Mehr davon – Was kannst du lesen, während du auf George R. R. Martin wartest?

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Was kannst du lesen, während du auf den nächsten George R. R. Martin wartest?


Wann, nur wann, kommt denn endlich nun der neue Band von Das Lied von Eis und Feuer?! Judith Vogt hat die passenden Fantasy-Lesetipps für euch, die euch die Wartezeit verkürzen.

Ihr habt es vermutlich schon kommen sehen – nachdem ich mich gefragt habe, was man als nächstes lesen kann, wenn man in Osten Ard-, First Law- oder Flüsse von London-Stimmung ist, musste ich ja früher oder später zum mittlerweile wohl berüchtigtsten Säumer der Geschichte der Fantasy-Literatur kommen: George Martin hat seinen Lesern sieben Bände von Das Lied von Eis und Feuer versprochen und bislang nur fünf davon geschrieben, den letzten davon vor sechseinhalb Jahren. Die Serie hat die Bücher mittlerweile überholt und steht kurz vor ihrer letzten Staffel. Aber was rede ich – das wisst ihr doch alles längst! Deshalb seid ihr ja hier!

Ich möchte hier ohnehin kein Pamphlet darüber schreiben, ob Band 6 und 7 noch kommen, ob George Martin seinen Lesern etwas „schuldet“ oder nicht, ob er den Plot der Serie vermeiden wird, um etwas Neues zu bieten. Diese Themen und viele andere rund um das Lied von Eis und Feuer sind woanders diskutiert worden – und mein Job ist es einfach, euch Lesestoff empfehlen, der euch über das Warten auf Band 6 hinwegtröstet.

Lange Reihen!

Wir haben ja Zeit – vermutlich … Vielleicht wäre jetzt also die Gelegenheit, um all die epischen Fantasy-Sagas zu lesen, die gewissermaßen den Grundstein für Martins Erfolg gelegt haben. Allen voran natürlich Jordans Rad der Zeit, das im Deutschen je nach Ausgabe 14 oder 37 Bände umfasst und dank Brandon Sanderson endlich abgeschlossen ist.

Oder die Ewigen Helden von Michael Moorcock, die die diversen Fantasy-Paralleluniversen in der Balance halten – da gibt es einiges zu tun!

Auch Steven Eriksons Malazan Book of the Fallen alias Das Spiel der Götter besteht im Deutschen aus satten neunzehn Bänden. Darunter biegt sich dann der Nachttisch fürs Erste.

Die Ninragon-Saga

Eine High-Fantasy-Trilogie, ein Einzelroman, eine Portal-Fantasy-Reihe: Es gibt gleich mehrere Einstiege in die Ninragon-Welt von Horus W. Odenthal, je nach Lesevorliebe. Einmal dort angekommen, ziehen einen der komplexe Weltenbau und die lebendig-menschlichen Figuren in ihren Bann (nun gut, nicht alle sind menschlich, aber ambivalent-menschliche Abgründe wie bei George Martin finden sich dennoch bei den meisten!). Als Einstiegstipp: Homunkulus, das als Einzelroman mit einer coolen Protagonistin und ihrem geschlechter-invertierten Lebensentwurf besticht. 

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Die Gezeitenwelt

Ist das überhaupt erlaubt, eine Reihe als Ersatzsuchtstoff zu empfehlen, für die man dann nach Band 5 ebenfalls Ersatzsuchtstoff braucht? Auch Die Gezeitenwelt-Saga vom deutschen Autorenquartett Magus Magellan (Bernhard Hennen, Hadmar von Wieser, Thomas Finn und Karl-Heinz Witzko) ist leider nicht beendet worden. Die Reihe profitierte sehr von den Weltenbauskills der vier ehemaligen Das Schwarze Auge-Autoren und ermöglichte in jedem Band einen neuen Blickwinkel aus den Augen sehr unterschiedlicher Protagonisten. Weltenumspannende Intrigen, große metaphysische Ereignisse, Liebe, Tod, Folter, Entdeckungen – alles drin. Ich wünschte, der Gezeitenwelt wäre ein besseres Ende beschieden gewesen, als von Piper abgesetzt zu werden.

Das Lied der Krähen

Leigh Bardugos Zweiteiler-Auftakt erschien zur Buchmesse bei Droemer und ist ein phänomenal schönes Buch (schwarzer Seitenschnitt!). Ich stecke gerade noch mitten drin in der Lektüre, aber die cleveren, komplexen, abgebrühten Charaktere, die Handlungsstränge und das überraschenderweise an die Niederlande erinnernde Setting haben mich schon überzeugt. Dass die Protagonisten Verbrecher sind, die einen großen Coup planen, versöhnt mich außerdem mit der Tatsache, dass die Gentleman Bastards-Reihe von Scott Lynch im Moment ebenso still steht wie Lied von Eis und Feuer.

Bardugo siedelte in der gleichen Welt außerdem ihre Grischa-Jugendbuch-Trilogie an. 

Die Uhtred-Saga

Zehn Bände hat Bernard Cornwall, der geistige Vater der Sharpe-Reihe, bislang über seinen frühmittelalterlichen Protagonisten Uhtred geschrieben, der sich ohne Probleme auch in Westeros zurechtfinden würde. Die Uhtred-Bücher (Band 1 heißt Das letzte Königreich) sind historische Romane mit ganz geringen phantastischen Einsprengseln, aber wer auf Schildwälle, einen raubeinig und zuzeiten nach modernen Maßstäben „unethisch“ handelnden Protagonisten und englische Geschichte steht, liegt hier völlig richtig.

Um mich nicht zu wiederholen …

… verweise ich außerdem an dieser Stelle dezent auf meine beiden „Mehr davon“-Artikel zu Tad Williams und Joe Abercrombie. Darin finden sich sicherlich auch noch Tipps für Fantasy-Epen – mit oder ohne Grim&Gritty!

 

Und um noch einmal auf die englische Geschichte zurückzukommen: Dass der Konflikt von Starks und Lannisters an den Rosenkrieg der englischen Adelshäuser York und Lancaster angelehnt ist, darf ich sicher als bekannt voraussetzen. In diesem Sommer sind mir bei meinem Trip durch Schottland allerdings noch zahllose weitere Analogien zu Lied von Eis und Feuer aufgefallen. Festbankette, die mit dem Tod fast aller Beteiligten enden. Die Topographie der Landschaft als Westeros im Mini-Format. Stirling als einziger wegbarer Übergang zwischen Lowlands und Highlands. Ich denke, Martin hat in den Neunzigern sicherlich einen ausführlichen Aufenthalt in Schottland genossen. Und das wäre doch sicher auch ein netter Ort für einen Writer’s Retreat, oder? Vielleicht sollten wir ihn einfach in einen Flieger setzen, Ziel: Orkney-Inseln – garantiert eiszombiefrei.


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Das Gefühl ist sicher keiner Leseratte unvertraut: „Ich brauche mehr davon!“ Am liebsten würde man noch mehr Zeit mit den Protagonisten verbringen, noch ein paar Winkel ihrer Welt besuchen. Aber das geht nicht. Die letzten Seiten sind verschlungen, das leere Gefühl stellt sich ein: Was lese ich als nächstes? Natürlich gibt’s noch ein halbes Dutzend ungelesene Bücher im Regal oder im Stapel neben dem Bett, aber die sollen es gerade alle nicht sein …

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