Fünf Bücher für Fans des phantastischen Mindfucks

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BUCH

Fünf Fantasy- und Science-Fiction-Bücher mit WTF-Faktor


Es gibt Erzählungen in der Fantasyliteratur, die sich am besten mit drei Buchstaben beschreiben lassen: WTF?! Wem George R. R. Martin zu geradlinig und greifbar ist, seien diese fünf Bücher des phantastischen Mindfucks ans Herz gelegt.

Logik? Gehört abgeschafft. Das Normale? Langweilig. Dadaismus, Surrealismus, Postmoderne – es lässt sich bei vielen literarischen Strömungen ansetzen, die gängige Konventionen mit dem Absurden konterten. Heute versammeln sich solche Bücher unter einem Begriff: Mindfuck.

Bestehende Ideen und Vorstellungen rüttelt diese Art von Literatur durch. Jeder Satz führt bei diesen Büchern tiefer in das Labyrinth der Paradoxien und des Irrwitzes, des Ungewissen. Die Wege dieser Geschichten kräuseln sich wie heißgelaufene Hirnwindungen. Die Autoren dieser Bücher stellen ihre Leser vor Herausforderungen, öffnen einen Riss in der Realität und schleusen so Subversives und Großartiges in die Welt. Das Groteske, das Verwirrende, das Überwältigende als Wegweiser. Doch wo anfangen in dieser unübersichtlichen Literaturgeschichte? Welche Bücher lohnen sich, um die grauen Zellen in Schockstarre zu versetzen? Ein kleiner Einstieg in Wahn, Widerspruch und das Wunderliche.

 

J. Rodolfo Wilcock – Das Buch der Monster

Einfache Gleichung: Monster sind verborgene Ängste der Gesellschaft. Wir hier drinnen, die dort draußen. Fast jedes monströse Wesen lässt sich in seinem Charakter nach diesem Motiv aufschlüsseln.

Doch es gibt ein paar Autoren, die an dieser Idee vorbeischreiben, deren Monster anderen Quellen entspringen. Der argentinische Autor Juan Rodolfo Wilcock veröffentlichte 1978 sein Buch der Monster und entließ damit zweiundsechzig bizarre und verzerrte Biografien in die Welt. Denn das schmale Buch listet tatsächlich einfach nur das kurze Leben von diversen Menschen auf, deren Sünden und Laster sich ins Absurde steigern. »Es ist ziemlich offensichtlich, daß Fulvia Net sich im vorgerückten Zustand der Verwesung befindet, wie sollte man sich sonst ihre Erfolge nicht nur bei den Männern erklären?« Wenn die Liebe eine Flamme ist, braucht sie in diesem Buch von Wilcock das Gas des Aases, um zu brennen.

Wilcocks Stärke besteht in seinem Stil, der jede Figur perfekt mit wenigen Wörtern zeichnet. Menschen verwandeln sich hier in Pfützen, ein Akrobat dehnt sich mit seinen Wurstfingern und schinkenähnlichen Händen in die Weite. Das Buch der Monster erzählt keine Geschichte(n), sondern versammelt Fragmente, Narzissmen und Störungen einer Menschheit, die sich vor nichts von draußen fürchten muss. Denn die schlimmsten Monster gebiert sie immer noch selbst und in ihren eigenen Reihen.

Mark Z. Danielewski – Das Haus

Tretet ein! Denn Mark Z. Danielewskis Haus hat mit den üblichen Spukhäusern wenig bis nichts gemein. In den Kellern und verborgenen Gängen rumort zwar das Böse, doch damit haben sich alle Ähnlichkeiten zu den düsteren Häusern aus alten Horrorfilmen erledigt. Denn das vom US-Schriftsteller vor 17 Jahren publizierte Buch spielt nach allen Regeln der Postmoderne: Meta-Ebene, Erzählungen in Fußnoten, falsche Quellen, Dinge, die nicht sein dürfen, ein Spiel zwischen Genre und Literatur. Dieses Haus ist ein wirklicher Albtraum.

