Dungeons und Workouts: Vom Winde verweht (1/3)

BUCH

Dungeons und Workouts (Teil 2): Der Hampelmann


TOR Team
16.04.2018

Wir machen euren Nerd-Body frühlingsfit. In Teil 2 unserer Fitness-Strecke aus "Dungeons & Workouts" (Meyer & Meyer Verlag) beginnen wir gaaanz easy mit dem klassischen Hampelmann. (Teil 3 nächste Woche wird dagegen kein Zuckerschlecken!)

Hier geht's zu Teil 1 unserer Sportstrecke "Dungeons & Workouts".  

Langsam vollkommen klarwerdend stellt sich die Stimme als die deiner kleinen Schwester Ida heraus. So aufgeregt hast du sie seit Tagen nicht mehr gehört. Du öffnest also mit Eile und Sorgfalt die etwas marode Tür nach draußen und schaust dich um. Noch vor allen anderen Eindrücken schlägt dir ein Geruch entgegen, der sich auf die Schleimhäute legt und dich eine ganze Weile lang begleitet. Die Hauptursache dafür steht nur wenige Meter von dir entfernt, eine kleine Herde Ziegen, den besonderen aromatischen Zusatz liefert heute die schon hoch am Himmel stehende Sonne. Die scheint nämlich auf den Morast rund um den Stall und sorgt so für eine süßliche Note in der doch recht strengen Komposition der Ziegen. Zwischen den Tieren kannst du Ida allerdings nicht ausmachen.

Du lauschst, ob dir ein erneuter Ruf die Richtung verraten kann, denn außer dem kleinen Hügel neben dem Haus sind auch noch jede Menge Felder ringsherum, von denen so manche schon in voller Blüte stehen und damit deine Schwester überragen, was das Auffinden von ihr nicht unbedingt einfacher macht. Du führst deine Hand schützend vor die Augen, da gerade keine Wolke in Sicht ist, die die Sonne davon abhält diese lustigen bunten Flecken in deinem Sichtfeld zu hinterlassen. Wie in einem Ausguck drehst du dich langsam im Uhrzeigersinn und versuchst die Gegend zu sondieren, auch ohne Kompass oder Karte. Du kneifst die Augen zusammen, um das Fehlen eines Fernrohrs wettzumachen, und findest dich nach kurzer Zeit mit geschlossenen Augen wieder, um dich besser auf die anderen Sinne konzentrieren zu können. Deine Nase kannst du dabei offensichtlich vernachlässigen, die liefert dir keine Informationen, von der Funktionalität des Verdauungstraktes der Ziegen einmal abgesehen. Du hörst in dich hinein und nimmst das leichte Rauschen der Brise wahr, die über die Felder weht. Im Hintergrund hörst du ganz leicht das Plätschern des Baches, der unweit des Hofes fließt. All das klingt so friedlich und harmonisch und hat eine beruhigende Wirkung auf dich, deine Glieder entspannen sich, bevor du dich daran erinnerst, was du hier draußen tust. Du öffnest die Augen und hörst wieder deinen Namen, diesmal lauter und deutlich aus Richtung des Schuppens.

Mit schnellen Schritten näherst du dich dem Schuppen, dabei schaust du dich weiter um, ob du Ida irgendwo entdecken kannst. Sie liebt es, sich zu verstecken. Selbst wenn du gar nicht mitspielst, ist sie schon teilweise hinter dir aus dem Schrank gesprungen oder überrascht dich aus dem Nichts hinter den Ziegen und schreckt damit auch die Tiere auf. Kurz vor dem Schuppen hörst du sie erneut rufen, noch energischer als vorher. Leichte Sorgenfalten ziehen sich über deine Stirn, als du die nur angelehnte Tür aufziehst. Die Seite mit den Werkzeugen liegt still und unberührt zu deiner Linken, Sense und Sichel hängen immer noch außerhalb von Idas Reichweite. Du hörst es rascheln und kichern, zwei Mäuse flitzen um die Wette mitten durch deine Beine. Durch die Bretter dringen Sonnenstrahlen in den Raum und in ihnen siehst du jede Menge aufgewirbelter Staubpartikel, die sich zunehmend auf dich zuzubewegen scheinen. Das Kribbeln in deiner Nase wird immer stärker und entlädt sich schließlich in einem stattlichen Niesanfall.

