Foto: Eileen Gunn

INTERVIEW

»Ich schreibe über das Namenlose«: Ein Interview mit Ursula K. Le Guin


Ursula K. Le Guin ist eine Autorin von Weltrang. Kurz vor ihrem Tod im Januar 2018 gab sie ein letztes großes Interview für die Los Angeles Review of Books. Die Grande Dame der Science Fiction über Zeiteinteilung, Fortschritt und verdiente Preise.

 

David Streitfeld: Was macht die Gesundheit?

Ursula K. Le Guin: Die ist okay.

Und Ihre Stimmung?

Auch okay. [Lacht.] Mit über 80 geht man vieles langsamer an, das können Sie mir glauben. Die meisten öffentlichen Verpflichtungen habe ich inzwischen abgegeben. Ich sage ziemlich oft: „Nein, danke.‟ Es ist schade. Ich lese gern bei Powell's Books. Das Publikum dort ist wunderbar, das macht mir viel Spaß. Aber körperlich schaffe ich das nicht mehr.

Ein Großteil der Texte in den beiden neuen Library of America-Bänden wurde über einen relativ kurzen Zeitraum hinweg, in den späten 60ern und frühen 70ern, verfasst. "Die linke Hand der Dunkelheit" (1969) und "Freie Geister" (1974) erschienen ziemlich schnell hintereinander, eine enorme Leistung! Und in der Zeit haben Sie ja auch mit Erdsee angefangen.

Hart gearbeitet habe ich auch davor und danach. Die Romane aus dieser Zeit sind ja nicht mein ganzes Werk. Danach kamen auch noch ein paar ganz gute Sachen.

Damals hatten Sie außerdem drei kleine Kinder.

Ich hatte sieben oder acht Jahre lang immer ein Kind unter fünf. Nummer drei kam etwas überraschend zu der Zeit, als Nummer zwei gerade anfing, in den Kindergarten zu gehen. Ich hätte das alles unmöglich hinbekommen, wäre Charles nicht zu Hause geblieben und hätte sich um die Kinder gekümmert. Ich habe es schon oft gesagt: Zwei Menschen können drei Jobs machen, aber einer allein schafft nicht zwei. Na ja, manchmal schon, aber das ist mörderisch anstrengend.

Wie haben Sie sich Ihre Zeit eingeteilt?

Damals habe ich immer darauf geachtet, mich nicht auf Deadlines einzulassen. Ich habe nie ein Buch zu einem bestimmten Zeitpunkt versprochen - nie. Ich habe immer versucht, mir so viel Spielraum wie möglich zu erhalten. An erster Stelle standen die Kinder und ihre Bedürfnisse. Die Zeit, die übrig blieb, war dann die Zeit, die ich zum Schreiben hatte. Ich will das jetzt nicht verklären, aber Fakt ist, mir hat beides sehr viel gegeben. Das Schreiben macht mir genauso viel Spaß, wie ich damals Freude an den Kindern hatte.

Sie haben einmal gesagt, Kinder zu haben macht das Schreiben nicht leichter, aber besser. Es war sicherlich trotzdem ein Balanceakt.

Als ich feststellte, dass ich zum dritten Mal schwanger war, hat mich das erst mal sehr deprimiert. Wie sollten wir das alles noch einmal durchstehen? Eine Schwangerschaft kann einen ziemlich viel Kraft kosten. Aber es war eine unkomplizierte Schwangerschaft und ein tolles Baby. Und wir waren dann doch sehr froh, dass es so gekommen ist. Es war eine Menge Leben im Haus.

Das war dann wohl in jeder Hinsicht eine fruchtbare Zeit.

Ja, anscheinend konnte ich an beiden Fronten Leistung bringen. Ich war gesund, und die Kinder waren gesund. Das macht viel aus. Aber damals war das nichts Ungewöhnliches. In meiner Generation wurde von den Frauen noch erwartet, dass sie Kinder bekommen.

Wann haben Sie geschrieben?

