Jay Kristoff: Nevernight - Das Spiel

FICTION

Der Sturm von Galante. Ein Bonuskapitel zu "Nevernight – Das Spiel"


Eine gute Nachricht für alle, die nicht genug von Mia Corvere aus Jay Kristoffs Fantasy-Trilogie Nevernight kriegen können: Für den zweiten Band Nevernight - Das Spiel, der heute in die Buchläden kommt, hat der Autor einen alternativen Anfang aus der Schublade gezaubert. Viel Vergnügen mit diesem Bonuskapitel! 

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Ein guter Metzger weiß, dass man den Leuten nie sagen sollte, wie die Wurst wirklich gemacht wird, und so ähnlich ist es auch mit Autoren. Aber dennoch muss ich an dieser Stelle zugeben: Normalerweise fange ich meine Bücher immer am falschen Ort an. Einmal habe ich achtzigtausend Wörter geschrieben, bevor ich das überhaupt bemerkte. Kein Scherz.

2014, als ich das erste Kapitel für Nevernight – Das Spiel schrieb, hatte ich schon eine genaue Vorstellung von der Handlung. Dazu gehörte, dass Mia zu Beginn undercover darauf wartete, dass Ashlinn Järnheim oder ihr Vater versuchen würden, alte Verbündete zu kontaktieren, bis dann ein Pirat mit besten Absichten auf der Bildfläche erschien und ihre ganzen Pläne zunichtemachte. Als ich mich schließlich hinsetzte, um ernsthaft an dem Buch zu arbeiten, hatte sich die Grundidee fürs Buch schon wieder komplett verändert, und das erste Kapitel passte nicht mehr.

Aber es gefiel mir trotzdem. Ich hatte hart daran gearbeitet. Und jetzt dürft ihr es lesen. Es kommen Piraten drin vor, Schwertkämpfe, spritzige Dialoge und ein paar andere Dinge, die ich besonders mag. Die besonders Aufmerksamen unter euch werden vielleicht feststellen, dass ich ein paar der Witze für das fertige Buch recycelt habe. Und obwohl das Kapitel ausgemustert wurde, hoffe ich, dass es trotzdem ein echtes Bonbon für euch darstellt.

Viel Spaß!

Jay K.

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1 Rettung

 

Zwar hatte seine Mutter ihn einst auf einen anderen Namen getauft, aber Freund und Feind kannten ihn nur als den Sturm von Galante. Und er hatte eine richtig beschissene Nimmernacht.

Sein Rapier aus feinstem liisianischen Stahl, mit dem er schon mehr als ein Dutzend Menschen zur Esse gesandt hatte, lag schwer in seiner Schwerthand. Mit der anderen führte er ein vergoldetes Stilett, funkelnd im Licht der zwei fetten Sonnen, rot schimmernd und gelb. In einigen Monaten würde Wahrlicht sein, und der Sturm von Galante wünschte sich unwillkürlich, dass sich Graf Gunnars Tochter zu einer kühleren Jahreszeit hätte entführen lassen.

Er riskierte tatsächlich, bei dieser Angelegenheit ein wenig ins Schwitzen zu kommen.

Die drei Hüswächter, die ihn über die windgepeitschten Zinnen hinweg mit prüfenden Blicken abschätzten, kannten den Sturm vermutlich zumindest vom Hörensagen, wenn auch nicht von Angesicht. Nach den sieben Jahren, die sein Schiff, die Blutmaid, schon über die Sternensee segelte, rankten sich um den Sturm so viele Geschichten, wie es Sackratten um das edelste Stück eines Freudenjungen am Hafen gab. Man kannte ihn als Schwertfechter, der seinesgleichen suchte, als schamlosen Lebemann und Draufgänger mit unwiderstehlichem Schurkencharme. Und auch, wenn er seinen Lebensunterhalt als Freibeuter im Verborgenen bestritt, war er doch ein Schurke jener Sorte, der seine Gegner gern wissen ließ, mit wem sie es zu tun hatten, bevor er sie brutal um die Ecke brachte.

„Wisst Ihr, wer ich bin?“, fragte er die Wächter mit erhobener Augenbraue.

„Joh“, gab ein recht kurz gewachsener Wachmann zurück.

„Ihr seid der Sturm von Galante“, erklärte ein grobschlächtiger zweiter.

„Bravo, edle Freunde. Und wisst Ihr auch, warum man mich so nennt?“

Die Hüswächter sahen sich an und zuckten die Achseln.

„Dann erlaubt mir, es euch zu zeigen“, sagte der Sturm lächelnd.

