Vom Illustrator zum Autor: Fantastische Schreibkünstler

BUCH

Vom Illustrator zum Autor: Fantasy-Bücher von phantastischen Künstlern


Unter dem Titel „Der Sommerdrache“ erschien gerade der erste Roman des bekannten Fantasy-Illustrators Todd Lockwood auf Deutsch. Doch Lockwood ist nicht der Erste, der aus dem Lager der Bilder in das der Worte wechselt, um die eigene Vorstellungskraft in einem Buch auf zweierlei Arten Gestalt annehmen zu lassen. Schon Künstlerkollegen wie Brom oder Tony DiTerlizzi legten nach langen, erfolgreichen Karrieren im Bereich Illustration irgendwann Romane aus ihrer Feder vor, die sie selbst bebilderten.

 

Gothic-Realismus

Der Amerikaner Gerald Brom verbrachte einen Großteil seiner Kindheit im Ausland – die High School schloss er z. B. in Frankfurt ab. Als Künstler inspirierten ihn hauptsächlich die Arbeiten von Frank Frazetta und die Gemälde von Norman Rockwell. Aus diesen Vorbildern speist sich Broms düster-erotischer Gothic-Realismus, der sein Markenzeichen wurde. Brom arbeitete lange als Illustrator in der Werbebranche, bevor er die Fantasy-Kunst zu seinem Steckenpferd machte und u. a. die Rollenspielwelten von „Dragonlance“ und den „Vergessenen Reichen“ visualisierte. Es folgten Trading Card Games wie „Magic: The Gathering“ und seine eigene Kartenspielschöpfung „Dark Age“, Videospiele („Diablo“), Filmkonzepte („Van Helsing“) sowie Buchcover und Illustrationen, wobei er z. B. einige denkwürdige Bilder von Michael Moorcocks Elric oder von Robert E. Howards Conan schuf. Seit 2005 schreibt Brom eigene Romane, die er selbst illustriert. Hierzulande kennt man Brom als Autor und Illustrator in Personalunion vor allem für seine düsteren, stimmungsvollen Interpretationen des Kinderbuchklassikers „Peter Pan“ in „Der Kinderdieb“ und des Julfest-Mythos in „Krampus“.

Der Kinderdieb von Gerald Brom bei Amazon bestellen
Abarat: In der Tiefe der Nacht von Clive Barker bei Amazon bestellen
Die Spiderwick Geheimnisse - Im Bann der Elfen von Tony DiTerlizzi und Holly Black bei Amazon bestellen

Mehr als Rollenspiele

Zu Beginn seiner Karriere arbeitete Tony DiTerlizzi für die großen amerikanischen Rollenspiel-Verlage TSR, White Wolf und Wizards of the Coast, in deren Auftrag er die Spielsysteme „Advanced Dungeons & Dragons“ und „Magic“ bebilderte und mit seinem unverkennbaren Stil begeisterte, der bei aller Niedlichkeit ziemlich finster sein kann. DiTerlizzi kanalisiert in seinen Illustrationen viel Fantasie, aber auch die Einflüsse von Arthur Rackham, Brian Froud und Maurice Sendak. Seinen endgültigen Durchbruch hatte DiTerlizzi mit den „Spiderwick-Geheimnissen“, die der amerikanische Illustrator als Co-Autor zusammen mit Holly Black schuf und die sogar verfilmt wurden: All-Age-Fantasy über Geschwister, die eine magisch-gefährliche Welt vor der Haustür entdecken und die erheblich von DiTerlizzis strahlenden Bildern lebte. Guillermo del Toro, Christopher Paolini, Neil Gaiman, Charles Vess, Donato Giancola, Jane Yolen – die Liste der Fantastik-Größen, die sich zurecht vor Tony DiTerlizzis Kunst verbeugen, ist lang. Dennoch konzentriert er sich längst nicht mehr nur auf seine Zeichnungen, Bilder, Artbooks und Ausstellungen. Zu seinen charmanten Buchpublikationen, die immer für junge Leser geeignet sind, gehören seit dem Jahrtausendwechsel „Kenny und der Drache“ sowie die Serie um „Die Suche nach WondLa“.

