Mit dem Raumschiff von Rom nach Mittelerde – Antikenrezeption in Science Fiction, Horror und Fantasy

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NERD-WISSEN

Mit dem Raumschiff von Rom nach Mittelerde – Antikenrezeption in Science Fiction, Horror und Fantasy


Der Alten Geschichte wird oft nachgesagt, trocken und ein bisschen langweilig zu sein, während Science Fiction, Horror und Fantasy eher für spannende Unterhaltung stehen. Dabei gibt es wesentlich mehr Überschneidungen zwischen diesen Genres und der Alten Geschichte, als man im ersten Moment meinen sollte. Michael Kleu räumt mit dem Vorurteil auf und zeigt, welche Jahrhunderte alten Elemente in der Phantastik von heute aufschillern.

 

First things first: Was ist überhaupt Antikenrezeption?

Die Fachrichtung der Alten Geschichte beschäftigt sich grob gesagt mit der Geschichte der griechisch-römischen Welt im Zeitraum von etwa 800 v. Chr. bis ungefähr ins 7. Jahrhundert n. Chr. In dieser Zeit, die wir heute als Antike bezeichnen, wurden zahlreiche kulturelle Grundlagen gelegt, auf die die Menschen des Mittelalters und der Neuzeit immer wieder Bezug nahmen und immer noch nehmen. Vor diesem Hintergrund geht die Rezeptionsgeschichte der Frage nach, wie spätere Generationen die Antike bzw. einzelne Aspekte der antiken Welt wahrgenommen haben und in ihre eigenen kulturellen Erzeugnisse einfließen ließen. Und das lässt sich natürlich auch auf die Genres Science Fiction, Horror und Fantasy anwenden.

Das galaktische Imperium Romanum

Auf den ersten Blick scheint kaum etwas weiter auseinanderzuliegen als die entfernte Vergangenheit auf der einen und die (fiktive) Zukunft auf der anderen Seite. Auf den zweiten Blick zeigen sich jedoch deutliche Verbindungen. So hat sich Isaac Asimov nach eigener Aussage durch Edward Gibbons 1776–1789 erschienenes Geschichtswerk Verfall und Untergang des Römischen Imperiums zu seinem Foundation-Zyklus inspirieren lassen, für den er das kriselnde und schließlich untergehende Römische Reich mitsamt Imperator einfach in den Weltraum verlegte, was später sowohl in Frank Herberts Wüstenplanet-Reihe als auch in George Lucas’ Star Wars-Saga übernommen wurde. Star Wars setzt dabei allerdings an einem anderen spannenden Punkt der römischen Geschichte an, nämlich am Übergang von einer von einem Senat geleiteten Republik zu einem monarchisch regierten Imperium, was den Imperator Palpatine in mancherlei Hinsicht mit Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, gleichsetzt. (Ebenso gibt es deutliche Parallelen zur Weimarer Republik und zum Dritten Reich – das ist aber Stoff für einen anderen Artikel.) Man könnte hier noch weitere Beispiele aufführen, doch soll es zunächst genügen festzuhalten, dass das auf dem Römischen Reich basierende galaktische Imperium heutzutage ein fester Bestandteil vieler Science- Fiction-Geschichten ist.

Eine Irrfahrt durch das Universum

Schauen wir auf die griechische Geschichte, stoßen wir schnell auf ein anderes antikes Motiv, das uns immer wieder in der Science Fiction begegnet. Die Odyssee, die wohl aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. stammt und wie die Ilias einem Dichter namens Homer zugeschrieben wird, handelt bekanntlich von den Irrfahrten des Odysseus, der als König von Ithaka im Trojanischen Krieg gekämpft hatte, bevor ihm die berühmte Idee mit dem hölzernen Pferd kam, mit dessen Hilfe es den Griechen schließlich gelingen sollte, Troja nach einem zehnjährigen Kampf einzunehmen. Die Rückreise zu seiner Frau Penelope sollte weitere zehn Jahre in Anspruch nehmen und konfrontierte Odysseus mit zahlreichen Gefahren wie menschenfressenden Zyklopen, Seeungeheuern oder Zauberinnen. Auf diese Mutter aller Irrfahrten nehmen z. B. 2001: A Space Odyssey, Lost in Space, Battlestar Galactica, Farscape und auch Star Trek: Voyager auf unterschiedliche Weise Bezug. Geradezu Meisterwerke der Antikenrezeption in der Science Fiction sind in diesem Zusammenhang Dan Simmons’ Romane Ilium und Olympus, die Ilias und Odyssee sowie weitere antike Quellen auf das Engste mit einer spannenden Science-Fiction-Geschichte verknüpfen. Es erübrigt sich fast, darauf hinzuweisen, dass Odysseus höchstpersönlich eine tragende Rolle in beiden Romanen spielt. Zu guter Letzt sei noch auf die Argonautensage verwiesen, die sich ebenfalls einer gewissen Beliebtheit als Inspirationsquelle erfreut.

