Ursula K. Le Guin: Erdsee: Die illustrierte Gesamtausgabe

BUCH

Was lange währt … Der Erdsee-Zyklus von Ursula K. Le Guin


Fünfzig Jahre nach dem ersten Band erscheint der legendäre Phantastik-Zyklus „Erdsee“ endlich in der Form, die Ursula K. Le Guin sich gewünscht hatte: in einer liebevoll gestalteten Gesamtausgabe mit Illustrationen von Charles Vess.

Ein Jugendbuch zu schreiben wäre Ursula K. Le Guin eigentlich gar nicht in den Sinn gekommen. Und doch war es genau diese Anfrage ihres Verlegers im Jahr 1968, die den Grundstein legte für jenen Meilenstein der Phantastik, der unter dem Namen „Erdsee-Zyklus“ bekannt werden sollte. Wobei die Autorin selbst das Gesamtkompendium, das fünf Romane und diverse Kurzgeschichten umfasst, am liebsten einfach „Erdsee“ nennt – ebenso bedeutungsoffen und vielfältig wie die Inselwelt, in der es spielt.

Als Science-Fiction-Autorin hatte sich Le Guin in den 1960er Jahren bereits einen Namen gemacht, mit Werken wie „Rocannons Welt“ und „Das zehnte Jahr“. Um ein jüngeres Publikum anzusprechen, griff sie nun auf die Themen und Schauplätze einiger ihrer fantastischen Kurzgeschichten zurück, die sie in den Jahren zuvor geschrieben hatte: „Ein Magier von Erdsee“ war geboren.

Ein Magier von Erdsee

Allerdings entspricht ihr Titelheld so gar nicht dem Klischeebild des alten weißen Mannes mit langem Bart und spitzem Hut, wie man ihn aus der Artus-Sage oder den Werken Tolkiens kennt. Auch Merlin und Gandalf müssen einmal jung gewesen sein, sagte sich Le Guin, und wählte als Hauptfigur einen kleinen Jungen aus einfachen Verhältnissen, der zwar bereits magische Fähigkeiten mitbringt, diese jedoch erst im Laufe seines Lebens – durch Intelligenz und Mut, aber auch durch diverse Prüfungen und Einsichten – voll ausbilden wird. Ged wächst in einem patriarchalischen System auf, in dem die weiblichen Hexen den männlichen Zauberern und Magiern unterliegen, doch geht es Le Guin nicht, wie so oft in der klassischen Fantasy-Literatur, um Kriege und Schlachten, sondern vielmehr um Geds Coming-of-Age.

Und noch einen weiteren Kniff baut die Autorin ein: Erst nach einer ganzen Weile, nachdem die Leser_innen sich bereits mit Ged identifiziert haben, wird klar, dass Ged nicht weiß ist – eine subtile, aber doch für damalige Verhältnisse unerhörte Subversion der ungeschriebenen Gesetze des Genres. In Erdsee sind die meisten Bewohner_innen dunkelhäutig, ohne dass dies groß thematisiert würde; und nur einige wenige Völker (bezeichnenderweise meist die „bösen“) werden als weiß beschrieben.

Die Gräber von Atuan

Während People of Color in der klassischen Fantasy-Literatur gar nicht vorkommen, spielen Frauen meist eine zweitrangige bzw. stereotype Rolle – als Prinzessin, die gerettet werden muss, als Objekt der Begierde oder aber als böse Hexe (die den männlichen Magiern jedoch nachgeordnet ist). So scheint es zunächst auch in Erdsee zu sein. Doch bereits im zweiten Erdsee-Band führt Le Guin eine komplexe weibliche Heldin ein, die sich Jahrzehnte später zu einer echten Ikone der feministischen Phantastik mausern wird.

„Die Gräber von Atuan“ (1970) erzählt die Geschichte der jungen Tenar, die in einer abgelegenen Wüstengegend als Priesterin aufwächst – diese Macht ist jedoch nicht selbst gewählt, sondern wird ihr qua Geburt auferlegt. Ihr Reich ist leer, dunkel und nutzlos; ein Leben in menschlicher Gemeinschaft – außerhalb der festgelegten Rituale der Macht – zu leben, hat Tenar nie gelernt. Keine sehr emanzipative Geschichte, obwohl hier ein junges Mädchen im Mittelpunkt steht, könnte man jetzt denken. Stimmt. Doch weist der Schluss des zweiten Bandes bereits den Weg hin zu den Idealen der Gleichberechtigung, die zu jener Zeit in allen gesellschaftlichen Bereichen heftig diskutiert wurden: Nachdem Tenar im Labyrinth unter ihrer Thronhalle auf Ged trifft, nimmt sie ihn zunächst gefangen und quält ihn. Schließlich jedoch begreift sie, dass sie aus dem unwirtlichen, lebensfeindlichen Reich nur gemeinsam entkommen können – indem sie einander vertrauen und sich gegenseitig befreien.

Tehanu

Ohne allzu metaphorisch werden zu wollen, klingen darin letztendlich die Ziele des modernen Feminismus an. Bis Le Guin diese etwas expliziter in Literatur übersetzen konnte, mussten allerdings noch einmal 20 Jahre vergehen – zwei Jahrzehnte, in denen sich das gesellschaftliche Verständnis der Geschlechterverhältnisse grundlegend ändern sollte. „In dieser Zeit durfte ich lernen, wie dieses Buch geschrieben werden wollte“, wird Le Guin im Nachwort zu ihrem lang geplanten vierten Erdsee-Roman „Tehanu“ sagen. (Wer sich für die Entstehungsgeschichte im Kontext der jeweils aktuellen sozialen und politischen Umbrüche interessiert, sollte unbedingt auch ihren am Ende abgedruckten Vortrag „Ein Rückblick auf Erdsee“ lesen!)

