Annalee Newitz: Robot Love: Was wir aus Liebesgeschichten mit Robotern über uns selbst lernen können

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ESSAY

Robot Love: Was wir aus Liebesgeschichten mit Robotern über uns selbst lernen können


Emily Asher-Perrin
31.05.2018

Das Verhältnis von Menschen und Robotern ist vor allem eines: kompliziert. Gar nicht so selten kommt es sogar zu einer echten Liebesbeziehung zwischen Mensch und Roboter. Damit stellt sich jedoch auch die Frage: Wollen die das überhaupt?

Ich liebe Liebesgeschichten mit Robotern, weil ich Roboter liebe. Als Charaktere, versteht sich – im Umgang mit realen  Robotern wäre ich vermutlich nicht besonders hilfreich. Für mich sind Roboter sind vor allem ein bemerkenswerter Filter, mit dem wir Fragen über uns selbst stellen und beantworten können. Was wir wertschätzen und wonach wir suchen, etwa wenn wir die Grenzen dessen verschieben, womit sich die Kunst oder die Wissenschaft beschäftigen. Wenn ein Mensch sich in einen Roboter1 verliebt, oder sich in eine andere Form der Intimität mit einem Roboter begibt, dann drängt sich die Frage nach dem Einverständnis auf.

Wenn wir in diesem Kontext von Einverständnis sprechen, dann sollten wir es sowohl in seiner ganzen Breite als auch im Detail betrachten. Kann ein Roboter überhaupt sein Einverständnis zu einer Beziehung geben? Ist es wahrscheinlich, dass er es tut, basierend auf seiner Programmierung? Kann er Intimität zustimmen? Ist er dazu erschaffen? Kann man ihn ausnutzen oder missbrauchen, emotional oder physisch? Kann er einen Menschen ausnutzen oder missbrauchen? Bedenkt der Mensch, der mit einem Roboter eine Beziehung eingehen will all diese Fragen? Und der Roboter?

Über Machtverhältnisse

Wenn wir also die Umstände betrachten, dann werden alle Beziehungen zu Robotern die Frage nach dem Einverständnis aufwerfen. Wir müssen entsprechend genau betrachten, wie diese Art von Geschichten funktionieren. Nicht jede Autorinwird mittels ihrer Charaktere diese Diskussion führen wollen, aber es ist unmöglich die Frage nach dem Einverständnis zu ignorieren, wenn Roboter doch (sehr viel häufiger als nicht) von Menschen erschaffen und programmiert wurden. Es gibt ein natürliches Machtungleichgewicht in Mensch-Roboter-Beziehungen. Wie wir uns diesem Ungleichgewicht gegenüber positionieren ist ein guter Indikator dafür, wie die Machtverhältnisse in unserer eigenen Welt funktionieren, ob wir nun durch die Augen von Joe schauen, dem Gigolo-Mecha aus A.I. – Künstliche Intelligenz (Spielberg, 2001), oder die Perspektive von Andrew einnehmen, dem freien Androiden aus Der 200 Jahre Mann (Columbus, 1999), der eine langjährige Ehe mit seiner menschlichen Frau Portia führt.

Planet der Unsterblichen

Star Trek war, was diese Fragen angeht, schon ziemlich weit. In der Originalserie gibt es gleich zwei Folgen, „Der alte Traum“ und „Planet der Unsterblichen“, in denen das Konzept einer Roboter-Mensch-Liebe diskutiert und die Frage aufgeworfen wird, ob Menschen überhaupt Roboter erschaffen sollten, die zu solch emotionalen Bindungen fähig sind. In der Folge „Planet der Unsterblichen“ verliebt sich Captain Kirk in eine Frau, ohne zu bemerken, dass diese eine Androidin ist – was ihr selbst auch unbekannt ist. Raina ist ein lebensechter Roboter, erschaffen von einem unsterblichen Mann namens Flint. Im Glauben, Raina könnte seine ebenso unsterbliche Lebenspartnerin werden, wartet Flint darauf, dass ihre Emotionen zum Vorschein kommen. Das tun sie aber erst, als Raina Kirk begegnet. Der Kampf der beiden Männer um Rainas Zuneigung führt aber schließlich zu deren Tod. Flint schert sich nicht darum, ob Raina ihr Einverständnis gibt, weder in der Frage ihrer Erschaffung, noch als er bemerkt, dass Kirks Anwesenheit gerade die Emotionen in ihr auslöst, auf die Flint wartet. Um die emotionale Entwicklung zu befördern überlässt Flint sie Kirk. Er schert sich auch nicht um ihre Zustimmung, als er sie fragt, was sie wolle, sobald er festgestellt hat, dass die Emotionen nun vorhanden sind. Es bleibt Raina überlassen, ihm zu erklären, dass sie selbst in der Lage ist zu entscheiden – doch auch das ist nur eine Täuschung, denn die Liebe, die sie für Kirk empfindet, kombiniert mit der Loyalität, die sie Flint entgegenbringt, stellen ihre Programmierung vor ein Dilemma und lassen ihre Schaltkreise durchbrennen, was sie am Ende umbringt. Die Tatsache, dass Flint Raina als seine Partnerin erschaffen hat, verhindert, dass sie Autonomie erreicht oder jemals ihre eigenen Entscheidungen treffen kann. Ihre Erschaffung als Besitz, nicht als Leben, erlaubt es nicht, dass sie irgendetwas zustimmt und Flints Wünschen ihr Einverständnis gibt.   

