Hic sunt dracones: Das große Dracheninterview mit Todd Lockwood und Bernd Perplies

© Todd Lockwodd // joergsteinmetz.com

INTERVIEW

Hic sunt dracones: Das große Dracheninterview mit Todd Lockwood und Bernd Perplies


Der große Drachenkünstler Todd Lockwood, der vor allem für seine Illustrationen zu Dungeons and Dragons und Magic – The Gathering bekannt ist, hat mit Der Sommerdrache seinen ersten Roman geschrieben – natürlich über Drachen. Und auch Bernd Perplies, Autor von Der Drachenjäger und Der Weltenfinder, beschäftigt sich seit Jahren so intensiv wie leidenschaftlich mit diesen eindrucksvollen Geschöpfen. Wir haben die beiden Drachen-Experten zu ihrem Lieblingsfabelwesen befragt und zeigen euch dazu einige Highlights aus Lockwoods Portfolio.

 

TOR ONLINE: Drachen spielen bei eurer Arbeit als Künstler und Autor eine wichtige Rolle. Wann habt ihr eure Begeisterung dafür entdeckt? Gibt es da irgendein Schlüsselerlebnis, von dem ihr uns gern berichten würdet? Welcher Drache hat euch als Erster so richtig beeindruckt?

Todd Lockwood: Im Disneyfilm Dornröschen verwandelt sich die Fee Malefiz in einen Drachen. Das gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen - damals durch die Windschutzscheibe unseres Familienautos gesehen. Große Monster habe ich immer geliebt. Je realistischer, desto besser! Mit Godzilla konnte ich nie viel anfangen, weil man so deutlich erkennen konnte, dass es nur ein Mensch in einem Gummianzug war. Harryhausens Filme mochte ich dagegen sehr. Gwangis Rache gehörte zu meinen Lieblingsfilmen, wegen des tollen Allosaurus darin. Danach war ich im Saurierfieber. Zu den Drachen bin ich erst später zurückgekehrt. In den Büchern, die ich damals gelesen habe, kamen kaum welche vor, mit Ausnahme von Smaug. Aber als ich mit meinen Freunden anfing, Dungeons & Dragons zu spielen, entdeckte ich sie neu. Im Rollenspiel konnte ich sie mit allen möglichen Eigenschaften ausstatten.

Bernd Perplies: Mein Interesse an Drachen dürfte mit ungefähr zwölf Jahren erwacht sein, als ich begann, mich für Pen-&-Paper-Rollenspiele zu begeistern. Davor hatte es in puncto Drachen in meinem Leben nur Grisu, Fuchur und den recht hässlichen Smaug der dtv-Ausgabe von Der kleine Hobbit gegeben – alles nicht sehr eindrucksvolle Geschöpfe. Die Drachen der Rollenspielwelten dagegen waren von einem ganz anderen Kaliber! Witzigerweise waren es nicht die Fantasy-Systeme, etwa Das Schwarze Auge oder Dungeons & Dragons, die mich mit den großen Echsen in Kontakt brachten, sondern Shadowrun. In diesem 1989 erschienenen Dark-Future-Rollenspiel trifft Cyberpunk auf Magie, und Drachen gelten als die mächtigsten Strippenzieher der Welt: Konzernbosse und zugleich uralte magische Geschöpfe mit einer ganz eigenen Agenda. Einer dieser Giganten hieß Dunkelzahn, und schon der Name hat mich damals beeindruckt. (Interessanter Nebenaspekt: Diese Drachen waren – für mich damals ein Novum – imstande, Menschengestalt anzunehmen, um unbemerkt unter den „geringeren Wesen“ zu wandeln, eine Idee, die mich dermaßen fasziniert hat, dass ich sie noch ein Vierteljahrhundert später in abgewandelter Form in meine Imperium der Drachen-Saga eingebaut habe.)

© Wizards of the Coast

Vorstellungen von Drachen gibt es viele. Jede Mythologie und Kultur hat eigene Ausprägungen hervorgebracht. Manche sehen aus wie Schlangen, andere haben gewaltige Schwingen. Es scheint innerhalb der Gattung eine große Vielfalt zu geben. Welches ist euer Lieblingsdrache aller Zeiten?

Todd Lockwood: Ich mag eigentlich alle Drachen - aus verschiedenen Gründen. In Der Sommerdrache habe ich mich von vielen inspirieren lassen. Ich könnte keinen Lieblingsdrachen nennen, aber die klassischen europäischen, die richtig fiesen, hatten es mir zugegebenermaßen als Erste angetan. Die klugen asiatischen Drachen mit ihren mystischen Bedeutungen mag ich auch, und wer hätte nicht gerne einen Drachen als Freund? Aber die Kraft und Ausstrahlung des gigantischen Raubtiers, die unergründlichen Vogel-Reptilien-Augen, hinterhältig und schlau, und das alles in Gestalt eines großen fliegenden Sauriers - das hat schon was!

