Eine kurze Geschichte der Fantasy

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ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 10


Farah Mendlesohn & Edward James
16.02.2018

Im zehnten Kapitel begegnen wir drei großen Namen, die die Fantasy in den letzten Jahren geprägt haben wie niemand sonst: Philip Pullman, J. K. Rowling und Terry Pratchett. Alle drei sind mit ganz bestimmten Serien – Der goldene Kompass, Harry Potter, die Scheibenwelt – zu Markennamen geworden und werden in der Erinnerung zahlloser Leserinnen und Leser auf ewig einen Ehrenplatz einnehmen. Aber wie kam es überhaupt dazu?


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Zehntes Kapitel | Pullman, Rowling, Pratchett

Wenn wir auf die 1990er zurückblicken, ragen drei Autoren aus der Masse heraus, nicht so sehr wegen dem, was sie zur Fantasyliteratur an sich beisteuerten, sondern wegen ihres Beitrags zur Vermarktung von Fantasy und zur öffentlichen Wahrnehmung des Genres. In den frühen 1990ern war Terry Pratchett der Bestseller-Autor in Großbritannien. Jedes Jahr brachte er mindestens ein gebundenes Buch heraus, und ein weiteres gebundenes wurde jeweils als Taschenbuch nachgedruckt. Bei beiden konnte man erwarten, dass sie auf ihrer jeweiligen Liste die Top 10 erreichten. Bis zum Ende der 1990er Jahre war J. K. Rowling die bestverkaufte Autorin der Welt und die zwölftreichste Frau in Großbritannien. 2001 war Philip Pullman der erste Autor, der den Whitbread Award mit einem Buch gewann, das für Kinder geschrieben und vermarktet wurde (Das Bernsteinteleskop [2000], dem letzten Band seiner Trilogie His Dark Materials).

Wir nehmen uns diese Autoren in umgekehrter Reihenfolge vor – aus dem einfachen Grund, dass Pullman und Rowling die Serien beendet haben, für die sie bekannt sind, während Pratchetts Serie (Stand 2012) noch weitergeführt wird.

Philip Pullmans erstes Kinderbuch war Graf Karlstein (1982), teilweise eine Romanfassung der Fantasy-Oper Der Freischütz von Carl Maria von Weber. Darauf ließ er eine Reihe weiterer Bücher für Kinder und junge Erwachsene folgen, von denen manche phantastisch waren und manche (zum Beispiel die Sally Lockhart-Serie, 1985-1994) nicht. Sein vielleicht erfolgreichstes, in sich abgeschlossenes Buch war Ich war eine Ratte (1999), das die Geschichte einer der Ratten von Aschenputtels Kutsche erzählt, die nach ihrer Verwandlung in einen Pagen die Gelegenheit versäumt, wieder zur Ratte zu werden, und in der Welt der Menschen überleben muss. Dieses Buch ist unter anderem deshalb bemerkenswert, weil Pullman oft im Kontext seiner Entdeckung erwähnte, dass viele britische Kinder die klassischen europäischen Märchen nicht kennen (oder nur die Versionen von Disney).[1]

Pullman begründete seinen Ruf durch die drei Romane, die zusammen als His Dark Materials bekannt sind. In Der goldene Kompass (1995) wird Lyra eingeführt, ein Kind, das im Oxford einer Alternativwelt durch die Korridore eines College streift. Lyra ist ein Mündel des College, und wir beginnen die Bücher in der Annahme, dass sie eine Waise ist. Für den Leser ergibt sich das unmittelbare Bewusstsein, sich in einer anderen Welt zu befinden, nicht aus der Tatsache, dass es das Jordan College nicht gibt, sondern daraus, dass jede Figur von einem Tier-Vertrauten begleitet wird, der als Daemon bekannt ist. Die Daemonen von Kindern wechseln je nach Laune und Bedarf die Art; etwa zur Pubertät pendelt sich der Daemon jedoch auf eine dauerhafte Gestalt ein. Dieses Element ist der wichtigste Aufhänger der Bücher, sowohl was ihre Beliebtheit betrifft, als auch für die Geschichte selbst, aber es ist gleichzeitig das Element, an dem sich manche Kritiker störten, da die Gestalten, die die Daemonen annehmen, gesellschaftliche Hierarchien (Diener besitzen meist Hundedaemonen) und die Heteronormativität (beinahe alle Daemonen sind vom anderen Geschlecht als ihr Wirt, und der eine Diener mit einem Daemon seines eigenen Geschlechts wird argwöhnisch betrachtet) zu verstärken scheinen.

Die drei Bücher – Der goldene Kompass, Das magische Messer (1997) und Das Bernsteinteleskop (1999) – enthalten verschiedene Erzählebenen: den vertrauten Kinderbuch-Plot mit Reisen und Abenteuern; die Erwachsenen-Geschichte von der Herausforderung der göttlichen Ordnung; und eine miltoneske Geschichte über einen Krieg im Himmel. Die Kindergeschichte handelt von Lyra und Will, Kindern aus zwei verschiedenen Welten. Lyra macht sich zu Beginn vom Oxford College auf, um herauszufinden, weshalb ihr Freund Roger und andere Kinder entführt wurden. Sie wird von Mrs. Coulter und später ihrem Vater Lord Asriel verfolgt. Mrs. Coulter hat es auf den Alethiometer abgesehen, der Lyra vom Vorsteher des Jordan College übergeben wurde. Lord Asriel experimentiert mit der als »Staub« bekannten Substanz, die sich zu Beginn der Pubertät um Kinder sammelt und die seiner Überzeugung nach etwas mit der Sündhaftigkeit der Welt zu tun hat.

