„Sowas wie Firefly ...“ – ein Interview mit Wes Andrews alias Bernd Perplies

BUCH

Leseprobe – Frontiersmen: Civil War (Wes Andrews)


An den Grenzen der Galaxie geht es wild zu: Die Konzerne der Kernwelten-Union bauen die Randwelten aus – ohne Rücksicht auf Verluste. Eine Revolte auf der Bergbaukolonie Higgins‘ Moon ist der Funke, der das Pulverfass entzündet ...

Eine Leseprobe aus der ersten Episode ("Revolte auf Higgins' Moon") der Frontiersmen-Mini-Serie von Wes Andrews alias Bernd Perplies.

Kapitel 1

Weites Land umgab sie nach allen Seiten. Bis zum Horizont erstreckte sich die sanft gewellte, von braungelbem Gras bewachsene Einöde. Im Norden deuteten sich Berge an, graue Schatten unter dem blassblauen, leicht bedeckten Himmel, der sich über ihnen wölbte und in der Ferne im Süden, Osten und Westen mit der Steppenlandschaft verschmolz. Wenn es irgendwo auf diesem Planeten ein helles Zentrum der Zivilisation gab – und im Falle von Wichita hieß das: eine Kleinstadt inmitten weiter Felder –, war man hier draußen verdammt weit davon entfernt.

Es gab keinen besseren Ort, um einen heimlichen Waffenhandel abzuwickeln.

Aus genau diesem Grund hatte es John Donovan hierher verschlagen. Er hatte vor, eine Waffe zu kaufen, und zwar von einem der fragwürdigsten Männer der Randplaneten. Warmer Wind fuhr ihm durchs Haar und blähte seinen knielangen grauen Staubmantel, während er, die Daumen lässig in den Gürtel eingehakt, dastand und mit zusammengekniffenen Augen nach ihrem Geschäftspartner Ausschau hielt. John und seine Mannschaft waren absichtlich etwas früher am Treffpunkt erschienen, aber auch Darius Martell, der Pate von Constitution, neigte dazu, überpünktlich zu sein. Also musste sein Raumschiff jeden Augenblick am Himmel auftauchen.

Hinter John ragte die wuchtige graubraune Masse der Mary-Jane Wellington auf, seines in die Jahre gekommenen Raumfrachters der Cambria-Klasse. Mit dem dicken Rumpf, den beiden klobigen, nach vorn gezogenen Frachträumen und dem kleinen, dazwischen eingeklemmten Cockpit erinnerte das Schiff ein wenig an einen geduckten, angriffsbereiten Sumoringer. „Aggressiv“ war trotzdem kein Begriff, mit dem man diese Schiffsklasse beschrieben hätte. „Robust und zuverlässig“ traf es eher.

Die Mary-Jane passte zum Leben auf und zwischen den Randplaneten ebenso wie Johns Staubmantel und der zwölfschüssige Santhe-CG, den er in einem Holster tief am Gürtel trug. Die Cambria-Klasse war beinahe unverwüstlich und ließ sich hervorragend warten und modifizieren. Das lag vor allem daran, dass die Hälfte ihrer Technik unverkleidet im Maschinenraum herumstand oder entlang der Wände und Decken in den Gängen rund um die zentrale Messe verlief. Schön sah das nicht aus. Dennoch bedeutete die Mary-Jane für John mehr als jeder andere Ort im Universum Heimat. Die Narben am Bug und am Heck – Spuren zahlreicher Raumgefechte –, die wuchernde, nachträglich angebrachte Sensorphalanx an der Oberseite, das abgewetzte Leder der Pilotensitze im Cockpit sowie der ständige Geruch von Metall, Maschinenöl, Kaffee und gebratenen Bohnen … all das machte für John den Charakter dieser Pioniersfrau aus, mit der er seit bald elf Jahren im All unterwegs war.

„Wie sieht’s aus?“, meldete sich eine Stimme hinter ihm zu Wort.

John wandte den Blick vom Himmel ab und schaute zur heruntergelassenen Rampe des Backbordfrachtraums, an deren oberen Ende Pat Hobel stand. Der grauhaarige Bordmechaniker, der von allen nur Hobie genannt wurde, rückte seine zerknautschte rote Schirmmütze gerade und sah John fragend an. An einem Gurt vor seinem Bauch hing die tragbare Steuerkonsole des Kransystems, das zum Frachtraum gehörte und mit dem sie die Ware von Martell zu übernehmen gedachten.

„Noch nichts“, gab John zurück.

„Hm.“ Hobie verzog das faltige Gesicht. Er kam ein paar Schritte näher und schaute ebenfalls zum Himmel. „Ich wünschte mir fast, er würde uns diesmal versetzen.“

John musterte seinen alten Freund, der bereits auf der Mary-Jane gedient hatte, als John beim alten Captain Sturges anheuerte. „Du hältst es immer noch für eine dumme Idee, die Massetreiberkanone zu kaufen? Nach allem, was wir erlebt haben?“

„Oh ja“, sagte Hobie. „Wir sind in den vergangenen Jahren sehr gut ohne Schiffswaffen ausgekommen.“

„Es hätte uns mehr als einmal fast erwischt.“

„Aber eben nur fast. Wir haben uns auf unser Köpfchen, unsere Sensoren und unseren schnellen Antrieb verlassen und sind dem Ärger so aus dem Weg gegangen.“

John legte Hobie eine Hand auf die Schulter. „So werden wir es auch weiterhin halten. Ich suche keinen Ärger, nur weil ich plötzlich eine Kanone unter dem Rumpf habe.“

„Wir bauen sie über dem Cockpit ein“, sagte Hobie entschieden. „Unter dem Rumpf hängt schon der Raketenwerfer, den wir uns letztes Jahr auf Alvarado gekauft haben.“

„Richtig“, erinnerte sich John. „Und war ich nicht ausnehmend sparsam im Umgang damit?“

Hobie seufzte.

„He, ich war wirklich sparsam. Wir haben noch sechs der ursprünglich zwanzig Raketen übrig. Das reicht problemlos, bis Martell uns neue beschafft hat. Und du musst zugeben, dass uns dieses kleine Extra mehr als einmal den Hintern gerettet hat!“

„Früher haben wir keine Raketen und Kanonen gebraucht.“

„Die Galaxis ist ein gefährlicher Ort geworden. Umso mehr, seit Präsident Conway auf Olympus an die Macht gekommen ist und den Konzernen hier draußen freie Hand lässt.“

Ein leises Fauchen am Himmel zog seine Aufmerksamkeit an. John hob den Kopf und erblickte inmitten des Blaus einen kleinen dunklen Punkt, der langsam größer wurde. Er zückte sein Komm-Gerät, das am Gürtel steckte, um den verschlüsselten Kanal zu wählen, der ihn mit Kelly verband.

„Martell ist da“, ließ er sie wissen.

„Ich sehe ihn“, erwiderte die junge Frau. „Ich bin bereit.“

Kelly lag mit ihrem Scharfschützengewehr zweihundert Meter weiter westlich unter irgendeinem Busch. Sie stellte ihre Rückversicherung dar, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass bei diesem Handel etwas schiefging. Eigentlich diente sie als Ärztin an Bord der Mary-Jane und ein bisschen als Mädchen für alles. Zugleich war sie der zweitbeste Schütze nach John, was sie für Aufgaben wie diese prädestinierte. Wie es ihr gelang, gleichzeitig mit dem Eid, Menschen zu helfen, und der Begabung, Menschen zu töten, klarzukommen, wusste John nicht so ganz. Andererseits musste er zugeben, dass Kelly sich ihre Ziele sehr genau auswählte und nur dann schoss, wenn sie keine andere Wahl hatte. In diesen Dingen war sie deutlich strenger als John.