Animationsfilme und Romane

Armand S. Baltazar bezeichnet sich selbst als „Master Artist and Storyteller“, und dieses gesunde Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr. Schließlich arbeitete der US-Künstler als Hintergrundzeichner, Animator, Visual Development Artist oder Art Director an vielen beliebten Animationsfilmen von Disney, Pixar und DreamWorks mit, deren fertigen Look er maßgeblich prägte, darunter „Der Prinz von Ägypten“, „Spirit – Der wilde Mustang“, „Der Weg nach El Dorado“, „Sindbad – Der Herr der Sieben Meere“, „Merida – Legende der Highlands“ und „Alles steht Kopf“.  Mit „Timeless – Retter der verlorenen Zeit“ legte Baltazar kürzlich seinen reichlich bebilderten Steampunk-Debütroman über eine bunte Welt vor, die sich seit der Zeitkollision aus verschiedenen Epochen zusammensetzt.

Baltimore von Mike Mignola bei Amazon bestellen
Das große Hobbit-Buch von J.R.R. Tolkien bei Amazon bestellen

Von Tolkien bis Moers

Auch in der deutschen Szene finden sich schreibende Künstler und illustrierende Autoren, wobei man sogar ein besonders prominentes Beispiel anführen kann: Walters Moers hat durch seine Comic-Vergangenheit sicherlich einen gewissen Vorsprung, wenn es um die Ausschmückung seiner Romantexte durch eigene Bilder geht, muss aber unbedingt genannt werden. Schließlich bilden die Story und die Illustrationen in seinen fantastischen Bestsellern oft genug eine Einheit, was sich Fans von Blaubär, Rumo und Co. gar nicht mehr anders vorstellen könnten. Der frisch mit dem Seraph Preis ausgezeichnete, von „Alien“-Designer H. R. Giger gelobte SF-Autor Michael Marrak hingegen startete seine Laufbahn als Science-Fiction-Autor und SF-Illustrator praktisch parallel und bebildert bis heute seine eigenen Werke; und die frühere Cover-Künstlerin und Illustratorin Chris Schlicht feierte in den letzten Jahren als Steampunk-Autorin einige Erfolge, was ihr Nominierungen für den Kurd-Laßwitz-Preis und den Seraph einbrachten.

 

Natürlich gibt es nicht nur Illustratoren, die plötzlich als Autoren in Erscheinung treten und ihren bestens geschulten Blick auf Szenen für Prosa nutzen. Autoren, die ihre eigenen Bücher illustrieren, haben gerade in der Fantasy-Literatur ebenfalls eine lange Tradition. Schließlich war Altmeister J. R. R. Tolkien ein überraschend talentierter Maler und Zeichner, der seinen Genre-Klassiker „Der Hobbit“ ebenso hübsch bebilderte wie „Die Briefe an den Weihnachtsmann“ für seine Kinder. Clive Barker drückte der Horrorliteratur in den 80ern mit „Hellraiser“ und den Geschichten aus den „Büchern des Blutes“ seinen Stempel auf. Seit den 90ern werden indes seine Gemälde und Illustrationen veröffentlicht, die spätestens in Barkers eigenen „Abarat“-Romanen einiges zum Eindruck eines fantastischen Gesamtkunstwerks beitrugen. Hellboy-Erfinder Mike Mignola, eigentlich ein gestandener Comic-Künstler, geht einen ganz anderen Weg. Die Ideen, die er gemeinsam mit Vielschreiber Christopher Golden entwickelt, werden von diesem wie im Fall von „Baltimore“ oder „Joe Golem“ in Romanform umgesetzt, während Mignola atmosphärische Schwarzweiß-Illustrationen zu den Büchern beisteuert, die später häufig in Comic-Form adaptiert oder fortgesetzt werden.

 

Es existieren also viele Möglichkeiten, wie mannigfaltig begabte Kreative ihre Geschichten für den Leser mit Worten und Bildern visualisieren können. Vereint werden sie alle unabhängig von Ursprung, Herkunft, Ära oder Stil durch eine unbändige Schaffenskraft und den Willen, fantastische Geschichten und Figuren bestmöglich zum Leben zu erwecken.

Share:   Facebook