5 SF-Romane mit Heldinnen, die keine Teenager sind

© Walt Disney Studios Motion Pictures // Lucasfilm

BUCH

Fünf Science-Fiction-Bücher mit Heldinnen, die keine Teenager mehr sind


Wir lieben Carrie Fisher in ihrem letzten großen Auftritt in "Star Wars: Die letzten Jedi"! Und fragen uns: Gibt es eigentlich auch Science-Fiction-Bücher mit Frauen jenseits der fünfundzwanzig? Fünf Buchtipps von Judith Vogt ...


Dieser Artikel ist entstanden, weil ich mir nach Henning Mützlitz’ Plädoyer für mehr Heldinnen in der Phantastik Gedanken gemacht habe, warum weibliche Heldinnen zumeist die Young-Adult- oder All-Age-Ecke unsicher machen – und ob das überhaupt wirklich so ist. Gibt es „reifere“ Heldinnen in der Fantasy und Science Fiction? Finde ich gute Buchtipps mit Frauen jenseits der fünfundzwanzig, die vielleicht schon einiges an Lebenserfahrung mitbringen, diesen ganzen Erste-Liebe-Schmuh und die Selbstfindung hinter sich haben?

Science Fiction macht’s besser

Fantasy verlässt sich ja häufig auf die Blaupause des jugendlichen Helden, der jugendlichen Heldin, der/die die gewohnte Umgebung verlassen muss, um zu der Person zu werden, die schon immer im Inneren geschlummert hat. Auch viele Science-Fiction-Helden von Paul Atreides bis Luke Skywalker sind jung, aber ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass die Science-Fiction generell ältere Helden und Heldinnen eher zulässt. Bärbeißige Raumschiffkapitäne, wehrhafte Cyberpunk-Veteraninnen und jahrtausendealte Raumfahrer einer deutschen Heftromanreihe: Das Heldenspektrum ist in der Science Fiction etwas breiter aufgestellt.

Wie steht’s um Frauen?

Andererseits bedeutet das nicht, dass es mir leicht gefallen wäre, Romane zu finden – originär deutschsprachige oder ins Deutsche übersetzte zudem! –, bei denen Frauen über fünfundzwanzig wirklich die Protagonistenrolle spielen. Wenn man mal hinüberblickt in den englischsprachigen Raum, dann finden sich dort durchaus einige Titel mehr – und vielleicht hält der Trend zu mehr Varianz ja an, und wir können uns auch hierzulande bald über Heldinnen aller Altersstufen freuen.

Aber hier zunächst einmal meine fünf Science-Fiction-Tipps mit „Omis“ über fünfundzwanzig.

1. Claudia Gray: Blutlinie

Ja, ja. Ich weiß. Wann immer ich Science-Fiction-Bücher empfehle, ist mindestens auch ein Star-Wars-Roman dabei. Claudia Gray hatte es natürlich leichter: Sie muss die Leser nicht für eine gereifte Protagonistin begeistern – die Leser sind bereits begeistert. „Blutlinie“ spielt etwa zehn, fünfzehn Jahre vor „Das Erwachen der Macht“. Leias Sohn Ben ist mit Onkel Luke unterwegs, sie selbst erwehrt sich ewiggestriger „Alt-Rights“ in der Neuen Republik. Das Erbe ihres Adoptivvaters Bail Organa gerät in falsche Hände, und bald schon erfährt die ganze Galaxis, von wem Leia wirklich abstammt, und das bringt eine Intrige ins Rollen, der sie sich mit Worten und Taten entgegenstellen muss. Claudia Gray ist mit Chuck Wendig die wohl beste aktuelle Star-Wars-Schreiberin, und ich kann sie nur empfehlen.

