Science-Fiction-Romane gegen Fremdenhass

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BUCH

5 Science-Fiction-Bücher gegen Fremdenhass


Ich weiß, ich weiß. Lesen macht einen nicht unbedingt zum besseren Menschen. Aber Jugendliche, die mit „Harry Potter“ aufwuchsen, sind toleranter und weltoffener als Nicht-Harry-Potter-Fans, also ist vielleicht doch was dran. Wenn ihr euch nach den Nazi-Demonstrationen in Chemnitz in eine bessere Zukunft lesen wollt, haben wir hier ein paar Tipps für euch.  


Grundsätzlich möchte ich aber eine Sache vorher loswerden: Häufig ist in Science-Fiction-Romanen die vorherrschende Kultur eurozentrisch, und andere Kulturen werden als „Aliens“ verfremdet dargestellt. Das ist ja bei „Harry Potter“ ganz ähnlich: Die Nazi-Politik der Todesser richtet sich nicht gegen reale marginalisierte Gruppen, sondern gegen fiktive. Ich denke, letztlich sind das Metaphern, die sich von Lesern auch ignorieren lassen – ja, natürlich verstehen die meisten, wie das gemeint ist, aber so ganz unmissverständlich ist es halt nicht. Lasst es mich kurz am Beispiel von „Star Trek“ verdeutlichen: In allen Inkarnationen von „Star Trek“ geht es um die Verständigung zwischen Völkern, um intergalaktischen Frieden und das Miteinander verschiedenster Alien-Kulturen. Und trotzdem war der für uns kulturell wohl aussagekräftigste Punkt, den „Star Trek“ je gemacht hat, der erste TV-Kuss zwischen einer Schwarzen und einem Weißen, nämlich zwischen Uhura und Kirk, 1968.

Star Trek: TV's First Interracial Kiss

Und deshalb reicht es natürlich nicht, Rassismus ebenso wie friedliches, multikulturelles Zusammenleben durch Metaphern zu thematisieren. Wir müssen auch über tatsächliche, irdische Zustände sprechen. Aber das wäre vielleicht ein Thema für einen weiteren Artikel (*zwinker zwinker*).

Aber jetzt erst einmal, auf zur Gegendemo, und als Lektüre im Zug empfehlen wir euch fünf Romane!

 

1. Ursula K. Le Guin: “Das Wort für Welt ist Wald”

Dieses schmale Büchlein (leider fange ich jetzt direkt mit etwas an, das mittlerweile nur noch antiquarisch oder auf Englisch zu kriegen ist) gehört, wie „Freie Geister“ und „Die linke Hand der Dunkelheit“ zu Le Guins „Hainish-Zyklus“, spielt also im selben SF-Universum mit den gleichen Gesetzmäßigkeiten, die Le-Guin-Leser*innen schon aus den anderen Büchern der Reihe kennen: Alle Zivilisationen der Galaxis stammen von den Hainish ab – die Menschen der Erde ebenso wie die despektierlich „Creechies“ genannten Athsheans. Diese pflegen einen friedlichen Lebensstil, der mit dem Bereisen der „Traum-Zeit“ an die australischen Ureinwohner*innen erinnert – doch von Menschen versklavt und brutal misshandelt erwacht in einem der Athsheans Gewaltbereitschaft. Le Guin zeichnet eine misogyne, rassistische menschliche Kolonie mit allzu real erscheinenden Charakteren und eine traumartige Gegenkultur. 

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2. N. K. Jemisin: “Zerbrochene Erde“

Jemisin hat vor wenigen Tagen den Hugo-Award für den dritten Band ihrer „Broken Earth“-Trilogie entgegennehmen können – auch beide Vorgängerbände erhielten in den vergangenen zwei Jahren den Hugo. Das ist ein Rekord, und Jemisin als Woman of Color ist für dieses Rennen sicherlich nicht in der Pole Position gestartet. Die Welt der Trilogie ist komplex, sowohl klimatisch als auch kulturell und mythologisch. Gleichzeitig thematisieren die Romane Völkermord und Genozid – aber auch die Versuche gemeinsamen Zusammenlebens, und wie das von innen und außen sabotiert wird. Keine leichte Kost, aber ein wahrer Augenöffner.

3. Iain M. Banks: Der “Kultur”-Zyklus

Einige Bücher, die in der „KULTUR“ spielen, sind noch als eBooks erhältlich, andere zu Gebrauchtpreisen, die sich gewaschen haben – exemplarisch erwähnt sei „Das Spiel Azad“. Im Sternenreich Azad gibt es drei Geschlechter, die alle für die Fortpflanzung gebraucht werden. Die computergesteuerte “KULTUR” besteht aus zahlreichen Spezies, die teils wirklich abgefahren sind – manche scheinen große Raumschiffe zu sein, andere sehen aus wie Pflanzen, und demzufolge gestaltet sich auch die Kommunikation nicht immer einfach, doch die auch nicht immer blütenreine „KULTUR“ ermöglicht das interdimensionale Zusammenleben.

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4. Becky Chambers: „Zwischen zwei Sternen“

Großartige Space-Action erwartet einen in Chambers Multi-Kulti-SF-Universum nicht, doch der kammerspielartige Kampf einer jungen Klon-Arbeiterin um Individualität und einer KI um Selbstbestimmung finden vor dem Hintergrund mehrerer, teils in schwierigen politischen Beziehungen stehenden fremdartigen Kulturen statt. Besonders gut gelingt Chambers die Schilderung, dass Menschen durch den Kontakt mit anderen Kulturen nicht nur mit fremdartigen Gebräuchen konfrontiert sind, sondern auch mit anderen Formen von Zusammenleben und Sexualität. Daraus resultiert im Roman eine erfrischende Stimmung der Toleranz.

5. Karen Lord: „Die beste Welt“

Auf fremden Welten in ferner Zukunft ist die Kultur vielstimmig, vielschichtig und multidimensional. Als die Sadiri ihren Planeten verlassen müssen, findet der Exodus auf Cygnus Beta ein Ende. Cygnus Beta ist ein Einwandererland, äh, -planet, und die Wissenschaftlerin Delarua wird den Sadiri als Ansprechpartnerin zugeteilt, damit die Integration gelingt – dass das nicht immer glatt geht und die aufbrausende Delarua nicht immer mit der kalten Schulter der langlebigen und größtenteils männlichen überlebenden Sadiri klarkommt, versteht sich von selbst.

Weit mehr als honorable mentions – Tipps zum Weiterlesen!

Die Romane von Octavia Butler erforschen die Themen Diversity und Interaktionen zwischen verschiedenen Spezies und Kulturen. Auf Deutsch gibt es die „Xenogenesis“-Trilogie als eBook – vielleicht würde es mal Zeit für ein paar Neuauflagen?

Nur auf Englisch und nur noch in der SF-Gateway-Reihe zu erhalten ist die „Rings of the Master“-Reihe von Jack L. Chalker, die schon in den 80ern interstellare Kulturen in den Mittelpunkt rückte, die statt Mitteleuropa andere Kulturen zum Vorbild nehmen: Indien, Neu-Guinea, China und Polynesien.

Und nun: Der Reader ist frisch aufgeladen, das Buch in der Tasche verstaut? Dann nichts wie ab zur Demo! Werdet laut!

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