BUCH

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr“ (Teil 1)


Bernhard Hennen versteht es wie kein Zweiter, faszinierende Fantasywelten zu erschaffen, die uns völlig aufzusaugen vermögen. Doch wie geht er bei der Gestaltung seiner Romane vor? Und welche realen Elemente finden sich in den Chroniken von Azuhr wieder? Ein Essay unseres Bestsellerautors über den Zauber von Worten, über Märengestalten und die Realität des Schwertkampfs.

 

Wann bin ich als Autor zufrieden?

Wenn ich ein neues Buch von mir in Händen halte?

Wenn die Verkaufszahlen stimmen? Wenn meine Geschichten in andere Sprachen übertragen werden?

All dies macht mich glücklich. Das sei nicht geleugnet. Doch die tiefste Zufriedenheit – und dies ist ein Gefühl, das (zumindest bei mir) länger anhält als die flüchtigen Momente des Glücks – empfinde ich, wenn Leserinnen oder Leser schreiben: „Ich bin völlig in Ihrer Welt eingetaucht.“

Die Arbeit an einer solchen Welt beginnt oft schon mehr als ein Jahr, bevor ich die erste Zeile des Buches schreibe. Ich suche ein zentrales Thema für den Roman oder die neue Serie. Im Fall der Chroniken von Azuhr geht es um die Manipulation der Wirklichkeit. Um „Fake News“, aber noch um viel mehr. Was geschieht, wenn sich die Lügen durchsetzen? Wenn sie die Macht haben, nachhaltig die Welt zu verändern?

Um diese Fragen baut sich meine neue Trilogie auf. Um diesem Gedankenspiel Gestalt zu verleihen, habe ich eine spezifische Form von „Magie“ für Azuhr definiert. Eigentlich ist Azuhr eine Welt, in der es keine Zauberei und keine Fabelwesen gibt. Keine Trolle, keine Elfen. Die Insel Cilia, auf der die ersten beiden Romane angesiedelt sind, orientiert sich historisch an den norditalienischen Stadtstaaten des Spätmittelalters. Namen und Architektur sind unserer Welt entlehnt, selbst fiktive Autoren: So stand zum Beispiel Giovanni Boccaccio für meinen Giovanni d’Aquino Pate, und dies ist nicht die einzige Figur, für die sich reale Vorbilder finden.

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr (Teil 1)

Warum nicht neu erfinden? Weil Leser schneller Bezüge in unsere Welt herstellen. Ich muss nicht mehr alles auserzählen, Bilder entstehen von allein in den Köpfen, weil man sich auf vertrauten Pfaden bewegt. Umso größer werden dann die Überraschungen, wenn man sie verlässt. So wird die Welt Azuhr im Verlauf eines kosmischen Ereignisses, das sich etwa alle 1000 Jahre wiederholt, von Magie durchdrungen. Es ist der Zauber der Worte, der die Welt verändert. Geschichten, die geglaubt werden, beginnen sich zu manifestieren. Märengestalten erwachen zum Leben, weil Tausende Kinder an sie glauben. Doch dies ist nur die offensichtlichste Veränderung.

Worte verändern die Welt … Ein Traum von Autoren? Ganz sicher! Doch hinter diesem Konzept lauern Abgründe. Sie hier auszuloten, würde zu zahllosen Spoilern für die Trilogie führen. Denken Sie selbst einmal darüber nach, was das bedeutet. Was kann ein in der Öffentlichkeit als moralisch integrer Mensch angesehener Lügner alles bewirken? Jemand, dem man einfach vertraut, wie zum Beispiel Priester? Werden Erinnerungen „umgeschrieben“, wenn sich eine Lüge als „Wahrheit“ durchsetzt? Wie erleben das Betroffene?

Und was ist mit den Märengestalten? Bleiben sie Gefangene des Drehbuchs ihrer Mär? Oder entwickeln sie ein eigenes Bewusstsein, wenn sie bereits in ihrer Mär per Definition klug sind? Durchschauen sie den Prozess ihrer Entstehung? Begreifen sie, dass die magischen Zeitalter endlich sind und damit auch die körperliche Existenz der Märengestalten?

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der „Chroniken von Azuhr (Teil 1)

Sie sehen, meine Welten begründen sich auf einer Unzahl von Fragen. Wenn ich auf die meisten eine Antwort gefunden habe, beginne ich mit der Arbeit an einem Roman. Ich brauche das Fundament, das phantastische Element in meiner neuen Welt genau skizziert zu haben. Ich muss wissen, wie es sich auf das Alltagsleben meiner Protagonisten auswirkt. Lasse es von der ersten Zeile an einfließen, wenn vielleicht auch unterschwellig … Ich weiß, welche Motive aus dem ersten Prolog auch im dritten Prolog auf makabere Art gespiegelt werden. Dinge, die Anfangs zufällig wirken, werden vernetzt. Und ich hoffe, dass sich die Leserinnen und Leser in diesem Netz verfangen werden. Ich will, dass sie mir meine Welt abnehmen.

Dazu versuche auch ich mich der Welt, die ich beschreibe, auf größtmögliche Weise anzunähern. Man schreibt einfach besser über Dinge, die man erlebt hat. Nein – Elfen und Trollen bin ich noch nicht begegnet. Aber ich habe Schwertkämpfen gelernt. Ich habe im Schildwall gestanden, weiß aus eigenem Erleben, wie wenig Spielraum für den Einsatz eines Schwertes in so enger Formation bleibt, was die Speerträger in der zweiten Reihe bewirken, wie ein im Reflex hochgerissener Schild, eine Speerspitze, in den offenen Helm umlenkt. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie an kühlen Tagen Kämpfer in Vollplatte aus jeder Rüstungsöffnung dampfen, weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mit einem Bastardschwert einen wuchtigen Angriff blockt, statt ihn an der Klinge abgleiten zu lassen. Weiß, wie ein Gambeson riecht, den man einen Sommer lang unter einem Kettenhemd getragen hat.

Phantastischer Realismus – Hinter den Kulissen der "Chroniken von Azuhr"

All dies fließt in meine Geschichten ein, lässt sie glaubwürdiger klingen, weil sie zumindest in Teilen eigenen Erlebnissen entspringen. Natürlich hilft auch die Lektüre von Fachliteratur, doch sie kann nur ergänzend sein. Welche anderen Tricks ich anwende, um meiner Geschichte und meinen Romanfiguren so nahe wie möglich zu kommen, ohne im Schildwall blaue Flecken zu sammeln, erfahren Sie im zweiten Teil des Artikels.

Nächste Woche erwartet Euch der zweite Teil des Essays „Phantastischer Realismus“ von Bernhard Hennen mit weiteren spannenden Einblicken in seine Schreibwerkstatt!

Share:   Facebook