»Ich will staunen, ich will Gigantomanie, ich will Abenteuer«: Kai Meyer im Interview

© Jens Maria Weber

INTERVIEW

»Ich will staunen, ich will Gigantomanie, ich will Abenteuer«: Kai Meyer im Interview


Mit der Space-Fantasy-Serie »Die Krone der Sterne«, dessen zweiter Band »Hexenmacht« gerade bei FISCHER Tor erschienen ist, wagt Kai Meyer den Sprung in das Genre der Science Fiction. Im Interview berichtet er, was ihn an der Space Opera fasziniert.

Hallo Kai. Man kennt dich ja vor allem als Autor phantastischer Jugendbücher und eher fantasylastiger Stoffe. Was ist deine Verbindung zur Science Fiction?

Durch die Science Fiction bin ich als Kind zur Phantastik gekommen. Als der erste »Star Wars«-Film in die deutschen Kinos kam, war ich acht, genau die richtige Phase, um ihm mit Haut und Haar zu verfallen. SF war schon seit ein paar Jahren im Kommen und viele in meinem Alter haben damals Rolf Ulricis RAUMSCHIFF MONITOR Romane gelesen, aber nach »Star Wars« gab es auch für die Jugendbuchverlage kein Halten mehr. Schneider brachte SF für Kinder im Hardcover und Taschenbuch, COMMANDER PERKINS von H. G. Francis natürlich, aber auch Reihen wie SCOTT SAUNDERS, WELTRAUM-TRAMPS, dann die unlizenzierte dreibändige Fortsetzung von »Close Encounters«, die Rainer M. Schröder unter den ziemlich schamlosen Titeln »Unheimliche Gegner der vierten, fünften und sechsten Art« für Schneider geschrieben hat.

Am wunderlichsten und mir selbst als Kind schon suspekt war aber die STAR SHIP Reihe von einem gewissen Alan G. Kermit, die sich liest, als wäre sie unter heftigem Drogeneinfluss deliriert worden. Ich weiß nicht, wen man da unter diesem Pseudonym von der Leine gelassen hat. Schröder veröffentlichte damals unter mehreren Namen bei Schneider, aber STAR SHIP passt eigentlich nicht zum Rest seiner Sachen. Das war psychedelische SF für Kinder. Nicht gut geschrieben, dafür völlig außer Rand und Band.

Dazu kamen dann Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger all die Space Operas im Kino, viele keine tollen Filme im herkömmlichen Sinne, aber eben so ganz anders als alles, was es sonst zu sehen gab, von »Flash Gordon« über »Das Schwarze Loch« bis zu »Star Crash« und »Kampf um die fünfte Galaxis«. Wie hätte man da im prägenden Alter kein Fan werden können?

Fantasy und Horror kamen für mich dann etwas später, schon zu der Zeit, als ich anfing, selbst zu schreiben und zu zeichnen und bald auch in Fanzines zu veröffentlichen.

Mit »Die Krone der Sterne« wagst du nun den Sprung in die Science Fiction. Wie kam es zu diesem Wechsel von der Fantasy in die SF?

Das ist kein Wechsel. Schon meine WELLENLÄUFER-Trilogie von 2003 ist vom Aufbau her viel näher an einer Space Opera als an herkömmlicher High Fantasy. Die Romane spielen in der Karibik zur großen Zeit der Piraten, und wenn man die Segel- gegen Raumschiffe austauschen und aus den Inseln Planeten machen würde, wäre der Unterschied gar nicht mehr groß. Space Opera, wie ich sie mag, ist nah am klassischen Abenteuerroman – also nicht die hochtechnisierte oder gar militaristische Variante –, sie hat nichts mit Zukunftsentwürfen oder mit realistischer Astrophysik zu tun. Mir geht es, als Autor wie als Leser, um den sense of wonder, und zwar mit allen Mitteln. Ich will staunen, ich will Gigantomanie, ich will Abenteuer. Und das ganze unterfüttert mit viel Emotion und interessanten Charakteren.

