Die neuen Tolkien-Bücher – Abzocke oder literarische Bereicherung?

© 13smok, Ken_Lecoq - pixabay

BUCH

Die neuen Tolkien-Bücher – Abzocke oder literarische Bereicherung?


Seit über zehn Jahren erscheint regelmäßig ein neues Werk von J. R. R. Tolkien - obwohl der Autor schon seit 45 Jahren tot ist. Seine neueste Veröffentlichung: „Der Fall von Gondolin“ (bei Klett-Cotta, ab August 2018). Die Fan-Gemeinde ruft: Mogelpackung! Das Feuilleton zeigt sich begeistert. Wer hat denn nun recht?!, fragt sich Stefan Servos.

Eins vorweg: J. R. R. Tolkien ist wirklich tot. Ich war in Oxford und habe sein Grab gesehen! Also durchaus erstaunlich, wie schreibaktiv ein Autor trotz seines Ablebens sein kann. Daran sollten sich Langsamschreiber wie George R. R. Martin oder Patrick Rothfuss, die noch quicklebendig sind und uns seit Jahren auf ihre neuen Romane warten lassen, mal ein Vorbild nehmen. Aber Scherz beiseite. Handelt es sich bei den neuen Büchern nur um lauwarm recycelte Versatzstücke aus alten Tolkien-Büchern, bedeutungslose Notizen des Professors oder wirklich lesenswerten neuen Stoff? Grundsätzlich muss man bei einer Betrachtung zwischen jenen Büchern unterscheiden, die direkt mit Tolkiens großer Mittelerde-Mythologie verknüpft sind, wie „Die Kinder Húrins“, „Beren und Lúthien“ und eben bald „Der Fall von Gondolin“, und jenen, in denen bisher unveröffentlichte Werke J. R. R. Tolkiens erstmals das Licht der Öffentlichkeit erblicken, wie beispielsweise „Die Geschichte von Kullervo“, „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ oder auch „König Arthurs Untergang“, die sich auf irdische Mythologien unseres Kulturkreises beziehen.

Mittelerde Extended Editions in Buchform

Zugegeben: Keines der oben genannten neuen Mittelerde-Bücher behandelt wirklich neuen Stoff, denn all diese Geschichten wurden schon in der ein oder anderen Form in anderen Tolkien-Veröffentlichungen erzählt, hauptsächlich in „Das Silmarillion“ (das 1977 posthum veröffentlicht wurde). Dennoch handelt es sich nicht um eine lieblose Wiederaufwärmung alter Geschichten, wie mancher Rezensent behauptet, sondern um eine aufwändige und komplexe Neubetrachtung des alten Materials. J. R. R. Tolkien war dafür bekannt, dass er seine Geschichten etliche Male überarbeitet hat. Seinen Nachlassverwaltern, allen voran seinem Sohn Christopher, bereitete das einiges Kopfzerbrechen, da es zig Versionen der gleichen Geschichte gab, die sich teilweise sogar widersprachen. Finale Versionen gab es hingegen kaum, manche Fragmente enthielten nur den Anfang, andere ein mögliches Ende. Die Herausforderung bestand nun darin, alle diese Puzzleteile zusammenzuführen und zu einem stimmigen Ganzen zu formen. Und genau das gelingt Christopher Tolkien als Herausgeber der Mittelerde-Neuveröffentlichungen (mal besser, mal schlechter). In aufwändiger Überarbeitung hebt er frühere Streichungen auf (die er nach eigenen Angaben in den 70er Jahren etwas zu freizügig gemacht hatte), kürzt andere Passagen und löst inhaltliche Widersprüche auf.

Am besten gelungen ist ihm dies sicherlich bei „Die Kinder Húrins“, bei dem Christopher Tolkien sogar fehlende Textpassagen im Stile seines Vaters ergänzt hat, um einen eigenständigen und in sich geschlossenen Lesetext zu schaffen. Schwieriger wurde es bei „Beren und Lúthien“, bei dem es so dermaßen unterschiedliche Fassungen gab (u. a. mit einer Katze anstelle von Sauron), dass Christopher Tolkien entschied, alle Versionen mit ausführlichen Kommentaren in das Buch zu packen. Das stört den Lesefluss natürlich erheblich, ist für Fans der Werke aber durchaus interessant, handelt es sich doch genaugenommen um die Extended Editions der bekannten und heißgeliebten Werke. Bonusmaterial sind hier die bisher unbekannten Textstellen und Alternativtexte. Tolkien-Liebhaber sind auch ausdrücklich die Zielgruppe dieser Werke, deren Komplexität ein gewisses Grundwissen über Tolkiens Kosmos und eine Bereitschaft zur intensiven Auseinandersetzung voraussetzt.

Und das wird  auch auf „Der Fall von Gondolin“ zutreffen. Nicht unerwähnt bleiben sollen die eigens angefertigten, wunderschönen Illustrationen von Tolkien-Künstler Alan Lee, die in Form von Farbtafeln die Texte ergänzen. Und auch in die deutschen Übersetzungen durch den Tolkien-Wissenschaftler Helmut W. Pesch wurde außergewöhnliche Sorgfalt gesteckt, damit der besondere Sprachstil und die Details erhalten bleiben.