„Das nennt man dann wohl Strohschnupfen“, meldet sich Ida amüsiert zu Wort. Sie liegt mitten in einer knöchelhohen Schicht aus Stroh und blickt dich an. „Da bist du ja endlich, ich ruf dich schon seit Stunden. Du hast doch bestimmt wieder nur geschlafen.“ Etwas grimmig schaust du sie an, doch das scheint sie nicht zu interessieren. „Schau mal, was ich kann.“ Sie breitet Arme und Beine aus und fängt an, sie aufeinander zu und wieder auseinanderzubewegen. „Das sind Strohengel und die sehen richtig schön aus.“ Immer weiter rudert Ida in ihrem Lieblingskleid, das blaue mit den kleinen Katzen drauf, mit den Armen und Beinen. Davon aufgeschreckt huscht eine weitere Maus blitzschnell aus dem Stroh und es sieht aus, als würde sie vor den vielen kleinen Katzen davonlaufen. „Komm schon, mach mit. Ich will auch einen großen Engel sehen, bitte.“ Nachdem du keinerlei Anstalten machst, dich im Stroh zu wälzen, wird ihr Bitten dringlicher und auch kreativer.

Wenn du mitmachst, dann verrate ich dir danach auch, wo ich meinen Schatz versteckt habe. Und wenn der Engel besonders schön geworden ist, zeige ich ihn dir sogar.“ Dem Leuchten in den Augen deiner Schwester gibst du schließlich nach, legst dich etwas widerwillig in das Stroh und beginnst wie wild mit der Strohengelproduktion.

Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht
Dungeons und Worksouts (Teil 2): Vom Winde verweht

Auch wenn du diesmal vorausschauend dein Oberteil über die Nase gezogen hast, kribbelt es doch wieder heftig in der Nase. Der ganze Schuppen ist erfüllt von umherwirbelndem Stroh, aber auch von der fröhlichen Lache deiner Schwester. Vorsichtig und langsam, um den Engel nicht zu zerstören, stehst du auf und gehst etwas beiseite. Ida steht schon stolz über ihrem Engel, da wendet sie sich deiner Kreation zu. „Hm, ja nicht schlecht. Vielleicht sollte dein Engel weniger Ambrosia essen, an der Hüfte kann er jedenfalls noch arbeiten, er soll ja schließlich noch durch die Luft fliegen. Meiner kann bestimmt ganz tolle Sachen im Flug machen, einen Überschlag, Sturzflug und all so was. Ach, ich wünschte ich könnte auch fliegen, dann könnte ich überall hin.“ Mit überraschtem Gesicht siehst du sie an. „Ist nur Spaß, ich bleibe natürlich hier bei dir“, sagt sie und grinst. Sichtlich erleichtert erinnerst du sie an ihr Versprechen, dir ihren Schatz zu zeigen. „Ach ja, aber erst mal zeige ich dir nur, wo er ist, damit du ihn zu sehen bekommst, musst du mir nämlich noch mal helfen. Komm mit.“ Sie nimmt dich an die Hand und zieht dich aus dem staubigen Schuppen.

Zusammen lauft ihr über den Hof in Richtung Hügel, vorbei an den Ziegen und dem Haus. „Du, sag mal, vermisst du Mama eigentlich auch so?“, fragt sie plötzlich und wird langsamer. Etwas betreten nickst du ihr zu. „Ich dachte schon, nur mir geht es so. Du hast sie ja noch länger gekannt als ich, darum muss es für dich umso schwerer sein, seitdem sie fortgegangen ist.“ Dir steckt ein Kloß im Hals, denn du hast deiner Schwester noch immer nicht erzählen können, was wirklich mit eurer Mutter passiert ist. „Ich hoffe trotzdem, dass sie glücklich ist, niemand auf dieser Welt verdient es, unglücklich zu sein. Wenn ich mal traurig bin, dann bist du immer für mich da. Ich weiß, ich bin nur deine kleine Schwester, aber kannst du bitte auch zu mir kommen, wenn du traurig bist? Ich glaube nämlich, ich bin auch ganz gut im Aufheitern. Das hab’ ich nämlich von Papa gelernt.“ Du bemerkst ihren Enthusiasmus in der Stimme und setzt ein Lächeln auf. „Papa ist bestimmt stolz auf uns, so gut wie wir uns um den Hof kümmern, vor allem du, ich bin ja noch etwas zu klein, um alles machen zu können. Genauso stolz bin ich aber auf Papa, er hilft so vielen Menschen überall, er ist ein richtiger Held.“

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