Sowohl Mrs. Coulter als auch Lord Asriel fordern das Magisterium heraus; in beiden Fällen konzentriert sich diese Herausforderung auf die Trennung der Kinder von ihren Daemonen (intercision). Mrs. Coulter tut das im Dienste der Reinheit, während Lord Asriel nach einem Weg sucht, Energie freizusetzen. Am Ende des ersten Bandes wird dadurch ein Loch in die Welt gerissen, und durch dieses Loch kommt Will, aus einer Welt, die von Schatten heimgesucht wird, die den Menschen die Seele aussaugen. Ehe Will in Lyras Welt gelangt, erlebt er jedoch eine Reihe von Abenteuern, bei denen er das »magische Messer« in seinen Besitz bringt, das es ihm erlaubt, sich den Weg in andere Welten freizuschneiden. Er tut sich mit Lyra zusammen, und sie helfen einander bei der Flucht vor Mrs. Coulter, die sie in eine Welt namens Cittàgazze gejagt hat, in der sich die unsichtbaren Schatten aus Wills Welt manifestieren. Am Ende des Bandes findet Will seinen verschollenen Vater, der unglücklicherweise beinahe sofort von einer Hexe getötet wird, deren Liebe er nicht erwidert hat. Lyra nimmt dafür die Schuld auf sich und sagt Will, dass sie ihn bei seinem Abenteuer unterstützen wird. Im dritten Band verbringt Lyra die meiste Zeit schlafend in einem gläsernen Sarg, in den Mrs. Coulter sie zum Schutz gelegt hat, nachdem sie herausgefunden hat, dass Lyra ihre gemeinsame Tochter mit Lord Asriel ist. Will kann durch ein weiteres Loch in unsere Welt reisen, wo er auf die katholische Wissenschaftlerin Mary Malone stößt und diese in eine weitere Welt mitnimmt, in der es phantastische Aliens gibt, die Räder anstelle von Füßen haben. Zugleich wird die dritte Erzählebene klarer, als Engel in das Abenteuer verwickelt werden und die beiden Kinder gegen Ende des Bandes unabsichtlich Gott töten (wir finden beide – der eine Atheist, der andere gläubig –, dies hätte absichtlich geschehen sollen).

Die vollständige Inhaltsangabe der Bücher würde ein ganzes Kapitel umfassen und ist relativ unnötig. Sie sind in epischer Breite geschrieben – es gibt Hexen, sprechende Bären, die Rüstungen aus Meteoriten tragen, wilde Reisen mit Gyptern, atemberaubende Fluchten –, und der Erzählton ist ähnlich episch, mit Pausen im sonstigen Erzählverlauf, damit die Figuren an Feuern sitzen und lange Geschichten über Ursprünge und Helden erzählen können. Im dritten Band erlebt Lyra einen Abstieg in den Limbus, in dem die Fähigkeit, solche Geschichten zu erzählen, sich als Schlüssel zur Flucht aller Einwohner erweisen wird. Darüber hinaus sind die Bücher militant antichristlich und zutiefst philosophisch. Der erste dieser Aspekte wurde in der Verfilmung von Der goldene Kompass 2007 heruntergespielt (auch wenn die vorausgehende Publicity den Film in den Vereinigten Staaten trotzdem zu einem Flop werden ließ), aber am Ende von Das Bernsteinteleskop erfahren wir, dass Lord Asriel den Staub nicht wie vermutet zerstören, sondern erhalten möchte. Seine Opposition gegenüber der Kirche erklärt sich dadurch, dass die »Sünde« (die mit dem Erwerb des Staubs in der Pubertät assoziiert wird) der Ursprung aller Kreativität und des freien Willens ist.

Die Klugheit, Komplexität und Dichte von Pullmans Trilogie machen den Kern ihrer Beliebtheit sowohl bei jungen Lesern als auch bei Kritikern aus. Es sind Bücher, an denen man lange zu kauen hat. Sie erreichten zwar nie die Verkaufszahlen von J. K. Rowlings Harry Potter, richten sich aber auch ganz eindeutig an das lesende Kind (das Kind, das von sich aus lesen will), und nicht an den kindlichen Leser (der häufig in der pädagogischen Literatur auftaucht und den Pädagogen und Bibliothekare zum Lesen überreden wollen). Pullmans Bücher bieten sich zum mehrmaligen Lesen an, weil sie mit griechischer Mythologie, Theologie, literarischen Anspielungen und wissenschaftlichen Spekulationen vollgepackt sind: Es sind Bücher, mit denen man groß werden kann. Auf ähnliche Weise haben die Texte auch Erwachsenen viel zu bieten, vor allem jenen, die sich mit Theologie befassen. Pullmans direkter und lautstarker Angriff auf C. S. Lewis, sowohl im Aufbau der Bücher als auch in der darauf folgenden Diskussion, zog erhebliche Aufmerksamkeit auf sich. Pullman ließ sich im National Theatre auf eine Debatte mit dem Erzbischof von Canterbury ein (The Daily Telegraph, 17. 3. 2005), und die Bücher tauchen in Kursen zur Apologetik auf, um die argumentative Fertigkeit der Nachwuchspriester gegenüber nervigen Atheisten zu schärfen.

Allerdings sind nicht alle Atheisten allzu glücklich mit Pullmans Werk, auch wenn einige Kritiker wie Peter Hitchens (siehe sein Artikel in The Spectator, 18. 1. 2003) das annehmen. Es bestehen etliche Probleme. Wie bereits erwähnt, schaffen die Daemonen eine merkwürdig verdinglichte Sichtweise auf Klasse und Sexualität. Die Bücher enthalten auch ein unangenehm frauenfeindliches Element. Mehr als eine Leserin war über Lyras Passivität im dritten Band verblüfft. Mrs. Coulter ist die klassische doppelzüngige Frau, die in männliche Domänen vordringt. Von den Hexen sind diejenigen nett, die fähig sind zu lieben, die anderen sind böse. Die Gypterin, der wir begegnen, ist liebenswert, weil sie eine sorgende Mutter ist. Auch die Wissenschaftlerin wird in eine mütterliche Rolle gedrängt. Es gibt keine Frauen, die einfach nur Menschen sind. Die netteste Frauenfigur ist Hester, der Daemon des Aeronauten Lee Scoresby, und sie stirbt, als auch er stirbt (einer der beiden äußerst herzzerreißenden Augenblicke des Buches). Darin liegt eine gewisse Ironie, wenn man bedenkt, dass viele von Pullmans Angriffen auf seinen Vorgänger C. S. Lewis sich auf die Figur der Susan Pevensie konzentrierten und auf Lewis' offensichtliche Verdammung ihrer Weiblichkeit (siehe die Ausführungen im vierten Kapitel). Darüber hinaus applaudieren nicht alle atheistischen Leser beim Tod Gottes (wie Hitchens nahelegt) oder dem konstruierten Angriff auf die Kirche: Für einige Leser ist das Mittel zu roh, für andere bedeutet der religiöse Tonfall der Bücher, dass am Ende der Trilogie der Angriff auf die Religion zu einem Angriff auf die etablierte Kirche verkümmert und damit zu einem Argument für eine Reformation anstatt für ihre Auflösung.

