Foto: Marian Wood Kolisch

PORTRÄT

Ursula K. Le Guin (1929 – 2018). Ein Nachruf


Ursula K. Le Guin ist im Alter von 88 Jahren verstorben. Mit ihr verliert die Buchwelt eine großartige Autorin, die stets die souveräne, freie Fantasie verteidigt und die Verantwortung der SchriftstellerInnen in schwierigen Zeiten angemahnt hat. Sie hat den Feminismus und das ökologische Denken in die Science-Fiction- und Fantasyliteratur gebracht und wie keine andere daran gearbeitet, den Graben zwischen „realistischer“ und „fantastischer“ Literatur zu überbrücken. Ihre Meisterwerke –  „Die linke Hand der Dunkelheit“, „Freie Geister“ und der „Erdsee“-Zyklus –  und ihre Person bleiben unvergessen.

 

Sie war eine der der größten Denkerinnen unserer Zeit, und ohne Zweifel die eine Autorin, die das gesamte Potenzial der phantastischen Literatur erstens in ihren fiktionalen Werken verwirklicht und zweitens in Reflexionen über die Phantastik wie keine andere erklärt hat. Am 22. Januar 2018 verstarb Ursula Kroeber Le Guin im Alter von achtundachtzig Jahren – ein erfülltes Leben und doch ein unermesslicher Verlust für die Phantastik wie für unsere gar nicht so schnöde Realität gleichermaßen. Le Guin spielte erfolgreich auf der Klaviatur beider Großgenres: Science und Fantasy. Und sie verfasste in dem einen wie dem anderen Bereich Meilensteine, an denen kein Mensch vorbeikommt, der sich mit der phantastischer Literatur und Kunst beschäftigt.

Der SF beispielsweise, dem Genre, dessen bessere Werke sich vor allem mit sozialen und politischen Themen befassen, schenkte sie mit „The Dispossessed“/„Freie Geister“ eine wirkmächtige Kapitalismuskritik; ein eigentlich zeitlos gültiges Werk, das aber mit seiner zentralen Metapher – der Mauer, die Reich und Arm trennt - seit einem Jahr wieder hochaktuell geworden ist. Mit „The Word for World is Forest“/„Das Wort für Welt ist Wald“ brachte sie auf dem Höhepunkt des Vietnamkrieges eine antikolonialistisch-antimilitaristische Vision heraus, die zudem zu einem der zentralen Werke der damals gerade beginnenden ökologischen Bewegung werden sollte.

Aufwachsen, Liebe, Tod


In der Fantasy war sie nicht weniger wirkmächtig, und auch hier hat sie das zentrale Wesen eines Genres und dessen daraus resultierende Möglichkeiten präzise erfasst. Während die SF auf die Gesellschaft blickt, steht bei der Fantasy das Individuum im Mittelpunkt - der Ringträger, der seine Aufgabe erfüllt,auch wenn er den Weg nach Mordor nicht kennt. Der „Erdsee“-Zyklus konzentriert sich genau darauf. Besonders die ersten drei Bücher untersuchen die wesentlichen Aspekte eines menschlichen Lebens – Aufwachsen, Liebe, Tod – in je einem Band auf das Genaueste, indem sie das Beste und das Schlimmste, was dem Individuum in diesen drei Hinsichten passieren kann, beschreiben. Und das mit einem schreibhandwerklichen Geschick, das den Literaturkritiker Harold Bloom zu der Beobachtung veranlasste: „she has raised fantasy into high literature for our time.“

Die meisten ‚Helden‘ Le Guins waren männliche Charaktere, doch zeichnen sie sich dadurch aus, dass ihnen alles Machohafte und vor allem patriarchalische Verhaltensweisen völlig abgehen, etwa in der Person des Magiers Ged, des Hauptprotagonisten von Erdsee. Dies ist einer der Gründe dafür, dass Le Guin auch zu einer der wichtigsten Vertreterinnen des Feminismus wurde. Eines Feminismus, der vor allem als Kritik sämtlicher Geschlechterstereotype daherkommt, und uns in „The Left Hand of Darkness“/„Die linke Hand der Dunkelheit“, ihrem Durchbruch als Phantastikautorin aus dem Jahr 1969, eine glaubhafte Alternative vorstellt, die erahnen lässt, wie Menschen leben könnten, wenn sie den Geschlechterkonflikt wahrhaft überwunden haben.

The Language of the Night


Ursula Le Guin hat alle wichtigen Preise der Phantastik gewonnen, in der Regel mehrfach. Doch sie war nicht nur eine der ganz Großen innerhalb des Genres, sondern auch eine der ganz großen Interpretinnen des Genres und höchstwahrscheinlich überhaupt einer der scharf- wie tiefsinnigsten Denker des vergangenen und diesen Jahrhunderts. In mehr als hundert Essays hat Le Guin sich mit Ihrem Genre beschäftigt und dessen Möglichkeiten erklärt und erklärt und erklärt. Es ist zu hoffen, dass die leider nur noch antiquarisch erhältliche Aufsatzsammlung „The Language of the Night“ von 1979 jetzt neu aufgelegt wird, in der die wichtigsten Aufsätze zusammengefasst sind. Es war Le Guin, die wiederholt betonte, dass alle Phantastik, die die Kreativen erschaffen, doch nur Metaphern für unser reales Leben sind, die eingesetzt werden, um dem Publikum die Möglichkeiten, Gefahren und Absurditäten unserer Existenz aus frischen, unverbrauchten Blickwinkeln vor Augen zu führen.

Ihre Stimme ist verstummt


Ich habe sie leider nie kennengelernt. Aber als „Fantasy. Einführung“ herauskam, habe ich ihr ein Päckchen mit dem Buch geschickt, schließlich versuchte ich dort, die Fantasy anhand herausragender Beispiel zu erklären, und natürlich bedeutete das, Ursula Le Guin ein eigenes Kapitel zu widmen. Sie schrieb mir einen sehr lieben Brief zurück. Sie sprach kein Deutsch, aber ihr Ehemann tat es und sie hatte sich das Kapitel von ihm übersetzen lassen. In dem Brief drückt ihre Freude darüber aus, wie ich mich mit dem „Erdsee“-Zyklus beschäftigt hatte. Also nein, ich kannte sie nicht, aber allein dieser kleine Brief ist mir Nachweis dafür, dass sie auch ein wunderbares Wesen gehabt haben muss.

Und jetzt ist sie fort. Ihre Stimme – die in meinen Augen wichtigste Stimme der Phantastik - ist verstummt. Aber immerhin, sie wurde achtundachtzig Jahre alt. Ein gesegnetes Alter und ein beispiellos erfolgreiches Leben. Und so viel sie auch noch zu sagen gehabt hätte, das Wichtigste hat sie uns hinterlassen, und wir werden es nicht vergessen. Ursula Le Guin sagte uns, dass die Phantastik sich um das reale, das wahre menschliche Leben dreht, „wie es gelebt wird, wie es gelebt werden könnte, wie es gelebt werden sollte.“ Danke, und ad astra.

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