Alles beginnt damit, dass der Fotograf Will Navidson mit seiner Frau und den Kindern in ein neues Haus einzieht. Diesen Neuanfang will er festhalten, in einem Projekt mit dem Namen »Navidson Record«. Doch das Haus stimmt nicht mit seinem aufgezeichneten Grundriss überein, ungeahnte Räume und Flure tauchen auf. Mit weiteren Abenteurern beginnt Will die Erkundung des Hauses und findet sich einem formlosen Grauen ausgesetzt.

Doch neben den Erzähler mischt sich eine zweite Stimme, die von Zampano, der eine Abhandlung über den Film »Navidson Record« schreibt, und wie es sich für leicht Irre gehört, tippt er seine Notizen auf zahllose Zettel. Und auf der dritten Ebene erzählt Johnny Truant, der all diese Dinge für eine Veröffentlichung in Ordnung bringen will.

Drei Anhänge und ein Abspann runden dieses fast 800 Seiten dicke Werk ab. Danielewski lässt mit diesem Roman ein eigenes Labyrinth entstehen, ein Buch als Spukhaus mit zahllosen Sackgassen und toten Winkeln, in denen Dinge passieren, während der Leser gerade nicht aufpasst. Daneben hat er mit der Typographie gespielt. Nicht nur die Schriftarten wechseln mit der Erzählstimme, auch tun sich im Layout des Textes manchmal weiße Quadrate auf, leere gespenstische Flächen. Oder der Text läuft gleich verkehrt herum über die Seite.

Das Haus von Mark Z. Danielewski lässt sich kaum fassen. Das Grauen sitzt tief in diesem Buch, in diesem Meisterwerk der Horrorliteratur, das Leser für Wochen beschäftigen kann. Denn dieses Labyrinth lässt sich nicht so einfach wieder verlassen. Weder im Buch noch im eigenen Kopf.

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Haruki Murakami – Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

Das Ende der Welt kennt Einhörner. In einer mittelalterlichen Stadt, voller emotionsloser Menschen, findet sich der Erzähler wieder. Und vielmehr als die Einhörner und Gebäude scheint es nicht zu geben. Er muss seinen Schatten abgeben, wie es alle anderen Bewohner vor ihm getan haben. Dadurch verliert er seine Erinnerungen. Eine nüchterne und phantasielose Welt breitet sich langsam aus.

Das Hard-boiled Wonderland kennt keine Einhörner. Stattdessen geht es in dieser nicht ganz so fernen Zukunft um Datendiebstahl und Verschlüsselungstechniken. Der Erzähler arbeitet als Kalkulator für das System. Die Fabrik will an die Daten des Systems. Und wohl umgekehrt. Der Erzähler kann mit einer komplizierten Methode die Daten verschlüsseln. Doch ein Auftrag führt ihn aus seinem Alltag in ein phantastisches Höhlensystem unterhalb Tokyos.

Haruki Murakamis Roman von 1985 versucht das Unmögliche: Der japanische Schriftsteller will hier die menschliche Phantasie einfangen. Dafür überträgt er seine Ideen auf diese beiden Erzählungen, die sich mit jeder Seite mehr und mehr ergänzen. Zu einer Überschneidung kommt es nie. Und doch tragen die beiden Geschichten dieselbe Essenz in sich. Murakami mischt hier nicht nur Phantastik mit Abenteuerroman und anderen Erzähltraditionen, er stellt unsere Vorstellungskraft auf die Probe. Denn Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt erweist sich nicht nur als wunderbare Geschichte, sondern als ein großes Buch über das Erzählen.

Katherine Dunn – Binewskis: Verfall einer radioaktiven Familie

Drei Buchstaben für diesen Roman von 1989: WTF.

Die Familiensaga der Binewskis beginnt mit einem Wanderzirkus. Direktor Al und seine Frau Crystal Lil merken schnell, was das Publikum will: Freaks. Und so beginnen sie mit Drogen und Radioaktivität zu experimentieren, um ihren Nachwuchs schon während der Schwangerschaft zu modifizieren.