Auch wenn Pullman bei den literarischen Intellektuellen im Allgemeinen wohlwollend rezipiert wurde, reagierten einige Kritiker, als er 2001 den Whitbread Award gewann, als wäre der Himmel eingestürzt und die Gehirne der Briten würden sich in Sülze verwandeln. Diese Reaktion hing mit dem Erfolg einer anderen Autorin dieses Kapitels zusammen, J. K. Rowling, und dem weit umfassenderen Gefühl, dass der Lesergeschmack sich gerade entscheidend änderte. Kurz gesagt wiesen die britischen Leser die »literarische Belletristik« mit ihrer Betonung von psychologischer Vielschichtigkeit, des Stils und eines Modus des »Erwachsenseins«, der sich häufig mit einem Narrativ der Akzeptanz und des Ertragens zusammenfassen lässt, zurück und wandten sich stattdessen Texten zu, die Plots und Geschichten boten oder auch spannende Abenteuer.

Am deutlichsten wird das bei einem Blick auf die Umfragen nach den Lieblingsbüchern im Jahr 2003. In der »Big Read«-Umfrage der BBC nahm Tolkien den ersten Platz ein, wie es bei vielen Umfragen am Ende des 20. Jahrhunderts der Fall war, sogar in Australien und Deutschland (in Ungarn fiel er auf den dritten Platz zurück), zum großen Leidwesen derer, die den klassischen Roman bevorzugen. Pullmans Trilogie tauchte auf Platz drei auf. Nur zwei klassische Empfindungs-Romane, Stolz und Vorurteil und Jane Eyre, kamen in die Top 10, und Jane Austen schwamm womöglich auf der Welle der erfolgreichen BBC-Verfilmung (1995), die zu jener Zeit auf DVD erschien. Auf den Plätzen 11 bis 20 war die Aufteilung zwischen phantastischer und mimetischer Belletristik einigermaßen ausgeglichen. Dies wurde jedoch durch eine willkürliche Regel verzerrt, die festlegte, dass kein Autor zweimal in der Top 20 stehen durfte. Die Plätze zwei und 20, 23 und 24 wurden daher von J. K. Rowling belegt, die auch auf Platz fünf auftauchte.

Das erste Buch, Harry Potter und der Stein der Weisen, erschien 1997. Häufig wird erwähnt, wie oft das Manuskript von Verlagen abgelehnt worden war, aber das ist bei Büchern, die später bei den Kritikern oder kommerziell zum Erfolg werden, nichts Ungewöhnliches. Von der ersten Auflage ließ Bloomsbury nur 1000 Stück drucken, bei einem Erstling ebenfalls nichts Besonderes, schon gar nicht in einer Zeit, in der Fantasy für Kinder seit geraumer Zeit aus der Mode war. Für Schriftsteller wie Diana Wynne Jones, Lloyd Alexander und Susan Cooper war es schwer, in den 1990ern zu veröffentlichen: Kinder verlangten angeblich nach »Realismus«, und das spiegelte sich auch im »realistischen« Cover des ersten Rowling-Romans wieder, mit einem Jungen vor einer Dampfmaschine.

Die sieben Bücher, die zusammen J. K. Rowlings Harry Potter-Serie ergeben, erzählen die Geschichte von Harry Potter, dessen Eltern von Lord Voldemort getötet wurden, einem einstigen Schüler der Zaubererschule in Hogwarts, der inzwischen eine verborgene Bedrohung für alle vernünftigen Zauberer darstellt. Nach Lord Voldemorts Meinung sollten jene, die nicht in Zaubererfamilien hineingeboren wurden, diskriminiert werden, und Muggel (Nicht-Zauberer) sollten über Muggel herrschen. Dies wird dadurch verkompliziert, dass er selbst zur Hälfte ein Muggel ist. Auf Lord Voldemorts Seite stehen einige der aristokratischen Familien; seine Gegnerschaft setzt sich aus den meisten Lehrern der Schule, einigen Freunden von Harrys Eltern und schließlich auch Harry (der aus einer der ältesten Zaubererfamilien des Landes stammt) und seinen Freunden (von denen einer in eine Muggel-Familie geboren wurde) zusammen. Die ersten drei Bände kann man als für sich stehende Abenteuer lesen; danach befinden wir uns in der fortlaufenden Geschichte eines epischen Konflikts. Daneben spielt sich – und das macht auf jeden Fall teilweise den Reiz aus – eine Geschichte voller Streiche an einer altmodischen Internatsschule ab, zu der auch Sportwettkämpfe zwischen Häusern und zwischen Schulen gehören, insbesondere eine auf dem Besen gespielte Polo-Variante namens Quidditch. Bei den Lesern eindeutig beliebte Elemente sind die Sportwettkämpfe, der Sprechende Hut, der auswählt, welchem Haus das jeweilige Kind zugeteilt wird, und die Magie.

Harry Potter und der Stein der Weisen wird häufig als Geheimtipp beschrieben, der von Kindern »entdeckt« und durch Mundpropaganda verbreitet wurde, aber tatsächlich gewann der Roman schon wenige Monate nach seinem Erscheinen den Smarties Award und stand im selben Jahr auf der Shortlist der UK Carnegie Medal, des prestigeträchtigsten Preises für Kinderbücher in Großbritannien. Die Bücher nahmen schnell kommerziell an Tempo auf, und beim Erscheinen des vierten Bandes waren die Schlangen vor den Läden am Erstveröffentlichungstag zur Norm geworden. Der siebte und letzte der Harry-Potter-Bände (Harry Potter und die Heiligtümer des Todes [2007]) verkaufte sich in den ersten vierundzwanzig Stunden mehr als elf Millionen Mal, wodurch er zum am schnellsten verkauften Buch aller Zeiten wurde.