Wenn die Kinder schliefen oder mit einem Buch im Bett lagen. Meine Kinder sind damals viel früher ins Bett gegangen, als es heute so üblich ist. Als ich hörte, dass meine Enkel erst um 23 Uhr ins Bett gehen, war ich entsetzt. Das hätte mich in den Wahnsinn getrieben. Wir waren da altmodisch - 20 Uhr, 21 Uhr war Schlafenszeit. Ich bin dann um neun auf den Dachboden gegangen und habe bis Mitternacht gearbeitet. Wenn ich mal müde war, dann war es schwierig. Aber ich habe mich trotzdem durchgekämpft. Ich schreibe gerne. Es ist aufregend und macht mich einfach glücklich.

Nun, da Sie in der Library of America erscheinen, haben Sie da das Gefühl, zu den Unsterblichen zu gehören? Sie stehen jetzt auf einer Stufe mit all den großen Autoren: Twain, Poe, Wharton.

Ich bin mit einer Mark-Twain-Ausgabe im Haus aufgewachsen. Werkausgaben von Autoren waren damals keine große Sache. Und meine Agentin hat gezögert, weil der Vorschuss nicht so hoch war, wie sie es sonst gewohnt ist. Sie ist eine gute Agentin. Ihre Aufgabe ist es, so viel Geld wie möglich herauszuholen. Mir war gar nicht klar, was für eine große und bleibende Ehre es ist, in der Library of America zu erscheinen. Und dann auch noch zu Lebzeiten. Philip Roth und ich bilden da einen merkwürdigen und ziemlich exklusiven Club.

Ihr erstes Buch in der Library of America ist letztes Jahr erschienen. Es trägt den Titel "The Complete Orsinia" und versammelt einige Ihrer weniger berühmten Werke.

Ich habe die Library of America solange schikaniert, bis sie sich bereit erklärt haben, dieses Buch als Erstes herauszubringen. Mir war nicht bewusst, dass ich sie schikaniere, aber so war’s. Zum Glück haben sie es mir nicht übelgenommen.

"Malafrena" (1979), das zentrale Werk dieses Bandes, spielt während einer gescheiterten Revolution im frühen 19. Jahrhundert in einem imaginären europäischen Land in der Nähe von Ungarn.

Das ist eins meiner Werke, das weder Fantasy noch Science Fiction ist. Wie soll man das nennen? Alternativgeschichte ist es auch nicht, weil es mit der echten europäischen Geschichte eng verknüpft ist. Für so etwas gibt es keinen Namen. Das ist mein Problem. Ich mache namenlose Dinge.

Viele dieser Bücher haben eine lange Reise hinter sich. Vor fünfzig Jahren wurden sie als Science-Fiction-Taschenbücher veröffentlicht.

Es ist nicht so, dass ich mich für ihren Ursprung schäme, aber sie faszinieren mich auch nicht so wie manch andere Leute, die von den Pulps begeistert sind. Bücher für 25 Cent - das hat so einen altmodischen Reiz. Ich lese gerade Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay von Michael Chabon. Michael schwärmt darin für Comics, was ich verstehen kann. Ich lasse mich von seiner Faszination gerne anstecken. Aber ich selbst denke anders. Mir geht es um Inhalt. Die Darstellung ist für mich zweitrangig.

Vor fünfzig Jahren waren Science Fiction und Fantasy noch unbedeutende Genres und nicht sehr angesehen. 1974 haben Sie einen Vortrag gehalten mit dem Titel: „Warum fürchten sich Amerikaner vor Drachen?‟

In der amerikanischen Kultur neigt man dazu, die Phantasie den Kindern zu überlassen - irgendwann wachsen sie da raus und werden gute Geschäftsleute oder Politiker.

Hat sich das nicht geändert? Inzwischen werden wir doch förmlich mit Fantasy überschüttet.

Aber das meiste davon ist derivativ. Man kann eine Menge Orks und Einhörner und galaktische Kriege zusammenmischen und trotzdem phantasielos sein. Eines der Probleme in unserer Kultur ist, dass wir die Phantasie nicht achten und fördern. Sie muss geübt und angewendet werden. Man kann nur dann Geschichten erzählen, wenn man oft welche gehört hat und lernt, wie es geht.

In jüngster Zeit haben Sie sich besorgt über die Kehrseiten der Phantasie geäußert.

