Quo vadis, Fantasy? More of the same oder Aufbruch zu neuen Ufern?

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ESSAY

Quo vadis, Fantasy? More of the same oder Aufbruch zu neuen Ufern?


Warum beschreitet hierzulande meist nur US-amerikanische Phantastik neue Wege? Muss man ein Hugo-prämierter US-Amerikaner sein, um im hiesigen Buchmarkt ambitionierte, wagemutige und experimentelle Science Fiction und Fantasy zu veröffentlichen? Ein Kommentar von Judith Vogt.

Immer wieder gibt es Redebedarf zur Diversität in der Phantastik – im Kielwasser sind interessante Artikel hier auf TOR ONLINE veröffentlicht worden, die wiederum Anlass zu Diskussionen in den sozialen Medien gegeben haben. Der jüngste war Romy Wolfs „Zur Sichtbarkeit von Autorinnen in der Phantastik“.

An diesem entzündete sich eine Twitter-Diskussion um „weibliche“ und „männliche“ Covergestaltung, und wir stellten irgendwann fest, dass deutsche Übersetzungen von englischsprachigen Autorinnen gar nicht mehr unbedingt dem Dogma „Wenn’s ne Frau ist, dann Blümchencover oder Mädchen-Assassinin-Stockphoto“ entsprechen – prominente Beispiele für Autorinnen, deren Cover keine Geschlechterklischees bedienen, sind Nnedi Okorafor, Becky Chambers, Annalee Newitz und Ann Leckie.

Wird also im Umkehrschluss deutschen Autorinnen weniger zugetraut, müssen sie als Lückenbüßer für die erfolgreichen Männer und die Übersetzungen aus dem Englischen herhalten? Auf diese Frage hin schaltete sich ein Lektor ein mit dem Tweet: „Ich bin der festen Überzeugung: Ein Manuskript in der Qualität (Innovationskraft, intellektuellen Flughöhe, nenn es wie du willst) von einer deutschen Autorin würde jederzeit einen Verlag finden. Warten wir doch alle drauf.“ Weil ich daraufhin als Erste losgeschrien habe, wurde ich eingeladen, meine Gedanken hier etwas geordneter wiederzugeben als in 280-Zeichen-Schnipseln. Und das tue ich jetzt.

Von intellektueller Flughöhe und neuen Themen in der Phantastik

Wovon sprechen wir da überhaupt, wer sind diese Namen, die ich eben genannt habe? Es geht um neuere Werke der Science-Fiction und Fantasy, die größtenteils aus den USA stammen und neue Pfade beschreiten. Es geht um Autorinnen wie Ann Leckie, die mit sprachlichem Feinsinn die bei Leser*innen erzeugten Geschlechterbilder auf den Kopf stellt. Um Autorinnen wie Nnedi Okorafor, die ihr nigerianisches Erbe und die großen Themen Afrikas zum Kern ihrer Bücher und Novellen macht. Um Becky Chambers, in deren SF-Kosmos es ganz und gar nicht cis-binär zugeht. Oder, um noch eine Autorin in den Raum zu werfen, bei der das Fehlen eines deutschen Pendants vor kurzem von einer Verlegerin beklagt wurde, um Kameron Hurley, die schon seit Jahren auch mit ihren Essays für mehr Varianz und Grenzaufweichung der phantastischen Erzählungen plädiert.

Es geht darum, dass wir deutschen Autor*innen über weiße, heterosexuelle-cis-binäre-gender-default Elfen und Zwerge schreiben. Und weshalb habe ich nun auf Twitter herumgeschrien?

Okay, zum einen wäre die Antwort vielleicht ehrlicherweise ein Tyrion-Lannistereskes „This is what I do. I drink and I shout on twitter.“ Aber abseits davon hat man uns deutsche Autor*innen nun seit Jahrzehnten geradezu pawlowsch konditioniert, immer „Ich auch!“-Titel zu Büchern zu schreiben, die es schon mal gab und die erfolgreich waren. Für deutsche Fantasy und SF wird wenig Marketing gemacht, es gibt viel, das einfach nur in dieselbe Kerbe schlagen soll, die schon geschlagen ist, und das ist natürlich kein Geheimnis – das wissen alle Autor*innen, die schon mit Verlagen oder Agenturen kommuniziert haben. 