Ganz offensichtlich muss man die Frage stellen, warum J. K. Rowlings Werk auf dem Markt dermaßen einschlug und eine so große Wirkung zeigte. Hauptsächlich liegt das an den Plots, dem gut zugänglichen Stil und dem Markt, den Rowling antraf, bei dem man gleichermaßen das damalige Angebot wie auch die Tatsache berücksichtigen muss, dass so gut wie keine Fantasy erhältlich war. Darüber hinaus war auch die Internationalisierung des Marktes wichtig.

Die Geschichte in ihren Grundzügen ist nicht sonderlich neu: Es hatte schon vorher Schulen für Zauberer und Hexen gegeben – Diane Duane und Jill Murphy sind die bekanntesten Namen in diesem Geschäft, gemeinsam mit Jane Yolens Wizard's Hall (1991), in dem Henry zur Schule geht und glaubt, er sei zu nichts begabt, einen Freund mit rotem Haar hat und feststellt, dass die Bilder an den Wänden der Schule sprechen und sich bewegen. Es hatte auch früher schon große Konflikte mit dem Bösen gegeben (siehe die vorigen neun Kapitel); schon vorher hatte ein bei feindseligen Pflegeeltern lebender, einsamer Waisenjunge die Fantasy-Welt am Bahnhof King's Cross betreten (siehe Eva Ibbotsons Das Geheimnis von Bahnsteig 13 [1994]); darüber hinaus sieht Harry Potter Julian aus Enid Blytons Immer Ärger mit den neuen (1942) erstaunlich ähnlich. Die magischen Wesen der Romane sind in vielen verschiedenen Fantasy-Werken und Mythologien verbreitet. Um einige sogar noch kritischere Bemerkungen einzubringen – Harry ist eine Chiffre, dessen Rolle darin besteht, sich durch die Phantastereien hindurchzubewegen, während seine Freunde den Großteil der Arbeit erledigen; die Darstellung der äußerst klugen Hermine ist ziemlich gönnerhaft (sie wird häufig kaltgestellt oder verspottet, und sie verbringt viel Zeit damit, Harry zu sagen, dass er mutiger und schlauer ist als sie); und das Magiesystem ist nicht in sich stimmig.

Der Vergleich mit Enid Blyton ist womöglich der entscheidende. Vor dem Auftauchen von Rowling war es Blyton, die über Generationen hinweg den Kinderbuchmarkt in Großbritannien und dem britischen Commonwealth (von dem es in Kürze noch mehr zu hören geben wird) dominiert hatte. Andere Autoren wie etwa Roald Dahl waren zwar ausgesprochen beliebt, doch Blyton verkaufte sich bei Kindern jedes Lesevermögens und bei ihren Eltern. Ihre Geschichten »lasen sich einfach gut«, es waren Abenteuer, die in einer sehr direkten Sprache erzählt wurden, und alle handelten von Gruppen von Kindern, bei denen jedes Kind mit eindeutigen Attribute ausgestattet war. Rowling scheint die Lücke gefüllt zu haben, die Blyton hinterließ, als ihr Werk immer stärker den Unwillen progressiver Eltern, Bibliothekare und Lehrer auf sich zog und auch schlicht und einfach zu altmodisch wurde und nicht mehr zu aktualisieren war (eine Gruppe heutiger Schüler äußerte sich darüber, wie langsam diese Bücher doch erzählt seien). Dies zeigt sich auch daran, wie sich ihre anfängliche Beliebtheit durch Mundpropaganda, von einem Kind zum nächsten, aufbaute. Diese Bücher wurden von Netzwerken Gleichaltriger verbreitet. Bloomsburys Marketing-Kampagnen folgten erst, nachdem die Bücher bereits erfolgreich waren, und haben möglicherweise durchaus zu dem Gigantismus geführt, mit dem wir heute konfrontiert sind, waren aber nicht unmittelbar für Rowlings Erfolg verantwortlich. Rowling kamen jedoch noch andere Dinge zugute.

1997 gab es, wie wir bereits erwähnt haben, sehr wenig Fantasy für Kinder auf dem Markt, und die Potter-Bücher wirkten sehr viel origineller, als sie wirklich waren. Das erste Nicht-Fantasy-Cover, das mit Harry und der Dampfmaschine, traf auch einen Nerv hinsichtlich der Sehnsucht nach Nostalgie und einem »alten England«, das im Verschwinden begriffen war und gerade durch das vom britischen Premierminister Tony Blair propagierte »cool Britannia« ersetzt wurde. Diese Nostalgie zieht sich durch alle Bücher, die zeitweise in einem Großbritannien der 1950er zu spielen scheinen, bis hin zu den familiären Finanzen und den gesellschaftlichen Übereinkünften von Harrys besten Freunden, den Weasleys. Die Schilderung eines Abenteuers, bei dem viele Kinder zusammenkommen, war vielleicht noch stärker Fantasy und Wunscherfüllung als das Quidditch-Spiel – in einer Gesellschaft, in der das Einzelkind immer mehr zur Norm wird. Wichtiger als das alles waren jedoch die veränderten Bedingungen für die Vermarktung und den Vertrieb von Büchern, insbesondere von Kinderbüchern, die in den 1990ern Raum griffen.

