Wir kämpfen seit jeher - Die Geschichte von „Vieh, Frauen und Sklaven“ infrage stellen

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ESSAY

Wir kämpfen seit jeher - Die Geschichte von „Vieh, Frauen und Sklaven“ infrage stellen


Kameron Hurley
20.08.2018

Kaum ein Genre eignet sich so gut wie die Science Fiction, um die Geschlechterfrage erneut zu stellen, um unsere Wahrnehmung der Verhältnisse in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Der vorliegende, mit dem ›Hugo Award‹ ausgezeichnete Essay von Kameron Hurley zeigt, wie aktuell dieses Thema ist. 

Ich erzähle dir jetzt eine Geschichte über Lamas. Sie unterscheidet sich nicht von den vielen anderen Geschichten über Lamas, die du schon kennst. Sie handelt davon, dass Lamas von winzigen Schuppen bedeckt sind; dass sie ihre Jungen essen, wenn sie nicht richtig geraten sind; und dass sie sich am Ende ihres Lebens wie Lemminge von Felsklippen in die tosende See werfen, um zu ertrinken. Tief in ihrem Innern sind sie nämlich Geschöpfe des Meeres, aus dem Meer geboren und mit ihm vermählt, genau wie die Fischer, die in ebenjener Gegend leben.

Alle Geschichten über Lamas ähneln sich. Man kennt das aus Büchern: das arme, zum Sterben verurteilte Baby-Lama, das von einem unbeherrschten Elternteil aufgefressen wird. Aus dem Fernsehen: die gewaltigen Herden von schuppigen Lamas, die in großen, majestätischen Wogen in die See hinabstürzen. Aus dem Filmen: knallharte Lamas, die Zigarren rauchen und sich ihre Schuppen in Dschungel-Tarnfarben anmalen.

Weil du diese Geschichten schon so oft gesehen hast, weil du bereits weißt, wie Lamas sind und woher sie stammen, erschreckst du natürlich manchmal, wenn dir außerhalb des medialen Umfelds ein Lama begegnet. Diese Lamas haben nämlich gar keine Schuppen. Also misstraust du deinen Augen und machst mit deinen Freunden Witze über „diese schuppigen Lamas“, und sie lachen und sagen: „Ja, Lamas sind so was von schuppig!“, und so vergisst du, was du in Wirklichkeit erlebt hast.

Was dir stattdessen einfällt, ist, dass das Lama, das du gesehen hast, eine kahle Stelle hatte, die ein bisschen schuppig aussah, und dass dieses eine Lama sich irgendwie aggressiv gegenüber einem Baby-Lama verhalten hat, als wollte es das Kleine fressen. Und so vergisst du, dass die Lamas überhaupt nicht zu dem Bild gepasst haben, das du aus Filmen, Büchern und Fernsehen kennst – aus den Geschichten –, und stattdessen erinnerst du dich nur noch an Lamas, die zu dem Bild passen, das du täglich von den Leuten um dich herum vermittelt bekommst. Du machst mit deinen Freunden Witze über sie. Du fühlst dich, als hättest du gewonnen. Du bist nicht verrückt. Du denkst in denselben Bahnen wie alle anderen auch.

Und dann kam ein Tag, an dem du selbst über Lamas zu schreiben begonnen hast. Natürlich hast du dich nicht dafür entschieden, über die weichen, flauschigen, nicht-kannibalischen Lamas zu schreiben, die dir tatsächlich begegnet sind, weil du wusstest, dass die den Leuten nicht „realistisch“  vorkommen würden. Du hast dir deine Lamas aus den Geschichten herausgepickt. Du hast todessehnsüchtige Kannibalenlamas erschaffen, deren Schuppen mit Farbe vollgekleistert waren.

Es ist leichter, die gleichen Geschichten zu erzählen wie alle anderen auch. Daran ist nichts Ehrenrühriges.

