»Lieber überfordert als unterbeschäftigt«: V. E. Schwab im Interview

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INTERVIEW

»Lieber überfordert als unterbeschäftigt«: V. E. Schwab im Interview


Während die Fantasy-Autorin V. E. Schwab am Schreibtisch saß und ihre Weltenwanderer-Trilogie zum Abschluss brachte – die soeben als Die Beschwörung des Lichts bei Fischer TOR erschienen ist –, fanden draußen Massendemonstrationen gegen Donald Trump statt. Im Interview spricht sie über Politik und Kreativität, Monster und Zeitmanagement.

 

Fantasy-Literatur ist für viele Schriftsteller ein Mittel, Missstände in unserer Welt aufzudecken. Welche Wahrheiten versuchst du durch deine Bücher ans Licht zu bringen?

V. E. Schwab: Wow, das nenne ich eine einfache Frage zum Einstieg. Nun, ich setze mich nie mit einer vorgefassten Meinung an die Arbeit. Vielmehr entdecke ich die Wahrheit beim Schreiben. Ein Gedanke, der mein Werk durchzieht, ist, dass die Welt vor allem jenen offensteht, die bereit sind, sich ihren eigenen Weg zu bahnen.

Ich war bei einigen deiner Lesungen dabei. Eines der Themen, das dort immer wieder zur Sprache kam, findet sich in allen deinen Büchern: der Gedanke des Monströsen. Kannst du uns genauer erklären, was du darunter verstehst?

Ja, das Monströse hat mich schon immer interessiert, aber letztendlich fasziniert mich vor allem die simple Vorstellung vom Anderen, vom Außenseiter. Im Zentrum aller meiner Geschichten stehen zwei Arten von Außenseitern: die, die in eine Gesellschaft hineingeboren werden, in der sie sich fremd fühlen; und die Neuankömmlinge in einer Gesellschaft, denen man zu verstehen gibt, dass sie nicht dazu gehören. Ich liebe die Parallelen und Kontraste, das Wechselspiel zwischen den Figuren und ihrer Umgebung und die Spannungen, die Außenseiter in eine Geschichte hineintragen.

Woher kam die Inspiration zu den verschiedenen London in deiner Weltenwanderer-Trilogie?

Anstatt mir vier komplett unterschiedliche Welten auszudenken, hatte ich die Idee, vier Welten zu entwerfen, die gleichsam denselben Körper teilen. Das Graue London basiert natürlich auf dem unseren; für das Rote London habe ich mich von osteuropäischen Städten inspirieren lassen, während ich beim Weißen London das raue Klima Skandinaviens vor Augen hatte. Mir ging es darum, Welten zu schaffen, die sich unterscheiden, dabei aber unauflöslich miteinander verbunden sind. Nicht nur durch den erwähnten gemeinsamen Körper, sondern auch durch die Gegenwart von Magie. Dabei unterscheidet sich die Art und Weise des jeweiligen Umgangs mit der Magie so sehr, dass dies jeder der Welten seinen Stempel aufgedrückt hat.

Du hast in nur sechs Jahren zwölf Romane geschrieben. Hast du Hermine ihren Zeitumkehrer geklaut? Und kannst du ihn mir mal leihen? Aber im Ernst – wie schaffst du es, deine Zeit so effektiv zu nutzen? Zudem hast du in dem Zeitraum auch deinen Master gemacht.

Auch wenn ich bei weitem nicht so produktiv bin, wie das viele zu glauben scheinen, arbeite ich doch fast immer an irgendeinem Buch. Im Grunde bin ich ein Paradebeispiel für schlechtes Zeitmanagement, da ich nicht in der Lage bin, auch mal nichts zu tun. Stattdessen mache ich immer mehrere Sachen gleichzeitig. Lieber bin ich überfordert als unterbeschäftigt.

Glaubst du, dass das derzeitige politische Klima deine Arbeit beeinflussen wird?

Nun ja, eines meiner letzten Bücher, This Savage Song, spielt in einer Welt, in der Gewalttaten zur Entstehung von Monstern führen. Und die Weltenwanderer-Trilogie hat einen stark politischen Aspekt, was den Missbrauch von Macht angeht. Das jeweilige gesellschaftliche Klima wird zweifellos immer Einfluss auf meine Arbeit haben.

Angesichts von tagtäglichen Massenprotesten finden es viele US-amerikanische Autoren schwierig, einfach so mit ihrer Arbeit weiterzumachen. Hast du einen Rat für andere Autoren bzw. jede Art von Künstler: Wie kann man kreativ bleiben, obwohl das angesichts der schwerwiegenden Probleme Anderer unwichtig scheinen mag?

O Mann, das ist wirklich unglaublich schwierig. Auch ich hatte in den letzten Monaten große Mühe, mich auf das Schreiben zu konzentrieren. Aber ich rufe mir dann immer ins Gedächtnis, welche Macht in der Kunst liegt. Und dass, wenn ich mich durch die schwierigen Umstände zum Schweigen bringen lasse, ich selbst die Verliererin bin und nicht die Mächte, gegen die ich ankämpfe. In jedem von uns ist genügend Platz für Zorn, Tatkraft und Kreativität. Und all das hat seine Berechtigung.

Um auf deinen Master zurückzukommen, den du vor kurzem abgeschlossen hast: Du hast, glaube ich, mal gesagt, dass du dich mit den Darstellungen des Monströsen in der mittelalterlichen Kunst beschäftigt hast. Wenn du einen Kurs zu den Darstellungen des Monströsen in Fantasy, Science Fiction und/oder Horrorliteratur geben würdest – welche Bücher müssten deine Studierenden gelesen haben?

Was für eine wunderbare Frage. Unbedingt Neil Gaimans American Gods, Catherynne Valentes Deathless und Naomi Noviks Das dunkle Herz des Waldes.

Und hier noch ein paar kurze Fragen zum Abschluss, nur so zum Spaß.

Dein Haus in Hogwarts? Slytherin.

Lieblingstee? English Breakfast.

Lieblingsort? Edinburgh, Schottland.

Mit welcher deiner Figuren würdest du gerne ein Tässchen Tee trinken? Victor Vale oder Rhy Maresh.

Deine Inspirationsquelle? Neil Gaiman.

 

Vielen Dank!

 

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Deutsch von Petra Huber

 

© 2017 by Ardi Alspach. Mit freundlicher Genehmigung der Urheberin.

Zuerst erschienen unter dem Titel »V. E. Schwab Talks Writing Fantasy That Lights Up the World« bei B&N Sci-Fi & Fantasy blog.

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