Essay von Ursula K. Le Guin: Pard und die Zeitmaschine

© geralt, mariavp - pixabay

ESSAY

Pard und die Zeitmaschine. Ein Essay von Ursula K. Le Guin


Kurz bevor die große Autorin Ursula K. Le Guin Anfang 2018 verstarb, veröffentlichte sie ein letztes Buch: Aus ihren Blogeinträgen stellte sie einen klugen Essayband mit dem bezeichnenden Titel Keine Zeit verlieren. Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen zusammen. Der darin enthaltene Text »Pard und die Zeitmaschine« ist eine unterhaltsame Reflektion über Katzen, De- und Rematerialisierung und einen Alpaka-Schal.

 

Mai 2014

Leute, die mich als Sci-Fi-Autorin vor Augen haben, wird es nicht überraschen, dass in meinem Arbeitszimmer eine Zeitmaschine steht. Bis jetzt hat sie mich noch nicht zu den Eloi und den Morlocks oder zurück zu den Dinosauriern transportiert. Das ist mir recht. Ich nehme die Zeit, die ich bekommen habe, vielen Dank. Meine Zeitmaschine speichert lediglich das Zeug von meinem Computer und fasziniert und beschäftigt meinen Kater.

Im ersten Jahr, das Pard bei uns verbrachte, hat er sich viel mit Wanzen befasst, weil wir hier eine Menge davon haben. Die boisea trivittata ist inzwischen in Portland heimisch, wobei sie nicht mehr den Eschenahornbäumen treu ist, von denen hier keine wachsen, sondern dem Oregon-Ahorn, der hier sehr verbreitet ist. Und somit haben wir Wanzen, die unter der Außenverschalung des Hauses leben und sich vermehren und ausschwärmen und herumkriechen und auf unbegreifliche Weise durch winzige Ritzen in den Fensterrahmen ins Haus krabbeln, wo sie sich auf sonnenbeschienenen Fensterscheiben sammeln und überall herumwuseln, dass man verrückt werden könnte; sie kriechen unter Kissen und Papier und unter Füße und überall hinein, auch in Teetassen und Charles’ Ohren. Meistens krabbeln sie, doch wenn sie sich erschrecken, fliegen sie auch. Es sind recht hübsche kleine Wanzen, harmlos, aber unerträglich, weil es mehr von ihnen gibt, als gut für sie ist (wie bei uns Menschen).

Pard hat sie früher als lebendiges Trockenfutter betrachtet und hatte Spaß an der Jagd, am Fangen, am Zerknuspern. Aber sie waren offensichtlich nicht so lecker wie Meow Mix oder die Zahnpflege-Greenies, und außerdem, genug Wanzen sind genug. Er ignoriert sie inzwischen so unerschütterlich wie wir, oder wie wir es versuchen.

Doch anfangs war er, wenn die Zeitmaschine ihre leisen klickenden, surrenden, insektenähnlichen Geräusche machte, absolut überzeugt, dass darin Wanzen waren. Er verwendete einen Gutteil seiner Zeit auf Versuche, mit der Pfote hineinzukommen. Die Zeitmaschine misst zwanzig Zentimeter im Quadrat und ist vier Zentimeter hoch, aus weißem Kunststoff, glücklicherweise sehr robustem, rundherum fest versiegelt und recht schwer für ihre Größe. Alle Bemühungen Pards brachten ihr kaum einen Kratzer bei. Da sie ihm widerstand und da sein Interesse an Wanzen abkühlte, gab er es irgendwann auf, die Zeitmaschine öffnen zu wollen. Er entdeckte, dass sich noch mehr mit ihr anstellen ließ.

Sie ist normalerweise recht warm (und ich glaube, sie wird noch wärmer, wenn sie ihre mysteriösen Operationen durchführt, in der vermeintlichen Virtualität oder in den Wolken des Nichtwissens oder wo immer sie den Kram speichert).

Die Wände meines Arbeitszimmers sind zur Hälfte Fensterfläche, es ist dort zugig und im Winter manchmal ziemlich kalt. Als Pard seine Flieger-Jugend hinter sich hatte und sich häufiger in meinem Arbeitszimmer ausruhte, fand er, da er nun mal ein Kater ist, das warme Plätzchen.