Es ist bloß faul, und etwas Schlimmeres als faul kann jemand, der spekulative Literatur schreibt, kaum sein.

Ach ja, und es ist unwahr.

 

Als jemand, der mehr als nur ein bisschen über Geschichte weiß (dieses ganze Zeug, das vor meiner Zeit passiert ist), habe ich ein leidenschaftliches Interesse an der Wahrheit: Die Wahrheit ist etwas, das sich unabhängig davon ereignet, ob wir es sehen, ob wir daran glauben oder ob wir darüber schreiben. Die Wahrheit existiert einfach. Wir können sie anders nennen oder so tun, als hätte sie sich nicht ereignet, aber wir leben mit ihren Auswirkungen, ob wir uns nun dafür entscheiden, uns an sie zu erinnern und sie anzuerkennen, oder dagegen.

Als ich mich einmal mit einem meiner Professoren in Durban, Südafrika, zusammensetzte, um meine Masterarbeit mit ihm zu besprechen, fragte er mich, warum ich über Frauen im Widerstand schreiben wollte.

„Weil Frauen über zwanzig Prozent des bewaffneten Arms des Afrikanischen Nationalkongresses ausgemacht haben!“, rief ich begeistert. „Zwanzig Prozent! Als ich davon erfahren habe, konnte ich es kaum glauben. Und wissen Sie was – Frauen sind nie zuvor in Kampftruppen ...“

Er unterbrach mich. „Frauen kämpfen seit jeher“, sagte er.

„Wie?“, fragte ich.

„Frauen kämpfen seit jeher. Shaka Zulu hatte eine Kampfeinheit, die nur aus Frauen bestand. An jeder Widerstandsbewegung waren Frauen beteiligt. Frauen haben sich als Männer verkleidet und sind in den Krieg gezogen, zur See gefahren und haben aktiv ins Kampfgeschehen eingegriffen, seit es Menschen gibt.“

Ich hatte keine Ahnung, was ich dazu sagen sollte. Im US-amerikanischen Schulsystem hatte man mir mit schöner Regelmäßigkeit die Vorstellung von einer Geschichte der Großen Männer eingetrichtert. Die Geschichte war voller Großer Männer. Ich musste einen Ergänzungskurs über die Geschichte der Frauen belegen, um herauszufinden, was die Frauen getrieben haben, während all die Männer einander gegenseitig umbrachten. Wie sich herausstellte, waren viele damit beschäftigt, Länder zu regieren oder höchst wirkungsvolle Methoden zur Geburtenkontrolle zu entwickeln, die gewaltige Auswirkungen auf bestimmte Staaten hatten, insbesondere auf Griechenland und Rom.

Die halbe Welt ist voller Frauen, aber man hört selten Geschichten über sie, in denen sie nicht als die dargestellt werden, mit denen etwas getan wird, sondern als die, die etwas tun. Meistens kommen Frauen als Töchter von Männern vor. Als Ehegattinnen von Männern.

Ich habe kürzlich eine Reality-TV-Sendung über Buschpiloten in Alaska gesehen, in der es zu jedem Piloten eine kleine Einleitung über seine Familie und seine besonderen Leidenschaften gegeben hat. Nur die eine Pilotin wird mit dem Satz „die Freundin von Pilot X“ abgehandelt. Erst als sie sich in der zweiten Staffel getrennt hatten, bekam sie ihre eigene Einleitung. Wie sich herausstellte, ist sie schon vier mal so lange wie die anderen Piloten in Alaska und nicht nur ein Fliegerass, sondern jagt, fischt und klettert nebenher in Eiswänden.

Aber die Geschichte handelte nun mal von einem „Kannibalenlama“, und so wurden unsere Augen glasig, und wir konnten nichts anderes mehr in ihr sehen.

 

Sprache ist mächtig, und sie verändert die Art, wie wir uns und andere Menschen betrachten sowohl in wunderbarer als auch in entsetzlicher Weise. Wer etwas über das Militär weiß oder darauf achtet, wie in den Medien über Kriege gesprochen wird, hat das wahrscheinlich schon bemerkt.