Lukian von Samosatas Wahre Geschichten: Das erste Science-Fiction-Buch der Weltgeschichte?

Der Satiriker Lukian von Samosata lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. und schrieb u. a. eine Satire mit dem Titel Wahre Geschichten. In dieser Satire berichtet er von einer Reise, in deren Verlauf er mit einigen Gefährten in einen Wirbelsturm gerät, der sie und das Schiff, in dem sie sich befinden, auf den Mond transportiert. Hier angekommen, treffen die Reisenden auf außerirdische Lebensformen, die Kolonien auf anderen Himmelskörpern gründen und Kriege gegeneinander führen. Da Lukian Satiriker war und Wahre Geschichten schrieb, um sich über eine Leserschaft lustig zu machen, die jeden Unfug glaubt, den man ihr erzählt, wird dem Werk nicht selten abgesprochen, zur Science Fiction zu zählen. Wissenschaftlich gesehen ist diese Diskussion sicherlich berechtigt; aus reiner Lesersicht dürften die Wahren Geschichten jedoch für die meisten durchaus eine Form von Science Fiction sein. Jedenfalls musste eine solche Geschichte natürlich beinahe zwangsläufig Spuren in der modernen Science Fiction hinterlassen, so z. B. in H.G. Wells’ The First Men in the Moon aus dem Jahr 1901, um nur ein Beispiel zu nennen.

Antiker Horror: Werwölfe in den Bergen des Wahnsinns

Auch das Horror-Genre greift immer wieder gerne auf die Antike zurück, was zum einen darin begründet liegt, dass manche Elemente unheimlicher Geschichten eben schon von Griechen und Römern aufgeschrieben wurden. So erzählt uns Herodot im 5. Jahrhundert v. Chr. in seinen Historien von Menschen, die in der Nähe des Schwarzen Meers lebten und sich einmal im Jahr für wenige Tage in Wölfe verwandelten. Phlegon von Tralleis legte im 2. Jahrhundert n. Chr. eine ganze Sammlung solcher Geschichten an, in denen unter anderem von Vampiren und Geistern die Rede ist. Von Ungeheuern will ich gar nicht erst anfangen, gibt es davon doch mehr als genug in der griechisch-römischen Antike (Hydra, Medusa, Kerberos usw.). Sehr spannend ist auch die Antikenrezeption in den Werken H. P. Lovecrafts. In Berge des Wahnsinns nimmt Lovecraft beispielsweise Elemente der Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers auf und zeichnet anhand dieser die kulturellen Entwicklungsstufen der außerirdischen „Alten Wesen“ nach, wobei der Autor einige sehr konkrete Verweise auf die Alte Geschichte einfließen lässt.

Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt

Sehr gerne greifen die Schöpferinnen und Schöpfer von Horror-Geschichten aber auch auf Aspekte zurück, die teilweise noch älter sind als die griechisch-römische Antike und einen Exkurs zur Altorientalistik erlauben. So erfreuen sich ägyptische Mumien traditionell einer ziemlichen Beliebtheit (die Filme um Die Mumie, Bubba Ho-Tep von Joe R. Lansdale usw.), während die Sumerer (3. Jahrtausend v. Chr.) und verschiedene ihrer mesopotamischen Nachbarvölker gerne in einen Zusammenhang mit diversen Dämonen gebracht werden, wie wir z. B. an der The Evil Dead-Reihe, an Der Exorzist oder an Ghostbusters I sehen. Teilweise werden dafür die Namen tatsächlich überlieferter mythischer Wesen oder Götter aufgegriffen wie etwa der babylonisch-assyrische Dämon Pazuzu in Der Exorzist, während Zuul und Gozer aus Ghostbusters frei erfunden sind. Dabei hätte sicherlich jeder Metal-Fan spontan gleich mehrere tolle Göttinnen und Götter des Zweistromlands für die Drehbuchautoren parat gehabt (Marduk, Tiamat etc.). Jedenfalls scheinen es das hohe Alter und die auch damit verbundene Fremdheit früher mesopotamischer Kulturen zu sein, die ihre Mythologie so beliebt für das Horror-Genre machen. 