Das Fauchen am Himmel wurde lauter, und der Punkt verwandelte sich in ein Raumschiff, einen unauffälligen Frachter, allerdings etwas schlanker und moderner als die Mary-Jane. John nahm an, dass Martell ihn außerdem umfassend aufgerüstet hatte. Der Pate von Constitution flog nicht ungeschützt durch die Systeme am Rand der Kernwelten-Union. Sosehr ihm sein Ruf vorauseilen mochte, es gab immer irgendeinen idiotischen Raumpiraten oder blutrünstigen Peko-Konya, der nicht von ihm gehört hatte und in seinem Schiff leichte Beute sah.

„Hobie, Piccoli, haltet euch bereit“, befahl John.

Die Anordnung war überflüssig. Alle an Bord waren in Alarmbereitschaft, wenn sie mit einem Mann wie Martell verhandelten. Im Grunde war der Verbrecherboss ein Geschäftsmann, John wollte einen Handel mit ihm abschließen, und er schuldete ihm ausnahmsweise mal kein Geld. All das sprach dafür, dass alles glattgehen würde. Trotzdem fühlte sich John in Martells Gegenwart immer ein wenig unwohl, und er gab sich große Mühe, dies zu verbergen.

Staub wirbelte auf, als Martells Frachter etwa fünfzig Meter von der Mary-Jane entfernt landete. John beschirmte seine Augen mit einer Hand, aber er weigerte sich, in den Schutz der Frachtraumrampe zurückzuweichen. Stattdessen trat er sogar ein paar Schritte vor, um Martell zu begrüßen.

Der Staub legte sich und mit ihm sank die Seitenrampe des angekommenen Raumschiffs zu Boden. Dann öffnete sich die Frachtluke, und zwei Männer traten heraus. Es handelte sich um die Art von Burschen, die John in Martells Begleitung erwartete: groß, kräftig und in Anzüge gesteckt, die an einem Ort wie diesem furchtbar fehl am Platze wirkten. Die Männer trugen Automatikgewehre bei sich, ganz lässig in der Armbeuge, als wäre das keine große Sache. Angesichts des Umstands, dass es weit und breit niemanden außer der Besatzung der Mary-Jane Wellington gab, hielt John diese Machtdemonstration für ziemlich überflüssig.

Martell selbst war deutlich kleiner als seine Begleiter und von eher schmächtiger Statur. Mit seinem perfekt sitzenden Anzug samt steifem Kragen und der altertümlich wirkenden, dicken Brille, die sein schmales, kantiges Gesicht halb verbarg, wirkte er auf den ersten Blick wie ein überkorrekter, aber harmloser Finanzbeamter. Wer ihm jedoch in die grauen Augen blickte, erkannte darin einen eiskalten und skrupellosen Intellekt. Diese Augen lächelten nie, selbst wenn sich Martells Mundwinkel mal zu einem dünnen Lächeln verzogen.

„Mister Donovan“, begrüßte der Pate von Constitution John. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir diesen Handel jemals über die Bühne bringen. Ich war schon drauf und dran, die Waffe einem anderen Käufer anzubieten.“

John zuckte mit den Schultern und versuchte möglichst unbekümmert zu wirken. „Ach, Sie wissen ja, wie das ist. Man hat Ausgaben hier und Ausgaben da. Eine Summe wie die, die Sie für diese Massetreiberkanone verlangen, spart sich nicht über Nacht an.“ Ein weiterer Mann tauchte in der Luke hinter Martell auf und lehnte sich in den Türrahmen. Unwillkürlich stellten sich Johns Nackenhärchen auf, aber er ließ sich nichts anmerken. „Santander.“

Der dunkel gekleidete, schlanke Mann tippte mit einem Finger seiner Rechten gegen die Krempe seines schwarzen Hutes. Seine Linke ruhte unweit des Revolvers mit Ebenholzgriff, der in dem Holster an seinem Gürtel steckte. „Donovan.“

„Haben Sie nichts Besseres zu tun, als einem Waffenhandel auf einem öden Randplaneten beizuwohnen?“ John konnte den Auftragskiller nicht ausstehen, was nur zum Teil daran lag, dass er ihn für verdammt gefährlich hielt.

Mit enervierender Langsamkeit hob Santander die Hand, zog den Zahnstocher, auf dem er herumgekaut hatte, aus dem Mund und schnippte ihn ins braune Gras. „Nein.“

„Mister Santander und ich fliegen in dieselbe Richtung“, mischte sich Martell in den Wortwechsel ein. „Seine Anwesenheit hat nichts mit Ihnen zu tun, falls Sie diesbezüglich in Sorge sind.“

„Bin ich nicht“, knurrte John.

„Fein. Dann lassen Sie uns zum Geschäftlichen kommen. Dürfte ich das Geld sehen?“

John hob die Stimme. „Harold!“

Hinter ihm wurden die schweren Schritte des hünenhaften Schwarzen laut, der die Rampe hinuntermarschierte. Harold Piccoli, ein ehemaliger Minenarbeiter, den unglückliche Umstände zur Flucht durch den halben Rand der Galaxis gezwungen hatten, war ein Berg von einem Mann und konnte so finster dreinschauen, dass sich John selbst in den fragwürdigsten Raumhafenvierteln keine Sorgen um irgendwelche streitsüchtigen Typen machen musste. Die Besatzung der Mary-Jane hatte ihn aus den Händen zweier Kopfgeldjäger freigekauft, die ihn zu einem fragwürdigen Schauprozess auf dem Planeten Heaven’s Gate überführen wollten. Seitdem arbeitete er seine nach wie vor immensen Schulden an Bord ab.

Piccoli trug eine unscheinbar wirkende Plastikbox unterm Arm. Es war schon erstaunlich, wie wenig Platz Geld brauchte, wenn man es in großen Scheinen bündelte. Er reichte die Box John, der sie Martell hinhielt. „Wollen Sie nachzählen?“

„Ich denke, wir kennen uns lange genug, dass Sie nicht die Dummheit begehen würden, mich zu betrügen, Mister Donovan“, erwiderte sein Gegenüber, als er das Geld entgegennahm.

„Ich bin überhaupt eine ehrliche Haut.“

„Natürlich. Wir sind alle ehrbare Geschäftsleute.“ Martell hob kaum merklich die Stimme. „Miss Goldenthal.“

Aus dem Frachtraum seines Schiffs trat eine schlanke, blasse, blondhaarige Frau etwa in Johns Alter, die in ein modisches, aber nüchtern wirkendes Kostüm gekleidet war. In ihrem rechten Ohr steckte ein Funkempfänger, und ihre Augen verbargen sich hinter einer modernen Datenbrille, wie sie in den Kernwelten gerade in Mode waren. John erinnerte sich an sie. Sie war auch bei seinem letzten persönlichen Treffen mit Martell vor einigen Standardmonaten auf Briscoll zugegen gewesen.

Mit einer Miene, die so teilnahmslos war, dass professionelle Pokerspieler Neid empfunden hätten, schritt Goldenthal die kurze Rampe herunter und gesellte sich zu John und Martell. Der Verbrecherboss reichte ihr die Box mit den Union Dollars. Dann nickte er knapp.

Goldenthal drehte den Kopf in Richtung Frachtraum. „Sie können die Ware bringen“, sagte sie so leise, dass sie in ein verborgenes Mikrofon sprechen musste, sonst hätte man sie im Schiff niemals gehört.

