Jenseits der Betondecke? Science-Fiction in drei deutschen Literatur-Zeitschriften

ESSAY

Jenseits der Betondecke? Science-Fiction in drei deutschen Literatur-Zeitschriften


Die Frage, ob Science Fiction "Literatur" sei, ist alt und auch ein wenig altbacken. Aber Tatsache ist, dass Genre- und Hochliteratur in einem komplizierten Wechselverhältnis stehen, das von fröhlicher Ignoranz, gelassener Akzeptanz oder auch hemmungsloser Anbiederung geprägt sein kann. Einige Beobachtungen über den Tellerrand von Dirk Alt.  

 

 

In seinem 1972 im Quarber Merkur erschienenen Essay »Science-Fiction: ein hoffnungsloser Fall – mit Ausnahmen« beschreibt Stanislaw Lem eine »Betondecke«, die das »untere Reich« der Trivialliteratur, einschließlich der Science-Fiction, vom »oberen Reich« der seriösen Literatur trenne. Unter den Spielarten der Trivialliteratur nehme die Science-Fiction dabei jedoch den Sonderstatus einer »Hure« ein, die sich »mit Unbehagen« prostituiere und »in unaufhörlicher Selbsttäuschung« lebe: in der Autosuggestion, der seriösen Literatur in Wahrheit ebenbürtig (wenn nicht überlegen) zu sein. Die Science-Fiction, so befindet Lem, sei ein »merkwürdiges Phänomen«, sie stamme »aus dem Bordell und möchte in die Paläste einbrechen«.

Gelungen ist ihr das bis heute nicht – was nicht ausschließt, dass Romane mit utopisch-technischen oder utopisch-phantastischen Inhalten zur Hochliteratur der Gegenwart zählen. So befinden sich unter den sechs Hauptwerken von Michel Houellebecq, unbestreitbar einer der bedeutendsten Schriftsteller der Gegenwart, zwei Zukunftsromane – Die Möglichkeit einer Insel (2005) und Unterwerfung (2015), die man mit einigem Recht als Science-Fiction verlegen könnte. Auch Elementarteilchen (1998) sowie Karte und Gebiet (2010) weisen utopische Elemente unterschiedlicher Gewichtung auf. Dennoch würde kein Literaturkritiker auf die Idee kommen, Houellebecq der Science-Fiction zuzurechnen. Ebenso wenig hat eine breite Rezeption des Franzosen im SF-Milieu stattgefunden, da sich die Masse der dort heimischen Leser mehr für Perry Rhodan, Dirk van den Boom und die jüngsten Star Wars- oder Star Trek-Ableger interessiert. Ergo: Die Betondecke ist mindestens so intakt wie zu Lems Zeiten.

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Empathiefähige Futterroboter

Die im Folgenden vorgestellten Literaturzeitschriften dürften an der Science-Fiction-Gemeinde daher weitgehend unbemerkt vorübergegangen sein. Interessant sind sie deswegen, weil sie das Genre aus der Außenperspektive und unter Zugrundelegung jener künstlerischen Kriterien betrachten, an denen gemeinhin die Hochliteratur gemessen wird. Dabei stehen Literaturzeitschriften bis auf wenige Ausnahmen selbst so weit außerhalb des Mainstreams, dass sie vom Feuilleton kaum wahrgenommen werden. Als subkulturell bis bildungsbürgerlich geprägte Nischenerscheinungen bieten sie dem literarischen Nachwuchs sowie Experimental- und Hobby-Autoren ein Forum, das, je nach Bedeutung der Zeitschrift, gelegentlich auch von arrivierten Literaten genutzt wird. Ihre wichtigste Funktion besteht indes in der Förderung junger Talente und in der damit zusammenhängenden Indikationsfunktion für die Verlagsbranche.