Er liegt auch jetzt gerade dort, obwohl es heute, am 31. April, auf meinem Thermometer 25 Grad sind, Tendenz steigend. Er schläft tief und fest. Etwa ein Fünftel von ihm liegt auf der Zeitmaschine. Der Rest, die Pfoten und so weiter, ruht auf dem Schreibtisch, zum Teil auf einem wunderbar weichen Möbius-Schal aus Alpakawolle, den mir eine freundliche Leserin mit der vorausschauenden Notiz geschickt hat: »Wenn Sie keine Verwendung für ihn haben, gefällt er hoffentlich Ihrem Kater«, und zum Teil auf einem kleinen Dekoteppich aus Wolle mit einem eingewebten indianischen Fetisch-Bären, den mir eine Freundin geschenkt hat. Beim Schal hatte ich nicht die geringste Chance. Ich hatte das Paket auf meinem Schreibtisch ausgepackt. Pard kam hinzu und nahm den Schal ohne einen Ton in Besitz. Er zog ihn ein paar Zentimeter weiter weg, legte sich darauf und schob ihn sich zurecht, schaute verträumt und schnurrte leise, bis er einschlief. Es war sein Schal. Der Teppich kam später und fand genauso prompt seinen Besitzer: Pard setzte sich darauf. Der Kater saß auf dem Teppich. Seinem Teppich. Keine weitere Diskussion. Der Teppich und der Schal liegen somit auf dem Schreibtisch, direkt neben der warmen Zeitmaschine, und der Kater verteilt sich täglich auf diese drei Gegenstände und schnurrt und schläft.

Was die andere Verwendung angeht, die er für die Zeitmaschine gefunden haben könnte, so ist das reine Spekulation von mir. Es hat mit Dematerialisation zu tun.

Pard geht nicht oft nach draußen und hält sich nicht lange dort auf, es sei denn, einer von uns ist dabei. Er kann nicht draußen schlafen, er kann sich kaum hinlegen, geschweige denn entspannen; er bleibt hellwach, aufmerksam, nervös. Das Haus und alle, die mit ihm dort leben, stehen ziemlich unter seiner Pfote, doch er weiß, dass das »Draußen« sein Wissen übersteigt und sich seiner Kontrolle entzieht. Er ist dort nicht zu Hause. Kluger kleiner Kater. Wenn er ab und an verschwindet, mache ich mir daher nicht allzu große Sorgen, er könnte irgendwie durch die Hintertür nach draußen gelaufen sein, um dann die Katzenklappe verschlossen vorzufinden; er ist irgendwo im Haus.

Aber manchmal bleibt er länger weg und ist nirgendwo zu finden, weder draußen noch drinnen. Er ist nicht im Keller und nicht auf dem dunklen Speicher, auch nicht in einem Schrank oder unter einer Tagesdecke. Er ist nicht. Er wurde dematerialisiert.

Ich bekomme Angst und locke ihn mit dem Essensruf, njam-njam-njam!, und schüttele die Dose mit Greenies so verführerisch, dass er normalerweise direkt die Treppe hoch- oder runterstürmen würde, ohne dass seine Pfoten dabei die Stufen berühren.

Stille. Absenz. Kein Kater.

Ich sage mir selbst, ich sollte aufhören, mir Sorgen zu machen, und Charles sagt mir, ich solle mir keine Sorgen machen, und ich versuche oder gebe vor, mir keine Sorgen zu machen und mache weiter mit dem, was ich gerade getan habe, und mache mir Sorgen.

Das Gefühl, es mit einem Mysterium zu tun zu haben, lässt sich nicht abschütteln.

Und dann ist er da. Vor meinen Augen hat er sich rematerialisiert. Da ist er, mit seinem aufgestellten Schwanz und seiner höflichen, freundlichen Miene, die einen an seine stete Bereitschaft zu fressen erinnert.

Pard, wo warst du?

Stille. Freundliche Präsenz. Ein Mysterium.

Ich denke, er benutzt die Zeitmaschine. Ich denke, sie transportiert ihn woandershin. Nicht in den Cyberspace, das ist kein Ort für Katzen. Vielleicht benutzt er sie, um Lücken in der Zeit zu öffnen, solche wie die rätselhaften Nicht-Ritzen in den Fensterrahmen, durch die die boisea trivittata ins Haus kommt. Über geheime Wege, wie sie Bastet und Li Shou bekannt sind, im Licht der Sterne des Leo, besucht er das geheimnisvolle Reich, dieses größere »Draußen«, wo er sicher ist und vollkommen zu Hause.

 

---

Deutsch von Anne-Marie Wachs

 

© 2017 by Ursula K. Le Guin

Für die deutsche Ausgabe:
© 2018 by Golkonda Verlags GmbH & Co. KG

Mit freundlicher Genehmigung.

Erstmals erschienen in: Ursula K. Le Guin: Keine Zeit verlieren. Über Alter, Kunst, Kultur und Katzen. Golkonda Verlag 2018

Share:   Facebook