Es rumpelte, dann hörte John das charakteristische Summen von Prallfeldprojektoren. Ein Transportschlitten schob sich ins Freie, ferngesteuert von einem Mann im Overall eines einfachen Bordtechnikers. Auf dem Schlitten standen mehrere längliche und vollkommen unscheinbar wirkende Kisten.

John trat auf ihn zu. „Nehmen Sie es nicht persönlich, aber ich würde doch gern einen Blick auf das Schätzchen werfen.“

„Bitte.“ Martell ließ ihn mit einer Geste gewähren. „Solange Sie nicht vorhaben, die Kanone vor meinen Augen zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen. Meine Zeit ist kostbar, wie Sie ohne Zweifel wissen.“

Ohne darauf einzugehen, löste John die Verschlüsse und klappte die erste Kiste auf. Vor ihm lagen, in schützenden Plastschaum gebettet, mehrere Bauteile der Massetreiberkanone. Obwohl die Kiste angemessen heruntergekommen wirkte, um in einem vollen Frachtraum nicht aufzufallen, sah die Ware fabrikneu aus. John ließ den Blick darüberschweifen und öffnete anschließend auch die anderen Behältnisse. „Da geht einem das Herz auf, nicht wahr, Hobie?“

„Wie du meinst, John“, brummte sein Bordmechaniker. Mit gerunzelter Stirn trat er hinzu und nahm prüfend einzelne Teile aus den Kisten.

„Was sagst du?“, fragte John.

„Sieht aus, als wäre das alles direkt von einer Lagerpalette gestohlen worden.“

Martells Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln. „Wie charmant.“

Hobie legte den Servomotor, den er in den Händen gehalten hatte, zurück ins Schaumbett. „Ich will damit nur sagen, dass die Kanone wie neu wirkt.“ Leicht verlegen zog er an seiner Schirmmütze. „Dann werde ich das Baby jetzt verladen.“

„Captain!“, meldete sich unvermittelt eine Stimme über die Außenlautsprecher der Mary-Jane zu Wort. „Wir haben ein Problem.“

Kapitel 2

Alarmiert zückte John sein Komm-Gerät. „Was ist los, Aleandro?“

Der junge Computerspezialist saß im Cockpit des Schiffs und behielt die Sensoren im Auge. „Ich habe zwei Kontakte auf dem Schirm. Der Größe und Geschwindigkeit nach sind es Jagdmaschinen. Kommen von Westen her schnell näher. Ankunft in zwei Minuten.“

John fluchte. Das klang verdammt nach lokalen Ordnungshütern, wenn es sich nicht gar um Space Marshalls oder das Unionsmilitär handelte. Er sah Martell an. „Sind die hinter Ihnen oder mir her?“

„Ich ziehe es vor, das nicht herauszufinden.“ Der Verbrecherboss kniff die Augen zusammen und blickte gen Westen.

„Geht mir genauso.“ John wandte sich an seine Leute. „Hobie, Piccoli, alles einpacken.“

„Das geht nicht so schnell, John“, protestierte sein alter Freund. „Die Kisten sind schwer.“

Kurzerhand riss John Martells Techniker die Fernbedienung für die Transportschlitten aus der Hand und begann das Gefährt die Rampe zum Frachtraum hinaufzusteuern. „Ich leihe mir den Schlitten, wenn’s recht ist, Mister Martell. Bei unserem nächsten Zusammentreffen bekommen Sie ihn wieder. Versprochen.“

Martell befand sich bereits auf dem Weg ins Innere seines Schiffs. „Miss Goldenthal schickt Ihnen die Mietkonditionen.“

Santander bedachte John zum Abschied mit einem Nicken. „Man trifft sich, Donovan.“

Seine Wortwahl war gewiss kein Zufall. John verzog die Miene. „Hat keine Eile, Santander.“

Der andere Mann grinste spöttisch, bevor er die Frachtluke schloss.

John hastete in den Frachtraum der Mary-Jane, ließ die Rampe offen und warf Piccoli die Fernbedienung zu. „Verstau den Schlitten in einer Ecke und halte dich bereit. Wir holen Kelly ab. Komm, Hobie!“

Er rannte durch den Korridor, der zwischen den beiden Frachträumen einmal um die zentrale Messe herum verlief. Hobie blieb ihm dicht auf den Fersen.

„John, was ist los?“ Das war Kelly, die sie über Komm rief.

„Ungebetener Besuch ist auf dem Weg hierher“, informierte John sie. „Wir verschwinden. Pack deinen Sachen, wir holen dich ab.“

Mit zwei Sätzen erklomm er die Handvoll Stufen, die zum Cockpit hinaufführten. Dort saßen Aleandro und Sekoya. Der junge Computerspezialist überwachte die Ortungsmonitore im hinteren Teil des Cockpits, die grünhäutige Peko, die sich John vor ein paar Monaten auf dem Randplaneten Alvarado praktisch aufgedrängt hatte, saß ihm gegenüber an der Technikkontrolle.

„Wissen wir schon mehr über unsere Gäste?“, fragte John, während er in den Pilotensitz glitt.

„Ja, John“, meldete sich Mary-Jane aus dem Deckenlautsprecher des Cockpits. „Es handelt sich um Suborbitaljäger der Firebird-Klasse. Die Primärbewaffnung besteht aus Luft-Luft-Raketen.“ Die sanfte Stimme der Künstlichen Intelligenz, die schon länger zu dem Frachter gehörte als selbst Hobie, blieb wie immer vollkommen ruhig. Sie hätte auch eine Aussage über das Wetter treffen können.

„Suborbitaljäger, hm?“ John startete die Triebwerke und aktivierte die Prallfeldprojektoren unter dem Rumpf. „Könnte schlimmer sein.“

„Es ist schlimm genug, wenn wir es nicht schnell genug ins All schaffen“, bemerkte Hobie.

Vor ihnen erhob sich der Frachter von Darius Martell mit einer Staubwolke vom Boden. Der Bug drehte sich, dann war ein Tosen zu hören, als sich der Pate von Constitution mit Höchstgeschwindigkeit davonmachte.

„Keine Sorge, wir sind auch gleich weg.“ John schwenkte die Mary-Jane herum und ließ sie auf Prallfeldern in Kellys Richtung schweben. Durch das Cockpitfenster sah er die junge Frau aus ihrem Versteck zwischen zwei Büschen aufspringen. Er senkte den Frachter ab, bis dieser beinahe den Boden berührte, und sah zu, wie Kelly, das Scharfschützengewehr an die Brust gedrückt, auf die Rampe zurannte. Staub fauchte ihr entgegen, und der Sturm, den die Triebwerke entfesselten, ließ ihre Kleider und ihr blondes Haar flattern. Im nächsten Moment war sie unter dem Schiff außer Sicht.

„Zwanzig Sekunden bis zum Eintreffen der Jäger!“, warnte Aleandro.

„Sie ist an Bord“, meldete Piccoli über Funk.