Brudermörder und Zauberringe

Bei der Fantasy denkt man eher an das europäische Mittelalter als an die Alte Geschichte, doch finden sich auch hier einige Bezüge zur Antike. Beginnen wir mit Karl Edward Wagners Kane, bei dem es sich um eine Fantasy-Adaption des biblischen Kains handelt. Von einem verrückten Gott erschaffen, tötet Kane seinen Bruder und wird dafür mit Unsterblichkeit bestraft. So zieht er nun als tödlich-intelligenter Schwertmeister durch die Welt, wobei neben seinen blutroten Haaren besonders seine eisblauen Augen dem biblischen Kainsmal entsprechen. Mit dieser Übernahme des jüdisch-christlichen Kains hat Wagner sicherlich einen der fesselndsten Antihelden der Literaturgeschichte geschaffen, wobei er auch in einzelnen Geschichten um Kane antike Elemente einfließen lässt, besonders z. B. in der Kurzgeschichte Die schwarze Muse. Heutzutage wesentlich prominenter dürften natürlich J. R. R. Tolkiens Der Hobbit und Der Herr der Ringe sein. Die Werke Tolkiens sind bekanntlich stark durch die nordische Mythologie geprägt, doch entlieh sich der Philologe auch manches aus der Antike. Ein besonders spannendes Beispiel ist hierbei der kurze Bericht über den Ring des Gyges, der sich in einer der Schriften Platons findet, der im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. lebte. Gyges ist ursprünglich ein Hirte, vor dem sich im Rahmen eines Unwetters ein Spalt in der Erde öffnet, in dem er u. a. ein hölzernes Pferd findet. In diesem Pferd wiederum stößt Gyges auf den leblosen Körper einer gewaltigen Gestalt, von deren Finger der Hirte einen Ring abzieht. Nachdem Gyges erkannt hat, dass er sich mit Hilfe dieses Rings unsichtbar machen kann, gewinnt er erst die Königin und dann das ganze Königreich für sich. Platon verknüpft diese Geschichte mit der Annahme, dass ein solcher Ring zwangsläufig den Charakter verderben würde, da sich der Träger fortan an keine Regeln mehr halten müsse. Die Parallelen zum „Einen Ring“ Tolkiens sind natürlich offenkundig: In beiden Fällen haben wir einen geheimnisvollen Ring, der unsichtbar macht und sich – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen – negativ auf den Charakter seines Trägers auswirkt, wofür Smeagol/Gollum wohl das beste Beispiel darstellt.

 

Die hier aufgeführten Beispiele konnten hoffentlich einen Eindruck davon erwecken, wie umfangreich und vielfältig die Antikenrezeption in Science Fiction, Horror und Fantasy gestaltet ist. Dabei sind die Bezüge teilweise alles andere als auffällig, und gelegentlich ist es den Autorinnen und Autoren selbst vielleicht gar nicht bewusst, dass sie auf antike Motive zurückgreifen, da die griechisch-römische Antike eben derart fest in unserer Kultur verankert ist, dass manches gar nicht mehr als antik wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite ist es ganz offensichtlich, dass andere Autorinnen und Autoren durchaus wissentlich mit Elementen der Antike spielen, sie neu interpretieren und weiterentwickeln. Alte Geschichte und langweilig? Weit gefehlt!

Über den Autor

Dr. Michael Kleu, 1978 in Düren geboren, arbeitet als Althistoriker an der Universität zu Köln. Zu seinen Forschungsfeldern zählt neben klassischen Themen der Alten Geschichte besonders die Antikenrezeption. Auf seinem Blog https://fantastischeantike.blog/ sammelt er sämtliche Belege der Antikenrezeption in Science Fiction, Horror und Fantasy, um sie langfristig zu kategorisieren und wissenschaftlich auszuwerten. In Kürze erscheint ein von ihm herausgegebener Sammelband zur Antikenrezeption in der Science Fiction.

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