Meine Alien-Familie: Wie man in der Science Fiction über verschiedene Kulturen schreibt

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KOLUMNE

Meine Alien-Familie: Wie man in der Science Fiction über verschiedene Kulturen schreibt


Becky Chambers schreibt Space Operas, in denen sich die unterschiedlichsten Spezies miteinander arrangieren müssen – was mal besser, mal schlechter hinhaut. In ihrem Essay erzählt sie, woher sie den Stoff für interkulturelle Begegnungen im Weltraum nimmt.

 

Es gibt etwas, das ich Science-Fiction-Schriftstellern (oder eigentlich jedem Menschen) wärmstens ans Herz lege: Schauen Sie sich Ihr liebstes Spaß-Video auf Youtube mit jemandem aus einem anderen Land an. Es muss Ihr absolutes Lieblingsvideo sein, der Film, der Sie damals in ein vor Lachen jaulendes, sich die Seiten haltendes Etwas verwandelt hat. Allerdings dürfen Sie nicht nur den Link verschicken. Sie müssen sich den Film gemeinsam ansehen. Und zwar so, dass Sie jedes Muskelzucken, jeden Wimpernschlag des anderen mitbekommen. Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Wenn Sie Glück haben, lacht Ihr Freund oder Ihre Freundin aus dem Ausland sich ebenso kaputt wie Sie, Sie haben einen weiteren Beweis für Ihre Seelenverwandtschaft und außerdem noch jahrelang Stoff für Insiderwitze.

Sehr viel wahrscheinlicher ist jedoch, zumindest meiner Erfahrung nach, das soziale Fegefeuer. In den drei Minuten, die der Film schätzungsweise dauert, wird Ihr gespanntes Grinsen langsam in sich zusammenfallen, während Ihr Freund keine Miene verzieht, abgesehen vielleicht von einem überraschten Stirnrunzeln oder einem süffisanten Lächeln, das anzeigt, dass er oder sie den Witz zwar versteht, aber nicht begreifen kann, wieso sich jemand damit abgibt. Wenn der Film zu Ende ist, werden Sie sich betreten und verwirrt ansehen. An diesem Punkt sollten Sie Ihren Freund oder Ihre Freundin bitten, Ihnen selbst ein Lieblingsvideo vorzuführen, falls er oder sie nicht ohnehin schon die Gelegenheit ergriffen hat, die eigenen Geschmacksvorlieben loszuwerden. Tauschen Sie also die Rollen. Spüren Sie, wie die Wirklichkeit aus den Fugen gerät, während Sie sich fragen, welcher Irre so etwas lustig findet.

Konservieren Sie diese Erinnerung und holen Sie sie bei Bedarf wieder hervor. So schreibt man Aliens.

Das ist nicht meine übliche Antwort auf die Frage, wie ich Aliens schreibe. Normalerweise sage ich, dass ich mit der Biologie anfange. Dass ich als erstes Anatomie und Fortpflanzung festlege – wobei ich oft auf irgendwelches Ungeziefer zurückgreife, das mich gerade fasziniert – und mir anschließend vorstelle, wie sich das alles auf Behausungen, auf die Technologie, die Familienstrukturen auswirkt. Das ist zwar tatsächlich mein Ansatz, wenn ich Aliens schreibe, aber es ist nur die halbe Antwort. Die andere Hälfte besteht darin, dass ich meine Verwandtschaft erkläre, was deutlich über das hinausgeht, was der Fragesteller wissen wollte. Aber nachdem ich hier Gelegenheit habe, ausführlicher zu werden: Ich beginne mit den biologischen Grundlagen, ja. Aber anschließend schöpfe ich aus den vielen Jahren, in denen ich mit Menschen von anderswo zusammen war.

Daher: mein Familienstammbaum. Die Eltern meiner Mutter sind in den 1950er Jahren von Deutschland in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Meine Mom und ihr Bruder kamen in Kalifornien zur Welt, genau wie ich selbst. Mein Onkel ging dann nach dem College nach Deutschland zurück, heiratete und bekam zwei Kinder. Eines dieser Kinder wurde nach Russland adoptiert (was dem Glückspilz eine dreifache Staatsbürgerschaft verschaffte); das andere lebt mittlerweile in London. Sowohl mein Bruder als auch ich haben die Reiselust dieses Zweigs der Familie geerbt, weshalb meine Besitztümer bis vor ein paar Jahren, als ich langsam etwas sesshafter wurde, in drei Koffer passten (von einem Haufen Büchern in meinem Elternhaus einmal abgesehen). Aus diesem Grund fand ich es auch ganz normal, meine Familienbande noch weiter auszudehnen. Meine Frau ist waschechte Isländerin, wie auch meine gesamte Schwiegerfamilie. Nun ja, abgesehen von der Handvoll, die in Norwegen lebt.

Feiertage sind immer eine schwierige Angelegenheit.