„Volle Energie!“ John hob die Nase der Mary-Jane und zog den Schubhebel zurück. Dröhnend erwachte der Atmosphärenantrieb zu vollem Leben. Auf einem Feuerschweif, der auf dem Monitor der Heckkamera zu sehen war, ritt der Frachter der oberen Atmosphäre entgegen. „Wie sieht’s aus, Aleandro?“

„Sie kommen immer noch näher, aber langsamer.“

„Wie viel langsamer? Schaffen wir es, ihnen zu entkommen?“

„Keine Ahnung. Sieht knapp aus.“

„Negativ“, warf Mary-Jane ein. „Die Firebirds sind in siebzehn Sekunden in Feuerreichweite.“

„Und wann sind wir hier raus?“

„Bei gegenwärtigem Schub in achtundvierzig Sekunden.“

„Na schön. Dann geben wir denen bis dahin etwas Beschäftigung.“ John drückte auf einen Knopf, der nachträglich in die Instrumentenkonsole eingesetzt worden war. Mit kaum hörbarem Rumpeln fuhr der Raketenwerfer aus dem Bauch der Mary-Jane aus.

„John, du willst doch nicht ernsthaft Gesetzeshüter abschießen!“, entfuhr es Hobie.

„Liegt ganz an denen.“ John spähte auf die Zielerfassung und drückte zweimal ab. Auf dem Monitor der Heckkamera wurden zwei kleine Objekte sichtbar, die rasend schnell davonschossen. „Wenn sie abdrehen, sollten sie den Raketen auf diese Entfernung leicht entkommen. Wenn nicht … selbst schuld.“

„Es hat funktioniert!“, rief Aleandro. „Sie weichen aus.“

„Siehst du?“ John grinste Hobie an. „So übel sind ein paar Waffen an Bord gar nicht.“

Das Dröhnen der Triebwerke ließ nach, als die Atmosphäre um das Schiff dünner wurde. Schließlich begann sich der Horizont kugelförmig zu wölben, und darüber erwartete sie die Schwärze des Alls.

„Damit dürften wir aus dem Gröbsten raus sein.“

John vernahm die Schritte von Kelly und Piccoli draußen auf dem Gang. „Wie steht’s?“, fragte Kelly, als sie den Kopf durch die Cockpittür steckte.

„Wir haben sie abgehängt.“ John grinste sie über die Schulter hinweg an, dann verschränkte er die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich auf dem Pilotensitz zurück. „Mary-Jane, berechne den Kurs zum Transitpunkt ins –“

„Cap!“, unterbrach ihn Aleandro. „Da taucht ein weiteres Schiff vor uns auf. Es kommt gerade um die Planetenkrümmung in Sicht. Ein Patrouillenboot der Union!“

„Sie rufen uns, John.“ Hobie deutete auf ein blinkendes Signallämpchen auf der Instrumententafel. „Anscheinend hast du dich zu früh gefreut.“

Mit einem leisen Fluch beugte sich John wieder nach vorn. „Was meint ihr: Wie hoch stehen unsere Chancen, dass die nichts von unserem kleinen Zusammenstoß mit den Suborbitaljägern wissen?“

„Nicht sehr hoch“, meinte Hobie.

„Ich habe befürchtet, dass du das sagen würdest. Wir nehmen Kurs Richtung Sonne. Mal sehen, was sie zu sagen haben.“ Er legte einen Schalter um.

Cambria-Klasse-Frachter Orry Main, hier ist Shenandoah-Systempatrouille 2. Bleiben Sie im Orbit, und halten Sie sich für eine Inspektion bereit! Ihnen wird unerlaubter Waffenbesitz und der Angriff auf eine Suborbitalpatrouille vorgeworfen. Leisten Sie keinen Widerstand! Ich wiederhole: Leisten Sie keinen Widerstand!“

John schaltete das Funkgerät wieder ab. „Klingt so, als müsste ich darauf nicht antworten.“

„Und als könnten wir die Orry-Main-Transponderkennung in den Müll werfen“, fügte Aleandro hinzu.

„Mary-Jane, ortest du weitere Schiffe des Unionsmilitärs? Irgendjemanden, der uns den Weg zum Transitfeld abschneiden könnte?“

„Negativ, John.“

Mit einem grimmigen Nicken legte John ein paar Schalter um und zog den Schubhebel ganz zurück. Die Mary-Jane erzitterte kurz, als das Quartett kraftvoller Primärtriebwerke im Heck alles gab, was es zu bieten hatte. John sah den Texaferm-Block, der den Antrieb speiste, im Geiste schmelzen wie Eis in der Steppe von Briscoll, aber das war immer noch besser als sich mit den Blauröcken anlegen zu müssen.

„Mal sehen, wie ernst es denen damit ist, uns zu schnappen“, knurrte er. Das Patrouillenschiff konnte sie einholen. Obwohl der modifizierte Antrieb der Mary-Jane Wellington etwa ein Drittel mehr Schubkraft lieferte, als die Cambria-Klasse für gewöhnlich zustande brachte, genügte es nicht, um zu entkommen. Falls sie die Verfolgung aufnahmen, mussten die Unionsmilitärs jedoch vollen Schub geben und sich weit vom Planeten entfernen. Den meisten Captains war das zu mühsam, vor allem, wenn es um ein auf den Randplaneten so alltägliches Vergehen wie unerlaubten Waffenbesitz ging. Es war niemand gestorben. Die Chancen standen gut, dass man sie fliehen lassen würde.

Es sei denn, der Unions-Captain war ein Pedant.

„Was machen sie, Aleandro?“, fragte John, der das Patrouillenschiff aus den Augen verloren hatte.

„Sie sind nach wie vor im Orbit um Wichita, nähern sich aber unserem Austrittspunkt.“

„Kommt schon“, murmelte John. „Ihr habt Besseres zu tun, als uns zu jagen.“

„Sie wären gar nicht auf uns aufmerksam geworden, wenn du keine Raketen abgefeuert hättest, John“, sagte Hobie. „Wenn ich das mal einwerfen darf.“

„Schon gut, ich hab’s verstanden: Du bist kein Freund unserer Bewaffnung.“ John merkte selbst, wie gereizt er klang, und er atmete tief durch, bevor er fortfuhr. „Magst du nicht in den Maschinenraum gehen, Kumpel, und schauen, ob du aus der Mary-Jane noch ein oder zwei G zusätzlichen Schub herauskitzeln kannst?“

„Die alte Dame fliegt schon am Limit.“

„Versuch es wenigstens.“

Hobie seufzte, zog seine Kappe zurecht und stand vom Kopilotensitz auf. „Wie du meinst. Aleandro, hilfst du mir?“

„Ich übernehme den Platz an der Ortungsanlage“, erbot sich Piccoli.

„Und ich löse dich ab, Hobie“, sagte Kelly.

Sekoya sagte nichts, sondern wandte sich wieder der Technikkontrolle zu.

Eine Weile lang herrschte angespanntes Schweigen. Eine Verfolgungsjagd im All war etwas ganz anderes als eine in der Atmosphäre eines Planeten. Die Geschwindigkeiten waren viel höher, die Entfernungen viel größer – und die meiste Zeit verbrachte man mit nervösem Warten.

John merkte, wie sich das Geräusch des Antriebs leicht veränderte und das Vibrieren in der Schiffshülle ein wenig zunahm. Hobie tat, was er konnte, um auf dem schmalen Grat zu balancieren, der zwischen maximaler Schubkraft und der Überlastung der Maschinen lag. „Harold, wie wäre es mit einer guten Nachricht?“

„Ich bedaure, Captain. Im Augenblick … Halt! Es tut sich was!“ Der dunkelhäutige Hüne knurrte unzufrieden. „Sie beschleunigen. Sie kommen uns nach!“

John verzog das Gesicht. „Das ist keine gute –“

„Warte!“, unterbrach ihn Piccoli. „Ich glaube, ich habe mich geirrt.“

„Soll heißen?“

„Sie haben nur den Orbit gewechselt.“ Piccoli klang hörbar erleichtert. „Das Patrouillenschiff hat einen höheren Orbit eingenommen. Aber sie fliegen weiter um den Planeten herum. Zumindest scheint es so.“

„Zeig her!“, forderte John ihn auf.

