Interview: Ein Treffen mit G. Willow Wilson

© Amber French // geralt, OpenClipart-Vectors - pixabay

INTERVIEW

»Ich war es leid, in Schubladen gesteckt zu werden«: Ein Treffen mit G. Willow Wilson


Ihr Debütroman »Alif der Unsichtbare«, ein eigenwilliger Fantasy-Techno-Thriller, räumte aus dem Stand den World Fantasy Award ab, und für ihre Ms Marvel-Comics wurde sie mit dem Hugo Award ausgezeichnet: G. Willow Wilson ist eine ungewöhnliche Autorin mit einem ungewöhnlichen Hintergrund. Im Interview verrät sie mehr über ihr Leben, ihre Bücher – und ihre Socken.

 

 

Niall Alexander: Einen wunderschönen guten Tag, Ms Wilson. Zunächst einmal: Könnten Sie uns ein bisschen von sich erzählen? Für diejenigen unter uns, die Sie noch nicht kennen: Wer sind Sie und wie sieht Ihr Werdegang aus?

G. Willow Wilson: Na, dann schauen wir mal: Eine der Fragen, die mir häufig gestellt wird, ist: „Wofür steht das G eigentlich?“ – Die Antwort lautet: Gwendolyn. Ich bin in den USA geboren und aufgewachsen, aber nach der Uni bin ich nach Kairo in Ägypten gezogen, wo ich von Anfang bis Mitte Zwanzig gelebt habe. Dort habe ich geheiratet und mir eine Heimat aufgebaut. Die Stadt, ebenso wie der Mittlere Osten im weiteren Sinne, bleibt eine der Hauptinspirationen für meine Arbeit. Ich habe erst spät Videospiele für mich entdeckt, bin ihnen jetzt aber verfallen. Ich denke, damit hätten wir das Wichtigste abgedeckt.

Gerade ist Ihr Roman "Alif der Unsichtbare" erschienen. Ich finde ja, jeder mit einem Paar funktionierender Augen sollte den Roman kaufen – aber warum? Was, glauben Sie, macht Ihren Debütroman so einzigartig?

Hohes Lob! Und ja, das ist eine gute Frage. Als ich mein letztes Buch, The Butterfly Mosque (ein Sachbuch), beendete hatte, wollte ich was vollkommen anderes machen. Ich wollte einfach mal meiner Schwäche zu für Popkultur freien Lauf lassen, genau wie meinem Interesse an Politik und Religion. Und was dabei herauskam, war Alif. Ich glaube, was ihn einzigartig macht, ist die freie Mischung aus low-tech Mythologie und high-tech Hackerkultur. Dschinn, die per WLAN surfen. Dschinn ex machina. Ich wüsste nicht, dass es das schon mal gegeben hätte.

Wenn Sie selbst die Gelegenheit dazu hätten (und ich weiß, dass viele Marketingabteilungen ihren Autoren das verweigern), Ihrem Buch einen Klappentext zu verleihen, wie würde dieser lauten?

Ein junger arabisch-indischer Hacker in einem unbenannten Emirat verliebt sich in die falsche Frau und muss vor einem dunklen Staatssicherheitsapparat, auch Die Hand genannt, fliehen. Nicht zu vergessen die Dschinn, die fromme Muslima von nebenan, eine Verfolgungsjagd durch die Wüste und jede Menge Spekulation über die Rolle von Mythos und Religion in der modernen Welt. 

Wie ich schon angedeutet habe, ist "Alif der Unsichtbare" zwar Ihr Romandebüt, allerdings bei Weitem nicht das erste Buch, das Sie veröffentlicht haben. Können Sie uns ein bisschen mehr über die vielen verschiedenen anderen Dinge verraten, die Sie noch geschrieben haben?

Meine Güte, das ist eine ganze Menge. In Kairo habe ich einige Jahre als Journalistin gearbeitet und mich danach vor allem auf Comics konzentriert. Ich habe eine Graphic Novel geschrieben, eine monatliche Serie und diverse Mini-Serien für DC Comics und Marvel, die zwei größten Comic-Labels in den USA.