Hardliner unter den SF-Lesern mögen das naiv finden, aber ich wette, dass die meisten von ihnen ebenfalls mit genau solchen Geschichten zum Genre gekommen sind. Und genau dahin will ich zurück. Es geht darum, das Gefühl heraufzubeschwören, mit dem wir alle als Zehn- oder Zwölfjährige das Universum bestaunten. Ich bin sicher, dass das möglich ist, auch ohne dabei auf Intelligenz und Phantasie zu verzichten.

Du widmest den Roman unter anderem Leigh Brackett und Edmond Hamilton, den – wenn man so will – Mitbegründern der Space Opera. Was bedeuten dir diese Autoren?

Leigh Brackett verkörpert für mich genau das, was ich gerade beschrieben habe. Diese zügellose Suche nach dem großen Abenteuer, verpackt in eine Exotik irgendwo zwischen Orient und Wildem Westen, die sie kurzerhand auf den Mars und die Venus versetzt hat. Das war nicht ihre Erfindung, aber sie war die Erste, die das mit großem Stilgefühl und einer unverwechselbaren Stimme getan hat. Ihr Ehemann, Edmond Hamilton, ist einer der besten Vertreter dieses kosmischen sense of wonder, den ich eben meinte. Im Gegensatz zu Brackett war er oft kein großer Stilist, er hat zu vieles zu schnell geschrieben, aber in seinen besten Weltraum-Passagen beschwört er Bilder herauf, von denen die meisten anderen klassischen SF-Autoren nur träumen konnten. Nicht realistisch, sondern so, wie man sich das All vorgestellt hat, als man es zum ersten Mal für sich entdeckt hat. Manchmal blättere ich in seinen Büchern, und dann stoße ich auf eine halbe Seite Beschreibung eines Raumflugs, die mich völlig umhaut. Da wird genau dieses irrationale Bauchgefühl in Worte gefasst, nach dem ich suche, wenn ich im Dunkeln in den Sternenhimmel schaue.

An sich hast du die Science Fiction aber eher durchs bewegte Bild kennen und lieben gelernt?

Ich habe über die Jahre in die meisten SF-Klassiker, von Asimov über Heinlein bis Zelazny, reingelesen und die meisten auch im Regal stehen. Aber mit vielen bin ich nie warm geworden. Tatsächlich wirken einige auf mich heute kaum noch lesbar, weil sie sich einzig auf Konzepte konzentrieren, nicht auf Menschen oder Emotionen. Das war eine Stufe, die die SF in ihrer Entwicklungsgeschichte bewältigen musste, keine Frage – aber mich hat das nie mitreißen können.

In Filmen dagegen gab es all die Bilder, die mich so fasziniert haben. Lieber schaue ich mir zehn Minuten lang eine noch so redundante Raumschlacht in KAMPFSTERN GALACTICA an, als dass ich noch mal zehn Seiten gewisser SF-Klassiker lese.

Und wie hat der Film dich beim Schreiben deiner Bücher beeinflusst?

Ich arbeite seit jeher sehr stark mit großen Bildern und Szenerien. Die Kulissen einer Szene sind oft so wichtig wie das, was in ihnen passiert. Mir wird immer wieder gesagt, wie filmisch meine Bücher seien, und wer sich genau ansieht, wie ich arbeite – vermehrt noch in den letzten zehn, fünfzehn Jahren – der findet all die klassischen Stilmittel des Films, vor allem was das Äquivalent zum Schnitt, also Szenenübergänge, -abbrüche und -einstiege, angeht. Wenn ich könnte, würde ich Musik über die Szenen legen. Aber selbst da gibt es Tricks, mit denen man Momente emotional aufladen kann, ohne dass der Leser das auf Anhieb bemerkt. Und dann ist auch meine Arbeitsweise nah an der des Filmemachens.

Ich schreibe als erstes ein sehr detailliertes Exposé, mindestens vierzig Seiten dick, Szene für Szene. Das ist mein Drehbuch. Das eigentliche Schreiben ist dann die Ausführung, bei der ich mich mit Schauspielern, Kostümen und Sets herumschlage. Manchmal dauert die Arbeit am Exposé genauso lange wie das Verfassen des Manuskripts.