Auf einem der Bildschirme vor ihm erschien die Ansicht der Ortungsanzeige. Einige Sekunden lang starrte er auf den Punkt, der das andere Schiff darstellte. Dann ballte er mit stillem Triumph die Hand zur Faust. „Kelly, sag Hobie und Aleandro, dass sie sich entspannen können! Wir sind die Blauröcke los. Und, Mary-Jane, bring uns zum Transitfeld ins Coronado-System! Ich kenne auf Yuma eine kleine Werft, die gut ausgestattet ist und deren Besitzer keine Fragen stellt. Genau der richtige Ort, um eine illegale Massetreiberkanone in ein Schiff einzubauen.“

Kapitel 3

Etwa acht Stunden später riss das All auf, und der weiße Wurm spie die Mary-Jane Wellington unweit der orangefarbenen Sonne Coronado in den Normalraum aus. John blinzelte und schüttelte den Kopf, um die Benommenheit zu überwinden, die eine wiederkehrende Nebenwirkung des schnellen Reisens vom Transitfeld eines Systems zu dem eines benachbarten war. Seit mehr als einem Dutzend Jahren ließ er sich von den geheimnisvollen Exo-Energiefilamenten packen und durchs All schleudern, die jenseits des gewöhnlichen Raum-Zeit-Kontinuums wütend zwischen Massequellen wie Sonnen und großen Gasriesen hin und her zuckten. Doch obwohl diese Transits zu seinem Alltag gehörten und er sie als notwendiges Übel akzeptierte, hatte er sich nie ganz daran gewöhnt. Vermutlich war das gar nicht möglich.

„Statusbericht, Mary-Jane“, forderte er und überflog dabei die Angaben auf seiner Instrumententafel.

„Alle Systeme arbeiten normal. Wir befinden uns gegenwärtig drei Millionen Kilometer oberhalb des magnetischen Nordpols von Coronado. Unsere Geschwindigkeit beträgt gleichbleibend fünftausend Meter pro Sekunde.“

„Sehr gut. Berechne einen Kurs nach Yuma, mittlere Beschleunigung. Wir haben es nicht eilig.“

„Gern, John.“

„Danke!“ John stand von seinem Pilotensessel auf und unterdrückte ein Gähnen. Laut Bordzeit war es nach Mitternacht. Es wurde Zeit, dass er in die Koje kam. „Ich lege mich hin. Weck mich, wenn du Ärger ortest!“

„Natürlich, John. Gute Nacht!“

John hatte keine Bedenken, die Kontrolle der Künstlichen Intelligenz zu überlassen. Mary-Jane leistete als Pilotin und Sensorwache hervorragende Arbeit. Kritische Stimmen mochten anmerken, dass das Bordzentralsystem bloß aus Einsen und Nullen bestand, aber im Fall von Mary-Jane war das ungefähr so, als würde man sagen, ein Mensch bestehe bloß aus Wasser und Kohlenstoff. Mary-Jane war für John ein Teil der Mannschaft, und er vertraute ihr genauso wie Hobie und Kelly.

Aus Gewohnheit ging John nicht direkt zu seiner Kabine, die neben dem Cockpit lag, sondern drehte noch eine Runde im Gang, der durch das Schiff führte. Die anderen hatten sich bereits in ihre Schlafquartiere zurückgezogen. Nur Hobie kam ihm vom Maschinenraum entgegen und nickte ihm zu. „Noch ein letzter Kontrollgang?“

„Ja. Und vielleicht ein Whiskey. Hilft beim Einschlafen. Möchtest du auch einen?“

Sein alter Freund schüttelte den Kopf. „Heute nicht. Ich bin müde genug.“ Er fuhr sich mit der Hand über das faltige Gesicht.

„Alles klar. Dann trinke ich eben allein. Bis morgen, Hobie!“

„Gute Nacht, John!“

Als John die Messe betrat, stellte er fest, dass er doch nicht der Einzige war, dem der Sinn nach einem Schlummertrunk stand. Auf einem der acht Stühle, die um den großen, am Boden festgeschraubten Esstisch in der Mitte des Raums herumstanden, saß Harold Piccoli. Ein Glas anscheinend nicht angerührten Bourbons stand vor ihm, und seine riesigen Hände waren damit beschäftigt, ein winziges Stück Papier zu bearbeiten.

Erstaunt zog John die Augenbrauen hoch. „Harold? Was machst du hier so allein?“

„Ich finde keinen Schlaf, Captain“, antwortete der dunkelhäutige Hüne. „Zu viele Erinnerungen.“

John begab sich zum Tresen, der den Essbereich von der kleinen Küchenzeile trennte, griff geübt dahinter und förderte die Whiskeyflasche aus Hobies Vorrat zutage. Mit Glas und Flasche bewaffnet begab er sich zum Tisch zurück und setzte sich. „Was für Erinnerungen?“, fragte er, während er sich von der goldbraunen Flüssigkeit eingoss.

Piccoli faltete das Papierchen ein weiteres Mal. „An zu Hause.“ Er hob den Blick und sah John aus dunklen Augen an. „Du weißt noch, woher ich komme, Captain? Wo ich gelebt habe, bevor ich zur Flucht durch die halbe Galaxis gezwungen war?“

„Klar, du …“ John stockte. Erst jetzt ging ihm auf, wo sie sich befanden. Im Corona-System lag nicht nur der Planet Yuma mit seinen Rückzugsorten für Schurken und Frontiersmen. Weiter draußen, dreihundert Millionen Kilometer über die Umlaufbahn von Yuma hinaus Richtung Systemrand, zog der Gasriese Hasperat seine stumme Bahn. Auf dem zweiten Mond befand sich eine Bergbaukolonie. Die Systemkarten nannten diesen Himmelskörper schlicht Hasperat II. Eingeweihte kannten ihn jedoch als … „Higgins’ Moon“, erkannte John. „Du denkst an Higgins’ Moon.“

Piccoli nickte. „Es ist eineinhalb Jahre her, seit ich mit Jim und Hamid von dort geflohen bin. Ich frage mich, wie es meinen Leuten geht. Mussten sie leiden, weil Eisen sie für den Tod seines Neffen bestrafen wollte?“

„Eisen war der Manager, den dieser Konzern Vulcan Ores & Elements eingesetzt hat, nachdem er den Laden von Higgins übernommen hat, richtig?“

„Genau. Michael Eisen. Sein Neffe Jeremy kam ums Leben, als wir die Transformatorhalle in die Luft gejagt haben, um einen Störfall in der Energieversorgung herbeizuführen, der unsere Flucht decken würde. Du erinnerst dich vielleicht noch an die Geschichte.“

„Ja, irgendwie kommt mir das bekannt vor.“ Piccoli hatte ihm den Vorfall damals, als sie sich kennenlernten, geschildert.

Der dunkelhäutige Mann seufzte und blickte auf das gefaltete Papier in seinen Händen. „Es war ein Unfall. Wir wollten ihn nicht töten. Aber in Eisens Augen begingen wir einen Mord. Und da er mich bis heute nicht in die Finger bekommen hat, dürfte er seine Wut an den Arbeitern ausgelassen haben.“

John trank einen Schluck Whiskey, der sich angenehm scharf seine Kehle hinunterbrannte. „Wir werden dem Mond nicht nahekommen, keine Sorge. Eisen wird nie erfahren, dass du hier warst.“

Stumm faltete Piccoli das Papier ein weiteres Mal. Es sah aus, als würde er ein Tier falten, aber ganz sicher war sich John nicht.