Vorher waren die Buchmärkte der Welt sehr regional. Entscheidend ist, dass der Markt der USA von dem Markt getrennt war, den wir (grob) als den Markt des britischen Commonwealth bezeichnen. Wenn ein Buch aus Großbritannien nicht einen eigenen Vertrag für die USA bekam, war es unwahrscheinlich, dass es dort veröffentlicht wurde. Umgekehrt stimmte das nicht so ganz, da einige Läden Bücher aus den USA importierten (vor allem Buchhandlungen, die sich auf Krimis oder SF und Fantasy spezialisierten), aber diese Bücher waren immer teuer und konnten nur begrenzt besorgt werden. Auf dem Kinderbuchmarkt war diese Trennung besonders einschneidend: Auch wenn einige äußerst berühmte Autoren die Reise antraten (C. S. Lewis in eine Richtung, E. B. White in die andere), machten Kinder aus den USA und Kinder aus dem britischen Commonwealth im Allgemeinen sehr unterschiedliche Leseerfahrungen. Innerhalb des Commonwealth bekamen britische Kinder zwar nicht gerade viele australische, kanadische oder indische Bücher zu lesen, aber jene Länder und andere wurden von der Produktion britischer Verlagshäuser überschwemmt. All das veränderte sich, als die Verlagshäuser über Staatsgrenzen hinweg zu fusionieren begannen: In den 1990ern war der internationale Verlagskonzern die Norm. Viele Autoren haben immer noch unterschiedliche Verlage in den USA und in Großbritannien, aber dieses Prinzip gerät unter Druck: Auch wenn Agenten nach wie vor versuchen, getrennte Rechte zu verkaufen, werden diese immer öfter »gebündelt«, sodass Verlagshäuser die Weltrechte sowohl für Druck- als auch elektronische Ausgaben eines Textes erwerben können (selbst wenn sie nicht vorhaben, davon Gebrauch zu machen). Für die Leser jedoch noch wichtiger war der Start von Amazon im Jahr 1995. Vorher tauschten viele Fans einer bestimmten »ausländischen« Literatur einfach untereinander Bücher. Mit Amazon und seiner Bereitschaft, Bücher aus Großbritannien auf seiner US-Webseite anzubieten, konnten Fans bestimmte Bücher direkt kaufen (auch wenn britische Buchkäufer offenbar eher bereit waren, Amazon.com zu benutzen, als Käufer aus den USA das bei Amazon.co.uk taten). Schließlich, und das war vielleicht maßgeblich, schaffte Großbritannien 1997 das Net Book Agreement ab, das die Buchpreise festgelegt hatte: Rabatt auf große Auflagen und die Werbung mit Lockangeboten waren ab sofort möglich. Als auch noch Supermärkte in den Buchverkauf einstiegen, war der neueste Harry Potter-Roman zu einem der effektivsten Mittel geworden, um Leute in die Läden zu locken: Die letzten drei Harry Potter-Romane wurden von vielen britischen Supermärkten und den Filialen großer Buchhandelsketten mit Verlust verkauft (zum Nachteil vieler unabhängiger Buchhandlungen).

Die Zunahme wiederum der Online-Piraterie von Romanen hat Science Fiction und Fantasy immer in einem größeren Maß als andere Bereiche der Belletristik getroffen (diese Leser verfügen offenbar tendeziell über größeres Technikwissen), und der Erfolg von Rowlings Romanen erwies sich als das perfekte Testgebiet für Piraten. Das schuf im Gegenzug Publicity für die Bücher, da Rowling und ihre Verleger versuchten, den Deckel auf »dem nächsten Harry Potter« zu halten, während andere sich bemühten, im Internet vollständige Ausgaben zu verbreiten. Darüber hinaus stehen J. K. Rowlings Verleger im Ruf, schnell vor Gericht ziehen, um die Bücher vor illegaler Vervielfältigung, mutmaßlicher Plagiierung und verschiedenen Formen der Berichterstattung zu schützen. All das trug zu dem Eindruck bei, dass Harry Potter mittlerweile genauso sehr ein kommerzielles Produkt wie ein literarischer Erfolg ist.

Alles oben Geschilderte bezieht sich zwar in erster Linie auf den kommerziellen Erfolg, aber die Harry Potter-Romane brachten auch eine riesige »Fandoms-Kultur« hervor. Der Aufstieg der Fan Fiction kam in diesem Buch bislang noch nicht zur Sprache. Fan Fiction wird von Lesern verfasst, um die Welt zu erweitern, die sie lieben. Sie ist nichts Neues, und vor dem Aufstieg des kommerziellen Urheberrechts wäre vieles davon einfach von Geschichten-Zyklen aufgesogen worden, wie sie mit Artus oder Robin Hood verknüpft sind. Die moderne Manifestation hängt mit der Verfügbarkeit tragbarer Nachdruckmöglichkeiten zusammen, was bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zurückreicht (mit der Miniatur-Druckpresse). In den 1960ern begünstigten Kopiermaschinen den Aufstieg von Fan-Magazinen im Allgemeinen und den Umlauf von Fan Fiction im Besonderen, am augenfälligsten jener, die mit Star Trek zusammenhing. Harry Potter fiel mit dem Aufstieg des Internets und leicht einzurichtender Webseiten zusammen; sowohl die Fanzines als auch die Fan Fiction zu Harry Potter wanderten sehr schnell in dieses Medium ab. Vieles stammte von kindlichen Fans – der anvisierten Zielgruppe –, aber zum ersten Mal konnten Kritiker sehen, inwieweit sich Erwachsene für eine Kinderserie interessierten (und wie wir schon weiter oben bemerkt haben, waren sie ihr ziemlich feindlich gesonnen). Vielen Erwachsenen gefielen die Bücher, weil sie gute Geschichten erzählten, etwas, woran es den Büchern, die für die großen Literaturpreise nominiert waren, auffallend mangelte. Andere begrüßten schlicht die Gelegenheit, Bücher zu kaufen, die dieselben Werte vermittelten wie die Filme auf den Filmbestenlisten. Andere reizte die stets erfinderische, detaillierte Fantasy-Welt und wieder andere die geradlinige Geschichte von Gut und Böse. Bloomsbury reagierte auf die Kombination aus Interesse und peinlicher Berührtheit der Erwachsenen mit der Auslieferung von »Erwachsenen«-Covern mit nüchternen schwarz-weißen Bildern (eine Strategie, die nun auf viele Autoren angewandt wird, darunter auch Pratchett).

Ein Teil der Fan Fiction und Kommentare von Erwachsenen, die Harry Potter auslöste, ging einfach aus einer relativ schlichten Begeisterung für die Serie hervor, aber ein Teil war auch spezifischer Erwachsenen-Inhalt. Es gibt hierbei zwei Varianten, die oft von denselben Leuten produziert werden. Am berüchtigsten ist möglicherweise »Slash«, das ursprünglich aus dem Star Trek-Fandom stammte. In diesen Geschichten finden zwei Figuren, die im Kanon nicht zusammen sind, zueinander, entdecken ihre Liebe/Lust füreinander und haben Sex. Häufig sind beide weiblich oder beide männlich: Klassischer Star Trek -Slash handelt von Kirk und Spock. Ein Großteil dieser Texte wird von Frauen geschrieben, und vor der Veröffentlichung von Harry Potter konzentrierten sie sich tendenziell auf Fernsehserien (Buffy und Blake's 7 sind zwei der beliebtesten, aber es gibt noch viele andere). Harry Potter -Slash war besonders problematisch, weil so viele der Figuren minderjährig sind, und eine der am weitesten verbreiteten Verbindungen ist die von Harry Potter und Snape, dem Lehrer, der ihn nicht leiden kann.