Du hast erwähnt, dass dir neben den außergewöhnlichen Abenteuern und dem Gefühl von Maßlosigkeit, besonders der sense of wonder in der Space Opera sehr wichtig ist. Wie beschwörst du ihn selbst in deinen Romanen herauf?

Das Element der Größe in der Space Opera ist ja etwas, über das sich hinlänglich lustig gemacht wurde – die ziemlich versnobte Encyclopedia of Science Fiction hat den Begriff der big dumb objects salonfähig gemacht –, aber ich halte sie für ein völlig legitimes Mittel, um einen bestimmten Effekt zu erzielen. Ich vermische das gern mit einem eher üppigen Design, von mir aus einer Art Jugendstil im Weltall. Man darf so etwas aber nur sehr gezielt einsetzen und muss es anderswo erden. Meine Planeten sind ganz bewusst eher unexotisch, also diese bodenständigen Frontier-Welten, die man von Brackett oder von mir aus auch den frühen STAR WARS kennt. Also eher Dune als Giedi Prime, eher Tatooine als Naboo. Der sense of wonder entsteht dann hoffentlich aus dem Blickwinkel der Charaktere.

Über das Weltraumabenteuer hinaus: Gibt es noch andere Subgenres oder einzelne Werke aus der SF, die dich besonders geprägt haben? Welche SF-Romane hast du in der letzten Zeit gelesen?

Wirklich grandios fand ich die beiden ersten HYPERION-Romane von Dan Simmons, gerade weil sie konzeptionell fast das ganze Spektrum der SF-Subgenres abdecken. Ich mag manches von Roger Zelazny gern und vieles von Michael Moorcock, wenn auch bei beiden eher die Fantasy-Romane als die SF. Es ist dieser völlig zwanglose Umgang der beiden mit Phantastik, den ich selbst immer suche, auch wenn Zelazny und Moorcock mir zu gefühllos sind, wie so viele Autoren der Sechziger und Siebziger Jahre. Auch hier sind es wohl wieder die Bilder, die ich besonders mag. Simmons hingegen hat es in HYPERION verstanden, diese überbordende Bildsprache durch tolle Charaktere emotional zu verankern.

Wo siehst du die deutsche SF zurzeit?

Zumindest wird wieder viel mehr geschrieben und veröffentlicht. Ob das auf längere Sicht so bleibt, wird sich zeigen. Ich fürchte, dass sich das Feld eher wieder ausdünnen wird, zumal die ganz jungen Autorinnen und Autoren fast alle nur an High und Urban Fantasy interessiert zu sein scheinen. Die Leute, die jetzt SF schreiben, egal ob in Publikums- oder Kleinverlagen, sind größtenteils zwischen vierzig und sechzig, im Grunde also meine Generation und ein paar aus der davor. Wir kennen die Klassiker noch, weil die Verlage in den Siebzigern und Achtzigern diesen riesigen Fundus aus früher Phantastik aus den USA und England abgearbeitet haben. Heute bekommt man die fast alle nur noch antiquarisch. Und welcher Achtzehnjährige sucht denn noch gezielt nach früher Heyne-SF, nach UTOPIA- oder TERRA FANTASY-Bänden? Wiederveröffentlichungen im E-Book helfen da ein bisschen, aber die Verkaufszahlen dürften eher bescheiden sein. Was bedeutet, dass die nächste Generation eher auf die allgegenwärtige Fantasy geeicht wird, nicht auf Science Fiction. Dafür fehlen auf dem Buchmarkt einfach die ganz großen Erfolge, mal von dem kurzen Boom der Dystopien abgesehen. Auch die SF-Blockbuster im Kino haben heute nicht mehr die Strahlkraft über ihr Medium hinaus wie früher.

Nun ist Band 1 von »Die Krone der Sterne« ja bereits einige Zeit auf dem Markt. Wie hast du die Reaktionen der LeserInnen darauf wahrgenommen? Wie war das Feedback von eingefleischten Kai-Meyer-Fans vs. Science-Fiction-Leser, die sich darauf eingelassen haben?