Wir töten keine „Menschen“. Wir töten „Ziele“. (Oder Japsen, Schlitzis oder Handtuchköpfe). Wir töten keine „fünfzehnjährigen Jugen“, sondern „feindliche Kombattanten“. (ja, jeder Junge, der älter als vierzehn ist und bei einem Drohnenangriff stirbt, wird inzwischen automatisch als feindlicher Kombattant verbucht. Nicht als Junge. Nicht als Kind.)

Und wenn wir von „Menschen“ reden, dann meinen wir damit in Wirklichkeit nicht „Männer und Frauen“. Wir meinen „Menschen und weibliche Menschen“. Wir sprechen von „amerikanischen Autoren“, und wenn wir von Frauen sprechen, müssen wir das dazusagen. Wir sprechen von „Teenager-Codeschreibern“, und auch hier müssen wir es dazusagen, wenn wir Frauen meinen.

Und wenn wir vom Krieg reden, sprechen wir von Soldaten und müssen es dazusagen, wenn wir auch Soldatinnen meinen.

Sobald wir über Geschichte reden und dabei das Wort „Soldaten“ so verwenden, löschen wir die Tatsache aus, dass auch Frauen gekämpft haben. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass die Leute sich beim Ausbuddeln von Wikingergräbern nicht die Mühe gemacht haben zu überprüfen, ob sie für Männer oder Frauen waren. Es waren Schwerter in den Gräbern. Schwerter sind für Soldaten. Soldaten sind Männer.

Es dauerte Jahre, bis sie daran dachten, sich die Skelette einmal genauer anzusehen, anstatt einfach zu sagen: „Ein Schwert bedeutet, dass es ein Kerl war!“, und ihren Irrtum erkannten.

Auch Frauen haben gekämpft.

Genau genommen haben Frauen alles Mögliche gemacht, von dem wir dachten, dass sie es nicht gemacht hätten. Im Mittelalter waren sie Ärztinnen und Schulzen. In Griechenland waren sie ... ach, was solls. Hört Mal: Foz Meadows kann diesen Kram mit den Links besser, für alle, die „Beweise“ wollen. Sagen wir es einfach mal so: Wenn du glaubst, dass es etwas gibt – egal was –, das Frauen noch nicht getan haben, irrst du dich. Früher wie heute gab und gibt es sogar Frauen, die es sich zur Gewohnheit gemacht haben, im Stehen zu pinkeln. Die Dildos tragen. Selbst, wenn also irgendwer, der sich besonders witzig vorkommt, sagt: „Dieses oder jenes können Frauen unmöglich getan haben!“ – tja. Haben sie aber. Auch intersexuelle Frauen und transsexuelle Frauen haben gekämpft und sind gestorben. Oft hat man ihr Geschlecht verkannt und sie dem Vergessen anheimfallen lassen. Außerdem sollten wir, wenn wir über Frauen und Männer reden, als handele es sich um unwandelbare, gewissermaßen „historische“ Kategorien, nicht vergessen, dass es auch jene gibt, die seit jeher in den Zwischenbereichen leben.

Doch nichts von alledem passt in die gewohnten Geschichten. Wenn wir über Frauen reden, möchten wir sie nur in einer Rolle sehen: als Ehefrau, Mutter, Schwester oder Tochter eines Mannes. Ich beobachte das dauernd in Geschichten. In Büchern und im Fernsehen. Ich höre es daran, wie die Leute reden.

All diese Kannibalenlamas.

Sie machen es einem echt schwer, über Lamas zu schreiben, die keine Kannibalen sind.

