5 SF-Autorinnen, die Ursula K. Le Guin inspirierte

BUCH

Fünf Autorinnen aus Fantasy und Science Fiction, die von Ursula K. Le Guin inspiriert wurden


Die Werke von Ursula K. Le Guin (1929-2018) verankerten Fantasy und Science Fiction als ernstzunehmende Sujets der modernen Literatur. Darüber hinaus leistete Le Guin für viele Kolleginnen Pionierarbeit innerhalb der lange von Männern und maskuliner Engstirnigkeit geprägten Genreliteratur. Wir stellen fünf Science-Fiction-Autorinnen vor, die alle von Ursula K. Le Guin beeinflusst wurden.

Brieffreundin und Gigantin: James Tiptree Jr.

Als Science-Fiction-Autorin erfolgreich sein, respektiert werden und Anerkennung finden? In den 60ern und 70ern schwierig, wenn man nicht Ursula K. Le Guin hieß. Also nannte sich Alice B. Sheldon (1915–1987), eine studierte Psychologin und ehemalige CIA-Analystin, lieber gleich James Tiptree Jr. und machte ihren Herausgebern, Kollegen und Lesern jahrelang erfolgreich vor, ein Mann zu sein. Die Science Fiction-Gemeinde mit ihren sexistischen Erwartungen wurde dafür mit einigen der besten SF-Kurzgeschichten beglückt, die man bis heute finden kann. Dank der vorbildlichen, soeben komplettierten und letztlich unverzichtbaren Werkausgabe im Wiener Septime Verlag liegen inzwischen alle Texte von »James Tiptree Jr.« auf Deutsch vor: die gesammelten, stilistisch und inhaltlich oft phänomenalen Kurzgeschichten in sieben schmucken Büchern; ihre zwei nicht ganz so starken, aber immer noch lesenswerten Romane; und ein interessanter Band mit Essays, Gedichten sowie Briefen an z. B. Ursula K. Le Guin (mit der Tiptree Jr. eine ganze Weile über den Postweg flirtete, bis sie ihr Geheimnis offenbaren musste). Als Begleitlektüre steht außerdem die erhellende Biografie von Julie Phillips bereit.

Meister unter sich: Jo Walton

Wer die Bücher von Jo Walton liest, stolpert auf den Backcovern des Öfteren über ein wohlwollendes Zitat von Ursula K. Le Guin, die Waltons Vorstellungskraft und Stilsicherheit lobte. Die in Wales geborene, seit Langem in Kanada lebende Ausnahmeautorin und Vielleserin Walton errichtete Le Guin und anderen Genre-Größen in ihrem feinfühligen Roman In einer anderen Welt ihrerseits ein Denkmal. Wer phantastische Literatur liebt, muss Waltons Liebeserklärung an die Meister und Meisterwerke einer anderen Ära einfach gelesen haben – nicht umsonst gab es für In einer anderen Welt den Hugo Award, den Nebula Award und den Kurd-Laßwitz-Preis. Doch auch ihre historische Alternativwelt-Trilogie über den Polizisten Carmichael, der in einem faschistischen Großbritannien für den Staat ermittelt, bietet eine bemerkenswerte Lektüre, zumal die mit Die Stunde der Rotkehlchen startende Serie von Band zu Band sogar noch besser wird. Schade, dass Waltons Thessaly-Saga um eine antike Insel voll zeitreisender Lehrer, Götter und Philosophen bisher nicht übersetzt wurde. Hoffen wir einfach, dass es zumindest ihre kommende Space Opera Poor Relations mit sozialem und ökonomischem Schwerpunkt nach Deutschland schafft.

