Prequels und Sequels zu fantastischen Klassikern

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Prequels und Sequels zu fantastischen Klassikern


Bücher wie Der Zauberer von Oz oder Pu der Bär gehören zu den grundlegenden Klassikern der Phantastik – und haben zurecht einen Platz innerhalb des Kanons der Weltliteratur. Die Faszination, die sie auf Leser ebenso wie auf andere Kreative ausüben, ist bis heute ungebrochen. Vielen dieser Klassikern wurden von nachfolgenden Autoren sogar phantasievolle Prequels oder Sequels angedichtet.

 

Pu der Bär

Seit 1924 begeistern die Abenteuer von Pu dem Bären, Ferkel, Tieger (bzw. Tigger), Christopher Robin und Co., die sich der Engländer A. A. Milne ausgedacht hat, große und kleine Leser. Dass die Fanlieblinge aus dem Hundertsechzig-Morgen-Wald 1966 Teil des animierten Disney-Kosmos wurden, hat ihrer Popularität ebenfalls nicht geschadet. Bereits 2009 durfte David Benedictus offizielle neue Prosageschichten aus Milnes Wald präsentieren, in dem der gedankenlahme Pu und seine naiven Freunde leben und es immer ein Happy End gibt. Diese Ehre wurde nun auch Paul Bright, Kate Saunders, Brian Sibley und Jeanne Willis zu Teil. Im Buch Pu. Der beste Bär der Welt lassen sie Pu und die Gang auf Einem Anderen Esel, Drachen, Nil-Mus und einen Pinguin treffen. Dabei führen sie einmal durch die vier Jahreszeiten, und obwohl das alles eher harmlos ist, hat doch jede Story genug Charme – mehr als Benedictus’ Einzelleistung allemal. Außerdem wurde mit dem hübschen, großformatigen Buch, das Mark Burgess mit einem Blick für die Bilder von E. H. Sheperd illustriert und das Henning Ahrens mit einem Ohr für Harry Rowohlt übersetzt hat, im Frühjahr 2018 das 90-jährige Jubiläum von Pu in Deutschland gefeiert. Eine gelungene Publikation und Fortsetzung, die nur verdeutlicht, wie frisch und zeitlos Milnes tierisch menschliche Schöpfungen sind.

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Der Zauberer von Oz

Mit Der Zauberer von Oz legte L. Frank Baum im Jahr 1900 das erste uramerikanische Märchen vor, das die Popkultur bis heute vielerorts beeinflusst. Es folgten zahlreiche Fortsetzungen, die Baum anfangs selbst verfasste, und natürlich der berühmte MGM-Film mit der jungen Judy Garland von 1939, dank dem die meisten zumindest grob die Geschichte von Dorothys Reise ins zauberhafte Land kennen. Was jedoch, wenn Buch und Verfilmung nicht die ganze Wahrheit erzählten? Oder einfach nur zu einem Zeitpunkt in die Geschichte einstiegen, da die Bösen bereits böse und die Guten eben gut waren, wie das im Märchen nun mal so ist? In Wicked entführt Gregory Maguire seine Leser in ein Oz lange vor Dorothys Ankunft: ein zerstrittenes Märchenreich im gesellschaftlichen und politischen Wandel. In diese Zeit des Umbruchs und der Unzufriedenheit wird Elphaba geboren, die wegen ihrer grünen Haut früh erfährt, was Anderssein bedeutet. Ihren Werdegang bis zur bösen Hexe des Westens portraitiert Maguire in seinem erwachsenen Roman zwischen Zauberschulen, sprechenden Tieren und klassischen Oz-Versatzstücken. Ein etwas schwieriger Wirbelsturm an gehaltvollen Ideen, der im Original 1995 erschien und erfolgreich als Musical auf die Bühne gebracht wurde – Maguires Fortsetzungen kamen nicht mehr auf Deutsch heraus. Dafür widmete sich Phantastik-Titan Philip José Farmer in seinem Roman Ein Himmelsstürmer in Oz einst Dorothys Sohn, und dieser überraschende Oz-Besuch wurde bereits 1985 übersetzt.

