Der Fall Hans Peter Lovecraft

© TuendeBede, OpenClipart-Vectors – pixabay // Leslie S. Klinger

PORTRÄT

H.P. Lovecraft schwätzt Schwäbisch: ein Autorenporträt


Cornelius Zimmermann
19.04.2018

»I glaub, die gröschte Barmherzigkeit dieser Welt isch die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, elles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setza.« Hans Peter Lovecraft aus Nürtingen stand zeitlebens im Schatten seines älteren Bruders Howard Phillips Lovecraft: Der hoch talentierte Horror-Schriftsteller, Verfasser von »Claus’ Ruf« und »Zwerge des Wahnsinns«, erlangte nie die Beachtung, die ihm eigentlich gebührte. Ein Autorenporträt von Cornelius Zimmermann, seinem Schwarzwälder Schriftstellerkollegen, der soeben mit »Rocking the Forest« sein Debüt feiert.


Weniger bekannt als Howard Phillips (»H. P.«) Lovecraft, der berühmte und einflussreiche amerikanische Autor phantastischer Horrorgeschichten, ist sein jüngerer Halbbruder, der schwäbische Schriftsteller Hans Peter Lovecraft.

Hans Peter Lovecraft wurde als Hans Peter Haefele am 1. April 1892 in Providence, Rhode Island (wie auch Howard Phillips Lovecraft), geboren. Sein Vater, der Schuhverkäufer Rainer Ignatz Abraham Haefele, war im Jahre 1873 aus dem württembergischen Nürtingen in die USA eingewandert. Im Jahre 1897 aber verließen die Haefeles die USA wieder und kehrten nach Nürtingen zurück, weil Amerika den streng monarchischen Vorstellungen des Vaters nicht genügen konnte.

Hans Peter blieb zeitlebens mit seinem Halbbruder in Briefkontakt und nahm als junger Erwachsener den Nachnamen der Mutter, nämlich Lovecraft, an. Ausgestattet mit literarischem Talent und inspiriert vom Werk seines Halbbruders, wandte er sich schließlich ebenfalls dem Bereich der phantastischen Horrorliteratur zu.

Seine literarische Haltung schilderte Hans Peter einst in einem Brief an Howard Phillips in seiner schwäbischen Muttersprache wie folgt:

»I glaub, die gröschte Barmherzigkeit dieser Welt isch die Unfähigkeit des menschlichen Verstandes, elles sinnvoll zueinander in Beziehung zu setza. Mir läbet auf ainer friedlicha Insel der Ahnungslosigkeit, inmitte schwarzer Meere der Unendlichkeit, un es isch itten vorg’seha, dass mer die Gewässer weit befahre sollet. Un wenn’d dann oimol um’d nächschde Ecke sägelsch, und denksch dir nix dabei, no stoht om’d Ecke dr schwarze Maa un bretzlet dir mitemma Schürhaka oins of de Kopf, dass ma doi Schädelbromma no am Bodasee höra kaa.«

Howard Phillips hat den ersten Teil dieser Gedanken als Einleitung zu seiner berühmten Kurzgeschichte »Cthulhus Ruf« verwendet, was ihm der gutmütige Hans Peter aber nie übelgenommen hat. Hans Peter verfasste im Jahre 1930 eine Fortsetzung der Geschichte unter dem Titel »Claus’ Ruf«, in der seine Heimatstadt Nürtingen als das Neue R’lyeh und damit als weitere Ruhestätte des großen Cthulhu ins Spiel gebracht wird. Die Geschichte erschien 1931 im »Nürtinger Stadtanzeiger«, erlangte aber nie die Bekanntheit ihres großen Vorgängers.

Hans Peter Lovecraft entfaltete bis zu seinem Tod im Jahre 1950 eine unglaubliche Schaffenskraft. Unter den unzähligen Romanen, Novellen und Kurzgeschichten finden sich literarische Juwelen wie »Schatten über Nürtingen«, »Das Ding im Vorratskeller«, »Der Fall Carl Deuteronomius Waiblinger« und »Zwerge des Wahnsinns«, die aber tragischerweise nie über die Nürtinger Stadtgrenzen hinaus Beachtung fanden.

Howard Phillips’ »Nachlassverwalter« August Derleth höchstselbst bezeichnete einst Hans Peters Schaffen als »abstrusen Scheiß, aus dem noch was hätte werden können, wenn das Zeug nicht immer in dieser öden Ecke Deutschlands spielen würde«. Dieser Ritterschlag des großen Derleth aber sollte Hans Peter nie zum Vorteil gereichen, er starb in bescheidenen Verhältnissen, unbeachtet von der Welt, in seinem kleinen, im Neu-England-Stil erbauten Häuschen in Nürtingen-Zizishausen, umgeben von seiner Familie.

Die berühmte Todesbetrachtung seines Halbbruders (»That is not dead which can eternal lie, and with strange eons even death may die«) findet sich in typisch Hans Peter Lovecraft’scher, schwäbisch-verschmitzter Abwandlung auf seinem schlichten Grabstein auf dem Nürtinger Waldfriedhof wieder. Dort steht geschrieben, und die Familie erzählt sich, es seien Hans Peters letzte Worte gewesen: »Was für immer liege kaa isch vielleicht itten g’schtorba, un wenn ma’s in Frieda lasst, stirbt G’vatter Tod vielleicht au no.«

Hans Peter Lovecrafts kleiner, aber bis heute treuer Nürtinger Anhänger- und Leserschaft mögen diese Worte zur Hoffnung gereichen.

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