In der Literatur ist das alles kein Problem. Problematisch wird die ungebremste Phantasie für mich nur in Sachbüchern. Wenn man zum Beispiel in seinen Memoiren lügen darf. Da heißt es, man soll sich an die „Wahrheit‟ halten und nicht an die Fakten. Ich will nicht pingelig sein, aber ich bin die Tochter eines Wissenschaftlers. Ich mag Fakten. Ich habe große Achtung davor. Viele Sachbücher scheren sich wenig um reale Tatsachen. Ich finde es auch schwierig, wenn Autoren lebende Personen oder kürzlich Verstorbene in ihren Romanen auftreten lassen. Das hat so etwas Anmaßendes. Es ist eine Art Vereinnahmung dieser Person durch den Autor. Ist das richtig? Ist das fair? Und dann gibt es Biographen, die sich das, was sie schreiben, nur ausdenken. So etwas will ich nicht lesen. Da frage ich mich dann: Was ist das? Eine Biographie oder ein Roman?

Wie stehen Sie zu E-Books?

Als ich anfing, über E-Books und gedruckte Bücher zu schreiben, lautete der allgemeine Tenor: „Das Buch ist tot, das Buch ist tot. Es wird alles elektronisch.‟ Inzwischen kann ich das nicht mehr hören. Ich habe immer gesagt: Wir haben jetzt zwei Arten, Bücher zu veröffentlichen, und wir werden beide nutzen. Früher gab es nur eine, jetzt haben wir zwei. Was soll daran schlecht sein? Lebewesen haben bessere Überlebenschancen, je vielseitiger sie sind. Der Meinung bin ich immer noch. Nur hat sich mein Tonfall mittlerweile etwas geändert. Ich habe einer trendigen Vorstellung widersprochen. Da gibt es diesen Witz. Wissen Sie, was Gutenbergs zweites Buch war, nach der Bibel? Es war ein Buch darüber, dass das Buch tot ist.

Sie sind jetzt Mitglied in der American Academy of Arts and Letters.

Das hätte beinahe nicht geklappt. Peinliche Geschichte. Der Brief ist in der Post verloren gegangen, oder ich habe ihn für Reklame gehalten und weggeworfen, jedenfalls habe ich die Einladung nie bekommen. Sie haben ewig gewartet und schließlich Kontakt zu meiner Agentin aufgenommen, die dann sofort mich kontaktiert hat. Ich habe ihnen geschrieben und gesagt: „Ich wollte nicht einen auf Dylan machen.‟ Aber bestimmt haben sie sich das gefragt.

Das ist auch eine große Ehre. Was bedeutet sie Ihnen?

Um Mary Godwins Ausdruck über die Verteidigung der Frauenrechte abzuwandeln: Es ist eine Verteidigung der Rechte der Science Fiction. Dass meine Karriere eine solche Anerkennung erhält, macht es den Ewiggestrigen schwer, weiter zu behaupten: „Genrebücher sind keine Literatur.‟

Behauptet das denn wirklich noch jemand?

Sie wären überrascht.

Ihre politische Haltung haben Sie einmal folgendermaßen beschrieben: „Ich bin nicht fortschrittlich eingestellt. Die Idee des Fortschritts halte ich sogar für einen gefährlichen Irrweg. Mich interessiert Veränderung. Das ist etwas vollkommen anderes.‟ Wieso ist Fortschritt gefährlich? Im Laufe der Zeit hat es doch sicher einigen gesellschaftlichen Fortschritt gegeben, den Menschen mit Ideen oder Idealen herbeigeführt haben.

Ich habe nicht gesagt, Fortschritt ist gefährlich, sondern die Idee des Fortschritts im Allgemeinen. Mir ging es nicht um gesellschaftliche Aspekte, sondern um darwinistisches Denken. Ich meinte die Vorstellung der Evolution als Treppe: Die Amöben sind ganz unten und der Mensch ist ganz oben, höchstens noch mit ein paar Engeln über ihm. Und die Idee, dass sich in der Geschichte unweigerlich alles zum Besseren entwickelt. So wurde meiner Ansicht nach im 19. und 20. Jahrhundert das Wort „Fortschritt‟ verwendet. Wir lassen das dunkle Zeitalter der Unwissenheit hinter uns, die primitiven Epochen, in denen es noch keine Dampfmaschinen gab, keine Flugzeuge, keine Atomkraft, keine Computer oder was als Nächstes so kommt. Mit dem Fortschritt wird das Alte verworfen. Er führt ständig zum Neuen, Besseren, Schnelleren, Größeren etc. Verstehen Sie, weshalb ich damit ein Problem habe? Das stimmt so einfach nicht.

