Sternzeit: High Noon: Was Western und Science-Fiction miteinander zu tun haben

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BUCH

Sternzeit: High Noon - Was Western und Science-Fiction miteinander zu tun haben


Sheriff Gosling trat breitbeinig ins Freie. In den Händen hielt er ein kurzläufiges Gewehr. „So!“, brüllte er. „Hier bin ich. Wer von euch möchte sich die erste Kugel einfangen?“ Grimmig ließ er den Blick über die Versammelten schweifen. „Na, kommt schon. Legt euch mit mir an, wenn ihr euch unbedingt gegen die Obrigkeit auflehnen wollt. Aber wenn mich einer von euch Verrückten niederschießt, dann schwenkt morgen ein Kreuzer des Unionsmilitärs im Orbit ein – darauf könnt ihr einen lassen!“ (Frontiersmen: Civil War, Folge 1: Revolte auf Higgins‘ Moon)

 

Wo sind wir denn hier gelandet? Ein zwielichtiger Sheriff, der einen Aufruhr unterdrückt, lässt uns an eine staubige Straße in einem Wildwestdorf denken. Die Sonne brennt auf die braune Erde, gleich wird jemand seinen Revolver ziehen, und die Pferde werden unruhig. Was soll also das Gerede von Raumschiffen im Orbit?

Wir befinden uns in Somerton auf dem Planeten Yuma – im Frontiersmen-Universum, kurz Frontiersverse. Der Vorfall ist einer von vielen, die die Rebellion der sogenannten Randwelten gegen die Union der Kernwelten und ihr Militär auslösen. Aber das ist eine Geschichte, die länger dauert als ein kühles Bier im Saloon … Was erstmal irritiert, ist die Verbindung von Western und Science-Fiction. Was haben glänzende Raumschiffe mit Pferdekutschen zu tun, die staubige Prärie mit den Weiten des Weltalls, Revolver mit Laserkanonen?

Tatsächlich hatte der Western, die große amerikanische Erzählung, schon in den 1930ern Einfluss auf die Science-Fiction der Pulp-Magazine. So wurde Catherine Lucile Moores Figur Northwest Smith (die übrigens das Vorbild für Han Solo war) ursprünglich als Westernheld angelegt, dann aber in ein SF-Setting umgearbeitet: „Die Westernstädte wurden zu Raumhäfen, die Prärie zum Weltall, das Pferd zum Raumschiff, der Revolver zur Strahlenpistole, die undurchsichtigen Indianer zu außerirdischen Kulturen.“ (Wikipedia)

Von der Horse Opera zur Space Opera

Der Begriff „Space Opera“ wurde folgerichtig unter ausdrücklicher Bezugnahme auf den Western geprägt:

Westerns are called "horse operas", the morning housewife tear-jerkers are called "soap-peras". For the hacky, grinding, stinking, outworn space-ship yarn, or world-saving for that matter, we offer "space opera".

(Western werden „Pferdeopern“ genannt, die morgendlichen Hausfrauen-Schnulzen „Seifenopern“. Für das zusammengestoppelte, mühsame, stinkende, abgenutzte und im Übrigen auch weltrettende Weltraumgarn schlagen wir den Namen „Weltraumoper“ vor.) Wilson Tucker im Fanzine Le Zombie, 1941

Der nächste Meilenstein der vom Western beeinflussten SF ist mit Sicherheit Star Trek (ab 1966). Dessen Erfinder Gene Roddenberry hatte vorher unter anderem Western-Serien für das amerikanische Fernsehen produziert. Allein das Wort „Trek“ zeigt schon den Bezug – Wagenzüge westwärts sind schließlich ein zentrales Westernmotiv. Noch deutlicher wird’s in dem von William Shatner gesprochenen Intro der Serie:

Space: the final frontier. These are the voyages of the starship Enterprise. Its five-year mission: to explore strange new worlds. To seek out new life and new civilizations. To boldly go where no man has gone before!

