Fremde Sprachen in magischen Welten – Hindernis und offene Tür

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ESSAY

Fremde Sprachen in magischen Welten: ein Essay von V. E. Schwab


Wer eine Welt erfindet, muss sich auch überlegen, wie in diesem fiktiven Raum kommuniziert wird. Wer vier Welten erfindet, steht gleich viermal vor dieser Frage. In ihrem Essay erzählt die Fantasy-Autorin V. E. Schwab, welche Überlegungen hinter den erfundenen Sprachen in ihrer Weltenwanderer-Trilogie stehen.

Was Fremdsprachen angeht, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Mein Französisch ist miserabel, obwohl ich mich vier Jahre lang damit geplagt habe. Trotzdem hatte ich von Anfang an keine Zweifel, dass jedes der vier London in meiner Weltenwanderer-Trilogie seine eigene Sprache haben würde.

Als Autorin muss ich, um eine klare Vorstellung von meinen Figuren zu bekommen, zuerst die dazugehörige Welt erschaffen. Also ist es nicht verwunderlich, dass ich, um meine Figuren verstehen zu können, ihre jeweilige Sprache kennen muss. Gehören sie einem Volk an, das zahlreiche Wörter für die Liebe, aber keinen einzigen Begriff für Gott kennt? Wie begrüßen sie sich? Und wie sagen sie Auf Wiedersehen?

Eingeweihte und Außenseiter

Wörter sind natürlich die Bausteine einer jeden Geschichte. Darüber hinaus stellen sie ein wichtiges Werkzeug für den Autor dar, um den Schauplatz, die Figuren und – das gilt besonders für Fantasy-Literatur – die gesamte Welt zu gestalten. In jeder Geschichte gibt es Eingeweihte und Außenseiter; das bloße Vorkommen einer fremden Sprache zeigt den Lesern, dass sie (noch) nicht dazugehören. Sie tauchen langsamer in die geschilderte Welt ein, da sie jede Menge Neues lernen müssen, wie Reisende in einem unbekannten Land.

Doch fremde Sprachen wirken nicht nur für die Leser wie ein Hindernis, das sie überwinden müssen; vielmehr haben sie bisweilen auch innerhalb einer Erzählung eine ganz ähnliche Funktion. So können sie den Figuren das Gefühl vermitteln, nicht dazuzugehören. Lila Bard muss sich in einem London zurechtfinden, in dem ihre Muttersprache, das Englische, den Adeligen vorbehalten ist, während sie das einfache Volk nicht versteht. Kell ärgert sich permanent darüber, dass alle ihn als „aven“ (Gesegneter) oder „vares“ (Prinz) bezeichnen. Obendrein beherrscht er als Einziger eine Sprache, die ihn als Antari, als Blutmagier, kennzeichnet, was ihn noch einsamer macht.

Barriere oder Einladung

Die Sprachen, die ich für meine Trilogie erfunden habe, unterscheiden sich deutlich; aber jede davon weist Ähnlichkeiten mit existierenden Sprachen auf. Die Sprache der Rotlondoner ist geschmeidig und wohlklingend, während die Bewohner der Weißen Stadt, deren Klima bedeutend rauer ist, ein kehliges Idiom sprechen. Und im Grauen London, das auf dem unseren basiert, spricht man Englisch. Dadurch fühlen sich die Leser dort zunächst zu Hause, doch je öfter die anderen Sprachen vorkommen, desto fremder erscheint das vormals so Vertraute.

Für mich als Schöpferin dieser Welten ist es immer wieder faszinierend, mit welchem Eifer meine Leser bestimmte Wörter und Sätze in sich aufsaugen und die Bedeutung von Kells Zaubersprüchen, die zwischen Prinzen übliche Begrüßung oder sogar Callas umgangssprachliche Ausdrücke auswendig lernen. Während die meisten der immer wieder zitierten Aussprüche dem Englischen, Lilas Muttersprache, entstammen, unterschreibt der eine oder andere Fan seine Mails an mich mit »As Travars«, einem Blutbefehl aus der Antari-Sprache. Im Übermaß verwendet, können fiktionale Sprachen wie eine Barriere wirken, die nur ein paar Eingeweihte überwinden können. Geschickt eingesetzt, bilden sie eine Einladung an den Leser, ein Teil der geliebten Welt zu werden. Was zunächst ein Hindernis war, verwandelt sich in eine offene Tür.

 

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Deutsch von Petra Huber

 

© 2016 by V. E. Schwab. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Zuerst erschienen am 1. Februar 2016 unter dem Titel »No Mother Tongue: Language in the world of Magic« auf torforgeblog.

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