Bernd Perplies: Puh, mir sind im Laufe der Jahre so viele Drachen begegnet, dass es mir tatsächlich schwer fällt, mich an den zu erinnern, der mich am meisten fasziniert hat. Ein visuell eindrucksvoller Brummer ist in jedem Fall Deathwing/Todesschwinge aus World of Warcraft. Dem nimmt man voll und ganz ab, dass er Helden zum Frühstück verspeist. Mein persönlicher Favorit ist jedoch vermutlich Kesrondaia, die Mutter der Kristalldrachen aus meiner Tarean-Trilogie. In meiner Vorstellung ist sie ein Geschöpf von strahlender Güte und überragender, Ehrfurcht gebietender Erhabenheit.

 

Die moderne Geschichte der Computeranimation beginnt mit den Dinosauriern in Jurassic Park. Seither waren jedoch häufig auch Drachen zu sehen. Welche gefallen euch am besten?

Todd Lockwood: Von Malefiz abgesehen kann ich mich nicht an besonders viele Filmdrachen erinnern. Harryhausens Hydra in Jason und die Argonauten hat mich als Kind mächtig beeindruckt. Den Film würde ich mir auch heute noch anschauen. Der Drachentöter von Disney war ziemlich gut. Als Jurassic Park die Welt der Spezialeffekte auf den Kopf stellte, hoffte ich, bald auch gute Drachen zu sehen. Dragonheart hat mich dann leider enttäuscht. Sean Connerys Stimme war zwar super, aber der Drache selbst nicht wirklich glaubwürdig. Sein Gesicht sah zu sehr nach Gummimaske aus, und sein Verhalten war zu menschlich. Wer ein Tier mit sechs Gliedmaßen generell absurd findet, der sollte Die Herrschaft des Feuers schauen. Zum damaligen Zeitpunkt die besten Filmdrachen überhaupt. Die finde ich noch besser als Smaug in den Hobbit-Filmen. Die drachenähnlichen Flugwesen in Avatar sind extrem gut gemacht. Absolut glaubhaft und originell. Aber vor allem die Drachen in Game of Thrones haben die Latte sehr, sehr hoch gehängt. Erstaunlich gut dargestellt, mit viel Liebe zum Detail!

Bernd Perplies: Ich finde die Drachen in dem Film Herrschaft des Feuers ziemlich gelungen. Das waren richtig fiese Biester, biologische Massenvernichtungswaffen, wenn man so will, und von ihren Machern auch gut durchdacht. Nie zuvor war mir bis dato das Konzept untergekommen, dass Drachen wie eine Speikobra Drüsen im Maul besitzen könnten, aus denen eine Art Zwei-Komponenten-Brennstoff geschossen wird, der sich dann in der Luft entzündet. Der Gedanke war genial! (Ich hoffe, ich habe das Making-of jetzt richtig zitiert. :) )

© Wizards of the Coast

Eure fünf liebsten Drachenbücher – und los!

Todd Lockwood: Der Hobbit. Wer könnte schon Smaug widersprechen? Außer Bilbo natürlich.

Thrones and Bones von Lou Anders - Drachenspaß für alle Altersgruppen.

Und dann … Zeit für ein Geständnis: Ich habe als Kind kaum Fantasy gelesen. Ich war eher ein Fan von Science Fiction, Mythologien und Büchern über Dinosaurier und Erdgeschichte. In meiner Zeit als D&D-Rollenspieler habe ich mehrere Fantasyserien angefangen, aber keine hat mich richtig begeistert. Vielleicht waren es einfach die falschen Bücher. Ich kann mich nicht erinnern, dass darin Drachen vorkamen. Als Dungeon Master habe ich oft Drachen gespielt, aber das ist etwas anderes. In Tom Lloyds Sturmkämpfer taucht ein ziemlich fieser Drache auf. Also, jetzt ist mir gerade klargeworden, warum ich unbedingt ein Buch über Drachen schreiben musste: Ich hatte da eindeutig ein Defizit!

Bernd Perplies: - Lass ab von Drachen von Robert N. Charette (1991)

Mächte des Feuers von Markus Heitz (2006)

Draconomicon: Chromatic Dragons von Bruce R. Cordell (2008)

Ära der Drachen – Schattenreiter von Gesa Schwartz (2016)

Der Drachenjäger – Die erste Reise ins Wolkenmeer von Bernd Perplies (2017)

 

Von Ursula Le Guin gibt es ein berühmtes Zitat: „Menschen, die nicht an Drachen glauben, werden häufig von ihnen gefressen. Und zwar von innen.‟ Damit will sie wohl sagen, dass Fantasy oder Phantastik ganz allgemein wichtig sind für unsere Auseinandersetzung mit uns selbst, um eine Art Gleichgewicht oder sogar Glück im Leben zu finden. Was bedeutet euch die Fantasy? Und was macht den Drachen als Motiv so besonders, verglichen mit anderen phantastischen Geschöpfen?