Star Trek: The Original Series 1966 - 1969 Opening and Closing Theme

Star Trek, Star Wars und der ganze Rest – alles Western?

Die Grenze (Frontier) und deren Bezwingung gehören unabdingbar zum Western. Auch die moralische Grundstruktur vieler Star Trek-Folgen ist dem Western ähnlich. Der Unterschied ist, dass der Western notwendigerweise an den geschichtlichen Hintergrund der oft brutalen und von handfesten wirtschaftlichen Interessen getriebenen Eroberung Amerikas gebunden ist, selbst wenn er sie idealisiert oder romantisiert. Star Trek kann da wesentlich humanistischer und friedfertiger sein.

Auch der andere Koloss unter den Weltraumopern, Star Wars, weist Westernbezüge auf: Der schwarzgekleidete Bösewicht; der zum Helden heranwachsende Farmjunge; der Revolverheld zweifelhaften Ruhms mit dem stummen (naja, zumindest unverständlichen) Sidekick. Zugegeben, hier sind es eher einzelne Elemente und weniger die Rahmenhandlung, die dem Wildwest-Genre entliehen ist.

Doch lässt man den so geschärften Blick ein wenig schweifen, fallen immer mehr Zusammenhänge zwischen Western und Science-Fiction auf: Avatar (2009) zum Beispiel ist nicht nur die Geschichte der Ausbeutung einer fremden Zivilisation. Hier verliebt sich auch ein Soldat in eine Eingeborene und wendet sich schließlich gegen sein eigenes Volk. Somit weist der Film nicht nur Bezüge zur historischen Pocahontas auf, sondern hat auch Parallelen zu Der mit dem Wolf tanzt (1990). 

Trailer: Firefly

Chrom und Staub – der Space Western

Der visuelle Stil ist natürlich in vielen Fällen weit vom Western entfernt – aber eigentlich liegt es nahe, dies zu verbinden, wenn schon die Themen, Plots und Figuren sich ähneln. Westworld (1973) mit Yul Brynner als Cowboyhut tragendem Roboter im futuristischen Freizeitpark ist da ein Beispiel, wobei die Story hier eher als ironischer Kommentar auf die Legende des romantischen Wilden Westens verstanden werden darf.

In den Achtziger und Neunziger Jahren waren es vor allem Anime-Serien, die SF- und Wildwest-Optik explizit – und sehr bunt – verbunden haben: Saber Rider and the Star Sheriffs, Galaxy Ranger, Cowboy Bebop und viele weitere.

Und dann landet man auch schon ziemlich schnell bei der TV-Serie Firefly – Der Aufbruch der Serenity (2005). Hier ist das Universum nicht nur visuell im Western-Stil gehalten, sondern auch im Aufbau: So gibt es „zivilisierte“ Welten und den „wilden Westen“ entlegenerer Planeten. Eine Besonderheit ist, dass neben dem Weststaaten-Stil des 19. Jahrhunderts auch einer pan-asiatischen Kultur relativ viel Platz eingeräumt wurde. Was Sinn ergibt, schließlich fand im 19. Jahrhundert gerade in Kalifornien die erste große Einwanderungswelle aus China statt (s.a. Eisenbahnbau).

C.L. Moore - Northwest of Earth
Westworld

Die beiden Genres Science-Fiction und Western haben also deutlich mehr gemeinsam, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Vielleicht liegt es daran, dass das Vorstoßen zur letzten Grenze, der Kontakt zu fremden Lebensweisen, eine unendliche Weite voller Möglichkeiten einfach grundlegende Erzählungen der Menschheit sind. Auf jeden Fall ist es beiden Genres gelungen, diese Themen mit interessanten Settings, spannenden Figuren und packenden Geschichten zu transportieren.

Für die Mischform hat sich die Bezeichnung Space Western etabliert. Auch das eingangs zitierte Frontiersmen: Civil War steht in dieser Tradition. Wie der Bürgerkrieg in diesem Universum ausgeht, das kann man seit März 2018 nachlesen bzw. anhören.

 

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