Wie passt die Evolution da hinein?

Die Evolution ist ein wunderbarer Prozess der Veränderung - der Differenzierung und Diversifizierung und Verkomplizierung. Er ist grandios und geht ewig weiter, aber man kann nicht sagen, dass eines seiner Ergebnisse im Vergleich zu einem anderen „besser‟ oder „überlegen‟ wäre. Jedenfalls nicht im Allgemeinen. Nur in spezieller Hinsicht. Ratten sind intelligenter und anpassungsfähiger als Koala-Bären. Und dank dieser Eigenschaften werden die Ratten überleben, während die Koalas aussterben werden. Gäbe es aber nichts anderes mehr zu fressen als Eukalyptus, dann wären die Ratten bald verschwunden und die Koalas würden sich ausbreiten. Menschen sind zu vielem imstande, was Bakterien nicht können, aber wenn ich darauf wetten sollte, wer länger überlebt, würde ich auf die Bakterien tippen.

In Ihrer Dankesrede für die Medaille der National Book Foundation 2014 sagten Sie: „Uns stehen schwere Zeiten bevor.‟

Donald Trump habe ich da natürlich noch nicht vorhergesehen. Mir ging es eher um das, was uns längerfristig erwartet. Seit 30 Jahren rede ich nun schon darüber, dass wir unsere Welt unbewohnbar machen. Herrgott nochmal! 30 Jahre!

Und dann haben Sie nach der Wahl ein neues Modell des Widerstands vorgestellt, in dem nicht der Krieger im Zentrum steht, sondern das Wasser: „Der dahinströmende Fluss ist für mich Sinnbild des Mutes, der mich weiterträgt - an schlechten Orten vorbei und durch schlechte Zeiten. Ein Mut, der sich freiwillig fügt und nur dann Gewalt anwendet, wenn es unvermeidlich ist.‟

Ich beziehe mich da auf Laotse und das Daodejing. Er war mir immer schon sehr nah, selbst als Teenager.

Stammt diese Idee aus einem Ihrer Frühwerke?

Die meisten meiner Werke sind Belletristik. Da drückt man solche Dinge nicht direkt aus, sondern baut sie mit ein. Wie in meinem Roman Die Geißel des Himmels (1971). George, der Held, ist wie Wasser. Er schwimmt mit dem Strom, könnte man sagen. Ich war nicht ganz sicher, ob ich den Text über das Wasser als Blog-Eintrag veröffentlichen sollte. Er war so direkt und klingt ein bisschen, als wollte ich mich als Guru aufspielen.

Sie sind direkt.

Ich verstecke das gerne in der Belletristik, wenn ich kann. Aber inzwischen schreibe ich kaum noch welche.

Ein oder zwei Jahre lang dachten Sie ja, Sie würden gar keine Belletristik mehr schreiben.

Aber dann habe ich eine kleine Erzählung mit dem Titel „Calx‟ für Catamaran verfasst, und im September eine längere Geschichte namens „Pity and Shame‟. Ich hätte an das denken sollen, was alle guten Science-Fiction-Autoren wissen: Voraussagen sind nicht unser Metier.

Haben Sie es langsam satt, ständig mit Ehren überhäuft zu werden?

Vergessen Sie nicht: Sie sprechen mit einer Frau. Für eine Frau ist jeder Literaturpreis, jede Ehre und Anerkennung hart erkämpft. Und wenn sie dann auch noch auf die Konventionen pfeift und Science Fiction, Fantasy und undefinierbares Zeug schreibt, wird es umso schwieriger.

Und jetzt?

Ich bin nicht der Ansicht, dass die Preise übertrieben waren. Ich habe sie mir verdient. Sie sind mir willkommen und nützlich, weil sie mein Selbstbewusstsein stärken, das etwas ins Wanken gerät, wenn man älter wird und nicht mehr so kann wie früher.

 

---

Deutsch von Sara Riffel

 

Erstmals erschienen am 17. November 2017 in der Los Angeles Review of Books unter dem Titel „Writing Nameless Things: An Interview with Ursula K. Le Guin“ auf www.lareviewofbooks.org

Share:   Facebook