Weihnachten im Auenland - Religion in Mittelerde

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Weihnachten im Auenland - Religion in Mittelerde


Weihnachten steht vor der Tür. Wie jedes Jahr erinnert uns das traditionelle Fest an unsere religiösen Wurzeln. Aber wie sieht es eigentlich mit der Religion in Mittelerde aus? Ob Dúnedain beten, Hobbits Weihnachten feiern und warum es keine Tempel in Mittelerde gibt, diesen Frage ist Tolkien-Experte Stefan Servos für uns nachgegangen.

Ein bunter Götterreigen

Der cimmerische Muskelprotz Conan betet zu Crom, in Osten Ard verehren die Ädoniter einen Erlöser, der an einen Hinrichtungsbaum genagelt wurde, und in Westeros mischt die Kirche der Sieben kräftig im politischen Weltgeschehen mit. Tatsächlich scheint Religion ein wichtiger Bestandteil aller großen Fantasy-Werke zu sein. Nur im „Herrn der Ringe“ wird das Thema Religion scheinbar vollständig ausgeklammert. Tempel, Priester, religiöse Riten oder Götterverehrung sucht man nahezu vergebens, obwohl Religiosität einer der tiefsten Züge von J. R. R. Tolkiens Persönlichkeit war. Tatsächlich verwendet der Autor den Begriff „Gott“ in dem Fantasy-Klassiker nur ein einziges Mal, im Kapitel „Der Ritt der Rohirrim“:

 

„[…] er [König Théoden] wurde von Schneemähne davongetragen, wie ein Gott von einst, wie Orome der Große in der Schlacht der Valar, als die Welt jung war.“

 

Damit bezieht sich der Autor des Fantasy-Kult-Romans auf das von ihm erdachte Pantheon aus dem „Silmarillion“. In dem posthum veröffentlichten Werk beschreibt Tolkien, wie der Göttervater Ilúvatar gemeinsam mit den Ainur jene Welt schuf, die wir als Mittelerde kennen. Die stärksten der Ainur sind die fünfzehn Valar, vergleichbar mit den Göttern der griechischen Mythologie. Genau wie diese haben die Valar Charakterschwächen, Liebesbeziehungen und sind in ihrem Handeln und Verhalten den Menschen sehr ähnlich. Ihnen sind, in weitaus größerer Zahl, die Maiar unterstellt, vergleichbar mit Engeln. Zu ihnen zählen unter anderem die Balrogs wie auch der Zauberer Gandalf.

Mit den Göttern per Du

Es gibt also durchaus eine ziemlich durchdachte und komplexe Götterhierarchie in Tolkiens Kosmos, die aber im „Herrn der Ringe“ nur sehr verhalten angedeutet wird. Direkte religiöse Bezüge gibt es kaum. Aber warum? Ein grundsätzlicher Unterschied zum christlichen Glauben besteht darin, dass die Religiosität in Mittelerde auf Wissen basiert. Tolkien bezeichnete dies in einem Brief an seinen Verleger als „natural theology“. Das bedeutet konkret, dass einige Bewohner von Mittelerde, wie beispielsweise die Elbenkönigin Galadriel, den Valar persönlich begegnet sind. Sie können bezeugen, dass es diese „Götter“ gibt und werden zu Vermittlern zwischen Gott und Mensch. Darüber hinaus nehmen die Wesen aus dem tolkienschen Pantheon konkret Einfluss auf die weltlichen Ereignisse, beispielsweise als Aragorn von Gandalf zum König gekrönt wird. Gandalf erfüllt in dieser Szene kein Priesteramt, sondern ist als Maia eine leibhaftige Verkörperung der Götterwelt, und sein Segen kommt von den Göttern selbst.

Oh, Elbereth Gilthoniel!

Es gibt auch zahlreiche Hinweise auf die Religiosität der Bewohner von Mittelerde. „Möge Elbereth dich beschützen“ lautet eine gängige Verabschiedung der Elben, und „Elbereth Gilthoniel!“ ruft Legolas die Schutzpatronin der Elben an, als die Gefährten einen Nazgûl am Himmel erblicken. Auch bei den Menschen beschreibt Tolkien in einigen wenigen Szenen die Verehrung der Götter, beispielsweise im Kapitel „Das Fenster nach Westen“, als die Waldläufer sich vor dem gemeinsamen Essen alle schweigend nach Westen richten, um dem Land der Valar ihre Verehrung zu bekunden. Und von den Rohirrim wissen wir, dass sie ihre Ahnen verehrt haben und es religiöse Begräbniszeremonien gab.