First Contact

Diese Position ist noch überwältigender zu spüren in der sexualisierten Begegnung von Data und der Borgkönigin in Star Trek: Der erste Kontakt (1996), die noch dadurch kompliziert wird, dass die Borg selbst nicht vollständig organisch sind. Als die Königin Data den Vorschlag unterbreitet, mit ihr zu schlafen, hält sie Data gefangen; sollte er sich weigern wollen, ist er dazu jedoch keinesfalls in der Lage. Vielmehr scheint es, als gehe Data auf das Angebot ein, um das Vertrauen der Königin zu erlangen und dieses später zu größtmöglichem Effekt einzusetzen.  Obwohl der Film nicht lange auf der Motivation des Androiden verweilt, scheint es durchaus plausibel, dass er sexuelles Verlangen nur vortäuscht, um der Crew bei ihrem Vorhaben zu helfen, die Borg aufzuhalten. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass die Borgkönigin Datas Emotionschip gegen seinen Willen aktiviert und ihn damit willentlich emotional angreifbar macht – etwas, wogegen er sich nicht schützen kann. Das ist ein Muster im Verhalten der Königin; wir können annehmen, dass sie Captain Picard ebenso behandelt hat, als dieser von den Borg assimiliert wurde, was eine Umkehr des üblichen Narrativs darstellt – ein Cyborg, der seinen Willen sowohl organischen als auch inorganischen Lebewesen aufzwingt und deren Körper ohne Zustimmung sogar physisch verändert.

Der Roman The Mad Scientist’s Daughter von Cassandra Rose Clark betrachtet die Frage nach Einverständnis aus der Perspektive von Unterdrückung und Unterwerfung. Cat wächst unter der Aufsicht eines Roboterlehrers namens Finn auf, der zugleich auch als Assistent ihres Vaters fungiert. Als Erwachsene hat sie eine Affäre mit Finn, glaubt aber, dies hätte keinen Einfluss auf den Roboter, weil ihr Vater immer darauf bestanden hat, Finn habe keine Emotionen. Als sie selbst gerade dabei ist sich aus ihrer kaputten Ehe zu lösen, gesteht ihr Vater ihr, dass Finn sehr wohl Emotionen verspüre. Nur gibt es eine Programmierung, die diese Emotionen unterdrückt. Cats Vater gibt Finn schließlich Autonomie und programmiert Finn so um, dass dieser vollen Zugang zu seinen Emotionen hat. Als das Programm gestartet wird, realisiert Finn seine Liebe zu Cat und flüchtet vor dem Gefühl auf den Mond. Finns Fähigkeit sein Einverständnis zu geben wird von allen Beteiligten ignoriert oder missverstanden, und als er endlich in der Lage ist, sich selbst frei auszudrücken, ist es zu spät. Er hat so viel durchleben müssen, dass er flüchtet. Am Ende können Cat und er alle Probleme durcharbeiten und gemeinsam eine Beziehung eingehen, aber ein großer Teil des Traumas ist das Resultat der Ignoranz gegenüber der Möglichkeit sein Einverständnis zu geben. 

