Neue Science-Fiction-Bücher im Februar: Lesetipps aus der Buchhandlung Otherland

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Neue Science-Fiction-Bücher im Februar: Lesetipps aus der Buchhandlung Otherland


Bock auf Lese-Nachschub aus dem Genre Science Fiction? Hier sind frische Sci-Fi-Buchtipps für den Februar aus der Berliner Fantasy und Science Fiction Buchhandlung Otherland

Naomi Alderman - Die Gabe

Stellt euch eine Welt vor, in der Frauen das körperlich stärkere Geschlecht sind; eine Welt, in der es für Männer gefährlich, nachts alleine rauszugehen, in der Frauen Männer schlagen, vergewaltigen und unterdrücken und Kriege führen können. Das ist es im Prinzip, worum es in Naomi Aldermans mitreißendem Pageturner geht.
Die Geschichte beginnt damit, dass junge Mädchen überall auf der Welt ein zusätzliches Organ im Schlüsselbein entwickeln, das es ihnen ermöglicht, Strahlen elektrischer Energie, eine Art Blitze, aus den Händen abzuschießen. Diese Fähigkeit verbreitet sich schnell, da die jüngeren, stärkeren Generationen sie an ältere Frauen weitergeben können. Was als Verteidigungsmechanismus in einer patriarchalen Welt beginnt, wird schnell zu der Art von Macht, die radikale Veränderungen in der Gesellschaft mit sich bringt und politische, religiöse und Geschlechterrollen umkehrt. Obwohl Aldermans es sich bei der Behandlung von (insbesondere) Gender-Themen und bei der Darstellung ihrer Figuren vielleicht ein bisschen zu einfach macht, wirft wie wichtige Fragen über die Natur von Machtverhältnisses auf, die die Lesenden mit Sicherheit ein bisschen zum Nachdenken bringen werden. Die Gabe ist ein intellektuell anregender Roman mit interessanter Grundidee. 

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G. Willow Wilson - Alif der Unsichtbare

Der dreiundzwanzigjährige Alif wohnt an einem fiktiven orientalischen Ort, im Buch die Stadt genannt. Er ist Hacker. Deswegen wird er auch unter seinem Hackernamen, seinem Handle, eingeführt: Alif, wie der erste Buchstabe im arabischen Alphabet. Er arbeitet für dubiose Gestalten, Terroristen, Anarchisten, Feministen, … Er arbeitet gegen die Zensur, gegen Bevormundung im Internet. Plötzlich hat es der gefürchtete Zensor und von der Regierung beauftragte Hacker-Jäger „die Hand“ ausgerechnet auf Alif abgesehen. Gleichzeitig gesteht ihm seine Geliebte aus dem Aristokraten-Viertel, dass ihr Vater sie mit einem Mann verlobt habe, der sich ausgerechnet als „die Hand“ herausstellt. Alif muss fliehen, untertauchen. Und erhält dabei Hilfe von unerwarteter Seite: Seine Nachbarin Dina, die er seit Kindertagen kennt, entpuppt sich als toughe Gefährtin. Die beiden suchen Hilfe bei einem skrupellosen Schläger – Vikram dem Vampir – der vor allem Interesse an dem uralten Buch zeigt, das Alif mit sich herum schleppt. Liegt in diesem Buch, das ein Dschinn im 14. Jahrhundert einem Gelehrten diktiert haben soll, der Schlüssel zu Alifs Rettung? Vielleicht nicht im realen Leben, dafür auf einer anderen Ebene? Denn das Buch besteht aus Metaphern, in anderen Worten aus Codes – und damit kann ein Hacker schließlich etwas anfangen! Lest den Rest der (für unseren Newsletter etwas lang geratenen) Rezension auf unserer Website! 