Das Interesse der Fan Fiction an Harry Potter trug zur Zunahme wissenschaftlicher Texte bei. Die frühestens über Rowling halten sich sehr eng an die Texte (Lana Withed [Hrsg.], Harry Potter and the Ivory Tower [2002]), aber in den letzten fünf Jahren haben Untersuchungen der Fan-Gemeinde, ihrer Produkte, ihrer sozialen Netzwerke und ihrer Interaktion mit der urheberrechtlich geschützten Fiktion ganz neue akademische Netzwerke sprießen lassen, die Interessantes über das Leben in einer Welt zu sagen haben, in der Lesen keine einsame Betätigung mehr ist.

Harry Potter kam nicht überall gut an: Abgesehen von jenen, die über den Verfall der Intelligenz der Leserschaft schimpften, und Akademikern und Fantasy-Fans (wie wir selbst), die den Reiz der Harry Potter-Romane nicht ganz nachvollziehen können, bekamen diese eine Menge Gegenwind von allen möglichen religiösen Gruppen. Protestanten in den Vereinigten Staaten behaupteten, die Bücher würden Kinder dazu ermutigen, sich an Hexenkünsten zu versuchen (was zu mindestens drei örtlichen Bücherverbrennungen führte; außerdem gibt es einen katholischen Familienführer zu Harry Potter und etliche Bücher, die die spirituelle Bedeutung des Werks sowohl wohlwollend als auch aus gegnerischen Positionen erörtern). Orthodoxe Kirchen in Griechenland und andernorts agitierten gegen die Bücher, und von Schulen in den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden sie verbannt. Nichts davon hielt diesen Moloch auf. 2001 wurde der erste Band verfilmt und eine Vielfalt von Harry Potter-Merchandising produziert. Rowling behielt die Kontrolle über den Inhalt der Filme und widersetzte sich jener Zensur, wie sie viele andere Kinderbuchadaptionen betraf (und bestand auch auf einer komplett britischen Besetzung). Eine löbliche Folge davon ist, dass die Filme genauso multikulturell wie die Bücher sind (es ist zwar nicht schön, dass nur unwichtige Figuren Nicht-Weiße sind, aber die Filme sind dennoch nicht so vollkommen weiß wie der Großteil des übrigen Fantasy-Universums). Im Gegensatz zu den vom Pech verfolgten Versuchen, Narnia im Lauf der Jahre auf den Fernsehbildschirm und ins Radio zu bringen, wurde die Filmreihe auch fertiggestellt.

Der Erfolg von J. K. Rowlings Werk war entscheidend für das Wohlbefinden der Kinder-Fantasy: Viele ausgesprochen gute, etablierte Autoren wurden wieder nachgedruckt (Diana Wynne Jones' Bücher wurden von HarperCollins als »Hotter than Potter« neu ausgestaltet), und man behandelte viele neue Autoren mit größerem Respekt (in Bezug auf Veröffentlichungen im Hardcover, höherwertige Cover-Gestaltungen und Marketing), als das vorher bei Kinder-Fantasy der Fall war. Mit einigen dieser Autoren werden wir uns im nächsten Kapitel befassen.

Philip Pullmans Ruf in der Fantasy-Welt beruht auf drei Büchern, J. K. Rowlings auf sieben. Terry Pratchett hat bis heute vierzig Bücher innerhalb der Scheibenwelt-Serie veröffentlicht und zwei unabhängige Trilogien mit Kinder-Fantasy. Zweiundzwanzig davon erschienen in den 1990er Jahren, was der Grund ist – einen besseren gab es nicht –, ihn hier zu platzieren, zwischen den 1990ern und den 2000ern. Terry Prachtett gab seine ersten Bücher jedoch schon 1965 heraus. Von den drei in diesem Kapitel behandelten Autoren ist er derjenige mit den stärksten Verbindungen zur Science Fiction und Fantasy, und er blieb immer eng mit seinen Fans in Kontakt. 1964 besuchte Pratchett seine erste Science-Fiction-Convention. Mitte der 1960er schrieb er, zusammen mit einem der Autoren dieses Buches, Artikel für Science-Fiction-Fanzines, und bei seinen ersten beiden Romanen für Erwachsene handelte es sich eigentlich um Science Fiction (auch wenn sein erstes Buch, Die Teppichvölker [1972], eine Kinder-Fantasy war, die Tolkien mit Mary Nortons Borgern kombinierte). In Strata (1981) ersann Pratchett in ferner Zukunft lebende Planetenbauer, und eines ihrer Projekte war die Errichtung einer flachen, scheibenförmigen Welt. 1983 veröffentlichte Pratchett den Erstling seiner Fantasyserie auf der Scheibenwelt, einer flachen Erde, die auf dem Rücken von vier Elefanten durch den Raum reitet, die wiederum auf Groß-A'Tuin stehen, einer Schildkröte (ein kosmologisches Konzept, das man in etlichen Überlieferungen findet, aber vor allem einem bestimmten Hindu-Schöpfungsmythos unter vielen zugeschrieben wird).