     2016/17 haben drei deutsche Literaturzeitschriften Themenhefte herausgebracht, die sich der Science-Fiction zuwenden – das ist eine durchaus bemerkenswerte Häufung, die eine gestiegene Wahrnehmung des Genres erkennen lässt. Im Herbst 2016 legten die von Moritz Müller-Schwefe und Michael Watzka im Berliner Verbrecher Verlag herausgegebenen metamorphosen ihre Ausgabe Nr. 15 zum Thema Science-Fiction vor, die neben erzählenden Texten zahlreiche Rezensionen und Essays enthält. In einem Interview mit den Autoren Kai Hirdt (Perry Rhodan) und Leif Randt (Planet Magnon) gehen die Herausgeber hier unter anderem der Frage nach dem Spannungsverhältnis von E- und U-Literatur nach. Auf eskapistische und reaktionäre Tendenzen der SF angesprochen, versichert Hirdt, das Genre sei »genauso reich an Intentionen und Qualitätsstufen wie jede andere Form von Belletristik«. – Progressives und Reaktionäres bilden auch die Gegenpole in den lesenswerten Essays von Karl Clemens Kübler und Jakob Schmidt. Im Vergleich von Star Trek und Raumpatrouille Orion, die beide 1966 TV-Premiere feierten, attestiert Kübler der letzteren eine »Landserheftromantik« und »Wir-Die-Dichotomie« – ohne, was reizvoll gewesen wäre, diese Beobachtungen rezeptionsgeschichtlich zu vertiefen. Jakob Schmidt thematisiert am Beispiel von Ann Leckies Roman Ancillary Justice wohlwollend das Vordringen der Gender-Welle in die Science-Fiction und wettert gegen den »organisierten Backlash von SF-Fans«, »die sich beklagen, die Science-Fiction würde von PC-Terroristen gekapert«. Neben ambitionierter Lyrik (Maddalena Vaglio Tanet, »Kepler«) enthält die Ausgabe zwei lesenswerte selbstreflexive Prosatexte von Joshua Groß und Martin Rüsch. Letzterer durchmisst die Untiefen eines Plots im Cyberpunk-Milieu mit seinem augenzwinkernden Parforce-Ritt »Page Runner«. Groß’ angenehm psychedelische Erzählung »Jupitermohn« berichtet dagegen von der Genese des gleichnamigen fiktiven Romans aus dem Jahr 2032: Sie beginnt mit der fatalen Entscheidung des Schriftstellers, seine beiden Hauskatzen einem »empathiefähigen Futterroboter« (eigentlich: Fütterroboter) auszuliefern, um ein Aufenthaltsstipendium in Andalusien antreten zu können. Neben diesen Glanzlichtern finden sich in der Ausgabe auch jene postmodernen, dem Prinzip der maximalen Unverständlichkeit gehorchenden Nicht-Erzählungen (Andreas Reichelsdorfer, Judith Hennemann), die man je nach Gusto entweder für Nonsens oder für avantgardistisch halten kann.

Am Erker

Diese Textgattung begegnet uns in nicht kleiner Zahl auch in der elften Ausgabe der in Düsseldorf erscheinenden »Zeitschrift für Gegenwartsliteratur« Richtungsding, die sich dem Thema »Rakete« widmet. Der SF-affinen Ausschreibung zum Trotz spielen die hier versammelten Texte zwar mit entsprechenden Versatzstücken, jedoch auf harmlose Weise: Dem Editorial zufolge hat sich auch He-rausgeber Jan-Paul Laarmann über die »Verweigerung« der Autoren »gegenüber der naheliegenden ›Waffenfähigkeit‹ der Raketenidee« gewundert. Der »bemerkenswert friedfertigen« Textzusammenstellung ermangelt es jedenfalls, um im Jargon zu bleiben, an Durchschlagskraft. Zu den interessanteren Beiträgen gehören die folgenden: In »Dalgren« erzählt Kevin Sommer von der Rache eines wegen seiner Implantate gemobbten Schülers, den im letzten Moment ein Khund (»eine remadechirurgierte Mischung aus Kuh und Hund«) vor dem Zugriff von Lehrerin und Geheimdiensten rettet. Ella Marouche berichtet in »Feuerschweife« von der recht unbefriedigenden Begegnung mit einem außerirdischen Besucher, dessen Genügsamkeit seinen Gastgebern bald zur Last fällt, da er zumeist in der Küche sitzt, vor sich hinstarrt und Marmeladenbrote verzehrt. In Michael Kochs technisierter Zukunftswelt (»Dahinter«) entpuppen sich Maschinen und Fahrzeuge als handbetriebene Attrappen, während Gott in einem unterirdischen Stollen über das Nichtfunktionieren der Welt als Kugel sinniert.