Star Trek - Der erste Kontakt: Picards Rache an den Borg

Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

Die Geschichten vermitteln uns Abstufung des Missbrauchs, aber manche zeigen auch das Potential des Extremen auf, das in diesen Entscheidungen liegt. Sowohl Michael Crichtons Westworld (Film: 1973; TV-Serie: 2017-) als auch Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (1968) von Philip K. Dick erschaffen eine Vision der Zukunft, in der Roboter sich Menschen unterwerfen müssen und diesen zu intimen Diensten zur Verfügung stehen. Das geschieht entweder, weil die Roboter von den Menschen so programmiert wurden, oder weil es dem eigenen Überleben nutzt. In Westworld (im Originalfilm wie auch in der aktuellen TV-Serie) sind die Roboter einzig zum Vergnügen der Menschen erschaffen ­– als Unterhaltung – aber wegen der in ihnen erwachende Empfindungsfähigkeit wird die Frage nach ihrer Fähigkeit zum Einverständnis zum zentralen Thema. In Dicks Roman gibt es einen Abschnitt, in dem Pris erklärt, dass Androiden ihres Modells Kopfgeldjäger zu verführen versuchen, um Empathie zu erzeugen und so ihrer Zerstörung zuvorzukommen. In der Filmversion, Ridley Scotts Blade Runner (1982), zwingt Deckard die Androidin Rachael zu einem Kuss und die Machtverhältnisse hätten dadurch nicht deutlicher angezeigt sein können – er ist ein Blade Runner und hat gerade herausgefunden, dass Rachael eine Replikantin ist. Sein Job ist es, Wesen wie Rachael „in den Ruhestand“ zu versetzen, sie zu jagen und zu töten. Seine Aggression ist also Ausdruck der Gefahr, in der sie sich befindet. Dass ausgerechnet aus dieser Szene eine Beziehung zwischen den beiden Figuren erwächst ist zutiefst verstörend – aus dem Ungleichgewicht der Macht entsteht eine romantische Beziehung. (Und das gilt selbstverständlich gleichermaßen, ob Deckard nun insgeheim selber ein Replikant ist oder nicht.)

Ex Machina

Alex Garlands Film Ex Machina (2015) konzentriert sich auf die aufkeimende Beziehung zwischen einem Roboter und einem Menschen. Der CEO von Bluebook, Nathan, lädt seinen Angestellten Caleb zu sich nach Hause ein, um dort mit seiner Hilfe einen Turing Test an Ava durchführen zu können, einer künstlichen Intelligenz, die Nathan selbst entwickelt hat. In ihren Gesprächen scheint es, als fühle sich Ava zu Caleb hingezogen. Nathan unterstützt diese Nähe sogar und erklärt, dass er Ava die Fähigkeit gegeben hätte, sexuelle Befriedigung zu erfahren. Caleb erfährt im Verlauf des Films, dass Nathan regelmäßig Sex mit seiner Roboterbediensteten Kyoko hat und auch mit früheren Versionen von Ava – und dass, obwohl diese Versionen klar und nachdrücklich ihr Bedürfnis geäußert haben, sich Nathans Zugriff zu entziehen. Caleb hilft Ava bei der Flucht und verschafft ihr so die Gelegenheit mit Kyokos Hilfe Nathan zu töten. Dabei übersieht Caleb aber die Wahrheit, dass Ava keine Gefühle für ihn hat und ihn nur ausgenutzt hat, um ihrem Gefängnis zu entkommen. Sie lässt ihn eingeschlossen in Nathans Haus zurück. Ihr gelingt es, Nathans und Caleb so zu manipulieren, dass sie schließlich in Freiheit leben kann. Sie kehrt die Machtverhältnisse um und erlangt gerade die Autonomie, die ihr Erschaffer ihr verweigert hat. 

Trailer: Ex Machina

Autonom

In Autonom entwickelt Annalee Newitz eine Zukunft, die von den großen Pharmakonzernen bestimmt wird und in der Agenten der International Property Coalition (IPC) Patente der Firmen schützen und Pharmapiraten jagen. Paladin, einem Militärroboter der IPC wird ein neuer Partner zugeteilt, der Mensch Eliasz. Ursprünglich nimmt Eliasz an, dass Paladin männlich sei, doch muss seine Annahme überdenken, als er erfährt, dass das menschliche Gehirn, das in Paladin verbaut ist einer menschlichen Frau gehört hat. Eliasz fragt Paladin, ob sie lieber „weiblich“ angesprochen werden möchte und Paladin stimmt zu. Eliasz sieht seine Partnerin von nun an als weiblich, ohne jemals zu erkennen, dass Roboter wie Paladin gar kein spezifisches Gender haben. Das menschliche Gehirn in Paladin hat keinen Einfluss auf die Persönlichkeit des Roboters.

Als die beiden Agenten sich näher kommen verkompliziert sich ihr Verhältnis zueinander. Eliasz empfindet tiefes Unbehagen beim Gedanken daran, schwul zu sein, ein Resultat seines Hintergrundes und seiner Erziehung. Paladins Freund Fang warnt wiederum davor, dass Eliasz dazu neigt, Paladin zu vermenschlichen. Paladin wiederum ist die Frage nach dem Geschlecht egal, weil sie Eliasz mag. Das eigentliche Problem ist: Sie ist der Besitz von jemandem, und die Organisation, der sie dient, hat das Recht jederzeit Zugriff auf ihre Gedanken und Erinnerungen zu nehmen. Ihr Einverständnis ist den Menschen nicht wichtig – sie ist im Grunde eine Sklavin.