Die Scheibenwelt-Serie beginnt als Folge von Parodien verschiedener Fantasygenres. Die ersten beiden, Die Farben der Magie (1983) und Das Licht der Fantasie (1986), spielen mit vielen verschiedenen Arten populärer Fantasy. Die Bücher gehören zur Sword & Sorcery, mit Barbaren-Kriegern, die direkt dem Werk von Robert E. Howard entnommen zu sein scheinen, allerdings geerdet durch ewig kooperative Schwerter und die Schwierigkeiten des Alters. Verstreut im Text gibt es Insider-Witze für Leser von unter anderem Anne McCaffrey (mit Drachen, die nur so grandios wie das eigene Vorstellungsvermögen sind) und H. P. Lovecraft (mit der mystischen Zahl acht und ordentlich tentakelbehängten Göttern, die in den Kerkerdimensionen und verlassenen Tempeln der Scheibenwelt hausen). In den folgenden Büchern werden die jeweiligen Angriffsziele jedoch spezifischer, und wo die ersten die Kammern der Fantasy beinahe nach dem Zufallsprinzip plünderten, begannen Romane wie Gevatter Tod (1987), eine Geschichte über den Lehrling von Tod, MacBest (1988), das sehr locker auf der Geschichte von Macbeth basiert, und Eric (1990), eine Geschichte über einen Jungen, der einen Teufel aufziehen will, einige jener heiklen Fragen zu stellen, um die die ursprünglichen Autoren der Geschichten, auf die Bezug genommen wird, einen Bogen machten. Die Bücher entwickelten eine Zielstrebigkeit, die sie über die »Theater-Fantasy«-Tradition erhob, welche sie ursprünglich fortführten. Das zeigte sich als Erstes in Wachen! Wachen! (1989), dem achten Band der Serie.

Wachen! Wachen! beginnt mit einer charakteristischen Pastiche (vielleicht eines Ed McBain-Romans), als die Hauptfigur, Hauptmann Samuel Mumm von der Nachtwache der Stadt Ankh-Morpork, betrunken im Rinnstein liegt und über seine Liebe zu einer Stadt nachdenkt, die ihn immer nur mit Füßen tritt. Das Buch geht mit der Rekrutierung eines neuen Offiziers weiter, der nicht aus der Stadt stammt, der Ankunft eines Drachens und dem Sieg der Nachtwache – die aus vollkommenen Versagern besteht – sowohl über den Drachen als auch über die Verschwörung gegen den Patrizier. Wachen! Wachen! führt einige von Pratchetts erfolgreichsten Figuren ein, und auch wenn es nicht der erste Hinweis auf die sich noch entwickelnden Charaktergruppierungen ist, ist es vielleicht der beste unter den Debütromanen dieser Figuren. Bei den inzwischen als Wachen-Sequenz bekannten Romanen (bisher gibt es neun) wird aus der Sicht von Samuel Mumm erzählt: Prinzipientreu, argwöhnisch gegenüber durch Geburt erworbene Befugnisse, von seiner eigenen Klasse ebenfalls nicht gerade begeistert, reizbar und verabscheuenswert nüchtern, ist Vimes von seiner Stellung als Hauptmann auf Streife zum Kommandanten der Wache und Herzog von Ankh-Morpork aufgestiegen, teilweise durch eigene Verdienste, aber zum Teil, wie er zugibt, dank seiner Heirat mit Lady Sybil Käsedick, einer der reichsten Frauen der Stadt. Der Erfolg der Bücher liegt nicht zuletzt darin begründet, dass Mumm andauernd mit dem Patrizier im Clinch liegt, der zugleich sein größter Befürworter ist: Lord Vetinari, der für die boshafteste Erheiterung sorgt, wenn er Mumm ärgert.

Die Wachen-Sequenz ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt die beliebteste der Scheibenwelt-Serie, allerdings dicht gefolgt von der Hexen-Sequenz, die mit Das Erbe des Zauberers (1987) schwach begann. Dabei handelt es sich um die Geschichte eines Mädchens, das Zauberer werden will. Aus jenem Buch stammt jedoch die eindrucksvolle Oma Wetterwachs (eine Type wie Vanessa Redgrave), der als Gefährtinnen die erfreulich vulgäre Nanny Ogg (vielleicht Miriam Margolyes?) und die unglaublich blasse, hippiemäßige und hoffnungslos optimistische Magrat (Jane Horrocks?) zur Seite gestellt wurden. Die Nennung möglicher Schauspielerinnen für einen heiß ersehnten Film ist kein reiner Selbstzweck: Der Reiz der Scheibenwelt-Bücher liegt zum Teil eindeutig in der Vorliebe der Fans, sich diese Bücher visuell vorstellen zu können und darin nicht einmal so sehr Stereotypen, sondern Archetypen wiederzuerkennen. Von den übrigen Büchern konzentrieren sich die bedeutenden anderen Sequenzen auf Tod (ein wandelndes Skelett) und seine Enkelin Susan (eine ziemlich pragmatische Gouvernante); auf die Zauberer, besonders den stets erfinderischen Rincewind, der in jeder Sprache der Scheibe »Hilfe!« rufen kann; und auf Tiffany Aching, eine Hexe, die im Kreideland geboren wurde (wo normalerweise keine Hexen aufwachsen) und die in vielerlei Hinsicht eine junge Oma Wetterwachs ist.

Es gibt auch einige für sich stehende Romane, von denen unsere liebsten Maurice der Kater (2001, im siebten Kapitel erwähnt), Einfach göttlich (1992) und Weiberregiment (2003) sind. Einfach göttlich spielt ein Stück weit in der Vergangenheit der Scheibenwelt in einer Wüstenkultur, die von einer ziemlich unangenehmen »Kirche« beherrscht wird. Das Buch beginnt mit einem nicht besonders schlauen Klosternovizen, der den Garten harkt und einen Schreck bekommt, als er feststellt, dass eine kleine Schildkröte mit ihm spricht. Die Schildkröte stellt sich als Inkarnation seines Gottes heraus, der nicht verstehen kann, weshalb er nicht als stampfender Bulle zurückgekehrt ist. Der Novize (Brutha) und der Gott (Om) machen sich auf, um herauszufinden, was schiefgegangen ist, und wir begleiten sie durch eine philosophische Erörterung von Göttern, Glauben, organisierter Religion und der Wechselwirkung zwischen diesen Dingen. In Weiberregiment schneidet Polly, eine Schankmaid in Borogravia, sich das Haar ab und schließt sich der Armee an, um ihren Bruder zu finden. Diesmal dürfen wir uns über Patriotismus und das Wesen der Männlichkeit Gedanken machen (Erstere findet man unter Halunken, Letzteres haust in Socken). Diese beiden Bücher können pars pro toto stehen: Dass die Scheibenwelt von Höhepunkt zu Höhepunkt marschiert ist (anstatt zu versanden, wie es häufig bei Theater-Fantasy geschieht), liegt nicht daran, dass die Bücher lustig sind (auch wenn dem so ist) oder dass die Figuren mittlerweile so interessant sind, sondern daran, dass Pratchett den Handlungsverlauf und die Figuren nutzt, um an »feststehenden Gegebenheiten« zu rühren und darin herumzustochern, und zwar nicht nur unserer eigenen Welt, sondern auch der Geschichten, die wir darüber erzählen, wie auch der Fantasy-Welten vieler seiner Kollegen.