Ihre erste Comic-Reihe, AIR (Vertigo), handelt von einer Flugbegleiterin mit Höhenangst, die sich über den Wolken in einen terroristischen Plan verwickelt wiederfindet. Leider wurde die Reihe nach 24 Ausgaben Mitte 2010 abgesetzt, angeblich wegen zu geringer Verkaufszahlen, wenn ich Wikipedia hier glauben darf. Oder steckt mehr dahinter?

Nein, mehr steckt leider nicht dahinter. AIR hat vonseiten der Kritiker einiges Lob eingestrichen – der Comic war für einen Eisner Award nominiert – aber er hat sich nie so richtig gut verkauft. Er wurde in einem sehr beweglichen Markt geboren und war ein wirklich, wirklich seltsamer Comic. Auf der Backlist hat er so eine Art Wiedergeburt erfahren. Vor ein paar Jahren habe ich mal Fotos von einer Cosplayerin zugeschickt bekommen, die auf der San Diego Comic-Con als mein Hauptcharakter aufgetreten ist. Da hatte ich dann das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

Wie sehen Sie AIR heute, zwei Jahre später? Ich habe die ersten paar Hefte angelesen, um mich auf das Interview vorzubereiten, und das ist nicht als Kritik zu verstehen – seit dem dritten Band macht mir die Serie viel Spaß –, aber irgendwie ist AIR doch sehr ein Produkt seiner Zeit, oder?

Ja, das stimmt. Ich habe mal mit Karen Berger, die die Serie herausgegeben hat, darüber gewitzelt, dass AIR in zehn Jahren wohl wie ein historisches Drama wirken wird. AIR war eine Reaktion auf den sehr speziellen Moment der amerikanischen Geschichte nach dem 11. September. Der Moment, an dem wir aufgehört haben, Flugzeuge als luxuriöse, schicke Fortbewegungsmittel anzusehen, wie das noch in den 1960er Jahren der Fall war, sondern als Bedrohung unserer nationalen Sicherheit, als Ärgernis und als Symbol für eine veränderte Welt. Irgendwas am Charakter Amerikas hat sich da gewandelt, und AIR ist eine Art psychedelischer Tribut an diese Wandlung.   

Ist "Alif der Unsichtbare" auch so etwas? Ein Produkt seiner spezifischen Zeit?

Nicht bewusst, nein. Als ich anfing, den Roman zu schreiben, konnte noch niemand absehen, dass der Arabische Frühling vor der Tür stand. Ich wusste, dass sich der Mittlere Osten veränderte, und ich wusste, dass junge computeraffine Hacktivisten einen großen Anteil an diesen Veränderungen hatten, aber ich hatte keine Ahnung, dass es alles dermaßen hochgehen würde. Ehrlich gesagt dachte ich, ich hätte im Roman die Rolle der digitalen Jugendbewegung im Mittleren Osten etwas übertrieben. Darin hatte ich mich allerdings getäuscht.

Kommen wir auf den Roman zurück – darf ich fragen, wie das Buch entstanden ist?

Das weiß ich gar nicht so recht. Ich wollte über den digitalen Untergrund sprechen, und während ich darüber nachdachte, verschwand ein Hacker-Freund von mir, dem ich Alif im weitesten Sinne nachempfunden habe, vollständig aus dem Internet. Einfach so, weg war er. Und ich fragte mich, wie man das wohl anstellen müsste? Und plötzlich entstand das Buch in meinem Kopf.

Sie haben bereits an anderer Stelle darüber gesprochen, dass "Alif der Unsichtbare" ein Produkt Ihrer Wut war. Können Sie uns erklären, was genau das bedeutet?

Ich war es leid, immer in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden. Vor dem Arabischen Frühling wollten die Leute immer nur eine Handvoll an Dingen über den Mittleren Osten hören: Terroristen, der exotische und unterentwickelte Orient (den es gar nicht mehr gibt), die Krise der muslimischen Frau, über die sich die meisten Muslimas fragen, was das eigentlich sein soll. Selbst für Sachbücher gab es ein Skript, ein Narrativ, dem man folgen sollte. Die Tatsache, dass die arabische Jugend sich nicht nur mit modernster Technologie auseinandersetzte, sondern sie vor allem auch auf revolutionärste Art einsetzte, war für viele einfach nicht interessant. Es passte nicht ins Skript. Es kamen dabei weder Kamele noch die Trennung der Geschlechter vor. Das war wirklich sehr frustrierend. Also dachte ich mir, was soll’s, ich schreib einfach einen Roman. Und dann kam der Arabische Frühling.

