Leseprobe: Children of Blood and Bone - Goldener Zorn (Tomi Adeyemi)

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Leseprobe: Children of Blood and Bone - Goldener Zorn (Tomi Adeyemi)


Tomi Adeyemis Fantasy-Debüt landete direkt auf den 1. Platz der "New-York-Times"-Bestsellerliste. Hier ist eine Leseprobe aus "Children of Blood and Bone - Goldener Zorn" (erscheint am 27. Juni bei FISCHER FJB).

Sie töteten meine Mutter.
Sie raubten uns die Magie.
Sie zwangen uns in den Staub.
Jetzt erheben wir uns.

Zélies Welt war einst voller Magie. Flammentänzer spielten mit dem Feuer, Geistwandler schufen schillernde Träume, und Seelenfänger wie Zélies Mutter wachten über Leben und Tod. Bis zu der Nacht, als ihre Kräfte versiegten und der machthungrige König von Orïsha jeden einzelnen Magier töten ließ. Die Blutnacht beraubte Zélie ihrer Mutter und nahm einem ganzen Volk die Hoffnung.

Jetzt hat Zélie eine einzige Chance, die Magie nach Orïsha zurückzuholen. Ihre Mission führt sie über dunkle Pfade, wo rachedurstige Geister lauern, und durch glühende Wüsten, die ihr alles abverlangen. Dabei muss sie ihren Feinden immer einen Schritt voraus sein. Besonders dem Kronprinzen, der mit allen Mitteln verhindern will, dass die Magie je wieder zurückkehrt …

 

*** Leseprobe ***

Kapitel 1 - ZÉLIE

Wähl mich!
Ich muss mich zusammenreißen, um nicht laut auf mich aufmerksam zu machen. Nervös kralle ich die Fingernägel in meinen Stab aus Marula-Eiche, damit ich nicht aufspringe. Schweißperlen laufen mir über den Nacken. Ich weiß nicht, ob es an der morgendlichen Hitze liegt oder an meinem laut klopfenden Herzen. Mond um Mond wird ein anderes Mädchen ausgewählt. 

Heute muss ich einfach an der Reihe sein.

Ich schiebe mir eine Strähne meines schneeweißen Haars hinters Ohr und bemühe mich, so gut ich kann, nicht zu zappeln. Wie immer lässt sich Mama Agba mit ihrer Entscheidung schrecklich viel Zeit. Sie blickt alle Mädchen so lange an, bis wir uns vor Ungeduld winden.

Konzentriert zieht sie die Augenbrauen zusammen. Die Falten auf ihrem kahlen Schädel werden noch tiefer. Mit ihrer dunkelbraunen Haut und dem Kaftan in gedeckten Farben sieht sie aus wie alle Ältesten im Dorf. Niemand würde vermuten, dass eine Frau ihres Alters todbringend sein kann.