Adrian Tchaikovsky - Die Kinder der Zeit

Perfekter moderner Klassiker, ein Buch und fertig: die Menschheit hat die Erde kaputt gemacht und stolpert Richtung Eden, einem terraformten Kolonieplaneten aus alten Zeiten - doch der ist inzwischen nicht mehr unbewohnt.
Das Thema ist alt, doch Tchaikovsky bringt mehr fertig, als es nur aus dem Eisschrank zu holen und aufzutauen - knackig, zügig und frisch stellt er Fragen und lässt Antworten offen, lässt Ideen kollidieren und  nach dem Knall weiter ungeklärt. Gott sei Dank nur ein Buch, und am Ende wünscht man sich, es würde eine Fortsetzung geben. 

Carrie Vaughn - Die Banner von Haven

Carrie Vaughn hat bisher die unterhaltsame Urban-Fantasy-Reihe um Kitty Norville geschrieben - mit Die Banner von Haven wendet sie sich einem postapokalypischen Thema zu, das Anklänge an Margaret Atwoods Report der Magd (Handmaid’s Tale) hat: Teile Amerikas leiden noch unter der Verwüstung, während andere wieder aufblühen. Haven an der Küste hat es geschafft, doch es gibt harte Regeln, denn wer ein Kind haben will, muss es sich verdienen. Eine eigene Polizeitruppe kümmert sich um Verstöße. Enid ist eine neue Ermittlerin, die gleich bei ihrem ersten Fall mit Fragen konfrontiert wird, die ihr Weltbild ins Wanken bringen. 

Dietmar Dath - Der Schnitt durch die Sonne

Ich hänge mal wieder lange hinterher mit der Neuheitenlektüre, und noch länger mit der Dath-Lektüre, deshalb lege ich erst jetzt einen ausführlichen Tipp zu diesem durch und durch empfehlenswerten Roman nach.
Ein Sonnengeschöpf in Gestalt einer Teenagerin mit Manga-Motivpulli trommelt auf teilweise recht Rabiate Weise ein Spezialistenteam zusammen: Einen reichen Feinschmecker, eine Mathematikerin, noch andere Leute, die mit Zahlen können, eine Oma mit stalinistischer Politgruppenvergangenheit … für eine Reise zur Sonne. Die ganzen Sonnenwirbel und was man da so sieht und nicht sieht, die sind nämlich eine Zivilisation. Und die hat einen Konflikt. Vielleicht brütet sie sogar einen Krieg aus. Und braucht dringend Klärungshilfe von außen.
So kann man Der Schnitt durch die Sonne auf seinen SF-Nenner bringen und an dem vorbeischreiben, was die wirklich guten Dath-Bücher so toll macht. Den so gern Dath einen auch mit Kunst-, Politik- oder Kategorientheorie oder was immer ihn sonst gerade beschäftigt vollschwallt (und er macht das ja wirklich gut!), am schönsten ist er doch immer da, wo er es einem ganz selbstverständlich und beiläufig unter der Haut seiner Figuren gemütlich macht. Die stalinistische Oma ist halt keine Karikatur, sondern eine mit Respekt vorgestellte politische Person, die nebenbei der einzige Rettungsanker für eine sich vor Liebeskummer verzehrende Enkelin ist … und bei einem anderen Protagonisten geht es darum, wie er nach dem privaten und beruflichen Absturz wieder ins Gleichgewicht - und sogar zu kurzzeitigem Glück findet - indem er die Edeka-Märkte der Gegend erforscht und in ein persönliches Wertungssystem einordnet. Ist lustig und glaubwürdig und sogar mitreißend, weil man mitansehen kann, wie der Kerl sich dabei langsam aus seinem tiefen Loch hocharbeitet.
Überhaupt ,die ganzen ersten hundert “Getting the Band together”-Seiten des Buches, in dem das eigenwillte Team zusammengeholt wird, sind eigentlich mein Lieblingsteil. Ja, danach wird’s schön kosmisch, aber was Dath am meisten kann, ist einfach sich Leute vorzustellen, die ich mir auch vorstellen kann.


Geschrieben von Otherlander Jakob Schmidt, Wolfgang Tress und Caro.

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