»Ich wollte nicht, dass Mia nur badass ist« – Interview mit Jay Kristoff

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INTERVIEW

»Ich wollte nicht, dass Mia nur badass ist« – Interview mit Jay Kristoff


"Nevernight – Das Spiel" von Jay Kristoff ist die Fortsetzung der Geschichte um die junge Assassine Mia, die alles daransetzt, den Tod ihrer Eltern zu rächen. Dafür lässt sie sich sogar darauf ein, als Sklavin an eine Gladiatorstaffel verkauft zu werden. Ein Interview mit Jay Kristoff von "Nevernight"-Übersetzerin Kirsten Borchardt. 

 

Du hast dich einige Wochen nach Venedig zurückgezogen, um am dritten und letzten Band von Nevernight zu schreiben. Die Stadt war ja ganz offensichtlich die Inspiration für Gottesgrab, die Stadt aus Brücken und Gebein. Wann hat Venedig dich erobert, und was findest du an der Stadt am spannendsten?

Jay Kristoff: In Venedig war ich auf meiner Hochzeitsreise zum ersten Mal. Meine Frau und ich gingen einmal spätabends am Ufer in der Nähe des Markusdoms spazieren, als dicker Nebel übers Wasser zog und von den Lampen der Promenade angestrahlt wurde – es sah aus, als würde die ganze Stadt in den Wolken schweben. Da habe ich mich richtig in Venedig verliebt.

Es gibt dort nichts, was ich nicht spannend fände. Die Architektur, die Kunst, die Kanäle … aber auch die Anfänge der Stadt und ihre Geschichte, die Vorstellung, dass dieser winzige Archipel einmal das Zentrum der ganzen westlichen Welt war. Und dann noch, dass Venedig langsam versinkt, dass dieser Ort der Schönheit schon bald nicht mehr da sein wird. Da kommt alles zusammen. Venedig ist einfach wie keine andere Stadt der Erde.

Was kam zuerst: das Setting, die Geschichte von Mias Rache oder die Figuren?

Es fing alles mit Mia an. Optisch hatte ich mir eine etwas ältere Ausgabe von Emily Strange mit Langschwert vorgestellt. Was ihre Persönlichkeit betrifft, war das Gespräch, das sie in Nevernight – Die Prüfung mit Tric über den Begriff „Fotze“ führt, die erste Szene, die ich je schrieb. Damals wusste ich noch nicht einmal, wer sie ist, aber ich wollte das unbedingt herausfinden.

Worin liegt deiner Meinung nach die Anziehungskraft von Assassinen? Sie sind ja eigentlich eher kaltschnäuzige Zeitgenossen …

Im Moment stehen Antihelden hoch im Kurs, und ich denke, das spiegelt die Unzufriedenheit der Gesellschaft mit dem gegenwärtigen Status Quo und dem typischen Heldenbild wider. Aber davon abgesehen sind Figuren, denen es erfolgreich gelingt, außerhalb des Gesetzes zu stehen, zweifelsohne an sich sehr faszinierend. Die meisten von uns können sich den Fesseln der Gesellschaft und ihrer Strukturen nicht so einfach entziehen, aber es steckt wohl etwas in uns, das sich zutiefst danach sehnt, genau das zu tun. Von daher berühren Figuren, die den Willen dazu aufbringen, eine Sehnsucht in uns allen. Waghalsige Unternehmer und Revolutionäre besetzen einen ähnlichen Platz in unserer mentalen Landschaft. Wir neigen dazu, zu Menschen aufzublicken, die einfach das tun, was sie wollen. Solange sie dabei erfolgreich sind.

Aber Assassinen – vor allem jene, die mit dem Motiv der Rache verbunden sind – nehmen dabei noch einen ganz besonderen Platz ein. Sie vermitteln uns das Gefühl, dass es im Universum ein gewisses ausgleichendes Karma und letztlich Gerechtigkeit gibt. Dass wir vielleicht schlimme Dinge tun müssen, aber dass am Ende die schlechten Menschen von ihren Taten eingeholt werden.

In "Nevernight – Das Spiel" wird Mia von der Assassine, die im Geheimen mordet, zur Gladiatorin, die das in aller Öffentlichkeit tut. Gleichzeitig beginnt sie, ihre Morde in Frage zu stellen, und sogar Herrn Freundlich kommen gelegentlich Zweifel an seinen Taten. Liegt das daran, dass inzwischen so viel mehr Blut an ihren Händen klebt, oder im Gegenteil vielmehr an der Erkenntnis, dass sie allen Erwartungen zum Trotz emotionale Bindungen entwickelt hat und dass es Menschen gibt, denen sie am Herzen liegt?

Das trifft wohl beides zu. Eines der Schlüsselthemen, mit dem ich in dieser Reihe spiele, ist die Auswirkung, die Rache auf den Rächer hat. Es ist im Grund das, was Naev Mia schon ziemlich am Anfang von Nevernight – Die Prüfung sagt: „Wenn wir der Gurgel ein Opfer bringen, dann geben wir ihr auch einen Teil von uns. Und schon bald ist nichts mehr von uns da.“

In Nevernight – Das Spiel muss Mia feststellen, dass alles, woran sie bisher geglaubt hat, eine Lüge ist – ihre ganze Welt, ihre Vergangenheit –, und das stellt ihre Ziele von Grund auf in Frage. Ich wollte nicht, dass sie die ganze Zeit nur kaltschnäuzig und badass ist. Das ist natürlich das Image, das sie sich aufgebaut hat, aber darunter ist sie einfach nur ein Mensch mit Fehlern, zerbrechlich und voller Angst.