In einer Kolumne für Vertigo Voices schrieben Sie: „Eines Tages sagte mir einmal ein aufmerksamer Therapeut, ich hätte mein Unterbewusstsein selbst so gut kategorisiert und analysiert, dass ich stundenlang reden könne, ohne etwas über mich selbst zu verraten.“ Wie sehr aber sagt "Alif der Unsichtbare" etwas über Sie selbst aus?

Das habe ich geschrieben? Wie aufgeblasen. Tja, es stimmt aber. Was das angeht, ist Alif das wohl Autobiographischste, was ich bisher geschrieben habe. Und dabei habe ich eine Autobiographie geschrieben. Alif ist ein ziemlich gutes Abbild davon, wie es in meinem Kopf aussieht. Ich nehme zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren keine wirkliche Grenze wahr, auch nicht zwischen Hochkultur und Popkultur. Ich lebe ein sehr seltsames Leben – ich bin ein Comic- und Medienjunkie, lebe in einer konservativ-religiösen Gemeinschaft und bewege mich zwischen den Kulturkreisen hin und her. Alif enthält Elemente all dieser Dinge. 

Man sagt ja, man sei dort zu Hause, wo das Herz schlägt ... Wenn ich so frei sein darf, Ms Wilson, wo schlägt Ihr Herz? Und wie hat das Ihr Schreiben beeinflusst?

Zu Hause ist für mich nur ein Ort: Boulder, Colorado, eine kleine Uni-Stadt in den Rocky Mountains. Dort bin ich zur Schule gegangen. Meine Eltern leben immer noch dort, und ich pilgere jedes Jahr dorthin, um sie zu besuchen und mich mit alten Freunden zu treffen und in meinem Lieblingscafé zu sitzen. Aber wie Frodo am Ende des Herrn der Ringe kann ich nicht ganz zu einem Leben im Auenland zurückkehren, sosehr ich dies vielleicht auch möchte. Ich habe zu viel vom Rest der Welt gesehen. Und in einer Kleinstadt zu leben bedeutet immer auch, ein Stück weit so zu tun, als ob der Rest der Welt nicht existiert. Ich denke, die tiefgreifende psychologische Entwurzelung, die das mit sich bringt, findet sich auch in meinem Schreiben wieder. Aber das ist etwas, das andere Leute dort leichter finden als ich selbst. Für mich ist diese Unruhe ein normaler Bestandteil meines Lebens.

Als Comic-Autorin und Journalistin, als amerikanische Muslimin, als erfolgreiche Memoiren- und nun auch (wenn ich das sagen darf) Genreautorin ist es wohl fair zu behaupten, dass Sie mit deutlich unterschiedlichen Zielgruppen zu tun hatten. Gibt es eine Hoffnung, dass "Alif der Unsichtbare" diese Unterschiede überbrücken kann?

Man kann natürlich hoffen. Das war eines der großen Ziele für das Buch. Comic-Fans sind sehr loyal und folgen einem in jedes Genre, mit dem man sich beschäftigt. Aber umgekehrt ist das eher selten der Fall. Werden die Leute, die Sachbücher lesen, sich Alif vornehmen? Butterfly Mosque hat vor allem beim weiblichen Publikum Anklang gefunden – ich habe viele Lesungen ausschließlich vor Leserinnen gegeben. In Alif fehlen eine Menge der Qualitäten, die diese Leserinnen angezogen haben: die persönliche Intimität und die Reflexion. Der Roman ist deutlich mehr auf Action ausgelegt und handelt von jungen Männern, die dumme Sachen anstellen. Da schwingt ein Hauch des Comics mit. Es ist also nicht ganz leicht vorherzusagen.  

Was würden Sie den Leuten entgegnen, die „Genre“ für ein Schimpfwort halten? Und wie fühlen Sie sich damit, wenn "Alif der Unsichtbare" als solches beschrieben wird?

