Fantasy-Romane schreiben (Teil 15): Das Schunkeln der Trolle – Humor in der Fantasy

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KOLUMNE

Fantasy-Romane schreiben (Teil 15): Das Schunkeln der Trolle


Mit Humor ist es ja immer so eine Sache: Kann ins Schwarze treffen, kann aber auch peinlich werden. Wie man es anstellt, den eigenen Fantasy-Roman mit genau der richtigen Dosis Humor zu würzen, verrät euch Sylvia Englert.

In der Scheibenwelt von Terry Pratchett ist immer etwas los. Dort gibt es unfähige Zauberer, einen Tod, der gerne Curry mag, einen Orang-Utan-Bibliothekar und viele andere schräge und sehr, sehr witzige Figuren. Der Stoff ging Pratchett nie aus, da er mit großem Vergnügen die reale Welt aufs Korn nahm und phantastisch-satirisch aufarbeitete (von der Religion über die Universitätsbürokratie bis zur Finanzkrise). Auch Fantasy-Klischees ins Lächerliche zu ziehen war für ihn ein beliebter Zeitvertreib.

Doch humoristische Fantasy ist mehr als Terry Pratchett, wie man leicht feststellen kann, wenn man sich in einen Zamonien-Roman von Walter Moers vertieft, in A. Lee Martinez’ Diner des Grauens hineinliest („Willkommen im Diner des Grauens, wo Zombie-Angriffe an der Tagesordnung sind und du niemals weißt, was im Kühlschrank lauert!“). Oder in Ben Aaronovitchs London Underground-Romane, die Thursday Next-Bücher von Jasper Fforde oder auch in Fantastik AG von Jan Oldenburg, in dem ein kleinwüchsiger Professor der Phantastik und sein einziger Student sich in die Fernen Länder wagen, über die sie alles zu wissen glauben. Dabei erleben sie natürlich die eine oder andere Überraschung. Zum Beispiel, dass Kobolde sich dort anschicken, mit dem titelgebenden Konzern die Welt zu beherrschen.

 

„Wir von der Fantastik AG mögen das Wort Gefangene nicht!“, strahlte Fechus. „Wir bevorzugen: Zu günstigen Konditionen beschäftigte freiwillig Angestellte!“

„Günstige Konditionen für wen?“, fragte der Professor.

„Wer stellt sie freiwillig ein?“, fragte Theodor.

In diesem Augenblick verkündete eine heiterkeitstriefende Stimme aus den überall aufgestellten Lautsprechern: „Liebe Angestellte der Fantastik AG! Freuet euch! Fantastik Radio spielt nun eine Stunde lang zu eurer Erbauung schöne Musik!“

Peinlich Seichtes plätscherte aus den Lautsprechern. Ein öliger Zwergenbass sang schmachtend von Liebe und Herzensschmerz.

Theodor blickte sich um, wie diese Einlage wohl auf die Angestellten wirken mochte.

„Großer Gott, Professor“, flüsterte er. „Sehen Sie!“

Es war wirklich beängstigend.

Trolle, Elfen, Gnome und Wichtel, Zwerge, Waldschrate, Puckelmännlein und Feen schunkelten sacht im Takt der Musik.

Und sie grinsten.

Alle.

 

Für dich als Autor oder Autorin ist dieses Subgenre das schwerste von allen. In der Dark Fantasy das Blut spritzen und Gedärme quellen zu lassen ist weitaus einfacher, als witzig zu schreiben und sich Gags auszudenken, die zünden. Ob das bei deinem Manuskript der Fall ist, testest du am besten bei Lesungen im kleinen Kreis. Wird gelacht? Wenn ja, Glück gehabt. Wenn nicht, musst du weitertüfteln.