„Ich wünschte mir beinahe, er würde es“, sagte der große Mann. „Immer noch ist dieses Kopfgeld auf mich ausgesetzt. Wir mögen keine weiteren Kopfgeldjäger getroffen haben, seit wir die Cutters auf Heaven’s Gate losgeworden sind. Aber das heißt nicht, dass niemand nach mir sucht. Ich bin das ständige Fliehen leid. Ich würde es gern beenden, so oder so.“

„Wir alle haben unsere Feinde, Harold“, sagte John. „So ist das auf den Randplaneten. Irgendeiner will immer auf dich schießen. Der Trick ist, ihm entweder zuvorzukommen oder aus dem Weg zu gehen. Die Mary-Jane ist schnell und hat eine robuste Hülle. Wir kommen schon klar.“

„Ja, gewiss.“ Piccoli nahm einen letzten Handgriff an seinem Papierkunstwerk vor, dann stellte er es vor sich auf den Tisch. Er nahm sein Glas Bourbon und leerte es in einem Zug. „Danke, Captain! Und gute Nacht!“ Mit diesen Worten ging er.

John blickte auf den winzigen Origami-Bären, den Piccoli zurückgelassen hatte. Er fragte sich, ob er irgendetwas bedeuten sollte. „Was geht dir wirklich durch den kahlen Schädel, Harold?“, murmelte er und nahm einen weiteren Schluck Whiskey.

 

An Bord der Mary-Jane Wellington war es neun Uhr morgens, als sie auf Yuma eintrafen. Die Uhren in der planetaren Hauptstadt Somerton zeigten dagegen bereits die sechzehnte Stunde des insgesamt zweiundzwanzig Stunden währenden Tages an – sprich: Dort war es bereits fortgeschrittener Nachmittag. Entsprechend viel Leben herrschte auf den Straßen, während John und Kelly mit Johns Landgleiter, einem Fargo Ti-27, durch das Hafenviertel fuhren, um Vorräte einzukaufen und sich nach einem Job umzusehen, der frisches Geld in die Kasse spülte.

Die Mary-Jane parkte unterdessen in der unauffälligen Schattenwerft am Rand des weitläufigen Industriegebiets von Somerton, wo sich Hobie und Aleandro um den diskreten Einbau der Massetreiberkanone kümmerten. Sekoya und Piccoli waren ebenfalls beim Frachter geblieben. Zum einen waren Peko auf Yuma nicht gern gesehen, zum anderen fürchtete Harold, durch Zufall jemandem von Hasperat II zu begegnen, wenn er in die Stadt ging. Auch die Minenarbeiter und ihre Aufseher kauften hier gelegentlich Ausrüstung und Vorräte. Dieses Risiko wollte er nicht eingehen.

„Wohin fahren wir eigentlich?“, wollte Kelly wissen, während sich der zweisitzige Landgleiter mit der kleinen Ladefläche zwischen den kegelförmigen Außentriebwerken langsam seinen Weg durch die Menge an Geschäftstreibenden bahnte.

„Zum Raumhafen, um einen Blick auf die Aushänge zu werfen“, antwortete John. „Und wenn wir dort nichts finden, schauen wir uns mal in Bertollis Basar um. Dort findet man normalerweise die ganzen Jobs, die unter der Hand laufen.“

„Du meinst illegale Jobs.“

„Ich meine gut bezahlte Jobs.“

Kelly seufzte leise. „Ich hoffe bloß, dass es uns diesmal keinen Ärger einbringt. Ein ganz gemütlicher, ruhiger Warentransport, das wäre zur Abwechslung mal fein.“

„Ich gebe mein Bestes“, versprach John.

Vor ihnen kam es zu einem Stau auf der belebten Straße. Auf einem kleinen Platz zur Linken hatte sich eine Traube von Menschen versammelt, und nachlässig am Straßenrand geparkte Fahrzeuge verursachten ein Nadelöhr, das gegenwärtig durch einen Lastwagen verstopft wurde. Ein Gleiterfahrer hupte ungeduldig, ein anderer fragte schreiend, was denn hier los sei. Im Hintergrund spielte Musik.

„Kelly, kannst du den Grund für diesen Menschenauflauf erkennen?“, fragte John.

„Warte kurz.“ Kelly schob sich auf ihrem Platz in die Höhe, um über die Köpfe der Versammelten hinwegzuschauen. Applaus brandete auf, begleitet von Hochrufen, und John sah, wie sich die Augen der blonden Frau weiteten. „Das ist Benjamin West!“

„Wer ist Benjamin West? Ein Holo-Star?“

Vorwurfsvoll blickte Kelly zu ihm hinunter. „Kriegst du eigentlich gar nichts mit, was in der Galaxis passiert?“

„Mir sind die meisten Flugpläne der Patrouillenschiffe des Unionsmilitärs bekannt. Und ich weiß, in welchen Systemen sich Peko-Banden herumtreiben. Reicht das nicht?“

„Ich dachte, die Freiheit der Randplaneten läge dir so am Herzen.“

„Und?“

Kelly rutschte zurück auf den Sitz. „Benjamin West ist einer der führenden Köpfe der Freedom-Bewegung. Er geistert schon seit Wochen durch die Nachrichten, seit Hyman Conway zum neuen Präsidenten der Kernweltenunion gewählt worden ist. West stellt sich ihm entgegen und verteidigt die Randwelten gegen Conways Ausbeutungspolitik.“

„Idealisten gibt es überall“, sagte John. „Warum hören dem dort mehr Menschen zu als den anderen, die auf Apfelkisten auf Dorfplätzen stehen oder Petitionen im Datennetz starten?“

„Tja, wie es der Zufall will, stammt West aus einer Politikerfamilie. Er weiß, wie man Leute mobilisiert. Es heißt, er habe große Ziele. Er will es bis zum Sektorgouverneur bringen.“

„Sektorgouverneur, hm?“ John warf einen Blick durch die Windschutzscheibe auf die verstopfte Straße und anschließend auf die Menschengruppe zu ihrer Linken. „Vielleicht sollten wir uns mal anhören, was der Bursche zu sagen hat.“

Er lenkte den Fargo an den Straßenrand und trug damit seinen Teil zum gegenwärtigen Verkehrschaos bei. Dann glitt John hinter dem Steuerhorn hervor und flankte über die offene Karosserie. „Kommst du?“, fragte er Kelly.

„Du überraschst mich immer wieder“, sagte sie, als sie sich ihm anschloss.

Er schenkte ihr ein schiefes Grinsen. „Ich gebe mir Mühe.“

Sie schoben sich durch das Publikum, bis sie einen Blick auf den Lastschweber erhaschen konnten, dessen Ladefläche West als behelfsmäßige Bühne diente. Benjamin West war etwa in Johns Alter. Seine schlanke Gestalt steckte in Hemd und Anzughose, aber er hatte die Ärmel hochgekrempelt, und auf seinen blassen Zügen spiegelte sich die Leidenschaft eines Mannes mit einer Mission. Er nahm den Jubel der Umstehenden ohne große Geste entgegen, eine Haltung, die von einer gewissen Bodenständigkeit kündete und John gefiel.