Wenn man ihm nun zusah, wie er mit einem Satz über die Zinnen sprang und den ersten Hüswächter mühelos aufspießte, hätte man glauben mögen, dass sein Name auf die Kraft und Schnelligkeit seines Schwertarms zurückging – er schlug so schnell zu wie der Blitz. Wie ein Donnerschlag fuhr sein Stiefel in die Nüsse des kleinen Gardisten, der daraufhin mit einem Wimmern zusammenknickte. Der letzte Posten lieferte mit seiner scharfen Axt tapferen Widerstand, aber mit einer kurzen Handbewegung schleuderte ihm der Sturm ein arkemisches Pulver entgegen, und als er daraufhin zurücktaumelte, besiegelte das Rapier des Sturms das Todesurteil des armen Wachmanns in leuchtendem Rot.

Der Sturm blickte von den Zinnen zum Innenhof der Festung hinab. Inzwischen war Alarm geschlagen worden, und schon bald würden weitere Hüswächter auftauchen. Kael Dreiauge und Windseher sicherten die unteren Treppenaufgänge, aber dennoch stellte sich der Sturm darauf ein, dass es auch hier oben bald Ärger geben würde. Er hatte nur ein paar Minuten, um aus dieser gewagten Rettung eine gewagte Flucht zu machen, entweder mit der Tochter des Grafen oder ohne. Eigentlich hatte er gehofft, dass sich diese Aufgabe mit Glück und List würde erledigen lassen, aber da jetzt die ganze Feste Hellenstein erwacht und in Alarmbereitschaft war, hatten er und seine Männer eine kürzere Lebenserwartung als eine Flasche ausgesuchter Goldwein in einem Bordell voller Saufnasen.

„Ahoi!“, rief er. „Windseher!

Manche sagten auch, dass der Sturm seinen Namen nicht nur wegen seiner Fechtkunst, sondern auch wegen seiner Stimme bekommen hatte, einem durchdringenden Bariton von honigweicher Geschmeidigkeit. Wenn die Blutmaid über die Sternensee segelte, stand der Sturm oft mit der Harfe in der Hand am Bug und sang. Seine Lieder waren so betörend, dass gerüchteweise selbst das Rochenvolk und die Tiefenreißer aus den düsteren Wassern an die Oberfläche schwammen, um ihm zu lauschen. Männer wie der alte Stampfer schworen sogar, sie hätten einmal eine Kegelkrabbe weinen sehen, als der Sturm seine Harfe wieder beiseitelegte.

„Windseher!“, rief der Sturm wieder.

Unten auf dem Hof hielt ein riesenhafter Dweymeri dabei inne, einen hilflosen Hüswächter auszuweiden, und wandte den Kopf. „Aye, Käpt’n?“

„Wir wurden entdeckt! Zurück zum Boot!“

„Was ist mit dem Mädchen?“, rief der Erste Maat zurück.

„Du meinst die Dona?“ Der Sturm zeigte sein strahlendes Lächeln. „Überlass sie mir.“

„Hier gibt es noch gut hundert mehr von diesen Drecksäcken, Käpt’n, ich werde dich hier nicht …“

„Und ich werde nicht zulassen, dass ihr eure Leben ohne Not aufs Spiel setzt! Geh, Bruder! Wenn ich in einer halben Stunde nicht wieder an Bord bin, sag deiner Frau, ich hätte sie geliebt!“

Der Erste Maat stieß einen Fluch aus, aber die Mannschaft der Blutmaid hielt ihrem Käpt’n unbedingt die Treue und gehorchte ihm aufs Wort. Der Sturm von Galante war kein Schiffsführer von der Sorte, die sich im Ruderhaus verkroch und seinen Männern das Kämpfen überließ, edle Freunde. Als die Maid sieben Wochen lang auf der Kummersee in einer Flaute steckte, hatte der Sturm auf seine Essensrationen verzichtet, damit seine Leute etwas zu beißen hatten. Als ein halbes Dutzend seiner Männer in der Tsana-Meerenge von Sklavenhändlern gefangengenommen wurde, hatte der Sturm selbst den Angriff auf die Lager geführt, um sie zu retten. Wieder und wieder hatte dieser Kapitän für seine Leute geblutet. Sein Befehl war für sie alle wie das Wort des Aa persönlich. Und daher kämpften sich Windseher und der Rest der Crew wieder zurück zur Mauer und flohen zum Meer.