 

Gute und schlechte Gags

Manche Gags zünden, manche nicht – aber wie findet man heraus, welche gut sind und welche nicht? „Es ist nicht so, dass ich meine Gags unter Laborbedingungen vor einem ausgewählten Testpublikum zum Besten gebe und dann den Lachkoeffizienten messe“, sagt Jan Oldenburg, der mit seinen humorvollen Romanen eine Heimat bei Piper Fantasy gefunden hat. „In erster Linie muss man selbst von dem überzeugt sein, was man schreibt, und das gilt meiner Meinung nach auch für Humor. Natürlich birgt das immer ein bisschen die Gefahr, dass man dadurch der schrullige Eigenbrötler wird, der sich bis zur Atemnot über seine eigenen geistvollen Pointen amüsiert und dabei das eisige Schweigen um ihn herum gar nicht mehr wahrnimmt. Die weniger subjektive Komponente ist Originalität, und in dieser Hinsicht kann man durchaus mit Selbstkritik an sich und seinen Scherzen arbeiten. Hat es den Scherz so oder ähnlich nicht schon tausendmal gegeben? Wie könnte ich dem Ganzen vielleicht noch den einen oder anderen innovativen Twist geben?“

Und natürlich kannst du Passagen bei Lesungen testen. Nicht jedes Publikum lacht an witzigen Stellen. Aber du wirst spüren, ob dein Text funktioniert.

Kein Problem ist das sicher für Ben Aaronovitch, der seine Mischung aus Fantasy und Krimi (Die Flüsse von London und die anderen Romane rund um den übersinnlich begabten Polizisten Peter Grant) mit einer ordentlichen Portion trockenen britischen Humors gewürzt hat. Seine Leser lieben diese Romane. Aber wie die meisten anderen Autoren kommt auch Aaronovitch nicht aus dem Nichts, er hat zum Beispiel schon Drehbücher für die Kultserie Doctor Who verfasst. Meine Theorie ist: Humor hat man oder man hat ihn nicht, aber sein humoristisches Talent kann man schulen und ausbauen. Stand-up-Comedians üben auch erstmal ein paar Jahre, testen ihre Gags, verbessern ihr Timing und sammeln bei kleineren Auftritten Erfahrung mit Publikum, bevor sie es vielleicht auf die große Bühne oder ins Fernsehen schaffen.

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Humorvolle Dialoge

Doch selbst wenn deine Romane nicht ins Genre der humorvollen Fantasy fallen, mögen die meisten Leser es, wenn Romane mit einem Augenzwinkern geschrieben sind. Beim Schmökern hin und wieder schmunzeln zu können ist besonders erfrischend, wenn der Rest des Romans düster, intensiv und actionlastig ist. Dafür gibt es den Fachbegriff „comic relief“ – Erleichterung durch Komik. Deine ganze Dramaturgie funktioniert besser, wenn du dem Leser zwischendurch erlaubst durchzuatmen und nicht eine Spannungsszene nahtlos an die nächste reihst. Besonders gut funktionieren pointierte, gepfefferte Dialoge zwischen den Hauptfiguren, das wussten schon die Macher der ersten StarTrek-Filme – eine kleine Stichelei zwischen Spock und McCoy sorgte zuverlässig für lächelnde Gesichter vor dem Bildschirm.

Aber versuch bloß nicht zwanghaft, witzige Elemente einzubauen. Wenn die Hauptfiguren in den schwierigsten Situationen coole Sprüche von sich geben, kann das genial sein (funktioniert bestens in den Die Hard-Filmen) oder zwischen peinlich und unglaubwürdig changieren (wie in manchen Manuskripten von Erstautoren, die ich schon auf dem Tisch hatte). Auch hier solltest du deine Testleser fragen, wie es ihnen gefallen hat (Smileys an Stellen, die der Testleser als witzig empfunden hat, sind sehr informativ!) und danach die entsprechenden Stellen optimieren.