Ich bin absolut glücklich mit der Beschreibung von Alif als Genreliteratur. Meiner Meinung nach sollten sich die Leute von der Idee verabschieden, dass Genreliteratur keine literarische Qualität haben könne oder keine politische Relevanz. Ganz im Gegenteil, so wie die Trends im Moment aussehen – schaut man sich etwa den Erfolg von George R. R. Martin an –, dann ist das alles schon im Gange. Man sollte dabei vielleicht auch nicht vergessen, dass es die Genreliteratur war, die damit angefangen hat, in hochsensiblen und von Zensur geprägten Zeiten kulturelle Kommentare heimlich unterzubringen. (Ich denke dabei an die großen Pioniere der Science Fiction in den 1950er und 1960er Jahren.)

Mal was ganz anderes: Gibt es bestimmte Autoren oder Romane, die Ihnen als Inspiration gelten?

Neil Gaiman; Neal Stephenson; Peter Milligans Opus Shade: The Changing Man, die ich für die wohl beste Comic-Serie überhaupt halte; Umberto Eco — insbesondere das Foucaultsche Pendel, dem Alif eine Menge zu verdanken hat; E. M. Forster, der kein einziges schlechtes Buch geschrieben hat; und jede Menge Fantasy der 1980er, insbesondere Mercedes Lackeys Valdemar-Reihe und Anne McCaffreys Drachenreiter von Pern.

Und wie fühlt es sich an, andere Menschen zu inspirieren? Selbst wenn Sie noch nicht ganz daran glauben, bin ich mir sicher, dass Ihre Werke das erreichen werden.

Ich weiß nie, wie ich darauf antworten soll, wenn mir Leser sagen, ich hätte sie inspiriert – das ist ein so überwältigendes Kompliment, dass ein einfaches „Danke“ nicht auszureichen scheint. Falls Sie mir einen Fan-Brief geschrieben haben, in dem das drinstand, und ich noch nicht geantwortet habe, dann liegt das genau daran. Das Wichtigste ist, dass man losgeht und diese Inspiration nutzt, denn die ist so wertvoll. Wo die Inspiration herkam, ist dabei beinahe schon egal.

Es ist schon wieder Zeit, das Interview zu beenden, aber bevor ich Sie gehen lasse: Wie kann man weiter auf dem Laufenden bleiben in Sachen G. Willow Wilson? Ihren Blog hatte ich schon erwähnt, aber ich glaube, Sie twittern auch?

Ich bin ein wahrer Twitter-Teufel. Das ist wahrscheinlich die beste Art, mit mir direkt in Kontakt zu kommen. Meinen Blog vernachlässige ich sträflich, das weiß ich, aber ich versuche zu posten, wenn ich kann.

Wo wir gerade über Twitter sprechen – läuten die sozialen Medien das Ende der Welt, wie wir sie kennen, ein? Ich beziehe mich hier vor allem auf Ihren Essay »Who’s Afraid of Pop Culture«.

Die sozialen Medien läuten das Ende für gar nichts ein, außer vielleicht für unsere Produktivität beim Arbeiten. Die Menschen hatten früher auch Angst vor der Druckerpresse, aber auch das war dann ja alles gar nicht so schlimm wie befürchtet, oder? Ja, natürlich gibt es extrem dämliche Gespräche auf Twitter, Reddit oder Facebook, aber es gibt auch extrem dämliche Gespräche im realen Leben. Hört einfach mal dem Typen an der Kasse vor euch zu. So ist das auch bei Twitter, so ist das Leben.

Und zu guter Letzt: Im Geiste der geheimen Welt von "Alif der Unsichtbare", können Sie uns etwas verraten, dass niemand sonst von Ihnen weiß?

Ich trage niemals Socken, die zueinander passen. Und das ist kein Anzeichen meines innigen Ikonoklasmus, sondern Resultat der Unordnung in meiner Sockenschublade ... 

 

Und das war’s! Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Ms Wilson. Sie ein wenig näher kennenzulernen war ein absolutes Vergnügen. Ganz herzlichen Dank!

 

Deutsch von Julia Schmeink

 

---

© 2012 by Niall Alexander

Mit freundlicher Genehmigung der Urheberin.

Zuerst erschienen unter dem Titel »About the Author. Meet G. Willow Wilson« am 4. September 2012 auf www.scotspec.blogspot.de/

Share:   Facebook