Ich hatte gehofft, dass einige meiner Leserinnen und Leser auch ins All mitgehen, aber nicht damit gerechnet, dass sie derart begeistert reagieren würden. Mir war klar, dass nicht jeder, der Die Seiten der Welt gelesen hatte, auch ein Buch mit Raumschiffen kaufen würde, in gewisser Weise ist »Die Krone der Sterne« also immer noch Nischenprogramm.

Aber es war auffällig, wie viele Mails und Rezensionen damit begannen, dass die Verfasser erst einmal erklärten, sie hätten vorher noch nie einen Science-Fiction-Roman gelesen – und seien sehr überrascht, wie gut er ihnen gefallen habe. Ganz besonders Frauen und Mädchen. Das ist schön, auch für das Genre im Allgemeinen. Ich weiß auch, dass gar nicht so wenige danach losgezogen sind und sich andere SF-Romane gekauft haben.

Was die eingefleischten SF-Leser angeht, hatte ich mit größerem Widerstand gerechnet. Man kennt das ja: Da kommt ein Autor aus einem anderen Genre oder, Gott bewahre, gar dem Mainstream, und wagt sich an die heilige Science Fiction heran. Bei mir kommt dann noch hinzu, dass ich eine ganze Reihe erfolgreicher Jugendbücher geschrieben habe. Manch einer rümpft da gern die Nase. Allerdings war das bei »Die Krone der Sterne« dann doch nur sehr vereinzelt der Fall, gerade mal in einer Handvoll Foren-Einträgen und Amazon-Kundenrezensionen, und keineswegs so weitgestreut, wie ich das befürchtet hatte. Ich glaube, dass eine Menge SF-Fans genau verstanden haben, was ich mit den Romanen will, und dass darin viel Nostalgie und Herzblut steckt. Viele scheinen genau daran Spaß zu haben. Genau wie ich erinnern sie sich noch an die Nachmittagsvorstellungen von BUCK ROGERS und FLASH GORDON.

Ich glaube, diejenigen, die skeptischer sind, strafen mich eher mit Ignoranz. Das ist okay. Nicht jedem muss alles gefallen, und ich kenne es von meinem eigenen Leseverhalten, dass man manchmal einfach Vorbehalte hat, die aus dem Bauch kommen. Insgesamt dürfte »Die Krone der Sterne« einer der bestverkauften SF-Romane auf dem aktuellen deutschen Markt sein, und die allermeisten scheinen das Buch zu mögen. Darüber freue ich mich.

Gerade erscheint der zweite Band deiner Serie, »Hexenmacht«, und insgesamt wird »Die Krone der Sterne« zu einer Trilogie heranwachsen – das Sternenreich Tiamande birgt schließlich unendliche Möglichkeiten, die Geschichte rund um Protagonistin Iniza weiterzuspinnen. Kannst du schon verraten, was deine LeserInnen erwarten wird?

Die Geschichte wird ab dem zweiten Band deutlich komplexer. Der erste Roman hat die Hauptfiguren und die zentralen Konflikte eingeführt, im zweiten wird alles eine Nummer größer und vielschichtiger. Es kommen kaum neue Charaktere dazu, ich wollte nicht, dass das Personal ausufert, aber es gibt mehr Schauplätze, mehr Erzählstränge, mehr Einblicke in die Welt und ihre Zusammenhänge. Wir erfahren mehr über die Vergangenheit und Hintergründe der Figuren, über ihre Vorgeschichten, auch als Teil des großen Ganzen. Im Kern ist »Die Krone der Sterne« eine Familiensaga, wie so viele meiner Bücher, und das wird im zweiten Band deutlicher. Es gibt ein paar Antworten auf offene Fragen, aber auch neue Rätsel. Und es wird sehr viel kosmischer.

Vielen Dank!

 

Mit freundlicher Genehmigung des Golkonda Verlags.

Zuerst erschienen unter dem Titel »ICH HATTE GEHOFFT, DASS EINIGE MEINER LESER/INNEN AUCH INS ALL MITGEHEN« in: Görden, Michael (Hrsg.): »Das Science Fiction Jahr 2017«, Golkonda 2017

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