Mit einer beschwichtigenden Handbewegung bat West die Menge darum, sich zu beruhigen. Dann nickte er einer jungen Frau zu, die hinter einem Technikpult am Rand der Ladefläche saß, und hob ein kleines Sprechgerät an den Mund. „Es ist eine Schande!“, rief er, und seine Stimme wurde, von den Lautsprechern auf der Ladefläche verstärkt, über den ganzen Platz getragen. „Es ist eine Schande, dass seit bereits vier Standardmonaten ein Mann im Präsidentenpalast auf Olympus sitzt, dem Geld wichtiger ist als Menschen. Der aus einer Konzerndynastie stammt und Konzernbosse seine Freunde nennt, während er auf den kleinen Arbeiter herabschaut.“

Beifällige Rufe quittierten diese Aussage.

„Es ist eine Schande“, fuhr West fort, „dass dieser Mann die Ansicht vertritt, die Kernwelten wären etwas Besseres als die Randplaneten und dass es völlig in Ordnung sei, den Wohlstand der einen auf Kosten der anderen zu mehren – bloß weil am Rand weniger Menschen leben als in den Zentralsektoren.“

Sowohl der Beifall als auch das Murren nahmen zu. „Recht haben Sie!“, rief jemand. „Seit Conway glauben die da oben doch, sie könnten hier draußen machen, was sie wollen!“

„So ist es!“, nahm West den Einwurf auf. „Und das ist die größte Schande! Es ist eine Schande, dass Konzernvorstände und Chefetagen auf Welten wie Olympus und Whitehall und Westminster darüber entscheiden dürfen, wie wir auf den Randplaneten zu leben haben. Und, ja, das tun sie! Ihre Raffinerien verpesten unsere Luft mit Abgasen. Ihre Bergbauanlagen vergiften unsere Böden mit Chemikalien. Ihre Monokulturen zerstören fruchtbare Landstriche, und ihre industrielle Viehzucht zieht Zäune, wo man früher frei bis zum Horizont blicken konnte.“

Seine Stimme wurde lauter, seine Miene leidenschaftlicher. „Für die Bewohner der Kernwelten sind unsere Planeten kaum mehr als Rohstofflieferanten, auf denen man tun und lassen kann, was man will, damit die Erträge stimmen. Doch für uns sind sie weit mehr als das. Für uns sind sie Heimat! Eine Heimat, die in Gefahr ist, uns weggenommen zu werden. Ich sage, wir müssen endlich aufhören, diese Fremdbestimmung hinzunehmen. Ich sage, wir müssen unsere Stimme und unseren Arm erheben und für unsere Welten kämpfen. Noch ist es nicht zu spät, meine Freunde. Noch können wir –“

Das Aufheulen einer Sirene unterbrach ihn. Als John sich umdrehte, sah er, dass sich ein bulliger dunkelblauer Polizeischweber die Straße hinunterschob. Einige Männer auf Pferden begleiteten ihn. Die Dachluke des Schwebers stand offen, und ein behelmter Beamter bemannte etwas, das ein Schallgeschütz oder eine Druckluftkanone sein mochte. Die Berittenen trugen sogar richtige Gewehre bei sich. Es schien, als fürchtete die Obrigkeit gewaltsamen Widerstand und trete daher gleich in übertriebener Stärke auf.

„Okay, das reicht“, dröhnte eine Stimme aus den Dachlautsprechern des Schwebers. „Das ist eine unangemeldete Demonstration, die jetzt ein Ende hat. Gehen Sie nach Hause, wenn Sie keinen Ärger haben wollen!“

„Und da haben wir die nächste Schande!“, rief West. Statt sich zurückzuziehen, deutete er mit dem ausgestreckten Arm auf die Neuankömmlinge. „Die Sicherheitskräfte der planetaren Regierungen, die uns vor Verbrechen und Missbrauch schützen sollten, stellen sich gegen uns. Sie dienen nicht dem Volk der Randplaneten, sondern den Konzernen der Union. Sie werden zu Vollstreckern der irrsinnigen Politik Hyman Conways!“

Der Schweber schob sich von der Straße auf den Platz. Einige Männer wollten sich ihm in den Weg stellen, aber der Fahrer drängte sie mit der massiven Stoßstange beiseite. Aus der Dachluke tauchte eine zweite Gestalt auf, ein stämmiger Mann mit Cowboyhut und kantigem Gesicht. Er hob ein Sprechgerät, das dem von West ähnelte. „Das ist meine letzte Warnung, Mister West. Verbreiten Sie Ihre Parolen irgendwo anders. Hier auf Yuma wollen wir unsere Ruhe haben. Und wenn Sie keine Ruhe geben, hat mich der Bürgermeister ermächtigt, Sie einzusperren. Haben wir uns verstanden?“

„Sheriff Gosling, wir wollen hören, was dieser Mann zu sagen hat!“, rief eine Stimme aus der Menge.

„Genau, halten Sie sich da raus“, pflichtete ihm jemand bei. „Es geht doch um unser Leben!“

Beifälliges Gemurmel kam auf. Die Männer auf den Pferden wechselten nervöse Blicke. Der Schütze auf dem Schweber schwenkte seine Kanone herum.

„Ihr wollt euch nicht ernsthaft mit mir anlegen, oder?“ Drohend beugte Gosling sich vor. „Das würde euch nicht gut bekommen, das schwöre ich euch.“

„Es droht sich leicht, wenn man auf einem hohen Ross sitzt“, meldete sich ein ganz Kecker aus den vorderen Reihen zu Wort.

„Ach, so sieht das aus? Ihr glaubt, ich bin nicht Manns genug, mich euch direkt zu stellen? Einen Moment.“ Der Sheriff drückte seinem Beamten das Sprechgerät in die Hand und verschwand im Schweber. Gleich darauf öffnete sich die gepanzerte Seitenluke, und Gosling trat breitbeinig ins Freie. In den Händen hielt er ein kurzläufiges Anti-Aufruhr-Gewehr. „So!“, brüllte er. „Hier bin ich. Wer von euch möchte sich die erste Kugel einfangen?“ Grimmig ließ er den Blick über die Versammelten schweifen. „Na, kommt schon. Legt euch mit mir an, wenn ihr euch unbedingt gegen die Obrigkeit auflehnen wollt. Aber wenn mich einer von euch Verrückten niederschießt, dann schwenkt morgen ein Kreuzer des Unionsmilitärs im Orbit ein – darauf könnt ihr einen lassen!“

Die Männer und Frauen im Publikum wechselten unsichere Blicke. Einige winkten ab und wandten sich zum Gehen. Benjamin West auf seinem Podium verfolgte die Szene mit zusammengepressten Lippen. Der Zorn über das Vorgehen des Sheriffs stand ihm ins Gesicht geschrieben. Aber er sagte nichts, versuchte nicht, die Menge weiter aufzuwiegeln. Vermutlich ahnte er, dass das in einem Blutbad enden konnte.

Die Berittenen drängten näher, und die Versammlung begann sich aufzulösen.

„Geht doch“, knurrte der Sheriff, der nicht weit von John und Kelly entfernt stand. Dann herrschte er seine Leute an. „Und jetzt schafft diesen Kerl aus meiner Stadt!“

Ein paar der Reiter stiegen ab, und zwei marschierten auf West zu.

Die Technikerin auf dem Lastschweber schaute besorgt zum Redner. „Ben?“

„Keine Sorge, Amelia. Das werden wir auf zivilisierte Weise regeln.“ West begann von der Ladefläche zu klettern.

Einem der Deputys ging das nicht schnell genug. „Los, runter mit dir“, befahl er barsch, hob den Arm und zerrte West zu Boden. Der verlor das Gleichgewicht und ging in die Knie. Der andere Mann zog ihn gleich darauf wieder auf die Beine.

„Lassen Sie mich los!“, begehrte West auf.

