Die erste Regel des Schreibclubs lautet ... - Guy Gavriel Kay über Sinn und Unsinn von Schreibregeln

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Die erste Regel des Schreibclubs lautet ... Guy Gavriel Kay über Sinn und Unsinn von Schreibregeln


Von den Profis kann man immer eine Menge lernen. Doch trifft es auch auf Tätigkeiten zu, bei denen Kreativität und Inspiration gefragt ist? Kanadas erfolgreichster Fantasy-Autor Guy Gavriel Kay über den Sinn (oder Unsinn?) von Schreibregeln.

 

Vor ein paar Jahren brachte der Guardian in Großbritannien eine Reihe, die sich sozusagen zu einer Top Ten der zehn besten Regeln fürs Schreiben auswuchs. Dafür wurden die Ideen vieler unterschiedlicher Autoren und Autorinnen zusammengetragen.

Ich gebe gern zu, dass ich von so etwas nicht viel halte. Aktionen dieser Art verdeutlichen lediglich den Trend unserer Gesellschaft, überall nach Gurus und Abkürzungen zu suchen – und dank dieser Nachfrage muss so mancher in die Rolle des Gurus schlüpfen. Ich fürchte, Listen dieser Art untergraben die Individualität des kreativen Schaffensprozesses. Andererseits förderten die Tipps des Guardian durchaus Überraschendes zutage.

Roddy Doyle beispielsweise riet dazu, sich ein Synonymwörterbuch anzuschaffen und es unverzüglich in der Gartenlaube oder hinter dem Kühlschrank zu verstauen. Das war Nummer 6 auf seiner Liste. Die großartige Margaret Atwood hingegen postulierte, professionelles Schreiben bedürfe einiger Werkzeuge, man solle daher immer einen Thesaurus griffbereit haben. Nummer 7 bei ihr.

Hier haben wir zwei zu Recht hochverehrte Literaturschaffende, die im selben Punkt völlig unterschiedliche Ansichten haben. Was fängt man also mit solchen Informationen an? Nun, werdende (oder beginnende) Autoren könnten sich die besten Tipps herauspicken oder sich einen situierten Literaten suchen, der genau das bestätigt, was der Anfänger hören möchte. Das machen wir schließlich auch sonst im Leben, und es schadet uns nicht. „Ich schreibe genau so wie Neil Gaiman!“

Möglicherweise schadet uns die Vorstellung aber doch, dass es in der Kunst Regeln gibt, die es zu befolgen gilt. Einen Text niemals überarbeiten, ehe er fertig ist. Niemals einen Prolog schreiben. Kurze Kapitel. Keine Satzfragmente. Nur ein Erzähler. (Ja, ich habe gegen all diese Regeln verstoßen.) Meiner Meinung nach sollte in Kreativkursen Zurückhaltung an den Tag gelegt und respektiert werden, wie erstaunlich unterschiedlich die Schaffensprozesse der Menschen sind, die schreiben – oder malen oder Musik machen oder irgendeine andere Kunst schaffen. Manche Lehrpersonen zeigen sich so zurückhaltend (die guten), trotzdem suchen die Menschen noch nach diesen Listen, diesen goldenen Regeln.

In manchen Zusammenhängen gibt es allerdings tatsächlich Regeln. Die Drei-Akt-Struktur aus dem Drehbuchbereich ist vielleicht nicht die beste Formel, um eine ganz bestimmte Geschichte zu schreiben, aber mitunter, um sie jemandem aus dem Filmbusiness vorzuschlagen und zu verkaufen – jemandem, der den ungeschriebenen Gesetzen dieser Branche folgt (und seinen Job behalten will).

Wer in einem ganz bestimmten Genre erfolgreich sein möchte, findet seine Antworten gewöhnlich direkt am Markt, der sehr klar signalisiert, was er will. Lektoren und Agenten studieren eindringlich den Kaffeesatz. Dabei kommt es nicht darauf an, so gut zu schreiben, wie man kann. Man reagiert vielmehr sehr kalkuliert auf den Markt. Ein mittlerweile berühmter Thrillerautor hat sich, bevor er sein erstes Buch verfasste, eine Namensliste der Protagonisten bereits erfolgreicher Thriller angelegt. Er suchte das der Namensgebung zugrundeliegende Muster. Angeblich hat er auch die Seitenzahlen des ersten Mordes, der ersten Sexszene etc. nachgeschlagen und sich notiert ... Zweifelsohne klopft der ein oder andere den Markt auf diese Weise ab.

