Die Weisheit der Nerds - eine Kolumne von Stephen H. Segal

KOLUMNE

Die Weisheit der Nerds: Nikola Tesla


Viele von uns verbinden den Namen Tesla heutzutage mit Elektroautos. Dabei war Namenspatron Nikola Tesla weit mehr als der Entdecker des Zweiphasenwechselstroms, wie dieses visionäre Zitat zeigt:

„Schon in wenigen Jahren wird es ein einfaches und günstiges Gerät geben, das man bequem mit sich herumtragen kann und mit dem wir an Land oder auf See die wichtigsten Neuigkeiten empfangen oder auch eine Rede, Vorlesung, ein Lied oder ein Musikstück hören können – übertragen aus einer beliebigen Weltregion.“

„Mit der Eröffnung des ersten Kraftwerks wird aus Skepsis Verwunderung werden und aus der wiederum Undankbarkeit – wie immer in solchen Fällen.“

Nikola Tesla

 

 

Es lag wohl a) an einer gewissen Hair-Metal-Band aus den Neunzigern und b) auch daran, dass das Internet einer großen Schar von Geeks ganz nebenbei Geschichtsforschung ermöglichte. Jedenfalls entdeckte die Populärkultur das großartige Genie Nikola Tesla wieder, den Austro-Amerikaner, der brillanter als sein Rivale Thomas Edison war, aber auch deutlich weniger geschäftstüchtig. Tesla erfand das System zur Erzeugung von Wechselstrom, außerdem gelangen ihm viele bahnbrechende Entdeckungen auf dem Gebiet des Elektromagnetismus, die die heutige Informationsgesellschaft erst möglich machten. Ach ja, nebenbei entwarf er auch noch ein Bild unserer technologischen Zukunft, das präziser war als jedes davor oder danach. Er sagte nicht nur die wissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Meisterleistungen voraus, die die Menschheit vollbringen würde, sondern auch die sozialen Folgen. Die Geek-Kultur vergöttert Tesla als smarten Rebellen und Außenseiter – und dämonisiert gleichzeitig Edison als skrupellosen Monopolisten, der jeden Widerstand einfach zermalmte. Und dieses Bild entspricht auch bis zu einem gewissen Grad der Wahrheit. Dennoch sollte man sich fragen, ob die reflexhafte Fetischisierung von Nerd-Märtyrern nicht vielleicht ein bisschen kontraproduktiv ist. Wenn visionäre Genies von machiavellistischen Machtmenschen ausgebootet werden, dann sollten wir uns eben nicht nur mit diesen verkannten Geistesgrößen identifizieren. Wir sollten uns auch fragen, warum sie nicht die Unterstützer gewonnen oder die Beziehungen aufgebaut haben, mit denen sie erfolgreicher gewesen wären. Und dann sollten wir den menschlichen Faktor in den Mittelpunkt unserer eigenen Bemühungen stellen.


Tesla lieh seinen Namen nicht nur einer Metal-Band. Er trat auch in Christopher Priests Roman Das Kabinett des Magiers auf, der mit David Bowie unter dem Titel Prestige verfilmt wurde. Darüber hinaus dient er als Namenspatron für Elon Musks Unternehmen Tesla, das unter anderem Elektroautos herstellt.


Die nächste Weisheit zur Wochenmitte gibt es wieder am kommenden Mittwoch. Dann erwartet euch eine neue nerdige Erkenntnis aus Stephen H. Segals Buch "Die Weisheit der Nerds".

 

 

Aus dem Amerikanischen von Achim Fehrenbach

 

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First published in English by Quirk Books, Philadelphia, Pennsylvania.
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

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