Es gibt eine äußerst interessante Kurzgeschichte von James Tiptree Jr. mit dem Titel: „The Women the Men don’t See“. Ich habe sie mit zwanzig gelesen, und ich muss zugeben, dass ich nicht so richtig begriffen habe, was so toll an ihr sein sollte. Das war schon alles? Aber ... das war nicht alles! Während uns die Geschichte erzählt wird, stecken wir die Ganze Zeit im Kopf eines Mannes fest, der nicht besonders viel tut und mit einer Frau und ihrer Tochter unterwegs ist. Aber genau wie der Mann „sehen“ wir Leser die beiden natürlich nicht. Wir begreifen nicht mal, dass sie die eigentlichen Heldinnen der Geschichte sind, bis sie beinahe zu Ende ist.

Schließlich ging die Geschichte um den Mann. Sie handelte von ihm. Wir waren Teil seiner Geschichte. Sie zogen nur an ihm vorbei, zwei Nichtspielercharaktere innerhalb seines begrenzten Horizonts.

Wir haben sie nicht gesehen.

Mit sechzehn schrieb ich einen Aufsatz darüber, warum Frauen weiterhin die Teilnahme an Kampfeinsätzen des US-Militärs verwehrt bleiben sollte. Kürzlich habe ich ihn wiederentdeckt, als ich ein paar alte Papiere durchgesehen habe. Mein Argument dafür, dass Frauen nicht an Kampfeinsätzen teilnehmen sollten, bestand darin, dass Krieg etwas Schreckliches sei, dass Familien wichtig seien und dass es keinen Grund gäbe, dass neben all den Männern auch noch Frauen im Krieg sterben sollten.

Mehr hatte ich nicht vorzubringen.

„Frauen sollten nicht in den Krieg ziehen, wie Männer es tun, weil sie darin umkommen würden.“

Ich bekam eine 1.

Oft erzähle ich Leuten, dass ich die denkbar größte selbstreflektierende Misogynistin bin.

Gestern Abend habe ich eine Szene mit einer Generalin und dem Mann geschrieben, dem sie auf den Thron geholfen hat. Zuerst habe ich eine romantische Spannung darin angelegt, bis mir klar wurde, wie faul das war. Es gibt andere Arten von Spannung.

Ich musste einen Nebensatz rausschmeißen, in dem ich auf Sexsklaverei verwiesen hatte. Beinahe ließ ich ihn eine sexistische Beleidigung gegen sie verwenden. Ich knurrte den Monitor an. Er will ihr dabei helfen, ihr Kind zu retten ... nein. Ihren Bruder? In Ordnung. Sie wird ihn verraten. In Ordnung. Er hat mehrere Frauen, die gestorben sind ... ächz. Nein. Vertraute Berater? Freinde? Vielleicht hat ihn einfach ... jemand verlassen?

Selbst, wenn man über eine Gesellschaft schreibt, in der es kaum sexualisierte Gewalt gibt oder keine sexualisierte Gewalt gegen Frauen, stelle ich fest, dass ich dieselben abgedroschenen Motive und Motivationen verwende. „Tja, der da ist einer von den Bösen, und meiner Heldin muss etwas Traumatisierendes passieren, also lasse ich sie von ihm vergewaltigen.“ Das habe ich tatsächlich im ersten Entwurf meines ersten Romans so gemacht, der unter anderem bei einer gewalttätigen Gesellschaft spielt, in der es 25 mal so viele Frauen gibt wie Männer. Weil man das eben so macht.

Neulich habe ich sogar eine Folge einer Fernsehserie gesehen, in der es angeblich um ein traumatisches Erlebnis eines jungen Mädchens ging, das aber in Wirklichkeit einfach nur vorkam, damit die beiden männlichen Figuren der Serie sich darum streiten konnten, wen von ihnen beiden an dem, was ihr widerfahren war, die Schuld traf. Es war die dreisteste Auslöschung einer weiblichen Figur und ihres Erlebens, die ich seit Langem gesehen hatte. Sie ist buchstäblich im gleichen Zimmer, während die beiden Männer sich streiten und dabei alle möglichen Charaktereigenschaften offenbaren, während sie mehr oder weniger in den Hintergrund tritt.

