Darf ich mich vorstellen? - Ursula K. Le Guin

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ESSAY

Darf ich mich vorstellen?


Wir haben eine große Autorin verloren – Ursula K. Le Guin ist am 22. Januar 2018 gestorben. Aus diesem Anlass bringen wir einen Essay von ihr, der auch heute noch, fast drei Jahrzehnte nach seiner Entstehung, jede Menge Sprengstoff enthält.

 

»Alle, die Mauern bauen, sind ihre eigenen Gefangenen. Ich werde die mir zugedachte Funktion im sozialen Organismus erfüllen. Ich werde Mauern abbauen.«

Ursula K. Le Guin, Freie Geister

Ich bin ein Mann. Jetzt meinen Sie vielleicht, ich würde mein Geschlecht verwechseln, oder ich wollte Sie für dumm verkaufen, denn mein Vorname endet mit einem a, und ich besitze drei Büstenhalter und habe fünf Schwangerschaften hinter mir, und Ihnen fällt vielleicht auch sonst noch allerlei an mir auf, lauter kleine Details. Doch Details zählen nicht. Wenn wir von Politikern irgendetwas lernen können, dann, dass Details nicht zählen. Ich bin ein Mann, und ich möchte, dass Sie das glauben und mir als Tatsache abkaufen, genau wie ich es viele Jahre getan habe.

Sehen Sie, als ich in der Zeit der Meder- und der Perserkriege aufwuchs und als ich kurz nach dem Hundertjährigen Krieg studierte und als ich meine Kinder während des Koreakrieges, des Kalten Krieges und des Vietnamkriegs großzog, gab es keine Frauen. Frauen sind erst jüngst erfunden worden. Ich bin Jahrzehnte vor der Erfindung der Frauen geboren. Gut, wenn Sie auf pedantischer Genauigkeit bestehen, wurden Frauen bereits mehrmals an ganz verschiedenen Orten erfunden, doch die Erfinder wussten schlicht nicht, wie sie ihr Produkt verkaufen sollten. Ihre Vertriebsmethoden waren primitiv und ihre Marktforschung gleich null; so hat sich die Idee natürlich nie richtig durchgesetzt. Selbst wenn ein Genie dahintersteht, muss eine Erfindung ihren Markt finden, und es schien lange Zeit, als wäre mit der Idee Frau nicht einmal der geringste Profit zu machen. Modelle wie die Austen und die Brontë waren zu kompliziert, über die Suffragette wurde nur gelacht, und die Woolf war ihrer Zeit viel zu weit voraus.

Daher gab es, als ich geboren wurde, tatsächlich nur Männer. Menschen waren Männer. Sie hatten alle dasselbe Pronomen, seines; also bin ich auch einer. Ich bin er, wie in »Wenn jemand eine Abtreibung wünscht, muss er dazu in einen anderen Staat fahren« oder »Ein Schriftsteller weiß, wie die Butter aufs Brot kommt«. Das bin ich, der Schriftsteller, er. Ich bin ein Mann.

Vielleicht kein erstklassiger Mann. Ich bin gern bereit zu gestehen, dass ich wohl wirklich eher ein zweitklassiger Mann oder ein Männerimitat bin, ein vorgeblicher Er. Als Er verhalte ich mich zu einem echten Mann wie ein Fischstäbchen aus der Mikrowelle zu einem Königslachs vom Grill. Ich meine, mal ehrlich, kann ich befruchten? Kann ich im Bohemian Club Mitglied werden? Kann ich Chef von General Motors werden? Theoretisch kann ich das, aber Sie wissen ja, wie weit Theorien uns bringen. Jedenfalls nicht an die Spitze von General Motors, und an dem Tag, wo eine Radcliffe-Absolventin Präsident der Harvard University wird, wecken Sie mich und sagen mir Bescheid, ja? Wobei das gar nicht mehr sein muss, weil es keine Radcliffe-Absolventinnen mehr gibt; sie wurden für überflüssig befunden und abgeschafft. Außerdem kann ich nicht meinen Namen in den Schnee pinkeln, oder es wäre jedenfalls furchtbar umständlich. Ich kann nicht meine Frau und meine Kinder und ein paar Nachbarn und am Ende mich selbst erschießen. Um die Wahrheit zu sagen, kann ich nicht einmal autofahren. Ich habe nie den Führerschein gemacht. Ich habe gekniffen. Ich fahre Bus. Das ist schrecklich! Ich gestehe es, ich bin wirklich ein äußerst armseliges Männerimitat; das war gut zu sehen, als ich diesen Militärlook mit Munitionstaschen zu tragen versuchte, der früher als schick galt und mit dem ich aussah wie ein Huhn in einem Kissenbezug. Ich habe die falsche Figur. Menschen sollen dünn sein, nicht wahr? Mann kann nicht dünn genug sein, das sagen alle, vor allem Magersüchtige. Menschen sollten dünn sein und straff, weil Männer generell so sind, dünn und straff, oder jedenfalls viele Männer, wenn sie jung sind, und manche auch noch später. Und Männer sind Menschen, Menschen sind Männer, das steht nun mal felsenfest, und deshalb sind Menschen, echte Menschen, die richtigen Menschen, dünn. Ich dagegen bin echt schwach im Menschsein, weil ich überhaupt nicht dünn bin, sondern eher pummelig und stellenweise richtig dick. Und straff bin ich auch nicht. Außerdem sollten Menschen zäh sein. Zäh wie Leder. Zäh ist gut. Aber ich war noch nie zäh. Ich bin eher weich und irgendwie auch zart. Wie ein gutes Steak. Oder ein Königslachs, der weder mager noch ledrig ist, sondern sehr gehaltvoll und und zart. Andererseits sind Lachse keine Menschen, oder jedenfalls erzählt man uns das seit Kurzem. Man erzählt uns, dass es nur eine Art von Menschen gibt, und das sind Männer. Und es ist, denke ich, sehr wichtig, dass wir das alle glauben. Auf jeden Fall ist es den Männern wichtig.