Der Sturm hingegen wandte sich von den Zinnen zu den Türmen und trat eine Tür ein, die zu den Innenräumen der Burg führte. Die Festung krönte ein Steilufer an der Küste des südlichen Vaan, das man den Knochenacker nannte. Von Land konnte man die Anlage nur über eine einzige, schmale Zugbrücke erreichen, die von den besten Männern bewacht wurde, die Hüslaird Kustaa zu bieten hatte. Von der Seeseite aus war der Zugang noch schwieriger: Der Sturm und seine Truppe hatten den größten Teil einer Wende damit zugebracht, die Steilwand zu erklettern, und sie hatten schon dabei drei Leute verloren. Und jetzt schienen die verdammten Glocken das Werk beenden zu wollen.

Auf der Treppe begegnete der Sturm erneut zwei Hüswächtern; dem ersten schoss er mit seiner Taschenarmbrust einen Bolzen in den Hals, und den zweiten brachte er mit der letzten Portion seines arkemischen Pulvers aus dem Gleichgewicht und erstach ihn, kaum dass die Blitze wieder verblasst waren. Noch während er die Stufen weiter hinaufrannte, lud er die kleine Armbrust nach und erreichte einen langen Flur, der mit rotem Teppich ausgelegt war und von einem reich verzierten Spiegel mit vergoldeter Fassung beherrscht wurde. Der Sturm wandte sich kurz zur Treppe um, die er gerade hinaufgekommen war, und nachdem er sich überzeugt hatte, dass ihm niemand folgte, hielt er kurz inne, um sein Spiegelbild zu betrachten.

Immerhin stand er kurz davor, eine blaublütige Jungfer zu retten.

Der Freibeuter war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, in ein Lederwams und ein paar verdächtig enge, mit Blut bespritzte Hosen. Saphirblaue Augen blitzten unter der Krempe seines Dreispitzes hervor. Ein kurzer Schnurrbart streifte ein Kinn, an dem jede Schaufel zerbrochen wäre, und ein perfektes Lächeln komplettierte ein Porträt, das nicht nur für viele verdrehte Köpfe, sondern auch für so manchen gebrochenen Hals gesorgt hatte.

Unter der Mannschaft kursierte das Gerücht, dass er eine Baphomantii verführt und die Dämonin dabei so befriedigt hätte, dass sie ihm ein Gesicht schenkte, dass jedermann – und vor allem jede Frau – lieben würde. Andere wiederum erzählten sich flüsternd, er habe ein Wesen aus der Zwischenwelt bei einem Rätselspiel besiegt und seinen betörenden Zauber gestohlen. Was auch immer an diesen Geschichten wahr sein mochte, sein Erster Maat Windseher betonte stets, dass tatsächlich hier der Ursprung für den Namen des Käpt’n zu suchen war. Denn es hieß, dass er genau wie sein Namensvetter überall, wo er erschien, das schöne Geschlecht etwas … feuchter zurückließ, als er es vorgefunden hatte.

Der Sturm von Galante studierte sein Spiegelbild.

Zupfte sich die Rüschenmanschette am schwarzen Ärmel zurecht.

Und zwinkerte sich zu.

Dann stürmte er den Korridor hinunter, riss dabei mit einer hastig gemurmelten Entschuldigung den einen oder anderen Bediensteten um und rannte die nächste Treppe hinauf, fest überzeugt, die letzten Männer des Lairds tot hinter sich zurückgelassen zu haben. Doch als er schließlich den Treppenabsatz vor dem Schlafgemach des Burgherrn erreichte, musste er zu seiner Überraschung feststellen, dass dort noch ein Dutzend Wächter in schweren Plattenpanzern auf ihn wartete.

Die Männer waren wahre Muskelberge, mit kurzen, zweispitzigen Piken und gebogenen, rechteckigen Schilden bewaffnet. Und so gut der Sturm vielleicht auch aussehen mochte, machte doch jeder dieser Kerle den Eindruck, als ob er sein schimmerndes Rapier nur zu gern als Zahnstocher hätte benutzen wollen, nachdem er den Rest des Freibeuters zum Frühstück verspeist hatte.

Der Sturm bremste etwa zwanzig Fuß vor den massigen Leibwächtern stolpernd ab.

„Gut Wende, edle Freunde. Wisst Ihr, wer ich bin?“

„Joh“, sagte ein Wächter, der hoch und breit war wie ein Kleiderschrank. „Du bist der so gut wie tote Sturm von Galante.“

„Eben jener“, erwiderte der Sturm und schwenkte bei einer tiefen Verbeugung seinen Dreispitz. „Aber wisst Ihr auch, warum man mich so nennt?“

„Weil du so gut wie tot bist?“

Die Kleiderschränke rückten näher, die Piken erhoben. Scheinbar unbeeindruckt griff der Sturm in seinen Dreispitz und holte ein Stück poliertes Glas hervor, das die Form einer Birne hatte. Mit einem Fingerschnippen warf er es in die Gruppe Leibwächter und stülpte sich den Hut wieder auf den Kopf, bevor er mit einem Satz die Treppe wieder heruntersprang, die er gerade erst hinaufgekommen war.