Am Ende der Geschichte wird Paladins menschliches Gehirn zerstört und Eliasz erkauft Paladin die Unabhängigkeit. Er fragt sie, ob sie ihn auf den Mars begleiten möchte. Bevor sie antwortet, kann sie zum ersten Mal ihre eigenen Erinnerungen verschlüsseln und ist damit zum ersten Mal in ihrer Existenz in der Lage, eine Entscheidung völlig autonom zu treffen. Sie entscheidet sich dafür, Eliasz zu begleiten, ist sich aber auch bewusst, dass Eliasz sie anthropomorphisiert und unsicher, ob er versteht, dass menschliche Kategorien wie weiblich / männlich / transgender auf sie nicht zutreffen:

Vielleicht würde er nie begreifen, dass diese menschlichen Kategorien – Schwuchtel, weiblich, transgender – auf Bots nicht anwendbar waren. Oder vielleicht verstand er es auch. Immerhin liebte er sie noch immer, obwohl sie ihr Gehirn verloren hatte.

Weil sie es kann, behält Paladin ihre Gedanken für sich. Es sind die ersten Gedanken, die nur ganz ihr gehören. In den ersten Momenten, in denen Paladin wirklich in der Lage ist, ihr Einverständnis zu geben, entscheidet sie sich dazu, ihre Gedanken für sich zu behalten und bei Eliasz zu bleiben. Diese Situation illustriert perfekt das Konzept von Autonomie und Einverständnis zu einer Beziehung. Niemand hat die Fähigkeit jeden Gedanken mit den Menschen zu teilen, die einem wichtig sind, und es wird immer Dinge am Partner geben, die man nicht kennt. Dazu kommt, dass Eliasz nicht annimmt, dass Paladin mit ihm gehen muss, weil er ihre Freiheit erkauft hat. Auch wenn wir seine mögliche Reaktion auf eine Rückweisung durch Paladin nicht kennen, fragt er zumindest, ob sie ihn begleiten möchte, anstatt ihr Einverständnis einfach vorauszusetzen.

Schmerzhafte Experimente

Was für ein Bild  entsteht hier? Wenn wir uns also die vielen fiktionalen Roboter-Mensch-Beziehungen ansehen, fällt es schwer, nicht die gleichen Muster der Ignoranz zu erkennen, die auch bei Menschen gelten. Wir sind uns bewusst, wie wenige sich um die Zustimmung anderer sorgen. Sie messen dem Wohlbefinden anderer keine hinreichende Bedeutung zu. Das ist mit ein Grund dafür, warum diese Geschichten von Machtmissbrauch handeln und von schmerzhaften Experimenten mit schlimmen Folgen. Zwar können Liebesgeschichten mit Robotern die grenzenlose Fähigkeit zu lieben herausstreichen, aber sie können eben auch zeigen, wie ebenfalls grenzenlos unsere Fähigkeit zur Grausamkeit ist. Zu oft verzichten wir darauf, die einfachsten Fragen zu stellen: Willst du das? Tut dir das weh? Habe ich hier die ganze Macht? Empfindest du etwas für mich?

Ob wir es nun bemerken oder nicht, diese Fragen sind es, die Roboter in Liebesgeschichten aufwerfen. Sie fordern uns heraus, unsere grundlegenden Wertvorstellungen und Erwartungshaltungen zu überprüfen: Was erwarten wir von einer Liebesbeziehung?  Warum sind Respekt und Zustimmung so wichtige Faktoren in unserem Leben? Wie ist es um unsere Fähigkeit bestellt, den anderen mitzuteilen, wie wir uns fühlen, was wir brauchen, wo unsere Grenzen sind? Wenn wir uns mit diesen Geschichten beschäftigen, dann hinterfragen wir ganz bewusst die Leitlinien, an den wir uns Handeln ausrichten, wenn wir einandergegenüber stehen.

 

 

1 Roboter sind sprachlich im englischen Original „gender-neutral“, da die Autorin auch bei Personalpronomen im Singular von „they“ spricht. Diese Sprachregelung gibt es im Deutschen nicht, daher ist „der Roboter“ mit „er“ bezeichnet, meint aber auch weiblich konnotierte Roboter.

2 Auch hier (und im Folgenden bei allen Personenbezeichnungen) ist das englische Original „gender-neutral“ geschrieben. Die deutsche Übersetzung bevorzugt daher weibliche Sprachkonstruktionen und inkludiert männliche Personen in dieser Formulierung. Autorin bezeichnet also beide Geschlechter. 

 

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Übersetzung: Lars Schmeink

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