Daran ist auch nichts falsch oder inakzeptabel. Es ist einfach eine andere Herangehensweise. Selbstverständlich bin ich mir darüber im Klaren, dass jemand, der in dieser sich immer weiter zerklüftenden literarischen Welt ausschließlich vom Schreiben leben will, auch eine gewisse Kenntnis des Markts braucht, selbst wenn dieser sich ständig verändert und hochgradig unberechenbar ist. Trotzdem bedeutet das nicht gleichzeitig, dass man so gut schreibt, wie man kann. Die Regeln des klugen Handels stimmen nicht zwangsweise mit denen des guten Schreibens überein. Ich nenne es das Dan-Brown-Prinzip, aber natürlich kämen dafür auch andere Namen infrage.

Der Druck des Marktes hat einen weiteren, besorgniserregenden Effekt, vor allem auf die jungen Stimmen. Eine Autorin, die diese Angelegenheit besonders ans Licht gebracht hat, ist die brillante Elena Ferrante, deren „Neapolitanische Saga“ in letzter Zeit in aller Munde war. Ferrante schreibt seit Jahrzehnten, erzielt damit allerdings zum ersten Mal eine Wirkung – und dabei weiß niemand, wer sie ist.

Vor langer Zeit sagte sie zu ihrem ursprünglichen Verleger, dass sie die unkomplizierteste Autorin wäre, die er je unter Vertrag nähme. Dass er nur ihr Buch drucken und ausliefern müsse. Sie erwartete keinerlei Werbung, Marketing, und auch sie wollte nichts in dieser Richtung unternehmen, wollte ihrem Buch unter keinen Umständen in die Quere kommen.

Könnte man extremer gegen den Strom schwimmen?

Der Auftritt des Autors oder der Autorin heutzutage, sei es in den sozialen Medien, bei Tagungen, Konferenzen, Literaturfestivals, Lesereisen, dem Buhlen um Preise oder (ähem) durch das Veröffentlichen von Essays, wenn neue Titel erscheinen ... steht direkt neben dem Buch. Und die heutige Gesellschaft scheint es so zu wollen. Dieses Gefühl, den Schriftsteller zu kennen. All dies soll eine Aura der „Authentizität“ schaffen – persönlich oder online.

Vor diesem Hintergrund verdient Ferrantes Verhalten natürlich besondere Beachtung. Und die bekommt es auch. Über Ferrante wird berichtet, weil sie genau das nicht will! Sie ist nicht die erste aufmerksamkeitsscheue Autorin, aber ihr Fall ist aktuell, und mit ihrem Verhalten erschüttert sie die Grundfeste der vorherrschenden Auffassung davon, wie ein Kunstschaffender zu sein hat.

Weil Überlegungen zu Nutzen und Schaden von Synonymwörterbüchern aus der Sicht einer Atwood oder eines Doyle nur noch einen Klick entfernt sind, weil durch Self-Publishing die Zahl der Menschen, die nach Schreibanweisungen streben, immer größer wird, weil es immer lukrativer wird, das Schreiben zu lehren, während es immer schwieriger wird, davon zu leben, sind wir uns – in gewisser Hinsicht – näher denn je.

Dabei kann die Art unserer Beziehungen unglaublich einfach sein. Ein Klick. Ein Tastendruck. Wir sind alle durch das Internet verbunden – Schreibende, Lehrende, Studierende, Lesende. Riskieren wir dabei nicht auf einer anderen Ebene, auf einer, über die wesentlich weniger berichtet wird, den Verlust des „Alleinseins“ im Schaffensprozess?

Lawrence Durrell, Dichter und Schriftsteller, beschrieb einmal seinen Schaffensprozess als „Kunst, die sich mit der Introspektion gegen die Einsamkeit verschwor“. So eine schöne Formulierung. Das Alleinsein kann eine Rolle in der Kunst spielen, so scheint mir. Unsere ganz eigene Art, etwas anzugehen, spielt ebenfalls eine Rolle, wenn wir etwas Substantielles anstreben.

Wenn wir jedoch beschließen, nicht das Substantielle anzustreben, wenn wir stattdessen Formeln wollen ... dann, ja dann werden andere Betrachtungen (und dazugehörige Listen) zutage treten, sichtbar werden, auftauchen, aufkommen, sich abzeichnen ...

 

 

Aus dem kanadischen Englisch von Ulrike Brauns

 

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Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Zuerst erschienen am 6. Juli 2016 unter dem Titel „The First Rule of Write Club Is … Guy Gavriel Kay on Sorting Through Millions of Rules for Writing unter www.lithub.com

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