»Ähm …«, räuspert sich Yemi vorne in der Ahéré, eine nicht besonders dezente Erinnerung daran, dass sie diese Prüfung bereits bestanden hat. Grinsend dreht sie ihren handgeschnitzten Stab. Sie will auch endlich erfahren, wer heute gegen sie antreten soll. Die meisten Mädchen ziehen bei der Aussicht, gegen Yemi zu kämpfen, den Kopf ein, nur ich kann es kaum abwarten. Ich habe geübt und bin bereit.
Ich weiß, dass ich sie besiegen kann.
»Zélie.«
Mama Agbas schwache Stimme durchbricht die Stille. Ein kollektiver Seufzer der Erleichterung entfährt den fünfzehn Mädchen, die nicht aufgerufen wurden. Mein Name hallt durch die Ahéré mit ihren geflochtenen Schilfwänden, bis ich begreife, dass Mama Agba tatsächlich mich gewählt hat.
»Ich? Wirklich?«
Sie presst die Lippen aufeinander. »Ich kann auch eine andere nehmen …«
»Nein!« Hastig springe ich auf und verbeuge mich. »Danke, Mama. Ich bin bereit.«
Durch ein Meer von braunen Köpfen schreite ich nach vorn. Bei jedem Schritt setze ich die nackten Füße fest auf das Schilf des Hüttenbodens, prüfe meinen Halt, damit ich diesen Kampf gewinne. Wenn ich die Prüfung bestehe, steige ich eine Stufe auf.
Am Rand der schwarzen Matte, die unseren Kampfplatz darstellt, verbeugt sich Yemi als Erste. Sie geht davon aus, dass ich es ihr nachtue, doch ihr hochmütiger Blick weckt meinen Trotz. Ihre Haltung vermittelt keinen Respekt, verspricht keinen fairen Kampf. Sie meint, ich sei ihr unterlegen, weil ich eine Divîné bin.
Sie glaubt, ich würde verlieren.
»Verbeug dich, Zélie!« Obwohl die Warnung in Mama Agbas Stimme deutlich zu hören ist, kann ich mich nicht überwinden. Ich bin Yemi so nah, dass ich nur ihr üppiges schwarzes Haar und ihre kokosnussbraune Haut sehe, so viel heller als meine. Ihr Teint hat das zarte Braun der Orïshaner, die keinen einzigen Tag in der Sonnenglut geschuftet haben. Ein privilegiertes Leben, bezahlt vom Schweigegeld eines Vaters, den sie nie gekannt hat, ein Adliger, der seine uneheliche Tochter voller Scham in unser Dorf verbannte.
Ich drücke die Schultern nach hinten, schiebe die Brust vor und recke mich, anstatt mich zu verbeugen. Yemi hat andere Gesichtszüge als die Divînés mit ihren schneeweißen Haaren. Immer und immer wieder wurden wir gezwungen, uns Menschen zu beugen, die aussehen wie Yemi.
»Zélie, ich sage es nicht noch einmal.«
»Aber, Mama …«
»Verbeug dich oder verlass den Ring! Du verschwendest unsere Zeit.«
Da ich keine andere Wahl habe, beiße ich die Zähne zusammen und gehorche. Yemis unerträgliches Grinsen wird noch breiter. »War das so schwer?« Provokant verneigt sie sich ein weiteres Mal. »Wenn du schon verlierst, dann mit Anstand.«
Die Mädchen unterdrücken ein Kichern, das Mama Agba mit einer forschen Handbewegung erstickt. Böse funkele ich die anderen an, dann konzentriere ich mich auf meine Gegnerin.
Wir werden ja sehen, wer als Letzte lacht.
»Grundstellung einnehmen!«
Wir drehen uns zum Rand der Matte und befördern unsere Stäbe mit einem Fußkick hoch. Yemi kneift die Augen zusammen. Ihr Killerinstinkt kommt durch, das höhnische Grinsen verschwindet.
Uns gegenseitig niederstarrend, warten wir auf das Signal. Ich befürchte schon, dass Mama Agba es ewig hinauszögern wird, dann ruft sie endlich: »Los!«
Augenblicklich bin ich in der Defensive.
Ehe ich mir etwas überlegen kann, wirbelt Yemi mit der Geschwindigkeit einer Gepardesse herum. Kurz schwingt sie ihren Stab über den Kopf, dann zielt sie auf meinen Hals. Die Mädchen hinter mir halten die Luft an, ich jedoch reagiere blitzartig.
Auch wenn Yemi geschickt ist – ich bin schneller.
Ich lehne mich weit zurück, kann ihrem Stab ausweichen. Sofort schlägt sie erneut nach mir, jetzt mit der Kraft eines Menschen, der doppelt so groß ist wie sie.
Ich springe zur Seite, rolle mich über die Matte ab. Ihr Stab trifft den Schilfboden. Sie holt Schwung für ihre nächste Attacke, aber ich bin schon wieder auf den Füßen.