Wir vergessen, worum es in der Geschichte eigentlich geht. In unseren Geschichten machen wir Frauen unsichtbar, die in unserem wirklichen Leben kraftvolle, geradeheraus agierende, intelligente und furcheinflößende Personen sind. Frauen stechen zu, sie verstümmeln und töten, sie führen an, leiten und besitzen und rennen. Das wissen wir. Wir erleben es jeden Tag. Wir sehen es.

Aber die Geschichte, die wir kennen und erzählen, ist eine andere: In ihr streiten sich zwei Männer laut in einem Zimmer, während die Frau leise schluchzend in der Ecke sitzt.

Was ist „Realismus“? Was ist „Wahrheit“? Die Leute erzählen mir, die Wahrheit sei das, was sie selbst erlebt haben. Das Problem ist nur, dass es oft so schwer ist, zwischen dem zu unterscheiden, was wir selbst erlebt haben, und dem, was wir laut den Berichten anderer erlebt haben – oder dem, was wir erlebt haben sollten. Wir sind soziale Geschöpfe und fehlbar.

In Katastrophensituationen erfragt der Durchschnittsmensch etwa vier andere Meinungen, bevor er sich selbst eine bildet. Durch ausgiebiges Training (zum Beispiel beim Militär) kann man Menschen beibringen, in solchen Situationen schnell zu reagieren, aber im Großen und Ganzen folgen etwa siebzig Prozent der Menschheit vorzugsweise ihren täglichen Gewohnheiten. Die Geschichten, die wir uns erzählen, gefallen uns. Es braucht schon überwältigende Beweise und – wichtiger noch – die Aussagen sehr vieler Menschen um uns herum, damit wir etwas tun.

In Großstädten lässt sich das ständig beobachten. Darum können Leute sich auf geschäftigen Bürgersteigen prügeln oder jemanden überfallen. Darum werden Leute am hellichten Tage umgebracht, und darum gibt es selbst in Gegenden, wo fast immer jemand herumspaziert, Einbrüche. Die meisten Leute beachten ungewöhnliche Vorgänge überhaupt nicht. Schlimmer noch, sie hoffen, dass sich schon jemand anders darum kümmern wird.

Ich weiß noch, wie ich einmal in einem Waggon mit etwa einem Dutzend anderer Fahrgäste im Zug nach Chicago saß. Am anderen Ende des Wagens fiel plötzlich ein Mann von seinem Sitz. Er kippte einfach um ... mitten auf den Gang. Er fing an zu zucken. Zwischen mir und ihm saßen drei Leute. Aber niemand sagte ein Wort. Niemand unternahm etwas.

Ich stand auf. „Hallo?“, sagte ich und ging auf ihn zu.

Und im selben Moment setzten sich auch die anderen in Bewegung. Ich habe jemandem weiter hinten zugerufen, dass er den Alarmknopf drücken und dem Zugführer sagen solle, dass wir bei der nächsten Haltestelle einen Krankenwagen brauchten. Kaum war ich aufgestanden, kamen außer mir plötzlich drei oder vier weitere Leute dem Mann zur Hilfe.

Aber irgendjemand musste den ersten Schritt machen.

Bei einer anderen Gelegenheit stand ich in einem rappelvollen Zug und beobachtete, wie eine junge Frau an der Tür die Augen schloss und ihre Blätter und Mappen fallen ließ. Um sie herum drängten sich die Menschen, und keiner sagte ein Wort.

Langsam wurde sie schlaff. „Geht es Ihnen gut?“, rief ich laut und beugte mich in ihre Richtung, und dann sahen plötzlich auch die anderen Leute hin, und sie sackte in sich zusammen, und Unruhe entstand, und jemand rief von vorne, dass er Arzt sei, und jemand machte seinen Sitz für sie frei, und die Leute setzten sich in Bewegung.