Einen durchweg ernsteren Tonfall schlägt dagegen die 73. Ausgabe der in Münster erscheinenden Zeitschrift Am Erker an, die im Juni 2017 unter dem Motto »Ichwolke Menschmaschine« erschienen ist. Vor vierzig Jahren von Joachim Feldmann und Michael Kofort ins Leben gerufen stellt der halbjährlich erscheinende Erker die dienstälteste deutsche Independent-Literaturzeitschrift dar und gehört somit zu den Leuchttürmen ihrer Zunft. Zentraler Bestandteil dieses »Cyber-Erkers«, wie die Ausgabe an einer Stelle bezeichnet wird, ist ein Interview mit Norbert Stöbe, dem eine Kurzgeschichte des Autors vorausgeht. In »Andrea/s« erzählt Stöbe von einer jungen Frau, die sich mittels eines illegalen Implantats die in einer Cloud gespeicherte Persönlichkeit ihres verstorbenen Großvaters einspielen lässt. Den Auftakt des Interviews, das vor allem Stöbes Roman-Oeuvre rekapituliert, bildet dann auch die Frage, wie die Weiterentwicklung der Menschheit von der ihrer künstlichen Pendants, Roboter und K.I., beeinflusst werden wird. Statt der üblichen Horror-Szenarien nimmt Stöbe die Perspektive friedlicher Ko-Evolution in den Blick und betont »die positiven Potenziale der wissenschaftlich-technischen Entwicklung«. In der Rückschau auf sein Werk räumt er offen den eigenen erfolglosen Versuch ein, aus dem Genre auszubrechen, und gibt sich damit als einer derjenigen SF-Literaten zu erkennen, deren Weiterentwicklung an der »Betondecke« gescheitert ist. Stöbes Schluss daraus: »Wenn der freie Flug über die Genregrenzen nicht gelingt, muss ich halt ein SF-Autor sein.«

Die Auswilderung von Pädo 1

Umso unbedarfter könnten die übrigen Autoren dieser Ausgabe mit Genregrenzen verfahren. Allerdings arbeiten sich die meisten an Betrachtungen des bereits Alltäglichen ab, statt die Unwägbarkeiten des Zukünftigen auszuloten. Rudolf Gier beschreibt in »Neu-konfiguration« den durch eine fehlgegangene E-Mail angestoßenen Tausch einer Durchschnittsexistenz gegen eine andere, Rolf Schönlau inszeniert in »Der große Anruf« eine Totenbeschwörung mittels Smartphone, und Maike Braun treibt in »Temporär offline« eine Diktatur der Apps auf die Spitze. In brisantere Gefilde, nämlich in die biotechnisch unterstützte Resozialisation von Sexualstraftätern, stößt Sabine Bruno in »Die Auswilderung von Pädo 1« vor. Einen Treffer landet Peter Schwendele, dessen nur grob skizziertes dystopisches Adoptions-Szenario (»Gerettet«) sozialkritische Akzente setzt, ohne in Sentimentalitäten zu verfallen.

Summiert man nun die textliche Ausbeute aus den drei Zeitschriften, so ergibt sich unter dem Strich ein zwiespältiger Befund. Einerseits ist ein geringes Interesse, möglicherweise auch eine Scheu der Autoren zu konstatieren, an die großen technisch-utopischen Visionen der Populärkultur anzuknüpfen. Wer als Leser also beim Stichwort »Menschmaschine« an Kraftwerk denkt, an Shin’ya Tsukamotos Tetsuo oder David Cronenbergs Videodrome, wird zwangsläufig eine Enttäuschung erleben. Wer andererseits Abwechslung vom schematischen Einheitsbrei der Trivial-SF und ihrer stilistischen Einfalt sucht – oder aber Lust verspürt, die Fremdlinge von jenseits der Betondecke auf den Prüfstand zu stellen – der sollte die hier gegebenen Hinweise als Leseempfehlung verstehen.

 

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© Dirk Alt

Erstveröffentlichung für EXODUS 37

Über den Autor

Autor Dirk Alt

Dirk Alt, geboren 1982 in Hannover, ist als Historiker, Publizist und Dokumentarfilmmacher und in der politischen Erwachsenenbildung tätig. Er veröffentlicht Erzählungen in deutschsprachigen Literaturzeitschriften (zuletzt in Am Erker, hEFt, LICHTUNGEN, Narr) und gelegentlich auch Artikel in der Presse, vor allem in Der Freitag.

Seine Kurzgeschichte »Die Stadt der XY« (EXODUS 34) wurde in der Kategorie »Beste deutschsprachige Kurzgeschichte« sowohl für den Deutschen Science Fiction Preis als auch für den Kurd-Laßwitz-Preis 2017 nominiert.

 

© EXODUS

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