Die eierlegende Wollmilchsau

Man kommuniziert uns inhärent Gegensätzliches: „Es muss etwas ganz Besonderes haben, etwas, das mich fesselt.“ Kommst du dann mit etwas ganz Besonderem, heißt es: „Uuuh. Schwierig. Ein ähnliches, abgefahrenes Thema hatten wir in den 90ern schon mal, das ist gefloppt, das Publikum nimmt so was nicht an.“ Reichst du als nächstes etwas Vorsichtigeres ein, etwas an den Markt Angepasstes, etwas, das sich besser in Schubladen und Marketingmaßnahmen pressen ließe, heißt es oft: „Das ist nicht originell genug.“ Wir sind im ewigen Hin- und Herspringen zwischen „zu neu“ und „nicht neu genug“ zu austauschbaren Schreiberlingen verkommen, könnte man behaupten. Dabei gibt es selbst in auf „Völkerroman“ getrimmter Fantasy durchaus Rassismus- und Kolonialismuskritik, es gibt feministische Gedanken natürlich auch in der deutschen Fantasy, es gibt schwule, lesbische, bisexuelle Hauptpersonen – das wird aber vom Marketing nicht transportiert. Dem Leser wird vermittelt „Hier, nimm diese leichte, austauschbare Kost“ – der Nebeneffekt mag sein, dass dadurch auch Leser*innen in Kontakt mit einem Thema kommen, das sie so im Roman nicht erwartet haben. Aber könnte man nicht auch mehr marketingtechnisches „WUMS“ hinter die Romane setzen, die beispielsweise Rassismus, Vertreibung und Flucht aufgreifen? Eben damit werben, dass sie relevante Themen enthalten, anstatt es zu verstecken? Nun ist ein nicht zu unterschätzender Einwand: Das letzte Wort haben die Leser*innen, und die lesen Fantasy eben als austauschbares Feel-good-Genre. Ich behaupte, Marketing kann auch ungewöhnliche Bücher an den Mann oder die Frau bringen – und deutsche Phantastik wird, wenn überhaupt, nur zugeschnitten auf Fantasy-Leser vermarktet, während in den USA Fantasy-Autor*innen und die Verleihungen von Hugo, Locus und Co. Aufmerksamkeit über den Genrerand hinaus kriegen. Aber klar, Marketing ist eine Geldfrage, oft reine Glückssache und vor allen Dingen vorher nicht wirklich berechenbar.

„More of the same“

Selbst bereits etablierte Autor*innen mit Fanbase und Übersetzungen ins Ausland dürfen von Verlagsseite häufig nicht vom eingeschlagenen Kurs abweichen. Selbst die 18. Fortsetzung ist marketingtechnisch eine sicherere Nummer als das Experiment.

Weil Geschichten aber mehr sagen als 1000 Fakten, will ich gar nicht so unkonkret daherreden. Ich versuche es mal mit zwei Beispielen, die ich natürlich anonymisiert habe.

Zwei Kollegen beispielweise kennen die obigen Zustände schon seit Jahren – sie sind bei einer Agentur, die ihnen klar kommuniziert hat, was gerade angesagt ist; darauf zurechtgeschnitten sollen sie ein Exposé einreichen. Beide sind ein wenig desillusioniert und wagen einen Versuch: Was, wenn sie in angetrunkenem Zustand einfach ein paar Standardideen sammeln, ein bisschen schütteln, sprachlich nett polieren und einreichen? Eigentlich müsste das doch durchfallen, oder? Es ist doch nur „More of the same“ und angetrunken am Rechner mit Branchenfrust im Bauch kann doch nix Vernünftiges rauskommen. Plottwist: Der Roman ist bis in die letzten Verhandlungen bei einem der größten deutschen Verlage gekommen und erst an der allerletzten Hürde gescheitert.

Ich kann mich daran erinnern, wie einmal das Telefon klingelte, mein Mitte-20-Ich ging ran, und der Lektor meines absoluten Traumverlags war dran, an den ich meinen neuesten Versuch, endlich einen Roman zu veröffentlichen, gesandt hatte. Er sagte zu mir, er habe meine Leseprobe gelesen und sei fasziniert davon. Er wüsste wirklich gern, wie es weitergeht. Aber sie hätten keinen Platz für eine deutsche Newcomerin in ihrem Programm, sie würden nur wenige Fantasy-Titel im Jahr machen, und die, die sie herausbringen, wären alle aus dem Englischen übersetzt. Aber er wolle, dass ich wisse, dass ich ihn beeindruckt hätte. Das war unheimlich nett, und ich glaube, die Erinnerung hat mir so manches Mal aus einem Tief herausgeholfen. Aber es war auch symptomatisch: Wie will ich es schaffen, wenn ich nicht zufällig Hugo-prämierter US-Amerikaner bin?