Wie Rowling hat Pratchett seine eigene, vom Fantasy-Fandom unabhängige Fangemeinde. Es gibt viele Leute, die mit Ausnahme von Pratchett keine Fantasy lesen. Die Demographie seiner Leserschaft ist erstaunlich: Er ist zwar bekannt dafür, Jungen zum Lesen zu bringen, doch die letzte Erhebung (von Eve Smith, Liverpool John Moores University) bestätigt, was die Fans bereits wussten, nämlich dass ihr Alter von elf bis achtzig reicht und dass die Erwachsenen vor allem Akademiker sind, auch wenn die Bücher für alle gesellschaftlichen Klassen ihren Reiz haben. Pratchetts Fandom ist sehr beflissen darin, Conventions zu veranstalten (die zweijährliche Discworld Convention in Großbritannien ist die größte davon) und Figuren, Computerspiele, Comics und Begleitbücher zu kaufen, wie etwa Stephen Briggs' Karten und Bühnenbearbeitungen sowie die bisher drei Bücher über Die Gelehrten der Scheibenwelt, die von Jack Cohen und Ian Stewart gemeinsam mit Pratchett verfasst wurden. Diese letztgenannten Bücher über Die Gelehrten der Scheibenwelt sind auch für sich genommen interessant, weil sie, anders als ihre Äquivalente zu anderen Serien (wie etwa die Wissenschaft bei Star Trek), keine Bücher sind, die die Scheibenwelt erklären. Stattdessen führen die Zauberer der Scheibenwelt eine Reihe von Gedankenexperimenten durch, indem sie für sich eine runde Welt entwerfen und nach der Antwort auf wichtige Fragen streben, wie etwa, weshalb die Leute nicht herunterfallen. Wir können sie auf ihrer akademischen Reise begleiten. Natürlich sind auf diesen Zug Akademiker aufgesprungen, aber das Erstaunliche ist der große Erfolg akademischer Bücher. Guilty of Literature von Butler, James und Mendlesohn (2000) verkaufte sich komplett und wurde nachgedruckt; der Pocket Essentials Guide to Pratchett von Butler (2001) war genauso ausverkauft, und das jüngste Buch von Andrew M. Butler, ein nicht offizielles Begleitbuch, verkauft sich ebenfalls gut. 2008 wurde zum ersten Mal eine Reihe akademischer Vorträge auf einer Scheibenwelt-Convention gehalten. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich das ganz leicht erklären: Die Akademiker, die sich entschieden haben, über die Scheibenwelt zu schreiben, waren vorher bereits Fans.

Die Vermarktung von Pratchett unterschied sich stark von der von Pullman und Rowling. Erstens waren die Bücher Geheimtipps, die immer weitergereicht wurden, häufig von Studenten (von denen manche später Akademiker wurden, siehe oben). In den 1990ern war Pratchett jedoch zum meistverkauften Autor Großbritanniens geworden und ist gegenwärtig in den USA der siebtbeliebteste Autor, der nicht aus den USA stammt (auch wenn sich sein Werk in Amerika nur langsam verbreiten ließ). Pratchett ist der einzige Autor, der seit dem Beginn der Liste 1995 mehr als einen Titel unter den Nielson Bookspan Top 5000 der UK-Verkäufe hatte. Und zwar drei: Die Farben der Magie, Das Licht der Fantasie und Gevatter Tod. Doch anders als Rowling und Pullman wurde Pratchett nicht schnell vom literarischen Establishment akzeptiert. Bibliothekare liebten ihn, aber häufig aus zweckmäßigen Gründen: Jungen fragen nach den Büchern, und eine der reizendsten Figuren ist der Bibliothekar, ein Orang-Utan, der feststellt, wie praktisch seine Greiffüße sind, um die Regale zu erklimmen, der die Mysterien der Buchkatalogisierung kennt, der renitenten Bibliotheksnutzern den Kopf abreißen kann und der wie die meisten Bibliothekare mit Peanuts bezahlt wird. Und doch präsentiert eine Radio- oder Fernsehsendung nach der anderen »Großbritanniens beliebtesten humorvollen Autor«, ohne dass es Pratchett ist. Und auch wenn seine Johnny-Serie (über einen Jungen in einer englischen Vorstadt) im Fernsehen ein Erfolg war, waren es erst sein OBE 1998 und seine Carnegie Medal für Maurice 2001, nachdem er dreißig Jahre lang geschrieben und mehr als ein Jahrzehnt die Bestsellerlisten dominiert hatte, durch die er auf einen Streich ins Establishment aufrückte. Beim Erhalt des OBE für Verdienste in der Literatur bemerkte er: »Die ›Verdienste in der Literatur‹ bestehen vermutlich darin, dass ich von dem Versuch Abstand genommen habe, welche zu schreiben.« Dennoch war in der Big Read-Umfrage der BBC Pratchett einer von nur zwei Autoren mit fünf Büchern unter den Top 100; der andere war Charles Dickens, dessen London auf unheimliche Weise in der immer mehr dem 19. Jahrhundert ähnelnden Stadt Ankh-Morpork heraufbeschworen wird.

Pratchett schreibt nach wie vor[2], und auch wenn er ein paar Nachahmer hat, hat die aktuelle Auslese an Fantasy mit dominanten Stadt-Settings Pratchetts Weltsicht einiges zu verdanken, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden. Gleichermaßen hat sich die Sword & Sorcery, auch wenn sie im 21. Jahrhundert mit dem Werk von China Miéville, Scott Lynch und Sarah Monette auf eindrucksvolle Weise neu auflebt, sehr verändert, und das liegt zumindest teilweise daran, dass Pratchett einige der älteren Klischees zu Tode geritten hat.


[1] Zum Teil liegt das wohl daran, dass viele der Kinder nicht aus Europa stammen.

[2] Die überarbeitete Ausgabe des vorliegenden Buches wurde 2010 abgeschlossen. A. d .R.

Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


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Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

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