Das wirft die Frage nach der Moral auf. Dein Buch hat eine gewissenlose (oder am Ende eben doch nicht so gewissenlose) Mörderin zur Protagonistin – wie wichtig ist dir da die Moral?

Ich möchte meinen Lesern lieber Fragen stellen als Antworten geben. Die Frage nach Moral, woher sie kommt, wie sie durch die jeweiligen Umstände und Wahrnehmungen geprägt wird, ist für mich ein Sandkasten, in dem ich mit Begeisterung spiele. Und für Mia ist es entscheidend, dass sie ein Bewusstsein für Moral hat, damit sie für den Leser sympathisch bleibt. Aber ich versuche, die Grenzen dessen auszuloten, indem ich sie als sympathisch beschreibe, die Leser aber gleichzeitig dazu bringe, dass sie sich fragen, wieso sie Mia überhaupt mögen.

Ich mag Mia. Die Leser mögen sie auch. Aber im Grunde ist sie eine ziemlich schreckliche Person. Ich möchte, dass die Leute das hinterfragen: Was ist an ihr so faszinierend und attraktiv, wo sie doch eigentlich ein schlechter Mensch ist?

In der Einleitung zu "Nevernight – Das Spiel" versprichst du den Lesern „eine wohldosierte Prise geschmackvoll formulierter Unanständigkeiten“. Wie schwer ist es, so etwas zu schreiben?

Ha! Zugegebenermaßen ist das ziemlich kitzlig. Meine Frau ist stets die Erste, die liest, was ich geschrieben habe, und das macht diese Sache natürlich noch ein bisschen kitzliger. Und wenn man sich dann noch vorstellt, dass die eigenen Freunde und Familie das später auch lesen werden, dann wird es endgültig komisch. Mir tun vor allem die Sprecher bei meinen Audiobüchern leid, die dieses Zeug laut vorlesen müssen.

Was die unanständigen Szenen betrifft, hat ja jeder seine eigenen Vorlieben. Aber es gibt ein paar wunderbare Frauen, die meine Texte lesen, bevor sie an die Öffentlichkeit kommen, und das Feedback, das ich vor allem von den Leserinnen bekomme, ist ausgesprochen positiv. Das ist es dann auch, was mich weitermachen lässt, auch wenn es sich immer ein bisschen komisch anfühlt.

Bei welchen Szenen hast du selbst den meisten Spaß – bei Dialogen, Kämpfen oder Sexszenen?

Das hängt von meiner Tagesform ab. Ich mag alle drei aus verschiedenen Gründen, und sie lösen bei mir ganz verschiedene Reaktionen aus. Wahrscheinlich fällt mir das Schreiben von Actionszenen am leichtesten, aber ich bin immer dann besonders stolz, wenn mir ein Dialog so richtig gut gelungen ist.

Inzwischen hat Mia unglaublich viel Fan Art inspiriert. Was denkst du darüber, und was ist deiner Meinung nach der Grund für die vielen Mia-Zeichnungen und das Mia-Cosplay?

Die Masse an Fan Art rund um diese Buchreihe hat mich wirklich überwältigt und sehr froh gemacht. Ich finde gerade den Gedanken großartig, dass meine Kunst andere dazu bringt, selbst kreativ zu werden. In meinem Arbeitszimmer habe ich eine „Mia-Wand“, an der all diese Zeichnungen hängen, und inzwischen musste ich sogar schon eine zweite Wand dafür freigeben!

Was der Grund für die Inspiration ist – ich wünschte, ich wüsste es! Ich habe einige Überlegungen dazu, die ich in kommenden Buchreihen näher erforschen will. Sollte etwas daraus werden, halte ich euch natürlich auf dem Laufenden.

Wenn du selbst Cosplay machen würdest, welche Figur würdest du dir aussuchen?

Herrn Freundlich. Schwarze Kleidung anziehen, ein paar Katzenohren ankleben und sarkastische Sprüche klopfen – ganz einfach!

Zum Schluss noch eine Frage, die ich einfach stellen muss: Wie geht die Arbeit am dritten Band voran, und magst du uns vielleicht einen winzigen Spoiler für die Auflösung der Geschichte geben?

Darkdawn (so der englische Titel) kommt bestens voran! Das Buch ist zu drei Vierteln fertig, und die Geschichte weiß, wohin sie gehen soll. Ich kann der Stadt Venedig und ihren Menschen nicht genug dafür danken, dass ich die Zeit und die Möglichkeit für eine Schreibklausur dort hatte – das Buch wurde wirklich dort geboren. Was die Spoiler angeht, hmmm … Wie wäre es damit: Die Vielen waren eins. Und werden es wieder sein. 

 

Das Interview führte Kirsten Borchardt.

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