Oder die Geschichten, oft von Kolleg*innen erzählt, in denen das Verlagsmarketing beschließt, dass Fantasy so austauschbar ist, dass Cover und Klappentext gar nicht unbedingt zum Inhalt passen müssen. Oder bei denen Titel oder Untertitel festgelegt wurden und Autor*innen gebeten wurde, die geschaffenen Fakten doch noch schnell im Roman anzupassen. Autorinnen, denen mehr Romantik nahegelegt wurde, weil es ja schließlich an Frauen vermarktet werden solle … Kaum ein Kollege, eine Kollegin, die keine solche Geschichte auf Lager hat.

Der twitternde Lektor war in diesem Fall vermutlich nicht der Richtige, um Zielscheibe meiner wütenden Tweets zu sein – zusammen mit weiteren nachwachsenden, ambitionierten Verlagsmitarbeiter*innen hatte er noch gar keine Gelegenheit zu jahrzehntelanger pawlowscher Konditionierungsarbeit. Trotzdem verlässt man sich bei den deutschen Autor*innen vor allem auf die großen Zugpferde der Szene, und Experimente werden eher mit englischsprachigen Autor*innen gewagt, die in den USA bereits von der Kritik gewürdigt und mit Auszeichnungen versehen wurden. Aus dieser Position ist es recht einfach, uns deutschen Autor*innen mangelnde intellektuelle Flughöhe vorzuwerfen, uns als einfallslose „Ich-auch“-Titel-Schreiber*innen abzutun. Viele von uns haben es mit intellektueller Flughöhe versucht, die als zu riskant, als zu ungewöhnlich abgelehnt wurde. Wie viele Manuskripte mit Flughöhe landen auf „Unverlangt eingesandt“-Stapeln und werden vom Praktikanten, von der Praktikantin wieder zurückgesendet? Ich weiß, dass die Menge an eingereichten Manuskripten unüberschaubar ist, dass man eine Auswahl danach treffen muss, was markttauglich ist. Ich habe auch eine Zeitlang in einem Verlag gearbeitet und weiß, wie weh es einem tut, das ambitionierte Projekt ablehnen und dafür „More of the same“ machen zu müssen.

Züge und Flugzeuge: Bitte einsteigen!

Wir sind in Deutschland jetzt schon ziemlich spät am Bahnhof angekommen, an dem der „Mehr-Diversität-in-der-Phantastik“-Zug abfährt. Ich würde sagen, angefahren ist er schon, wir können jetzt noch rennen, um ihn zu kriegen. Keine Ahnung, ob intellektuellere, interessantere, wagemutigere Bücher Leser finden. Ob Marketingkampagnen greifen werden. Ob generell das Buch gegenüber dem YouTube-Video versagt. Das sind alles Fragen, die die Buchbranche – die Verlage, die Autor*innen, die Buchhändler*innen – sich stellen muss. Aber Sprache formt Bewusstsein, und Geschichten formen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wenn alles, worüber wir lesen, gleichförmig ist, nehmen wir alles, was davon abweicht, nur als „anders“ wahr statt als etwas Bereicherndes. Und in Zeiten, in denen man uns wieder Angst vor allem „Anderen“ machen möchte, in der Rassismus dank AfD und CSU auf einer neuen Erfolgswelle reitet, in der Frauen, ethnische Minderheiten und LGBTQA+-Menschen wieder zunehmend mit weiß-männlich dominiertem Gatekeeping in Fandoms und Nerd-Subkulturen konfrontiert werden, können wir das nun wahrlich nicht gebrauchen. Wir haben Autor*innen mit Flughöhe hier in Deutschland, wir brauchen noch mehr davon. Und wir brauchen auch Autor*innen, die von einer anderen Kultur als Europa erzählen – die Phantastik braucht auch die Stimmen der Geflüchteten, der Eingewanderten, der Nicht-Weißen.

Es wäre schön, bald die Bücher lesen zu können, mit denen sie abheben.

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