Die Wahrheit in der Fiktion – von Annalee Newitz

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ESSAY

Die Wahrheit in der Fiktion (von Annalee Newitz)


Annalee Newitz hat mit Autonom „ein Buch voller Lügen geschrieben, um von einer Wahrheit zu erzählen.“ Hier erzählt uns die Wissenschaftsjournalistin, warum sie ihr Debüt als Roman angelegt hat und nicht als Sachbuch.

Es gibt Wahrheiten, die man nur durch fiktive Geschichten ausdrücken kann.

Den größten Teil meines erwachsenen Lebens habe ich mein Geld mit Schreiben verdient, doch erst vor kurzer Zeit überkam mich der Wunsch, fiktive Geschichten zu erzählen. Von klein auf habe ich bergeweise Science-Fiction-Bücher verschlungen, schreiben aber wollte ich lieber über die ehrfurchtgebietende reale Welt wissenschaftlicher Entdeckungen. Die Geschichten, die ich als Wissenschaftsjournalistin veröffentlicht habe, reichen von den mittelalterlichen Stauseen in Kambodscha bis zu den unterirdischen Städten in der Türkei, von mit Lasern vollgepackten Laboren am MIT bis hin zu einer gewaltigen Einrichtung zur Sequenzierung des Genoms in Kalifornien.

Doch die Geschichten, die ich mir privat, in meinem eigenen Kopf erzählte, habe ich nie aufgeschrieben.

"Als würde ich ein Sachbuch schreiben …"

Ich habe mich entschieden, fiktive Geschichten zu schreiben, weil es mir als der einzige Weg erschien, die Wahrheit zu sagen – zumindest, was einige Dinge betrifft. Wenn ich als Journalistin schreibe, dann bin ich ethisch dazu verpflichtet, den Fakten gegenüber Meinung und Analyse den Vorrang zu geben. Ich muss zudem immer bedenken, wie sich meine Geschichten auf das Leben realer Menschen auswirken werden. Wegen dem, was ich schreibe, könnte jemand gefeuert werden, oder sein Ruf könnte beschädigt werden. Andererseits könnte ich einem Wissenschaftler einen unfairen Vorteil verschaffen, indem ich über seine Arbeit schreibe – seine Kollegen könnten ihn von da an als jemanden sehen, der Zugang zur Presse hat. Bei fiktiven Geschichten habe ich keine solchen Probleme. Ich kann über meine Charaktere sagen, was immer ich will, ohne damit jemand zu schaden.

Trotzdem bin ich die Arbeit an Autonom so angegangen, als würde ich einen Sachtext schreiben. Ich habe mich mit Neurowissenschaftlern und Experten für Synthetische Biologie über die Biotechnologie in meinem Roman unterhalten. Ich habe ein paar Roboterwissenschaftler gezwungen, mit mir zu Abend zu essen und darüber zu spekulieren, aus welchem Material der Körper des Roboterprotagonisten Paladin gemacht sein könnte. Ich bin nach Casablanca gereist, wo Jack, die Piratin in meinem Roman, eine Weile lebt, um aus erster Hand die Kultur und Infrastruktur der Stadt zu erleben. Ich habe mich lange mit Experten für Computersicherheit darüber unterhalten, wie Maschinen untereinander verschlüsselte Daten austauschen.

Sklaverei 2.0

Die Wissenschaft und die Technologie in diesem Roman habe ich so plausibel gestaltet, wie es mir nur möglich war. Basierend auf dem heutigen Kenntnisstand habe ich mit Hilfe vieler Fachleute die Entwicklung der nächsten 150 Jahre extrapoliert.

Doch die Geschichte selbst – eine Wissenschaftlerin verstößt aus Gewissensgründen gegen das Gesetz – hätte ich in meinen Sachtexten nie erzählen können. Die Romanfigur Jack wurde von Menschen inspiriert, die ich kenne, doch sie ist eine ganz eigenständige (fiktive) Person.  

So wie Wissenschaft und Technik habe ich auch die Gesellschaftsform, in der die beiden leben, von unserer derzeitigen extrapoliert. Jack und Paladin leben in einer zukünftigen globalen Kultur, die auf denselben Gesetzen zum Schutz geistigen Eigentums basiert, wie es sie schon heute fast überall auf der Welt gibt. Diese Rechte hab ich so zugespitzt, dass selbst empfindungsfähige Wesen zu Eigentum werden können. In meinem Roman hat eine Art Menschenrechtskommission des 22. Jahrhunderts ein weltweites System der Kontraktarbeit erschaffen. Es erschien mir als ziemlich realistisch, dass man Sklaverei in einer solchen Welt als ein „Recht“ bezeichnen würde – als ein Anrecht auf Besitz und darauf, Eigentum von jemandem zu sein.

"Die Wissenschaft wird uns nicht retten …"

Die Wahrheit ist, dass uns Wissenschaft und Technologie nicht immer frei machen. Sie können dafür eingesetzt werden, uns willfährig zu halten, selbst wenn wir eigentlich unglücklich sind; sie können benutzt werden, uns zu versklaven. Aber auch das ist nicht die ganze Wahrheit. Selbst in dem von mir erdachten Regime der Kontraktarbeit, gelingt den Menschen eine Rebellion. Menschen und Robotern finden Wege, um zumindest ein Stück weit über das eigene Schicksal zu entscheiden. Das System der Kontraktarbeit ist hässlich, kaputt und angreifbar, so wie jedes autoritäre Regime in der Geschichte der Menschheit.

Wissenschaft ist nur eine Methodik. Technologie ist nur ein Satz Werkzeuge. Beide sind großartig und verhelfen uns zu einem besseren Verständnis des Universums. Aber sie können uns auch verführen, und das kann tiefgreifende Auswirkungen haben. Was die Menschen mit Wissenschaft anfangen, ist genauso wichtig wie die Wissenschaft selbst. Vielleicht noch wichtiger.

Ich habe ein Buch voller Lügen geschrieben, um von einer Wahrheit zu erzählen. Unsere Kultur befindet sich an einem Scheideweg, und die Wissenschaft wird uns nicht retten. Aber Menschen werden das tun.

 

 

Dieser Text erschien im Original bei Tor.com.

Über die Autorin

Annalee Newitz

© Jonathan Wilkins

 

Annalee Newitz ist amerikanische Journalistin und Herausgeberin und Autorin von Fiction und Nonfiction. Sie war Stipendiatin der Knight Science Journalism Fellowship des MIT und hat für Popular Science, Wired und den San Francisco Bay Guardian geschrieben. Sie ist Mitbegründerin der Science Fiction-Webseite io9 und war von 2008 bis 2015 deren Chefredakteurin, später auch die von Gizmodo. Seit 2016 schreibt sie für die Technologieseite Ars Technica über Wissenschaft, Technologie und Kultur. Autonom ist Annalees erster Roman.

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