Ich kenne mein Leben gar nicht ohne ein Zuhause, in dem fröhlich in anderen Sprachen als Englisch telefoniert wird; ohne dass ich mindestens einmal pro Jahr Verwandte vom Flughafen abholen muss; ohne dass ich auf Anhieb weiß, wie spät es auf der anderen Seite des Ozeans ist. Manchmal beneide ich Familien, die von sich behaupten können, seit fünf, sechs, sieben Generationen am selben Ort zu leben. Es muss schön sein, seine Lieben in einem Umkreis zu haben, der sich mit dem Auto bewältigen lässt. Aber es ist auch schön, die Annahmen, die sich aus der unmittelbaren Umgebung ergeben, infrage zu stellen. Meine Frau und ich nennen das den »Viertausend-Meilen-Blick«: die Gesprächsmomente, in denen wir auch nach zwölf gemeinsamen Jahren noch gegen eine kulturelle Wand donnern, von deren Vorhandensein wir gar nichts geahnt hatten.

Das vertraute Umfeld zu verlassen bringt immer Opfer mit sich – man muss Platz schaffen für das Neue, das man aufnimmt. Ich bezeichne mich zwar als Kalifornierin, aber als Kalifornierin mit Fußnote. Ich fühle mich hier keineswegs immer zugehörig, nicht nachdem ich jahrelang im Ausland war und mein Verhalten anderen sozialen Normen angepasst habe. Letzten Oktober saß ich in Island bei einer Freundin in der Küche, und sie erzählte uns von den Gästen, die kürzlich bei ihr zu Besuch gewesen waren. »Sie haben ihre amerikanischen Freunde mitgebracht«, sagte sie, »und herrje, die waren ja so amerikanisch.« Und so sachlich, wie man nur sein kann, fuhr sie fort: »Wie Becky, als sie hier ankam.« Ich lachte mich halb tot. Anderen Amis kann ich zwar nicht erklären, was alles unter »so amerikanisch« fällt, aber ich wusste genau, was sie meinte. Und ich wusste auch, dass ich immer noch so amerikanisch bin und es immer sein werde. Immer wieder versuche ich, aufzudröseln, was bei mir Prägung von außen und was mein echtes Ich  ist (und bin außerdem zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Anteile sich nicht voneinander trennen lassen). Auch wenn ich mich oft wie in einem Zwischenzustand fühle, schätze ich es, aus erster Hand zu wissen, dass es für unsere Spezies keinen festgelegten Daseinszustand gibt – weder politisch noch ökonomisch noch sozial –, uns allen jedoch die Sehnsucht nach Liebe, Sicherheit und Glück gemeinsam ist. In gewisser Hinsicht sind wir gleich.

Nur dass wir eben nicht gleich sind, nicht bei all den Einzelheiten, die zu diesem Basisprogramm hinzukommen. Meine Familie ist ein chaotisches Durcheinander, ein ständiger Kompromiss. In jeder Kultur, mit der ich zu tun habe, gibt es Dinge, die mich in den Wahnsinn treiben. Oft bin ich es leid, immer die zu sein, die anderen die, sagen wir, Außenpolitik der Vereinigten Staaten erklären muss, genau wie es meiner Frau lieber wäre, neue amerikanische Bekanntschaften würden sie nach ihren Interessen fragen, anstatt eine wandelnde Reisebroschüre aus ihr zu machen, sobald ihr Herkunftsland zur Sprache kommt. Es ist schlimm für mich zu wissen, dass ich sie kaum trösten kann, wenn sie ihre Familie vermisst, weil es mir selbst einmal so ergangen ist. Die Armseligkeit meiner Sprachkenntnisse ist mir ein Gräuel. Ich hasse den Jetlag. Ich finde es schrecklich, dass ich nicht alle gleichzeitig an einem Fleck haben kann.

Wenn ich also über Raumflughäfen und multispeziäre Schiffe schreibe, dann schreibe ich über all das. Wenn meine Figur Sissix von den Menschen die Nase voll hat, sich jedoch nicht vorstellen kann, ohne sie zu leben, dann bin das ich, vor zwei Jahren in Reykjavik. Wenn Ashby seine Crew herunterputzt, weil sie anderen Leuten gegenüber kulturell unsensibel war, dann bin das ich, die bei Essenseinladungen zu beiden Seiten des Teichs höflich in die Defensive geht. Wenn Sidra von einem Markt in der Größe eines Mondes überwältigt wird, auf dem alles neu für sie ist, dann bin das ich, in all den ausländischen Lebensmittelgeschäften meines Lebens. Wenn Blue neben Pepper steht, während sie in einer für ihn fremden Sprache ein Gespräch über seine Zukunft führt, und ihm nichts anderes übrigbleibt, als ihr zu vertrauen: Das bin ich, mit meiner Frau und meinem Schwiegervater in der isländischen Einwanderungsbehörde. Wenn meine Figuren einander zuhören und sich gegenseitig enträtseln müssen und am Ende alle womöglich noch verwirrter sind sind als zuvor, aber dennoch froh, das Gespräch geführt zu haben – das bin ich. Das bin ich, mit allen meinen Lieben.

 

Aus dem Amerikanischen von Karin Will

 

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© 2017 by Becky Chambers

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin. Zuerst erschienen unter dem Titel »My Alien Family: Writing Across Cultures in Science Fiction« am 13. März 2017 auf www.tor.com

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