Todd Lockwood: Ein befreundeter Autor hat einmal zu mir gesagt, dass Science Fiction dann am besten ist, wenn sie ein Licht auf unsere Gesellschaft wirft und unsere Kultur näher beleuchtet. Fantasy hingegen erkundet die verborgene innere Welt. Drachen stellen auf dieser Reise ins Innere quasi das ultimative Raubtier dar. Sie sind uralt - Schlangen und Drachen gibt es schon so lange, wie Geschichten erzählt werden. Reptilien und Schlangen lösen etwas in unserem kollektiven Unbewussten aus. Vielleicht wurde da was in unsere Gene eingeschrieben, als unsere Vorfahren, die noch auf Bäumen lebten, ihnen zum Opfer fielen. Drachen sprechen unsere tiefsten Urängste an. Sie sind stolz wie Löwen und wild wie Tiger, Panther oder Adler. Sie sind undurchschaubar, räuberisch und klug. Sie sind riesig. Und sie können fliegen!

Joseph Campbell (mein Guru) beschreibt die Reise des Helden als Meilensteine einer seelischen Entwicklung. Unterwegs müssen viele Gegner besiegt werden, die häufig Schwächen oder innere Auseinandersetzungen des Helden symbolisieren. Dinge, die wir nicht verstehen, jagen uns Angst ein, besonders wenn sie in uns drinnen lauern. Die Fantasy schaut an diese dunklen Orte, um zu sehen, ob da was zurückschaut.

Bernd Perplies: Für mich ist die Phantastik eine Spielwiese, die es mir gestattet, meiner Freude am Fabulieren nachzugeben und zugleich eine gewisse Moral zu transportieren, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger dazustehen. Es mag in Zeiten, in denen düstere Fantasy beliebt ist, vielleicht nicht ganz so populär sein, aber ich möchte über Figuren schreiben, die am Ende etwas besser geworden sind, als sie am Anfang waren, die einen Reifeprozess hin zum Guten durchlaufen haben. Aus einem selbstsüchtigen Schurken wird ein Freiheitskämpfer. Aus einem jungen Mann, der von der Drachenjagd fasziniert ist, wird ein Kritiker dieser Jagd.

Drachen stellen für mich die Krone der Phantastik – oder zumindest der Fantasy – dar. Sie wirken nicht nur imposanter als jeder Zwergenkriegsherr oder Elfenkönig, sie verkörpern auch die ultimative Weisheit und Macht. Die Beziehung dieser Geschöpfe zu ihrer Umwelt ist für mich ein faszinierendes Thema. Sind sie Mentoren oder Zerstörer? Werden sie angebetet oder verfolgt? Dazu kommt, dass sie ein extrem vielseitiges phantastisches Element sind. Ein Ork ist ein Ork – und wenn man ihn im Charakter oder Aussehen merklich verändert, wird er nicht mehr als Ork wahrgenommen. Ein Drache dagegen kann Lehrmeister und Nemesis sein, Haustier und Gefährte, gejagtes Tier oder Herrscher über alle Schöpfung, rot, grün, blau, silber, winzig oder titanisch – wir nehmen ihn immer noch als glaubwürdigen Drachen wahr. Nur Zauberkundige sind ein ähnlich starkes und flexibles Motiv, aber Drachen wirken einfach eindrucksvoller.

 

„Hic sunt dracones‟ – diesen Satz kennt man von alten Karten. Wo würdet ihr Drachen in der modernen Welt am liebsten sehen?

Todd Lockwood: Vielleicht im Zoo, sicher hinter Gittern.

Bernd Perplies: Ich gestehe, dass ich vollends damit zufrieden bin, wo sich Drachen im Augenblick herumtreiben: in Videospielen, auf Kinoleinwänden, in Büchern. Denn mal ehrlich: Wozu wäre ein Drache in unserer Wirklichkeit gut? Entweder wäre er ein Zerstörer, dann müssten wir ihn töten. Oder er wäre ein Mentor, dann würde er sehr rasch feststellen, wie viel wert die Menschen auf ihren eigenen Willen legen. In der Welt der Gedankenspiele sind die großen Echsen in jedem Fall besser aufgehoben.

 

Vielen Dank!

 

---

Die Antworten von Todd Lockwood wurden ins Deutsche übertragen von Sara Riffel

Share:   Facebook