„Bei jeder Manuskript-Überarbeitung kürze ich viel, mindestens zehn Prozent, oft mehr – ich straffe ich Szenen, schmeiße viele innere Monologe raus, ziehe das Tempo an, poliere die Dialoge“, berichtet Kai Meyer, den ich für mein Fantasy-Handbuch interviewt habe. „Vor allem bei Dialogen, die ein bisschen pfiffiger oder witziger sein sollen, hilft es fast immer, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Humor als Schlagabtausch muss schnell gehen. Und nur ja dem Leser nicht erklären, warum etwas gerade spaßig sein soll. Entweder er begreift es auch so, oder er liest eh darüber hinweg.“

 

Skurrile Situationen und schräge Vergleiche

In meinem Fantasyroman Nachtlilien, den ich unter dem Pseudonym Siri Lindberg bei Piper veröffentlicht habe, ist der Humor ganz nebenbei eingeflossen – zum Beispiel, wenn sich aus der Handlung hin und wieder skurrile Szenen ergeben haben. So zum Beispiel in dem Kapitel, in dem Jerusha feststellt, dass ihr Clan in der Vergangenheit einige Bündnisse eingegangen ist, von denen viele in Vergessenheit geraten sind – unter anderem mit den Hunderthändern, raupenähnlichen Wesen, die von den meisten Bewohnern Ouendas als sehr lästig empfunden werden.

 

„Ihr kennt meinen Clan?“ Jerusha versuchte es mit einem Lächeln.

„Schulden habt ihr noch bei uns, Schulden große!“ Ein besonders großes Hunderthänder-Männchen reckte vorwurfsvoll die Stielaugen. „Lohn es gibt jetzt endlich? Wir wünschen Gold, wir wünschen Edelstein.“

Jerushas Lächeln geriet zur Grimasse. Sie hatte schon davon gehört, dass manchmal ein Clan Schulden anhäufte und diese dann an irgendeinem bedauernswerten Mitglied hängenblieben. „Ich kann euren Ärger verstehen, wirklich sehr gut kann ich den verstehen“, sagte sie in beruhigendem Ton. „Und falls ich jemals eine Handvoll Edelsteine übrig haben sollte, seid ihr die allerersten, die etwas abbekommen. Versprochen.“

„Jetscht!“ murrten die Hunderthänder und zogen den Kreis um sie enger. Dutzende von Händen reckten sich ihr entgegen, ballten sich zu winzigen Fäusten. Überall öffneten sich Mäuler in einer Drohgeste, so dass Jerusha die nadelspitzen Zähne darin bewundern konnte. Wahrscheinlich reichte eine falsche Bewegung, ein falsches Wort, und der ganze Schwarm fiel über sie her.

„Jetzt geht aber nicht.“ Ganz langsam drehte Jerusha die Handflächen nach oben. „Oder seht ihr hier irgendwo Reichtümer?“

Ein Hunderthänder marschierte mitten über ihre Finger, wahrscheinlich um genau nachzusehen, ob sie wirklich leer waren. Mehrere andere machten sich daran, in die Taschen ihrer Tunika zu klettern und sie zu durchwühlen. Das gefiel Jerusha nicht sonderlich, doch sie rührte sich nicht und zwang sich zur Geduld.

„Nischt drin“, murmelte eins der Wesen nach vollendeter Inspektion enttäuscht.

„Habe ich euch doch schon erklärt. Man sagt mir noch nicht mal nach, dass ich ein Herz aus Gold oder Augen wie Saphire habe.“ Jerusha lächelte schief. „Das hat alles meine Schwester abgekriegt.“

Das sorgte für eine gewisse Verwirrung und die Forderung, sie möge doch bitte sofort ihre Schwester herbringen.

„Leider nicht zu machen“, sagte Jerusha und verschränkte die Arme vor der Brust, nur für den Fall, dass irgendjemand nachsehen wollte, ob nicht auch ihr Herz irgendein Edelmetall hergab.

 

Vielleicht gibt auch deine Welt eine originelle Spezies her, die für humorvolle Verwicklungen sorgen kann? Eine Figur, die den anderen durch ihre Schrullen gehörig auf die Nerven geht (aber nicht so, dass auch der Leser genervt ist, ich sage nur Jar Jar Binks)? Eine Situation, in der etwas gehörig schiefgeht auf eine Art, bei der ein wenig Slapstick erlaubt ist?

Wenn nicht, auch kein Problem.

Lachen muss nicht sein. Tut aber tierisch gut.



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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