Der Haken an der Sache ist, glaube ich, dass mir zu einem Mann etwas fehlt. Zu einem Mann wie Ernest Hemingway. Mit dem Bart und den Waffen und den Ehefrauen und den kurzen, knappen Sätzen. Ich gebe mir wirklich Mühe. Ich habe dieses bartartige Zeug am Kinn, das mir immer wieder wachsen will, so neun oder zehn Haare, manchmal auch mehr. Doch was mache ich mit den Haaren? Ich zupfe sie aus. Würde ein Mann das tun? Männer zupfen nicht. Männer rasieren sich. Jedenfalls rasieren sich weiße Männer, weil sie behaart sind, und ich kann mir noch weniger aussuchen, ob ich weiß sein will oder nicht, als ob ich ein Mann sein will oder nicht. Ich bin weiß, ob es mir passt, weiß zu sein oder nicht. Die Ärzte können nichts für mich tun. Aber ich denke mal, ich bemühe mich unter den gegebenen Umständen nach besten Kräften, nicht weiß zu sein, denn ich rasiere mich nicht. Ich zupfe. Aber das heißt nichts, weil ich nicht wirklich einen Bart habe, der als solcher zählen kann. Außerdem habe ich keine Waffe und keine einzige Ehefrau, und meine Sätze haben den Hang, immer weiter und weiter und weiter zu gehen und voller Syntax zu sein. Hemingway wäre lieber gestorben, als sich mit Syntax abzugeben. Oder mit Semikolons. Ich benutze ständig halbherzige Semikolons; da, das war schon wieder eins; hinter ›Semikolons‹ steht ein Semikolon, und das nächste steht hinter ›eins‹.

Und noch etwas. Ernest Hemingway wäre lieber gestorben als alt geworden. Er ist lieber gestorben. Er hat sich erschossen. Kurz und knapp. Alles lieber als lang, lebenslang. Tod ist kurz und sehr, sehr männlich. Leben nicht. Das Leben geht immer weiter, wie Sätze, die voll von Syntax und Modalsätzen und verwirrenden Bezügen und Altwerden sind. Und das bringt mich zum wirklichen Beweis dafür, wie ich als Mann versagt habe: Ich bin noch nicht einmal jung. Ungefähr um die Zeit, als man endlich darauf kam, Frauen zu erfinden, begann ich alt zu werden. Und bin einfach immer älter geworden. Ohne mich zu schämen. Ich habe mir gestattet, alt zu werden, und habe nicht das Geringste dagegen getan, mit einer Waffe oder sonst was.

Da frage ich mich doch, wenn ich auch nur ein Fünkchen Selbstachtung besäße, hätte ich mich dann nicht liften oder mir Fett absaugen lassen? Liposuktion. Apropos Saugen, das bringt mich darauf, was die Leute im Fernsehen so oft machen, wenn sie jung sind oder halbwegs jung, nur nicht, wenn sie alt sind, und wenn der eine ein Mann und der andere eine Frau ist, aber niemals in anderer Kombination. Nämlich Folgendes: Der junge oder halbwegs junge Mann und die junge oder halbwegs junge Frau fassen sich an und schlingen gegenseitig die Arme um ihre Körper, und dann kommt die Lippensuktion. Man soll ihnen dabei zuschauen. Sie neigen die Köpfe und schieben sie vor und pressen Mund und Nase gegen Mund und Nase des anderen und öffnen die Münder im schiefen Winkel zueinander, und beim Zuschauen soll einem dann irgendwie warm werden oder feucht oder so. Ich hingegen gucke bloß zwei Leuten beim Saugen zu — und denke: Hat man dafür schlussendlich die Frauen erfunden? Das kann doch nicht sein.

