen Fehler erspart haben.

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr“ (Teil 2)

Doch idealerweise beginnt die Zusammenarbeit, bevor der Text entsteht. Wann immer möglich, suche ich schon früh das Gespräch mit Experten, und die Informationen daraus formen die entstehende Geschichte – oder bringen zumindest ein paar Details, die am Rande einfließen, welche in Summe die Welt realistischer erscheinen lassen. Dazu zwei Beispiele:

Während der Arbeit an „Elfenwinter“ habe ich einen Chirurgen zur Durchführung eines Luftröhrenschnitts in einer mittelalterlichen Welt befragt. Nach einigen Anmerkungen zu Infektionen durch Eingriffe in einem unsauberen Umfeld kam er zu den wesentlichen Fakten. Sobald die Koniotomie durchgeführt und eine Atemkanüle eingeführt ist, sind der Geruchs- und Geschmackssinn erheblich eingeschränkt, und der Patient kann nicht mehr sprechen. Sollte er nicht schreiben können, ist eine Verständigung mit ihm nicht mehr möglich. Und woher kommt in einer Fantasywelt eine Atemkanüle? Wir haben uns auf ein dünnes Schilfrohr geeinigt und kamen hier dann noch zu einem letzten Detail. Das Schilfrohr würde in regelmäßigen Abständen durch Schleimablagerungen verstopfen. Es müsste also jemanden geben, der es aus der Wunde herauszieht und freipustet. Vieles davon kann man in medizinischer Fachliteratur oder auch bei Wikipedia nachlesen, aber es sind die kleinen Geschichten am Rande, die der Experte ausplaudert, die ihre Erzählungen plastischer werden lassen und im Idealfall zu einer Szene, die die Leserinnen und Leser nicht so schnell vergessen werden.

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr“ (Teil 2)

Ein anderes Beispiel zu einem Ergebnis aus einem Expertengespräch sind ein paar Nebensätze, die in „Die Chroniken von Azuhr – Der Verfluchte“ eingeflossen sind, als die Prostituierte Camilla über ihre Kollegin Raisa und deren außerordentliches Glück nachsinnt. Raisa wurde vor einiger Zeit von einem Freier die Nase gebrochen, und infolgedessen kann sie nichts mehr riechen, was ihre Arbeit erheblich erleichtert. Warum? Das überlasse ich Ihrer Phantasie. Die Geschichte über die gebrochene Nase stammt aus einem von vielen Gesprächen mit einem befreundeten Callgirl. Und bevor Ihrer Phantasie hier Flügel wachsen … Es ist die Sorte Freundschaft, bei der man sich an Herbstabenden zum Teetrinken trifft und sich gegenseitig Weihnachtsgebäck schickt. Natürlich selbstgebacken.

Dadurch, dass ich lange Jahre als Journalist gearbeitet habe, habe ich das Privileg, in meinem Leben vielen außergewöhnlichen Menschen begegnet zu sein, seien es nun Freiheitskämpfer (oder, je nach Betrachter, Terroristen), Schauspieler, Musiker, Politiker, ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter, Soldaten, Marktschreier (sic), Fabrikarbeiter, Richter … Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Manche von ihnen sind zu Vorlagen für Romanfiguren geworden, alle haben sie mir Einblicke in ihre Welt geschenkt, die in meine Bücher einfließen. Aber man muss nicht Journalist sein, um solchen Leuten zu begegnen; als Schriftsteller ist es sogar noch einfacher. Wenn ich einen Experten für ein Spezialgebiet suche, beginne ich mit einer Recherche im Internet. Finde ich jemanden, der meinen Anforderungen entspricht, schreibe ich sie oder ihn an, oder ich rufe an. Mehr als die Hälfte dieser Menschen gewährt mir in den nächsten Monaten ein Gespräch. Es ist wichtig, bei der Kontaktaufnahme die Ernsthaftigkeit des Ansinnens herüberzubringen. Wenn das gelingt, dauert es meist nicht lange, bis es zum Gespräch kommt. Die meisten Menschen reden gerne über etwas, in dem sie gut sind, oder auch ganz allgemein über ihr Leben. Seien Sie ein aufmerksamer Zuhörer und heben Sie sich kritische Fragen bis zum Ende des Gesprächs auf, dann werden Sie Schätze für zukünftige Erzählungen mit nach Hause nehmen.

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr“ (Teil 2)

Neben den selbstgemachten Erfahrungen und den Expertengesprächen gibt es noch eine dritte Besonderheit, die mir hilft, meine Romanszenen plastischer zu gestalten. Ich stelle Situationen nach. Zu wissen, wer sich wo befindet, wo Bäume sind, wie eine Straße verläuft, wer wen sehen kann und wen nicht, ist enorm hilfreich, wenn man eine Situation plastisch beschreiben möchte. Grundsätzlich genügen Skizzen auf Papier. Besser sind aber 3D-Modelle des Geländes mit Figuren. Bücherstapel, Eisenbahnbäume vom Trödelmarkt und Playmobilfiguren sind eine gute Variante. Da ich seit über 30 Jahren Zinnfiguren sammele und passend dazu auch einiges an Gelände besitze, gehe ich die Sache etwas aufwendiger an. Ich bemühe mich möglichst detailliert, kleine Geländeausschnitte, wie etwa einen Häuserblock aus der Stadt Arbora aus den Azuhr-Romanen, nachzustellen und bringe auch Figuren ins Spiel, die den im Roman beschriebenen Helden und Schurken entsprechen. Wenn ich diese kleinen Dioramen betrachte, komme ich leichter in den Flow, das heißt, ich sehe die Szenen, die ich schreiben möchte, ganz klar vor meinem geistigen Auge und muss sie „nur noch“ in Worte fassen. An diesem „nur noch“ kann man sich natürlich endlos aufhalten, aber das ist ein anderes Kapitel in der Schule des Schreibens.

Ich hoffe, meine Geschichten über den Phantastischen Realismus waren einigen, die schreiben, eine Hilfe, oder haben zumindest hier und da für ein Schmunzeln gesorgt.

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