„Pass bloß auf, Freundchen!“, warnte ihn der andere Beamte. Die Männer schienen in der Stimmung zu sein, jemandem eine Abreibung zu verpassen. Einige der Umstehenden bemerkten das auch und stockten – hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, sich aus der Schusslinie des Sheriffs zu bringen, und dem Pflichtgefühl, West beizustehen.

John seufzte leise und schüttelte den Kopf. Es sollte ihm wirklich egal sein. Er sollte mit Kelly in den Fargo steigen und zum Raumhafen fahren. Aber so einfach war das nicht. Er trat vor und hob die Stimme. „Das ist jetzt wirklich nicht nötig!“

Überrascht drehten sich die Deputys um und maßen John von oben bis unten.

„Sheriff?“, fragte der eine.

Mit finsterer Miene gesellte sich Gosling zu ihnen. „Wer sind Sie denn?“

„Ein friedliebender Bürger“, erwiderte John, wobei er darauf achtete, die Hände von seinem Santhe fernzuhalten. „Und ich denke, es ist nicht nötig, dass Ihre Leute grob werden. Sie haben Ihren Standpunkt klargemacht. Die Veranstaltung ist vorbei. Ich bin mir sicher, dass Mister West ohne weitere Umstände das Feld räumen wird. Also geben Sie ihm die Gelegenheit zum Rückzug, sonst könnte das hier doch noch hässlich werden.“ Er deutete mit einem Kopfnicken auf die zögernden Zuschauer.

Gosling hob einen dicken Zeigefinger. „Sie, Kumpel, haben mir gar nichts zu sagen, verstanden? Dieser feine Herr treibt schon seit einer ganzen Woche auf Yuma sein Unwesen. Ja, ich habe mich informiert, Mister West. Sie schwingen Ihre Reden und stacheln die Leute zur Unruhe an. Das ist nicht gut für die Ordnung hier und zudem schlecht fürs Geschäft.“

„Wenn man Sie so reden hört, Sheriff, könnte man glauben, dass Sie von den Kernwelten stammen“, erwiderte West unterkühlt. „Aber ich kann Sie beruhigen. Somerton war meine letzte Station. Ich reise weiter, um meine ‚Reden zu schwingen‘. Denn auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen: Meine Worte treffen die Leute hier draußen ins Herz. Die Ausbeutung durch die Konzerne ist real, die Not der Einheimischen auch. Das lässt sich nicht mit Waffen wegdiskutieren.“ Er deutete auf den Schweber mit dem Dachgeschütz.

Der Sheriff setzte zu einer zornigen Antwort an, aber John kam ihm zuvor. „Vergessen wir mal den ideologischen Teil, hm? Wichtig ist doch, dass West weiterreisen will. Damit ist er nicht mehr Ihr Problem, und alles ist gut. Was meinen Sie? Gehen wir alle nach Hause, und niemand wird verletzt.“

Mit finsterer Miene sah sich Gosling um. Johns Einschätzung der Lage war nicht ganz falsch. Obwohl sich der Platz bereits merklich geleert hatte, standen noch genug Männer herum, die ihre Gruppe beobachteten und abzuwarten schienen, wie die Begegnung sich entwickelte. Die Handlanger des Sheriffs wären vermutlich mit ihnen fertig geworden, aber es befanden sich auch eine Handvoll Reporter unter den Verbliebenen – und John argwöhnte, dass Gosling keine Lust auf Schlagzeilen über einen blutigen Zwischenfall mit Polizeibeteiligung hatte.

„Na schön“, brummte der Sheriff. „Wir ziehen ab. Aber Rickman und Witzbowski begleiten Sie zum Raumhafen, Mister West. Damit Sie sich nicht zwischendurch verirren.“

„Wie Sie wünschen“, gab dieser zurück.

Gosling schnippte mit dem Finger und deutete hinter sich. „Sammeln, Männer!“, befahl er lautstark. „Wir sind hier fertig.“

Als die Berittenen abzogen, wandte sich West an die Technikerin. „Räum alles zusammen, Amelia! Wir fahren.“ Dann drehte er sich zu John um. „Ich danke Ihnen, dass Sie geholfen haben, die Lage zu beruhigen.“

„Danken Sie nicht mir, danken Sie meiner Begleitung. Sie ist ein großer Fan von Ihnen.“ John nickte in Kellys Richtung.

„Ich habe kein Wort davon gesagt, dass du dich einmischen sollst“, stellte sie klar.

„Aber du hast es gedacht.“

Um Kellys Mundwinkel deutete sich ein Lächeln an. „Möglicherweise.“

„Wie es sich auch damit verhält: Ich danke Ihnen.“ West hielt John die Hand hin. „Es tut gut, zu sehen, dass meine Botschaft bei manchen ankommt. Wir dürfen uns den Konzernen und ihren Helfershelfern nicht unterwerfen, sondern müssen die Stimme erheben und für die Freiheit am Rand einstehen.“

John erwiderte den Handschlag. „Sie gäben einen ganz passablen Frontiersman ab.“

Mit ernster Miene sah West ihn an. „Das bin ich, Mister …“

„Donovan, John Donovan.“

„… Mister Donovan. Ich mag aus einem Haus kommen, das wohlhabend ist und einen gewissen Einfluss hat. Aber wir haben uns nie an die Kernwelten verkauft. Ich schätze die Werte der Grenze nicht weniger als der kleine Frachterpilot zwischen den Sternen.“

„Schön zu hören. Dieser Frachterpilot hier muss nun los, um sich einen neuen Auftrag zu beschaffen. Hat mich gefreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

„Ganz meinerseits, Mister Donovan. Oh, und falls ich mal etwas für Sie tun kann …“ West griff in seine Jackentasche und zog eine geprägte Visitenkarte hervor, auf der eine Datennetzadresse stand. Er reichte sie John. „Zögern Sie nicht, sich zu melden!“

„Danke!“ John schenkte ihm ein schiefes Grinsen und steckte die Karte in seinen Mantel.

So trennten sie sich. West und Amelie aktivierten das automatische Faltverdeck des Lastschwebers und stiegen in das Führerhaus, John und Kelly begaben sich zum Fargo zurück. Sie hatten ihn beinahe erreicht, als ihnen eine raue Männerstimme nachrief. „He, Sie! Warten Sie mal!“

John zog die Augenbrauen hoch und drehte sich um. Ein kräftiger Mann mit grau meliertem Haar und Bart kam ihnen hinterher. Er trug feste Stiefel, eine Arbeitshose und eine braune Jacke, auf deren Ärmel ein V prangte, das vor einem stilisierten, ausbrechenden Vulkan hing.

John hakte die Daumen in den Gürtel und blickte den Mann fragend an. „Was können wir für Sie tun, Sir?“

Der Mann blieb vor ihm stehen. „Mein Name ist Sheppard. Ich habe gesehen, was Sie für Mister West getan haben, und mitbekommen, dass Sie einen Job suchen. Ich hätte einen. Und ich glaube, Sie sind genau der richtige Mann dafür.“

 

Über den Autor

Autor Wes Andrews

 

Wes Andrews – das ist Bernd Perplies. Der 1977 geborene Autor ist seinen Lesern aus gut 30 Romanen bekannt, Science-Fiction und Fantasy für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Neben der Frontiersmen-Serie schrieb er gemeinsam mit Christian Humberg „Star Trek: Prometheus“, die ersten Star-Trek-Romane aus deutscher Feder. Mit den Frontiersmen lebt er seine Vorliebe für alte Western und die TV-Serie „Firefly“ aus.

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