Dracula

Keine literarische Figur hat man öfter filmisch interpretiert als Dracula – in dieser Hinsicht ist der Fürst der Vampire, der 1897 von dem Iren Bram Stoker ersonnen wurde, umtriebiger als Sherlock Holmes oder Tarzan. Auch in seinem Ursprungsmedium erfuhr der berühmteste aller Vampire allerhand Bluttransfusionen, die den schaurig-schönen Briefroman, der das Vampir-Genre so sehr prägte, fortführten. 1998 legte die Britin Freda Warrington mit Dracula, der Untote kehrt zurück eine ordentliche inoffizielle Fortsetzung von Stokers Klassiker vor, deren Titel Programm war. Horrorfilm-Experte Kim Newman führte den Dracula-Mythos ab 1992 mit Anno Dracula quer durch die alternative Geschichte der Moderne, wobei er den Vampirfürsten u. a. zum Gemahl Königin Victorias machte und eine bissige Dynastie begründen ließ. Der Amerikaner Fred Saberhagen warf zwischen 1975 und 2002 einen ungewöhnlichen Blick auf den Grafen, der in Saberhagens Buchserie als düsterer Held agieren durfte (1992 verfasste Saberhagen noch den Roman zu Francis Ford Coppolas Dracula-Verfilmung). 2009 veröffentlichte der Kanadier Dacre Stoker – tatsächlich ein Urgroßneffe von Bram Stoker – dann gewissermaßen das offizielle Sequel Dracula – Die Wiederkehr, dem jedoch alle Blutverwandtschaft nichts half.

 

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Der Wind in den Weiden

Kenneth Grahames Der Wind in den Weiden von 1908 konzentriert sich auf die mächtig anthropomorphisierten Gentlemen Maulwurf, Wasserratte und Dachs, deren gemütliches Leben am Fluss und im Wald hauptsächlich von den Spinnereien ihres obsessiven Freundes Kröterich auf den Kopf gestellt wird. Dass hinter der lieblichen, behaglichen Fassade des wunderschönen Kinderbuchs über das Themse-Tal zur Zeit König Edwards VII. massig sozialkritische Kommentare und ein geradezu fantastischer Mystizismus zu finden sind, wird eher selten erwähnt. The River Bank, worin die US-Amerikanerin Kij Johnson Ende 2017 The Wind in the Willows fortsetzte, potenziert vor allem die gesellschaftskritischen Aspekte und injiziert dem Klassiker eine gehörige Portion Feminismus. Denn die preisgekrönte Johnson konfrontiert die Chauvinisten am Fluss mit der Maulwurfdame Beryl und dem Kaninchenfräulein Lottie, während der unverbesserliche Kröterich neuerdings auf Motorräder abfährt. Johnson, die zu den besten Stilistinnen der Szene gehört und vor einiger Zeit eine herausragende Lovcraft-Hommage mit ähnlichen Allüren in Sachen Feminismus und Fortsetzungscharakter vorlegte, huldigt Grahames Original und ringt ihm zugleich neue Impulse ab. Das ist trotz der Kürze des Bandes noch besser als die vier guten Roman-Weiterführungen, die William Horwood in den 90ern vorlegte.

Peter Pan

J. M. Barrie entwickelte die Legende von Peter Pan, Wendy, den Verlorenen Jungs, dem Nimmerland und Kapitän Hook, die seither in viele Medien exportiert wurde, zwischen 1902 und 1911 in mehren Romanen und Theaterstücken. In Prosaform gibt es kuriose Abwandlungen des Originals durch andere Autoren: Allen voran Prequels wie Peter und die Sternenfänger von Dave Barry und Ridley Pearson oder Die wilden Abenteuer des jungen Capt’n Hook von J. V. Hart. 2004 beauftrage das Great Ormond Street Hospital in London, das 1929 von Barrie die Rechte an Peter Pan übertragen bekommen hatte, die britische Vielschreiberin Geraldine McCaughrean indes mit dem höchstoffiziellen Sequel zu Barries Klassiker, woraufhin sie in dem soliden Jugendbuch Peter Pan und der rote Pirat in ein verändertes Nimmerland entführte. Die wohl interessanteste Abwandlung des Ursprungsmaterial lieferte allerdings bereits 1987 der englische Journalist, Kritiker und Schriftsteller Gilbert Adair. Er war einer der ersten neuzeitlichen Autoren, die sich Barries beliebten Figuren annahmen – sein Kurzroman Peter Pan und die Einzelkinder ist eine augenzwinkernde, überdrehte Neuinterpretation und zugleich eine verrückte Fortsetzung, die literarisch alle Register zieht, am Ende vermutlich ein oder zwei zu viel. Aber das zeigt nur, wie viele Möglichkeiten und wie viel Inspiration die erhabenen, zementierten Klassiker des Genres nach all den Jahren noch immer liefern ...

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