Warum ich den Horror im „Heim“ einziehen ließ. Die Entstehungsgeschichte von Mats Strandbergs neuem Roman

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BUCH

Warum ich den Horror im „Heim“ einziehen ließ. Die Entstehungsgeschichte von Mats Strandbergs neuem Roman


Mats Strandberg
24.10.2018

Horror im Altenheim – das ist das Setting von Mats Strandbergs neuem Roman. Was doppelt gruselig klingt, hat auch etwas Tröstliches. Bei uns gibt der Autor Einblicke in den Hintergrund von „Das Heim“.

 

Im Horror ist das Setting vermutlich wichtiger als in jedem anderen Genre. Zwei Dinge muss man als Autor immer erklären:

a)  Wieso ziehen die Figuren nicht einfach aus dem Haus aus, im dem es ganz offensichtlich spukt?

b)  Warum bitten sie nicht um Hilfe?

In „Die Überfahrt“, meinem Roman über ein Schiff voller blutrünstiger Monster, wurden diese Fragen ganz einfach durch den Handlungsort, die Fähre selbst beantwortet. Ich wusste, dass mein nächster Roman eher von gruseligem, unheimlichem Horror durchzogen sein sollte. Eine Geschichte über Geister oder Besessenheit, allerdings mit einem Twist. In „Das Heim“ sitzen die Figuren nicht durch den Handlungsort in der Falle, sondern durch ihren eigenen Körper, ihren Verstand und ihre Beziehungen.

Wie kam mir die Idee dazu? Einige meiner besten Freunde haben Eltern, die an Demenz leiden. Dadurch kommt das Thema immer wieder zur Sprache, wenn wir uns sehen. Besonders oft erzählen meine Freunde davon, wie schwierig es ist, für den eigenen Vater oder die eigene Mutter in die Elternrolle zu schlüpfen, und wie sehr alte Menschen kleinen Kindern ähneln; genau wie sie sind sie in körperlicher und geistiger Hinsicht auf Hilfe angewiesen.

Das ließ mich an Kinder in Horrorgeschichten denken. Wenn eine Familie in ein Spukhaus zieht, spüren die Kinder immer als Allererste die Gegenwart des Übernatürlichen. Plötzlich reden sie mit eingebildeten Freunden, malen mit schwarzer Kreide ein unheimliches zusätzliches Mitglied aufs Familienporträt, träumen seltsame Dinge … Das liegt daran, dass Dämonen und Geister leichteren Zugang zu Kindern finden, weil sie nicht dieselben Grenzen zwischen Phantasie und Realität ziehen wie Erwachsene. Außerdem sind sie leichtgläubiger.

Also habe ich mich gefragt: Was passiert, wenn ich alten Menschen dieselbe Rolle zuschreibe, die Kinder immer in Horrorgeschichten spielen? Obendrein fand ich ein Seniorenheim als Setting für einen Horrorroman spannend. Es gibt einfach Orte, an denen der Tod immer anwesend ist. Außerdem sah ich dort großes Potenzial für menschliche Tragik – aber auch für Komik.

Ich habe unfassbar viel für das Buch recherchiert. Als Erstes habe ich meine Freunde befragt, die in Altenheimen arbeiten. Das ergab ziemlich viel Material, weil solche Jobs unter Schriftstellern, Künstlern und Musikern, die von ihrer Kunst nicht leben können, sehr verbreitet sind. Es war wirklich interessant, mich intensiv mit diesem Aspekt im Leben meiner Freunde zu beschäftigen, über den wir vorher kaum gesprochen hatten. Außerdem habe ich meine Freunde mit demenzkranken Eltern befragt und auch einige Seniorenheime besucht. Für mich war es faszinierend, mitanzusehen, wie das Pflegepersonal mit den Alten arbeitet. Wie vermeidet man beispielsweise, einer Frau, die das immer wieder vergisst, zu sagen, dass ihr Ehemann und ihre Eltern tot sind – ohne sie offen anzulügen? Eine der netten alten Damen versuchte, mich in ihr Zimmer zu ziehen und zu verführen. Sie hat mich zu der Figur Bodil in meinem Buch inspiriert.

Als ich aufwuchs, war meine Mutter sehr krank. Sie hatte unvorstellbar starke körperliche Schmerzen, jeden einzelnen Tag ihres Lebens. Aber sie hat sich immer damit getröstet zu sagen: „Wenigstens bin ich nicht krank im Kopf, ich könnte ja auch dement sein.“ Das hat sich mir stark eingeprägt: Dass Demenz das Schlimmste ist, was passieren könnte. Und bis zu einem gewissen Grad stimme ich da auch zu. Eine Person, die physisch noch anwesend ist, aber geistig Schritt für Schritt entgleitet, hat etwas sehr Tragisches an sich. Vor allem zu Beginn, wenn die Person selbst noch begreift, was passiert. Dennoch hat mir die Arbeit mit dem Buch die Angst vor dem Alter ein Stück weit genommen. Das Personal in den Altenheimen hat mich sehr inspiriert und beeindruckt. Normalerweise hören und lesen wir von solchen Orten nur dann, wenn irgendetwas furchtbar Schlimmes vorfällt. Aber es gibt so viele andere Geschichten. So viele großartige Menschen, die ihr Leben der Aufgabe widmen, sich um die Alten zu kümmern. Es war toll, sie zu den Helden eines Horrorromans zu machen – meiner Meinung nach sind sie eigentlich auch Helden im wahren Leben. Und wenn ich mal das Glück haben sollte, so drauf zu sein wie die alte Dame, die mich verführen wollte, dann sind das eigentlich keine schlechten Aussichten.

 

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Aus dem Englischen von Heide Franck

 

© 2018 by Mats Strandberg. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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