2. Tad Williams: Otherland

In Tad Williams epischer Cyberspace-Saga kommt ein ganzer Haufen wild zusammengewürfelter Charaktere aller Altersklassen zusammen – aber die Protagonistin der Tetralogie ist Irene „Renie“ Sulaweyo, die in Südafrika als Hochschuldozentin arbeitet. Die Handlung ist in der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts angesiedelt, und aus allen Ecken der Welt stoßen ganz verschiedene Menschen auf ein rätselhaftes Netzwerk aus Cyberwelten, die von einer Gesellschaft reicher alter Männer, der Gralsbruderschaft, im wahrsten Sinne des Wortes zum Leben erweckt wurden. Renie und ihr Schüler !Xabbu, der sich für die Verknüpfung von neuem Storytelling und alten Erzähltraditionen interessiert, werden immer tiefer in das virtuelle Netz gesogen ...

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3. Cherie Priest: Boneshaker

Das „Clockwork Century“ ist angebrochen: Cherie Priests alternative Steampunk-Zeitlinie. Sechzehn Jahre sind nach einer Katastrophe vergangen, mit der ein Wissenschaftler große Teile Seattles in Schutt und Asche gelegt hat. Giftiges Gas hat eine Seuche ausgelöst, und der Stadtkern Seattles ist von einer Mauer umgeben. Die Protagonistin und Witwe des Wissenschaftlers, Briar, hat ihren halbwüchsigen Sohn „verloren“: Er will herausfinden, was sein Vater getan hat und wofür seine Mutter nun bereits sein ganzes Leben büßen muss und begibt sich nach Seattle. Briar folgt ihm und muss sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinandersetzen.

Zudem beweist Cherie Priest, dass sie sich hervorragend mit Seattle und seinen „Urban Legends“ und Anekdoten auskennt. Leider gibt es nur diesen Roman auf Deutsch und nicht die beiden Folgebände des „Clockwork Century“.

4. Jeff VanderMeer: Auslöschung – Die Southern Reach Trilogie

Gerade gab’s einiges an Aufregung um die Bio-Horror-Mystery-Trilogie von Jeff VanderMeer. Verfilmt mit Natalie Portman in der Hauptrolle, fand sich in Deutschland kein Kinoverleih, weshalb es den Film zum ersten Band „Annihilation“ nun bereits auf Netflix zu sehen gibt.

Ein Team aus Wissenschaftlerinnen bricht in ein unerklärliches Gebiet fremdartigen Lebens vor – nach Area X, von der niemand wirklich sagen kann, wo es liegt. Die vorangegangenen elf Expeditionen sind gescheitert, von der elften ist der Mann der Protagonistin – der Biologin – zurückgekehrt und an Krebs gestorben. Unpersönlich werden die Mitglieder des dysfunktionalen, misstrauischen Teams nur mit ihren Funktionen bzw. Berufen benannt, aber gleichzeitig blickt man als Leser/in tief in ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Beklemmende Lektüre!

5. Margaret Atwood: Der Report der Magd

Ob „Der Report der Magd“ nun wirklich zum SF-Genre gehören, ist ein bisschen unklar: Es ist eine finstere politische und soziale Dystopie, die keinen sonderlich hohen Technikstand hat. Welche Ereignisse oder mutmaßlichen Katastrophen im Roman zur Theokratie geführt haben, erfährt der Leser nur bruchstückhaft aus der Sicht der Magd, die grausam kleingehalten wird, während ihr und den anderen weiblichen Figuren des Buchs die Souveränität über ihren Körper und ihre Sexualität genommen wird. Aus einer uns vertraut vorkommenden Welt ist der Staat Gilead, beheimatet im Osten der heutigen USA, in ein strangulierendes Sektengefüge getaumelt, was das Buch zu einem bedrückenden Trip in menschliche Abgründe macht.

2017 erhielt die vielseitige Schriftstellerin Margaret Atwood, die zum Beispiel auch zum Thema „Altern“ sehr scharfsinnige Kurzgeschichten verfasst hat („Die steinerne Matratze“) und sich zudem auch im Krimigenre wohlfühlte, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Anders als Doris Lessing konnte sie sich bislang nicht wirklich damit anfreunden, auch als Science-Fiction-Autorin zu gelten. Schade – denn auch mit der Postapokalypsen-Trilogie „Maddaddam“ beschreitet sie diese Pfade, und die Science-Fiction kann ein paar lautstarke Autorinnen wohl wirklich gebrauchen!

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