Es muss immer eine Person geben, die sagt, dass etwas nicht stimmt. Wir können nicht so tun, als sähen wir nichts. Es sind nämlich schon Leute auf Straßen ermordet und überfallen worden, auf denen Hunderte von Leuten rumliefen, die alle so taten, als sei alles ganz normal.

Aber nur, weil sie so taten, war noch lange nichts normal.

Jemand muss mit dem Finger auf die Geschehnisse zeigen. Jemand muss die Leute dazu bringen, sich in Bewegung zu setzen.

Jemand muss handeln.

Als ich auf die Highschool ging, habe ich vor dem Haus meines damaligen Freunds zum ersten Mal mit einer Waffe geschossen; erst mit einem Gewehr, dann mit einer abgesägten Schrotflinte. Inzwischen kann ich halbwegs gut mit einer Glock umgehen, während ich mit einem Gewehr immer noch eine Niete bin, und ich hatte Gelegenheit, eine AK-47 abzufeuern, die insbesondere in den 80ern die bevorzugte Waffe von Revolutionsarmeen überall auf der Welt war.

Einen 100-Kilo-Boxsack habe ich zum ersten Mal mit 24 umgehauen.

Der Schlag war wichtiger. Jeder kann eine Waffe abfeuern. Aber jetzt wusste ich, wie man einer Sache ordentlich in die Fresse haut. Und zwar fest.

Als Kind habe ich gelernt, dass Frauen bestimmte Rollen erfüllten und bestimmte Dinge taten. Das Problem war nicht, dass es mir an tollen Vorbildern gemangelt hätte. Die Frauen in meiner Familie waren hart arbeitende Matriarchinnen. Aber die Geschichten, die ich im Fernsehen und im Kino sah und in vielen Büchern las, vermittelten mir, dass es sich bei diesen Frauen um Anomalien handelte. Sie waren pelzige, nicht-kannibalische Lamas. Etwas maßlos Seltenes.

Aber die Geschichten stimmten überhaupt nicht.

In Südafrika verbrachte ich zwei Jahre, und nach meiner Rückkehr in die USA noch einmal zehn Jahre damit, mehr über kämpfende Frauen in Erfahrung zu bringen. Wie ich herausfand, kämpften in jeder Revolutionsarmee Frauen, und oft bestanden die Truppen dieser Armeen sogar zu zwanzig bis dreißig Prozent aus Frauen. Trotzdem, wenn wir „Revolutionsarmee“ sagen, was stellen wir uns dann vor? Welches Bild wird heraufbeschworen? Besteht die Kampftruppe in deinem Kopf aus drei Frauen und sieben Männern? Sechs Frauen und vierzehn Männern?

Frauen haben im zweiten Weltkrieg nicht nur Bomben und Gewehre hergestellt – sie haben Bomben und Gewehre in die Hand genommen, und sie haben Panzer gelenkt und Flugzeuge geflogen. Der Bürgerkrieg, die amerikanische Revolution – nenn mir einen Krieg, und ich sage dir, wann und wo in ihm Frauen Hut und Waffe genommen haben und ausgezogen sind, um mitzukämpfen. Und ja, auch Shaka Zulu hatte weibliche Kämpfer in seinen Diensten. Aber wenn wir sagen: „Shaka Zulus Kämpfer“, was für ein Bild entsteht dann in unserem Kopf? Denken wir an diese Frauen? Oder handelt es sich bei ihnen um Frauen, die wir nicht sehen? Diejenigen, von denen die Leute behaupten würden, dass sie „unrealistisch“ seien, wenn wir sie in unseren Geschichten auftauchen lassen würden?

Aber natürlich wird auch von den Frauen in Shaka Zulus Gefolge geredet. Wenn ich „Frauen, die für Shaka Zulu gekämpft haben“ google, dann erfahre ich alles über seinen „Harem von 1200 Frauen“. Und natürlich über seine Mutter. Besonders beliebt war diese Wortfolge: „Frauen, Vieh und Sklaven.“ In einem Atemzug.