»Zélie!«, warnt mich Mama Agba, doch ich brauche keine Hilfe. In einer fließenden Bewegung springe ich hoch und stoße Yemi meinen Stab entgegen, um ihren Angriff zu parieren.
Laut krachen unsere Waffen aneinander. Die Schilfwände beben. Mein Stab vibriert von dem Zusammenprall, Yemi verlagert ihr Gewicht und zielt auf meine Knie.
Ich hole Schwung, drücke mich mit dem vorderen Bein ab und schlage ein Rad. Als ich über Yemis Stab hechte, bietet sich mir erstmals die Möglichkeit, sie anzugreifen.
»Huh!«, stoße ich aus und probiere, mit dem Schwung aus der Bewegung heraus selbst einen Treffer zu setzen. Na los …
Yemis Stab stoppt meinen Versuch, ehe ich richtig begonnen habe.
»Langsam, Zélie!«, ruft Mama Agba. »Du kannst jetzt nicht angreifen! Attackiere erst, wenn deine Gegnerin ungeschützt ist.«
Ich unterdrücke ein Stöhnen, nicke und mache einen Schritt nach hinten. Du bekommst schon deine Chance, rede ich mir ein. Warte einfach ab …
»Brave Zélie!« Yemis Stimme ist so leise, dass nur ich sie wahrnehme. »Hör auf Mama Agba. Brave kleine Made!«
Da ist es, das Wort.
Dieses elende, beleidigende Schimpfwort.
Voller Häme geflüstert. Dazu dieses unerträgliche Grinsen.
Ehe ich mich beherrschen kann, stößt mein Stab zu und verfehlt Yemis Kehle nur um Haaresbreite. Das wird mir eine gehörige Tracht Prügel von Mama Agba einbringen, aber die Angst in Yemis Augen ist es mir wert.
»He!« Empört schaut Yemi zu Mama Agba hinüber, doch ihr bleibt keine Zeit, sich zu beschweren. Ich wirbele meinen Stab so schnell durch die Luft, dass sie große Augen macht, und greife erneut an.
»So geht das nicht!«, protestiert Yemi und springt beiseite, damit ich nicht ihre Knie treffe. »Mama …«
»Brauchst du etwa Hilfe?« Ich lache gehässig. »Komm, Yemi! Wenn du schon verlierst, dann mit Stolz!«
In ihren Augen blitzt Zorn wie bei einer angriffslustigen Löwenesse. Erbittert umklammert sie ihren Stab.
Jetzt beginnt der wirkliche Kampf.
Immer wieder krachen unsere Stäbe aufeinander, lassen die Wände von Mama Agbas Ahéré erbeben. Bei jedem Knall lauern wir auf eine Chance, den entscheidenden Treffer zu landen. Gerade sehe ich eine Möglichkeit, da kommt mir Yemi zuvor
»Argh!«
Ich taumele rückwärts, krümme mich keuchend. Mir wird übel. Kurz habe ich Angst, dass meine Rippen gebrochen sind, aber der Schmerz in meiner Bauchgegend sagt etwas anderes.
»Schluss!«
»Nein!«, widerspreche ich Mama Agba mit heiserer Stimme. Ich zwinge mich zu atmen und richte mich an meinem Stab auf. »Schon gut.«
Ich bin noch nicht fertig mit Yemi.
»Zélie …«, setzt Mama Agba erneut an, doch Yemi wartet nicht ab, was sie sagen will. Blind vor Wut stürzt sie sich auf mich. Ihr Stab verfehlt meinen Kopf nur um wenige Zentimeter. Sie holt erneut aus, ich drehe mich von ihr weg. Bevor sie ihr Gewicht verlagern kann, wirbele ich herum und ramme ihr den Stab in die Brust.
»Ah!« Yemi verzieht das Gesicht vor Schmerz und Erstaunen. Sie stolpert rückwärts. Noch nie hat sie in einem Kampf bei Mama Agba einen Treffer kassiert. Sie weiß gar nicht, wie sich das anfühlt.
Bevor sie sich erholen kann, drehe ich mich geschickt und ziele auf ihren Bauch. Gerade will ich den entscheidenden Schlag setzen, da fliegen die rotbraunen Vorhänge vor dem Eingang zur Ahéré auf.
In der Tür steht Bisi. Ihre schmale Brust hebt und senkt sich hastig.
»Was ist?«, fragt Mama Agba.
Bisi treten Tränen in die Augen. »Entschuldigung«, schluchzt sie, »ich bin eingeschlafen, ich … ich hab nicht …«
»Heraus mit der Sprache, Kind!«
»Sie kommen!«, ruft Bisi. »Sie sind gleich da, jede Minute!« Im ersten Moment bleibt mir die Luft weg. Wahrscheinlich geht es allen so. Die Angst lähmt uns.
Dann siegt der Lebenswille.
»Schnell!«, zischt Mama Agba. »Wir haben nicht viel Zeit!«

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