Erst 1990 gelingt es Le Guin, eine erwachsene Frau ins Zentrum ihrer Erzählung zu stellen. Und nicht nur das: Zwar ist Erdsee nach wie vor patriarchalisch und hierarchisch strukturiert, doch hat sich die Erzählperspektive radikal verschoben. Aus den Augen der erwachsenen Tenar und ihrer Adoptivtochter Therru sind wir nun gezwungen, die Welt aus dem Blickwinkel der Randständigen, Ausgestoßenen wahrzunehmen. Tenar ist verwitwet, hat zwei erwachsene Kinder, und nimmt schließlich Therru bei sich auf, die von ihrem Vater missbraucht und verstümmelt wurde. Ged kehrt zu Tenar zurück, doch nicht als strahlender Held, sondern seiner Zauberkräfte beraubt, als einfacher Mann, der sich in die Dorfgemeinschaft eingliedert und Ziegen hütet.

Selbst in den 1990er Jahren war das für das viele (männliche) Fantasy-Fans in etwa so schwer zu schlucken, wie es ein dunkelhäutiger Held gut 20 Jahre zuvor gewesen war. Als „zu politisch“ wurde der vierte Erdsee-Band von denjenigen bemängelte, die sich eine unverrückbare, archaische Welt für ihre Eskapismus-Fantasien wünschten. Le Guin jedoch hatte sich noch nie groß um die Konventionen bestimmter Genres geschert. Dass sie fortan im Kanon der „feministischen Fantasy“ auftauchte, störte sie zwar nicht – doch eigentlich war es ihr vor allem darum gegangen, dem bis dahin als „neutral“ wahrgenommenen Blick der Mächtigen (zumeist, in der Fantasy wie in der Realität: der weißen Männer) eine ergänzende Perspektive hinzuzufügen. Für die im Buch die einäugige Therru steht. „Was ist diese Doppelsicht, dieses Zwei-in-eins-sehen? Was kann das erblindete Auge das sehende Auge lehren?“, fragt Le Guin im Nachwort. Mit derlei metaphysischen Problemstellungen bringt sie nicht nur Sozialkritik und Gender Theory in die Phantastik, sie sprengt zugleich die Grenzen des Jugendbuches und schreibt, lange bevor dieser Begriff überhaupt erfunden wurde, in gewisse Weise „All-Age-Literature“, in der Hoffnung, dass ihre Leser_innen ihr über alle fünf Bände und über die Jahrzehnte hinweg folgen werden.

Ein Rückblick auf Erdsee

Nun, fünfzig Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Ein Magier von Erdsee“, erscheinen zum ersten Mal alle Romane und Erzählungen, mit Nachwörtern der Autorin sowie dem Essay „Ein Rückblick auf Erdsee“ versehen, in genau der Reihenfolge, die Le Guin vorgesehen hatte, in einer über tausendseitigen illustrierten Gesamtausgabe. Insbesondere die Frage der Illustration war für die Autorin bis dato mit viel Frustration und schließlich Resignation verbunden gewesen. Während sie sich in ihrem Schreiben mal subtil, mal explizit über diverse Normen des Fantasy-Genres hinweggesetzt hatte, steuerten die meisten Verleger mit ihren Vorstellungen von Bebilderung und Covergestaltung in eine komplett andere Richtung: Aus Ged wurde ein blonder, blauäugiger Held, aus Erdsee eine mittelalterlich anmutende Welt voller Schlösser und Aristokraten. Der Autorin wurde jegliches Mitspracherecht verwehrt – schließlich sollten sich die Bücher verkaufen. Dunkelhäutige Held_innen auf dem Cover hätten das Mainstream-Fantasy-Publikum abgeschreckt, so argumentierten die Verlage. „Erdsee wurde mit Bleiche gewaschen“, ärgerte sich LeGuin jahrzehntelang im Stillen.

Eine erfüllende und fruchtbare Zusammenarbeit

Erst nach ihrem Tod wird nun das Resultat einer erstmals wirklich erfüllenden und fruchtbaren Zusammenarbeit mit einem Illustrator erscheinen – dem legendären Zeichner Charles Vess, der v. a. durch seine Kollaboration mit Fantasy-Größen wie Neil Gaiman oder Charles de Lint bekannt wurde. Als langjähriger Fan von Le Guins Arbeit und insbesondere von „Erdsee“ gelingt es ihm in knapp 60 Illustrationen, die Visionen der Autorin auf eine Weise umzusetzen, die ihnen eine eigene Handschrift hinzufügt, und zugleich ganz nah an den Vorstellungen der Autorin dranbleibt. Vier Jahre lang tauschten sich Le Guin und Vess darüber aus, wie die Figuren, die Drachen, die Inseln, die Dörfer aussehen sollten; bisweilen ging ein Entwurf sechs- oder siebenmal hin und her, bis beide mit dem Endergebnis zufrieden waren.

Das fertige Produkt wird die Autorin, die im Januar im Alter  von 88 Jahren verstarb, leider nicht mehr in den Händen halten können. Jedoch scheint mit diesem Projekt – auch wenn sie gelernt hatte, „niemals nie zu sagen“ – ein Abschluss gefunden zu sein: „Den netten Menschen, die mir schreiben und um noch eine Erdsee-Geschichte bitten, möchte ich sagen, dass die Geschichte, die ich zu erzählen hatte, soweit ich das sagen kann, hier endet. Mit Tenar und Ged, auf Gont.“

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