Helligkeit fällt vom Himmel von James Tiptree Jr. Bei Amazon bestellen
Die Stunde der Rotkelchen von Jo Walton bei Amazon bestellen

Genauso vielseitig: Nnedi Okorafor

Nnedi Okorafor ist eine weitere Phantastik-Größe der nächsten Generation, deren Ideenreichtum Ursula K. Le Guin, die bis zum Schluss den Puls des Genres fühlte, zu entzückten Kommentaren hinriss. Wie Le Guin changiert Okorafor ungeachtet ihrer deutlichen Vorliebe für afrikanisch geprägte Stoffe geradezu unberechenbar zwischen Science Fiction und Fantasy, während man sich zugleich immer auf ihre starken Figuren – vor allem ihre starken Frauenfiguren – verlassen kann. Natürlich muss man die erfolgreiche US-Autorin mit nigerianischen Wurzeln, die ihre viel beachteten Prosa-Geschichten und Comic-Storys unübersehbar speisen, auch dem literarischen Einfluss und Erbe von Octavia E. Butler zuordnen; doch das macht ihren Reiz für die meistens extrem aufgeschlossenen, nach neuen Gedankenimpulsen hungernden Leser von Ursula K. Le Guin keineswegs geringer. Dank Okorafor fließt letztlich viel von Le Guins Schaffen in den aktuellen Afrofuturismus.

Preisgekrönte Nachfolgerin: Ann Leckie

Ursula K. Le Guin wurde im Verlauf ihrer großen Karriere mehrfach mit allen wichtigen Genre-Preisen bedacht und ist in der Hinsicht, wenig überraschend, eine der erfolgreichsten SF-Autorinnen aller Zeiten. Ihre »Nachfolgerin« und »Erbin« Ann Leckie legte 2014 allerdings ebenfalls gut los: Für ihren aufsehenerregenden Debütroman Ancillary Justice (dt. unter dem Titel Die Maschinen) heimste sie direkt einen Hugo, einen Nebula, einen Arthur C. Clarke, einen Locus und einen BSFA Award ein, in Japan gab es zudem einen Seiun Award. Mit ihrer ambitionierten Vision eines galaktischen Imperiums der fernen Zukunft macht sie es einem alles andere als leicht – Leser und Kritiker feierten sie dennoch frenetisch für ihre Space Opera über eine kriegerisch-künstliche Intelligenz aus einem futuristischen Großreich, in dem das Geschlecht keinen Einfluss auf die Wahrnehmung oder Einschätzung einer Person hat, was durch eine ungewöhnliche Grammatik reflektiert wird. Le Guins großer Roman Die linke Hand der Dunkelheit ragt wie eine stolze Vorfahrin über Die Maschinen und seine beiden Nachfolgebände auf.

Das Buch des Phönix von Nnedi Okoraforbei Amazon bestellen
Sternenschiff – Die Paradox-Saga von Rachel Bach bei Amazon bestellen

Überraschende Inspiration: Rachel Bach

Alles andere als in der Tradition von Ursula K. Le Guin, doch ebenfalls mit ihrer Inspiration im Tank: Unter dem Pseudonym Rachel Bach schrieb die USamerikanische Fantasy-Autorin Rachel Aaron drei krachende Science Fiction-Romane, die irgendwo zwischen Warhammer 40K und Super Metroid liegen. Wenn man liest, wie sich ihre Protagonistin Devi in einer Hightech-Kampfrüstung und mit einem riesigen Flammeschwert durch haufenweise Gegner metzelt, erwartet man das nicht unbedingt, aber: Seit sie in jungen Jahren erstmals selbstständig die Kurzgeschichten, Novellen und Romane von Ursula K. Le Guin las, zählt Aaron sie zu ihren wichtigsten Inspirationsquellen. Obwohl es in Aarons seichten, nichtsdestotrotz launigen SF-Büchern in erster Linie ums Ballern, Hauen, Stechen und Flirten geht, nennt sie »Die Omelas den Rücken kehren« und andere Werke von Le Guin als großen, da bewusstseinserweiternden und lebenslangen Einfluss. Die Wirkung von Ursula K. Le Guin reicht also oft weiter, als man eh schon denkt ...

Share:   Facebook