Man kommt leicht auf die Idee, dass Frauen nie gekämpft, nie angeführt hätten, wenn man uns nie sieht.

Welche Rolle spielt es, wenn wir die gleichen alten Geschichten erzählen? An den gleichen alten Lügen teilhaben? Wenn Frauen kämpfen, und Frauen anführen, und Frauen die Hälfte des Himmels stützen, was können die Geschichten dann der Wahrheit anhaben? Die Wahrheit lässt sich schließlich nicht verändern, indem Leute aus ihr herausgeschrieben werden.

Oder doch?

Geschichten vermitteln uns, wer wir sind. Wozu wir fähig sind. Ich glaube, wenn wir uns auf die Suche nach Geschichten machen, suchen wir uns in vielerlei Hinsicht selbst. Wir wollen dadurch ein Verständnis von unserem Leben und den Leuten um uns herum entwickeln. Geschichten und Sprache sagen uns, was wichtig ist.

Wenn Frauen „Schlampen“ und „Fotzen“ und „Huren“ sind und wenn die Leute, die wir umbringen, „Schlitzis“ und „Japsen“ und „Handtuchköpfe“ sind, dann handelt es sich bei ihnen eigentlich nicht um richtige Menschen, oder? Dadurch wird es leichter, sie auszulöschen. Sie zu töten. Sie nicht zu beachten. Sie zu ent-sehen.

Aber in dem Moment, in dem wir uns die Welt als geschäftigen Bienenstock voller Individuen vorstellen, mit einer Vielzahl von komplexen Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten und Geschichten voller Leidenschaft, die noch erzählt werden müssen – in dem Moment wird es schwerer, sie zu ignorieren. Sie sind nicht länger „Frauen, Vieh und Sklaven“, sondern Akteure in ihren eigenen Geschichten.

Und in unseren.

Denn wenn wir uns dafür entscheiden, Geschichten zu schreiben, erzählen wir nicht nur eine einzige Geschichte. Sondern ihre. Und deine. Und unsere. Wir existieren alle gemeinsam. All das findet in unserer Wirklichkeit statt. Es ist undurchsichtig und komplex und oft auch tragisch und entsetzlich. Aber wenn wir die Hälfte davon einfach ignorieren und so tun, als hätten Frauen ihr Leben seit jeher nur auf eine Art gelebt – in Bezug auf die Männer um sie herum –, löschen wir sie damit nicht nur aus, wir löschen sie politisch aus.

Eine Welt mit Männern, mit männlichen Helden, männlichen Personen und ihren „Frauen, ihrem Vieh und ihren Sklaven“ zu bevölkern, ist eine politische Handlung. Es ist die bewusste Entscheidung, die halbe Welt auszulöschen.

Als Leute, die Geschichten erzählen, können wir auch interessantere Entscheidungen treffen.

Ich kann euch den ganzen Tag lang erzählen, dass Lamas Schuppen haben, und ich kann sie euch aufmalen. Ich kann die Geschichte umschreiben. Aber ich bin nur eine einzige Geschichtenerzählerin, und meine Lügen werden erst dann zu einer gemeinsamen Geschichte, wenn ihr mir zustimmt. Erst dann, wenn ihr genauso schreibt wie ich. Erst dann, wenn ihr mir meine faule Geschichte abkauft und sie weitererzählt.

Damit diese Auslöschung funktioniert, müsst ihr euch zu Komplizen machen. Du, ich, wir alle.

Lasst das nicht zu.

Seid nicht faul.

Die Lamas werden es euch danken.

Und die echten Menschen auch.

 

Kameron Hurley lebt in Ohio und schreibt Science Fiction und Fantasy. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Der vorliegende Essay wurde 2014 mit dem ›Hugo Award‹ prämiert.

Übersetzt hat den Text Jakob Schmidt.

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