Die Kinder Húrins von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen
Das Silmarillion von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen
Beren und Lúthien von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen

Philologisches Perlentauchen

An den anderen Neuveröffentlichungen, mit bisher komplett unbekannten Texten aus Tolkiens Feder, beißen sich selbst eingeschworene Mittelerde-Fans die Zähne aus. „Die Geschichte von Kullervo“, „Die Legende von Sigurd und Gudrún“ oder auch „König Arthurs Untergang“ sind so speziell, dass sie kaum als leichte Unterhaltungsliteratur bezeichnet werden können. Beherrscht werden diese Ausgaben von Heldenepen im komplizierten Stabreim, unvollständigen Manuskript-Fragmenten, ellenlangen Erklärungen und unzähligen Fußnoten. In der deutschen Version übrigens aufgrund der kunstvollen Komplexität der Texte zweisprachig, also deutsch und englisch, gehalten. Das mag Philologen begeistern, haut dem durchschnittlichen Belletristik-Konsumenten aber seine eigene Erwartungshaltung kräftig um die Ohren. Kein Wunder also, dass sich die Kunden-Rezensionen auf Onlineverkaufsplattformen entsprechend lesen: „Was für ein wirres Geschreibsel!“, heißt es da, oder auch „vertrottelter Unsinn“, „Absolute Frechheit“ oder „So ein Müll. Wie kann es sein, das [sic] solch ein Schwachsinn in [sic] Focus als beste Neuerscheinung bewertet wird?“

In den Feuilleton-Besprechungen hingegen sorgten diese Werke fast durchgehend für Begeisterung. Der Grund dafür: Für Sprachwissenschaftler, Anglisten und alle jene, die sich für Tolkiens Auseinandersetzung mit der europäischen Mythen- und Sagenwelt interessieren, sind diese Bücher wahre Goldgruben. Zudem haben sie – und das gefällt vor allem deutschen Feuilletonisten – einen elitären Charakter. Die Art der Dichtung, die Schönheit der Sprache und der Flair der Mythologie bestechen, sind aber nicht jedem zugänglich. Wer dafür keinen Sinn entwickelt, wird diese Werke vermutlich frustriert in die Ecke werfen. Tolkiens Neuerscheinungen zählen nicht wirklich zu jenen kurzweiligen Schmökern, die man sich typischerweise im Urlaub mit an den Strand nimmt, um mal abzuschalten.

Den Absatzzahlen hat es sicherlich nicht geschadet, dass Klett Cotta diesen Umstand im Rahmen der Promotion mal beiläufig unter den Tisch gekehrt hat. Viele der neuen Tolkien-Bücher schafften es – dem Namen des Autors sei Dank – in die gängigen Bestsellerlisten. Aber bei den meisten Käufern werden die Bücher bestenfalls ungelesen in den Regalen verstauben, denn die wenigsten werden sich durch 1000 Verse im Stabreim arbeiten, weder in Tolkiens Original noch in der kongenialen Übersetzung. Diese muss auch noch einmal gesondert Erwähnung finden, denn das was die beiden Übersetzer Hans-Ulrich Möhring und Joachim Kalka geleistet haben, geht weit über gewöhnliche Übersetzungstätigkeiten hinaus. So musste bei der Übertragung des germanischen Versmaßes die Alliteration und die Silbenzahl jeder einzelnen Strophe beibehalten werden. Aus „In the South from sleep / to swift fury“ wurde dann „Aus Schlummer schlug um / zu schleunigem Toben“ (aus „König Arthurs Untergang“). Das Ergebnis ist eine übersetzerische Meisterleistung. Aber bevor wir uns in der Begeisterung für Details verlieren, zurück zum Wesentlichen.

Die Geschichte von Kullervo von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen
König Arthurs Untergang von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen
Die Legende von Sigurd und Gudrún von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen

Aus Liebe zur Sprache

Neben den wenigen Lesern, die sich diese Bücher aus Liebe zur Sprache oder aus wissenschaftlicher Neugier angeschafft haben, dürften es besonders Tolkien-Sammler sein, die ein gesteigertes Interesse an diesen Werken haben, die durch ihre wirklich gelungene Gestaltung auch ein wunderbares Bild im Bücherregal abgeben. Aber nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich sind die Werke hochwertig und umfangreich und daher keineswegs als Mogelpackungen zu bezeichnen. Man könnte dem Verlag und dem Buchhandel höchstens vorwerfen, gezielt mit den Erwartungen der Konsumenten zu spielen, indem sie diese Werke bewusst im Fantasy-Genre und nicht unter „Literaturwissenschaften“ einordnen. Aber natürlich hat auch der aufrichtigste Buchhändler ein wirtschaftliches Interesse, welches ihm gegönnt sei. Und ohne den großen Namen „J. R. R. Tolkien“ hätten sich so anspruchsvolle Werke sicherlich nicht unter die gut laufenden Bestseller gemischt.

Aber worin besteht das Risiko? Schlimmstenfalls begeistert sich ein Fantasy-Fan plötzlich für Sprachwissenschaften, weil er ahnungslos zugegriffen hat. Ende August 2018 erscheint mit „Der Fall von Gondolin“ der letzte „neue“ Tolkien, denn mit diesem Werk haben sich die Quellen an Material endgültig erschöpft. Doch das ist sicherlich nicht das Ende aller Tage. Welche Literaturperlen uns die anstehende Fernsehserienadaption von Tolkiens Mittelerde-Quellmaterial durch die Amazon Studios in einigen Jahren beschert, bleibt abzuwarten. Und auch der deutsche Tolkien-Verlag Klett-Cotta braucht mangels Nachschub nicht beunruhigt sein, immerhin gibt es da noch die zwölfbändige historisch-kritische Editionsreihe „The History of Middle-earth“ von J. R. R. Tolkien, die seit vielen Jahren auf eine Übersetzung wartet. „Der Fall von Gondolin“ hat seinen Platz in meinem Tolkien-Regal sicher und wird bestimmt nicht das letzte Tolkien-Buch gewesen sein. Und das ist auch gut so.

Share:   Facebook