Wenn ich drüber nachdenke, finde ich Sex als Zuschauersport noch langweiliger als alle anderen Arten von Zuschauersport, sogar Baseball. Wenn es unbedingt sein muss, dass ich bei einer Sportart zuschaue, anstatt sie selber auszuüben, dann nehme ich das Springreiten. Die Pferde sehen unheimlich gut aus. Die Leute, die auf ihnen reiten, sind meistens so Nazitypen, aber wie alle Nazis sind sie bloß so mächtig und erfolgreich wie das Pferd, auf dem sie reiten, und letztendlich entscheidet das Pferd, ob es über das Gatter mit fünf Stangen springen oder so plötzlich davor anhalten will, dass der Nazi kopfüber aus dem Sattel fliegt. Nur dass dem Pferd meistens nicht einfällt, dass es diese Option hat. Pferde sind nicht besonders schlau. Allerdings haben Springreiten und Sex einiges gemeinsam, obwohl man Springreiten im amerikanischen Fernsehen meistens nur sehen kann, wenn man einen kanadischen Sender erwischt, was für Sex nicht gilt. Wenn ich die Option hätte, was ich häufig vergesse, würde ich auf jeden Fall beim Springreiten zuschauen und Sex selber machen. Nie umgekehrt. Aber ich bin inzwischen zu alt fürs Springreiten, und was den Sex betrifft, wer weiß? Ich schon; Sie nicht.

Natürlich sollen Golden Oldies heutzutage genauso von Bett zu Bett hüpfen wie die Pferde über ihre Gatter mit fünf Stangen: hopp, hopp, hopp. Aber diesen Supersex mit siebzig gibt es wieder mehr in der Theorie, so wie den weiblichen CEO von General Motors und den weibliche Präsidenten von Harvard. Theorie ist hauptsächlich dazu erfunden, Leute um die vierzig zu beruhigen, Männer heißt das, die Probleme haben. Deswegen hatten wir Karl Marx, und deswegen haben wir immer noch Ökonomen, wenn uns auch Karl Marx offenbar abhanden gekommen ist. Für sich genommen ist Theorie prima. Was die praktische Umsetzung angeht, oder die Praxis, wie die Marxisten gern sagten, wohl weil sie das x schön fanden, da warten Sie mal, bis sie sechzig oder siebzig sind, dann können Sie mir von Ihrem Sexualleben erzählen oder Ihrer Sexualpraxis, wenn Sie wollen, obwohl ich nicht versprechen kann, dass ich zuhören werde, und wenn ich doch zuhöre, werde ich mich wahrscheinlich furchtbar langweilen und anfangen, im Fernsehen nach Springreiten zu suchen. Jedenfalls werden Sie nichts von meinem Sexualleben oder meiner Sexualpraxis erfahren, weder dann noch jetzt noch sonst irgendwann.

Doch wie dem auch sei, ich bin alt. Als ich diese Zeilen schrieb, war ich sechzig Jahre alt, »lächelnd, sechzig, ein berühmter Mann«, wie Yeats schrieb, andererseits war er ein Mann. Und jetzt bin ich über siebzig. Und das ist ganz allein meine Schuld. Ich komme zur Welt, bevor die Frauen erfunden werden, und gebe mir all die Jahrzehnte meines Lebens solche Mühe, ein guter Mann zu sein, dass ich vollkommen vergesse, jung zu bleiben, und deswegen ist das nichts geworden. Dabei kommt mir meine Zeitenfolge ganz durcheinander. Erst bin ich jung, und dann war ich auf einmal sechzig und vielleicht sogar achtzig, und was dann?

Nicht mehr sehr viel.

Immer wieder denke ich, es muss etwas geben, was ein richtiger Mann dagegen unternommen hätte. Weniger drastisch als eine Waffe, aber wirkungsvoller als Oil of Olaz. Ich jedoch habe versagt. Ich habe nichts getan. Ich habe es total versäumt, jung zu bleiben. Und dann schaue ich auf all meine Bemühungen zurück — denn ich habe es wirklich versucht, ich habe mir große Mühe gegeben, ein Mann zu sein, ein guter Mann — und sehe, wie vergebens das war. Ich bin bestenfalls ein schlechter Mann. Ein unechtes, zweitklassiges Er-Imitat mit einem Zehn-Haare-Bart und Semikolons. Wozu das alles, frage ich mich? Manchmal denke ich, es wäre das Beste, das Ganze einfach sein zu lassen. Manchmal denke ich, ich sollte mich lieber auf meine Option besinnen und vor dem Gatter mit den fünf Stangen bocken, damit der Nazi auf den Kopf fällt. Wenn ich nicht überzeugend so tun kann, als wäre ich ein Mann, und nicht überzeugend jung sein kann, dann kann ich auch gleich so tun, als wäre ich eine alte Frau. Ich bin mir nicht sicher, ob schon jemand alte Frauen erfunden hat; aber vielleicht ist es einen Versuch wert.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Karen Nölle

 

 

Der Text wurde Anfang der neunziger Jahre geschrieben und als mündlicher Vortrag gehalten. 2004 erschien er in dieser leicht überarbeiteten Fassung in dem Band The Wave in the Mind. (Und inzwischen hat General Motors einen weiblichen CEO – und Harvard zurzeit eine Präsidentin –, aber das sind Details, die am großen Ganzen nichts ändern.)

 

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© 2004 by Ursula K. Le Guin

Erstveröffentlichung unter dem Titel »Introducing Myself« in The Wave in the Mind

Mit freundlicher Genehmigung der Agentur Fritz + Fritz, Zürich

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2018 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

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