»Die Macht, die Welt zu verändern«: Interview mit Bernhard Hennen

© Stephan Sasse // Alexas_Fotos - pixabay

INTERVIEW

»Die Macht, die Welt zu verändern«: Interview mit Bernhard Hennen


Mit »Die Chroniken von Azuhr« gibt FISCHER Tor den Startschuss für eine völlig neue Serie aus der Feder von Bernhard Hennen. Im Interview verrät der Autor, was ihn zu diesem Neuanfang bewogen hat, spricht über die Auswirkungen von Magie – und die Auswirkungen des Schreibens …

 

Wenn du »Die Chroniken von Azuhr – Der Verfluchte« in einem Satz zusammenfassen müsstest, wie würde er lauten?

Bernhard Hennen: Azuhr ist eine Geschichte über die Macht, die Welt zu verändern, über die Wunder und die Schrecken, die daraus resultieren.

Was hat dich gereizt, nach den »Elfen« noch einmal eine neue Saga ins Leben zu rufen?

Die Freiheit, meine Phantasie ohne die Ketten von 10.000 Seiten fliegen zu lassen und eine neue Welt zu erschaffen.

Wenn du eine Figur aus diesem Roman sein dürftest, welche wärst du dann?

Eindeutig der junge Milan Tormeno, eine Figur voller Hoffnungen und Illusionen, die noch nicht einmal im Ansatz begriffen hat, wie unglaublich ihre Möglichkeiten sind. Allerdings möchte ich nicht seine Feinde haben …

Die Hauptfigur von »Der Verfluchte«, Milan Tormeno, verkleidet sich als Krähenmann. Warum soll es ausgerechnet eine Krähe sein?

Es sollte eine neue Figur sein, die durch andere Romane und Mythologien unserer Welt nicht schon mit Bildern und Geschichten überfrachtet ist. Eine Gestalt halb Krähe, halb Mensch. Die düstere Hauptfigur aus der Mär vom Krähenmann. Eine Figur, die auf den ersten Blick unheimlich wirkt, um einen dann vielleicht doch zu überraschen …

Woher nimmst du die Inspiration für Welten wie das Reich Azuhr mit seinen verschiedenen Häusern?

Die Geschichten um Azuhr wachsen schon seit Jahren in mir. Das grundsätzliche Setting von Azuhr orientiert sich an unserer Welt zwischen 1350 und 1450, nur dass es kein Schießpulver geben wird. Doch die Themen der Geschichte kommen ganz und gar aus unserer Gegenwart. Es geht um die Angst vor dem Fremden, um die Macht der Lügen und darum, wie derjenige, der die Hoheit über die Verbreitung von „Nachrichten“ hat, auf Azuhr ganz buchstäblich das Bild der Welt bestimmt. Klingt ein bisschen wie die 20:00-UhrNachrichten? Viele meiner Geschichten werden davon inspiriert. Aber keine Sorge, sie haben einen anderen Ton und verstecken sich in einer bezaubernd fremden Welt, die jeden in ihren Bann schlagen wird, der ein Ohrensesselleseabenteurer ist.

Kannst du erklären, wie genau die ganz eigene Magie von Azuhr funktioniert?

Zunächst ist Azuhr eine Welt, in der es keine Magie gibt. Dann kommt es zu einer Veränderung, und Dinge, an die viele Menschen glauben, können Wirklichkeit werden. Zur Verdeutlichung ein Beispiel mit einem Märchen aus unserer Welt: Wenn viele Kinder an Rotkäppchen und den bösen Wolf glauben, dann werden sie in Azuhr Wirklichkeit. Und da es keine genaue Ortsangabe gibt, wo sie leben (in einem dunklen Wald), werden sie sogar mehrfach in dunklen Wäldern entstehen und vielleicht lokale Besonderheiten des Märchens aufweisen, wie dass Rotkäppchen blond ist, der Wolf so groß wie ein Pferd oder schwarz wie die Nacht. Doch das ist erst der Anfang. Möglich wäre auch, dass sich der Bäcker an der Ecke charakterlich verändert, wenn aufgrund einer sich verbreitenden Lüge plötzlich viele Menschen glauben, er sei geizig oder er habe eine Affäre mit der Frau des Stadtkommandanten. Und was geschieht, wenn sich die Drachen und Einhörner von den Fesseln der Mär befreien, aus der sie stammen, und eigenständig zu handeln beginnen? Klingt das ein bisschen wie Androiden, die die Fesseln ihres Programms abstreifen und danach verlangen, selbstbestimmt zu sein? Ja, auch das ist kein Zufall. Azuhr ist eine Fantasy-Geschichte, die mehr mit unserer Welt zu tun hat, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Selbst dort, wo Magie wirkt.

Das Buch beginnt mit einem langen Prolog. Wird das auch bei den künftigen Azuhr-Romanen so sein?

Jeder der Azuhr-Romane wird einen ähnlich langen Prolog bekommen. Sie sind ein Mittel, bedeutende Ereignisse, die zeitlich oder räumlich abseits der Haupterzählung des Romans liegen, als für den Leser ganz plastisch erlebte Ereignisse zugänglich zu machen, statt nur indirekt von ihnen zu erzählen. Hier schon einmal ein Ausblick auf den zweiten Prolog: Die Kaiserin Sasmira wurde angeblich von einer toten Mutter geboren, weshalb man sie im Khanat die Seelenlose Kaiserin nennt und fürchtet. Im zweiten Prolog wird die hochdramatische Geschichte ihrer Geburt erzählt werden, mit der zugleich ein Bürgerkrieg beginnt.

Gab es eine Szene, die dir besonders schwer fiel zu schreiben?

Ja. Eine der Hauptfiguren wird sterben, damit eine andere Figur im zweiten Band ihr ganzes Potential entfalten kann. Die Geschichte um diesen Tod hat mich in der Woche, als ich daran gearbeitet habe, ziemlich mitgenommen. Und sie wird mich auch ins nächste Buch begleiten, denn die Trauer um diesen Tod wird zur wesentlichen Triebfeder des Handelns für Milan Tormeno, den Helden der Romanreihe.

Welche Szene hat dir beim Verfassen besonders Spaß gemacht?

Es gibt einen Riesen, der Gideon heißt. Er hat das Potential, ganze Söldnerheere zu vernichten, ist aber nicht der Hellste und, wenn er nicht gerade Heere zerschlägt, eigentlich ein ganz netter Kerl. Es kommt zum Kampf zwischen ihm und der zweiten Hauptfigur des Buches, dem Erzpriester Nandus Tormeno. Die Szene habe ich meinen Kindern vorgelesen, und wir haben uns stellenweise vor Lachen gebogen. Ich bin ganz sicher, dass dies auch anderen so gehen wird und dies eines der Kapitel ist, das noch lange, nachdem man das Buch geschlossen hat, in den Köpfen der Leser bleibt.

Vielen Dank!

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