Alles, was nicht normal ist, ist erwünscht, alles, was sich unterscheidet vom Rest der Welt, bringt Publikum. Arturo kommt ohne Arme und Beine zur Welt, Hände und Füße sitzen bei ihm direkt am Torso. Ihm folgen die beiden Zwillinge, zusammengewachsen an der Hüfte. Ihre Schwester Olympia mutet da als kleinwüchsiger Albino fast noch normal an. Zumindest haben die Eltern keine andere Rolle für sie vorgesehen als Ausruferin an der Abendkasse. All die anderen Kinder, die es nicht ins Leben schafften, haben ihren Platz in Glaskolben in einem eigenen Zelt.

Wohlgemerkt: Wir sind an dieser Stelle der Nacherzählung gerade einmal wenige Seiten in der Geschichte drin. Was US-Autorin Katherine Dunn dann folgen lässt, ist ein Roman über die Fragen nach Normalität und Außenseitertum, nach Glaube und Familienbanden, nach Größenwahn und Berühmtheit. Arturo tritt als Fischjunge auf, die Zwillinge spielen gemeinsam an einem Klavier – alles zum Amüsement des Publikums. Und letztendlich der Leser, denn das ist der doppelte Boden dieses Romans. Olympia erzählt aus ihrer naiven Perspektive von ihrer Familien, von der Geburt von Chick, der mit seinen telekinetischen  Kräften schnell Begehrlichkeiten weckt. Denn Arturo duldet keinen anderen Stern am Himmel neben sich. Seine Sucht nach Anerkennung geht soweit, dass er im Verlauf eine Sekte gründet, deren Mitglieder sich freiwillig die Arme und Beine amputieren lassen.

All das erinnert an den US-Horrorfilm Freaks von 1932, nur verpflanzt Dunn den Stoff in die Mechanismen der Popkultur. Die Selbstzerstörung, der Narzissmus, der Wahnsinn, all das ballt sich in diesem Buch zu einer der eindringlichsten Geschichten des 20. Jahrhunderts. Und mehr als einmal treibt Dunn ihre Figuren dicht an den Abgrund. Angeblich soll der Roman zu den Lieblingsbüchern von Kurt Cobain und Terry Gilliam zählen. Und damit wäre das Spannungsfeld dieses Buchs am besten beschrieben. Ein Roman wie ein Rausch.

Samanta Schweblin – Das Gift

»Ich mag die phantastische Literatur sehr, aber in meinen Texten achte ich darauf, mich immer genau auf der Grenze zwischen dem Realen und dem Phantastischen zu bewegen und nie daneben zu treten«, sagte Samanta Schweblin einmal in einem Interview. In ihrem Roman Das Gift von 2015 lässt sie einen Fluch durch jede Seite ziehen, zuerst befällt er die Tiere, dann die Menschen eines argentinischen Dorfs.

Amanda und Carla sowie ihre Kinder kommen mit jenem Gift ebenfalls in Kontakt – zumindest deutet dies Amanda als Erzählerin an. Allerdings spricht sie ja selbst im Dämmerzustand von den Geschehnissen, es könnte genauso gut das Fieber aus ihr sprechen. Eine Heilerin soll die Kinder retten, die Verpflanzung des Geists in einen neuen Körper soll für Besserung sorgen. Doch was passiert? Die argentinische Autorin lässt es offen.

Amanda und ein toter Junge bestreiten im Dialog das Erzählen dieses Romans, was an Juan Rulfos Pedro Páramo erinnert. Das Perfide an diesem kleinen Buch: Es ist nie wirklich klar, wann dieser Fluch losbricht. Er zieht keine Figur in eine Unterwelt, stattdessen bewegt sich die Geschichte auf genau jener Grenze zwischen Realem und Phantastischem, sodass sich alles im Ungewissen auflöst.

Dazu arbeitet Samanta Schweblin mit einem kargen Stil, der mit nur wenigen Worten direkt zupackt: »Weil ich irgendwie festhänge in diesem Bild, ich sehe alles ganz deutlich vor mir, aber manchmal fällt es mir schwer fortzufahren.« Und genau so fühlt sich die Atmosphäre dieses Romans an. Eine drückende Schwere, die fast einen Stillstand erzeugt, in dem Dinge in Zeitlupe ablaufen. Am Ende löst sich die Zeit komplett auf, der Leser versinkt zwischen Fakt und Fiktion, Realismus und Phantastik. Das Unheil dieses Romans, es bricht da gerade erst einmal los. 

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