Weiße Flammen versengten die Wände, und eine Explosion erschütterte mit ohrenbetäubendem Krachen die Mauern. Glassplitter und das eine oder andere unidentifizierbare Körperteil kamen die Stufen hinuntergesegelt und blieben rauchend zu Füßen des Sturms liegen.

Der Freibeuter nahm die Hände von den Ohren, richtete sich aus der geduckten Haltung wieder auf, die er zum eigenen Schutz eingenommen hatte, schob sich den Dreispitz zurecht und sprang zurück auf den Treppenabsatz. Während er sich den Weg durch die verstreuten Überreste von Kustaas Elitetruppe bahnte, zog er sein Rapier und trat durch die nun weit offenstehende Tür des Schlafgemachs.

„Dona Astrid?“, rief er.

Die Fensterläden waren geschlossen, und der Raum lag in dämmrigem Licht. Es roch nach Kerzen und verkochtem Fleisch. Schwarzer Rauch von der arkemischen Explosion waberte um die Schultern des Sturms, als sich seine Silhouette vor dem blauen Sommerhimmel draußen abhob.

„Dona Astrid?“

„Dreckskerl!“

Ein dünner Schrei zerriss die Luft, und jemand stürzte ihm aus der Dunkelheit entgegen. Der Freibeuter stieß mit seiner Waffe zu und hörte jemanden vor Schmerz aufstöhnen. Als er seinen Gegner am Kragen zu fassen bekam, sah er, dass es sich um einen schwächlichen Alten handelte, dessen Robe so rot war wie das Blut, das jetzt aus seiner Brust strömte.

„Laird Kustaa, nehme ich an“, raunte der Sturm leise.

„Ihr – ihr wagt es …“, keuchte der Laird.

„Oh ja, ich wage es, alter Mann. Das ist der Unterschied zwischen mir und den meisten anderen.“

Der Glücksritter lockerte seinen Griff und ließ den Laird auf die Knie sinken. Kustaa hielt sich die Brust und schien alles daransetzen zu wollen, den Steinboden mit so viel klebrigem Rot wie möglich zu benetzen.

„Oh, nein!“

Jetzt stürzte eine Frau in einem dünnen, weißen Gewand durch das Zimmer und fiel neben dem Laird auf die Knie. Sie war jung, fast noch ein Mädchen, winterblass und schlank. Das offene, dunkle Haar floss ihr bis zu den Hüften hinab, war über den Augen jedoch zu einem kurzen Pony geschnitten. Sie drehte Kustaa auf den Rücken und öffnete seine Robe, um die Wunde zu untersuchen.

„Mein Laird?“ Das Mädchen rüttelte den Alten an der Schulter. „Mein Laird!

„Dona Astrid?“

Jetzt sah sie zu ihm hoch. Das Haar hing ihr wie schwarze Spinnweben ums Gesicht. Sie war schön, dachte er. Kirschrote, volle Lippen und kajalumrandete Augen, so schwarz, dass man leicht darin hätte ertrinken können. Gunnar Svärdas Tochter wurde schon seit über zwei Monaten auf Hellenstein gefangen gehalten – Aa allein mochte wissen, welche Qualen sie in Kostaas Gewalt durchlitten hatte. Aber wie sie dort kniete, in der Blutlache, die größer und größer wurde, hätte der Sturm schwören mögen, dass sie beinahe um den alten Drecksack trauerte.

Er bot ihr seine Hand. „Mi Dona, ich komme, um euch zu retten.“

Ihre Ohren waren offenbar noch taub von der Schockwelle der arkemischen Bombe. Das arme Ding brauchte jedenfalls eine Weile, um seine Worte zu begreifen.

„Um mich zu retten?“

„Jawohl, Dona.“ Er zog wieder den Dreispitz und verbeugte sich formvollendet. „Wisst Ihr, wer ich bin?“

Gunnars Tochter blickte wieder auf den Leichnam des Lairds hinunter. Ließ den Kopf hängen und die Schultern sinken.

„Ja“, seufzte sie. „Ich weiß, wer Ihr seid.“

Damit erhob sie sich vom blutigen Boden.

Die Schatten zu ihren Füßen kräuselten sich, als sie fauchte: „ein verdammter, blöder Flachwichser.“

 

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Deutsch von Kirsten Borchardt

 

© by Jay Kristoff. Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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