Aus der Wut geboren: G. Willow Wilson über »Alif der Unsichtbare«

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Aus der Wut geboren: G. Willow Wilson über »Alif der Unsichtbare«


In G. Willow Wilsons Debütroman »Alif der Unsichtbare« knallen verschiedene Genres aufeinander: Ein dystopischer Techno-Thriller vor dem Hintergrund der politischen Situation des Nahen Ostens mit starken Fantasy-Elementen – eine solche Mischung ist nicht alltäglich. Wilson, selbst Comic-Autorin, Muslima und Publizistin, erzählt, warum dieses Setting für sie nur folgerichtig ist.

 

Als vor einigen Jahren die Idee in mir aufkam, einen Roman zu schreiben, war ich unglaublich wütend, auf eine wunderbar klärende Weise. Wut muss nicht immer etwas Schlechtes sein. Hass und Bosheit sind immer schlecht, aber Wut ist manchmal ein heller Lichtschein, der uns den Weg weist – und darin der Freude nicht unähnlich. Zumindest meine ich, das durch »Les Miserables« gelernt zu haben.

Die Wut hatte sich schon eine ganze Weile lang in mir aufgebaut. Zwei Dinge hatten mich über Jahre hinweg immer wieder frustriert: Zum einen der Umstand, dass ich so oft gezwungen war, meine drei vorrangigen Adressatengruppen (Muslime, Comic-Geeks sowie Leute, die typischerweise die Literatursendungen im National Public Radio hören) jeweils separat anzusprechen. Es gibt Dinge, über die ich mit Muslimen sprechen kann, die die meisten Nicht-Muslime nicht verstehen; Dinge, über die ich mich mit meinen Geek-Kollegen unterhalten kann, die die meisten meiner Glaubensgenossen schockierend fänden. Und Fachsimpeleien über gesellschaftspolitische Fragen, die ich in geradezu perverser Weise genieße, würden jemanden, der nicht wöchentlich die Sonntagsausgabe der New York Times liest, wahrscheinlich zu Tode langweilen.

 

Die subversive Kraft der sozialen Medien

Der andere Grund war, dass die Mainstream-Medien beharrlich die Ansicht vertraten, dass das Bloggen und die sozialen Medien keine ernstzunehmenden Angelegenheiten und ohne jede politische Bedeutung seien, besonders in den Entwicklungsländern. Sie verbreiteten die Meinung, dass die globale Generation Y aus textenden Taugenichtsen bestand, denen jegliches Bewusstsein für soziale Fragen abging. Doch 2010 wusste jeder, der sich im Internet bewegte, dass das, mit Verlaub, absoluter Unsinn war, und dass Facebook, WordPress und Blackberry den Nährboden für eine aufkeimende Epidemie des sozialen Wandels bildeten, besonders im Nahen Osten. Mubaraks Regime in Ägypten hatte das bereits erkannt und schon seit einigen Jahren Hacktivisten hinter Gitter gebracht. Aber hier in den USA wollte das niemand hören. Niemand. Als ich versuchte, einem sehr klugen Mann aus dem Verlags-Business zu erklären, wieso das Internet ein so einzigartiges Kommunikationsmedium ist, bekam ich zur Antwort: »Ich verstehe nicht, warum die nicht einfach zum Hörer greifen und miteinander telefonieren.«

So entstand die Wut.

Und aus der Wut entstand eine Geschichte. Wenn ich über die erstaunlichen Dinge, die online vor sich gingen, in der realen Welt nicht sprechen konnte, dann würde ich es in der Welt der Fiktion tun. Und ich würde noch weiter gehen. Ich würde meine geliebte Popkultur, die politischen Aspekte, die ich interessant fand, und die literarischen Einflüsse, die einen Teil meiner Identität als Schriftstellerin ausmachten, miteinbeziehen. Ich würde aus dem Herzen heraus schreiben, keine Unterschiede zwischen verschiedenen Adressatengruppen machen, und hoffte, dass diese sich, wenn sie das Ergebnis in den Händen hielten, ganz unerwartet in bestimmten Figuren und Situationen wiedererkennen würden.

Während des Schreibens dachte sogar ich selbst manchmal, dass ich es vielleicht ein bisschen übertrieb und den Hackern und Internet-Junkies im Nahen Osten zu viel Bedeutung beimaß. Aber ich war gerade erst von einem Besuch in Kairo zurückgekehrt, wo ein paar Leute, die ich über Twitter kennengelernt hatte, für mich eine Signierstunde in einer Buchhandlung organisiert hatten. Der Laden war gerammelt voll. Wir diskutierten über Comics, über Politik und die Medien, und nach der Veranstaltung dachte ich mit klopfendem Herzen: »Das wird tatsächlich klappen.« Ich war mir nicht einmal sicher, was »das« eigentlich sein sollte.

Phantastische Realität

Fünf Monate später stürzten genau diese jungen Leute die Regierung. Ich war gerade dabei, »Alif der Unsichtbare« fertigzustellen, als Mubarak zurücktrat. Tunesien stand unter neuer Führung, und in Libyen und Syrien hatten Aufstände begonnen, Teil einer Bewegung, die später Arabischer Frühling genannt werden sollte.

Wenngleich diese Bewegung damals bereits in Gefahr war, von alten Männern mit alten Feindbildern vereinnahmt zu werden, hatten diese jungen Leute eine schöne neue Welt vor Augen. Und ich habe in »Alif der Unsichtbare« versucht, mir eine Welt vorzustellen, in der nicht nur die Gefahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts vorkommen, sondern auch übernatürliche Bedrohungen, die unseren Mythen und Träumen entstammen. »Alif der Unsichtbare« ist eine Geschichte über den Informationsfluss, über die Macht und die Gefahr von codiertem Wissen in einer Zeit, wo vieles in der Anonymität des Netzes geschieht. Und es ist eine Geschichte darüber, wie man aus dieser Anonymität in die wirkliche Welt hinaustritt, die phantastischer ist als jede Fiktion; in der unsere Entscheidungen das Leben vieler anderer Menschen beeinflussen: derer, die wir lieben, und derer, denen wir nie begegnet sind; sowohl sichtbar als auch unsichtbar.

 

Deutsch von Anne-Marie Wachs

 

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© 2012 by G. Willow Wilson

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

Zuerst erschienen unter dem Titel »On Writing Alif« auf www.aliftheunseen.com

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