Der Autor im Glaubenskonflikt

Zeit seines Lebens stand Tolkien in einem inneren Konflikt bei der Darstellung seiner Götterwelt. Da Polytheismus, also der Glaube an viele Götter, in den Augen des strengen Katholiken eine Sünde war, erklärt der Oxforder Professor in Briefen, dass Ilúvatar dem christlichen (monotheistischen) Gott entspräche, die Valar aber höchstens den Rang von Engeln oder Heiligen hätten. Bezeichnend erscheint allerdings, dass Ilúvatar im „Herrn der Ringe“ kein einziges Mal erwähnt wird, die Valar, wie oben beschrieben, aber schon verehrt werden. Ein Kompromiss an Religiosität, mit dem Tolkien als gläubiger Katholik einigermaßen leben konnte, da diese Art der Anbetung seiner Meinung nach der christlichen Heiligenverehrung entspricht und nicht im Widerspruch zum Monotheismus steht. Dass er Religion so kategorisch aus seinem Werk verbannt, liegt also in Tolkiens starker Religiosität selbst begründet. Während er sich als Autor danach sehnte, eine stimmige Mythologie zu schaffen, erkannte er als Christ in seiner eigenen Schöpfungsgeschichte unchristliche, heidnische Motive. Der Spagat zwischen Katholizismus und Mythenschöpfung führte für Tolkien immer zu einem Konflikt, wodurch er sich gezwungen sah, Religiosität nur sehr subtil in das Werk einfließen zu lassen.

Von Tempeln und heidnischen Rohirrim

Aufgrund seines Glaubens wäre es auch für J. R. R. Tolkien undenkbar gewesen, wenn seine Helden in Kirchen oder Tempeln zu den Göttern Mittelerdes gebetet oder die Dienste von Priestern in Anspruch genommen hätten. Ebenso frevelhaft war für ihn die Darstellung von Schamanismus oder der Anbetung von Naturgöttern. Daher war vor allem die Darstellung der Rohirrim für ihn schwierig. Das Reitervolk von Rohan lag Tolkien sehr am Herzen, verkörpert es doch jene mythische Idee, die ihn so faszinierte. Ihrem isländischen Vorbild entsprechend verehren diese in Mittelerde ihre Ahnen, aber auch heilige Stätten und Druidentum sind ihnen offenbar nicht fremd. Die Hinweise darauf sind allerdings linguistisch vom Autor stark verschlüsselt (z .B. „Drúadan-Wald“ -> „Druiden Wald“), denn so sehr Tolkien den nordischen Geist auch schätzte, so sehr lehnte er kultische Handlungen und Manismus ab. Um sein Gewissen zu beruhigen und die Rohirrim nicht vollkommen dem Heidentum anheimfallen zu lassen, beschreibt er im Anhang, dass das Reitervolk neben ihren kultischen Göttern auch den Valar Oromë verehren. Da dieser ein Heiliger unter Ilúvatar ist, fügen sich die Rohirrim damit letztendlich doch noch in das monotheistische Weltbild des Autors.

Katholische Ethik mit dem Zaunpfahl

Aber Tolkien hat sich nicht darauf beschränkt, seine eigenen religiösen Vorstellungen einfließen lassen, sondern macht auch klare Vorgaben über richtigen und falschen Glauben. Bezeichnend hierfür ist eine Szene in Minas Tirith. Truchsess Denethor wendet sich im Wahnsinn bewusst von der „richtigen“ Religion ab und flüchtet sich in den alten Glauben, indem er den Freitod auf dem Scheiterhaufen wählt. Gandalf aber, ein Maia (Engel) und somit personifizierte Vertretung des richtigen Gottes, verurteilt ihn daraufhin: „Ihr seid nicht befugt, Truchsess von Gondor, die Stunde eures Todes zu bestimmen [...]. Nur die götzendienerischen Könige unter der Herrschaft der Dunklen Macht verfuhren so.“ Gandalf bezieht sich mit dieser durch und durch katholischen Rüge auf die Geschichte der Númenórer. Im „Silmarillion“ wird geschildert, dass das Wissen um einen göttlichen Einfluss und die Ehrfurcht vor den göttlichen Mächten auf der Insel Númenor tief verwurzelt waren. Dort gab es sogar einen großen Tempel zu Ehren von Ilúvatar, als einziges religiöses Bauwerk in Tolkiens Werken eine absolute Ausnahme. Im Verlauf der Geschichte gehen die Númenórer zu einer ritenhaften, grausamen Verehrung des bösen Vala Melkors über und geben sich einer frevelhaften, heidnischen Religion mit Götzendiensten und Menschenopfern hin, eben jenem Heidentum, das Tolkien in „Der Herr der Ringe“ durch Gandalfs Worte verurteilt. Naturreligionen, Kulte oder gar Götzenverehrung werden nicht neutral, als kulturelle Eigenschaft eines Volkes, beschrieben, sondern vom Autor als absolut negativ bewertet.

Ja, und was ist jetzt mit Weihnachten im Auenland?

Kommen wir letztendlich zu den Hobbits und der Frage, ob sie Weihnachten gefeiert haben. Aufmerksamen Tolkien-Lesern wird aufgefallen sein, dass im Roman „Der kleine Hobbit“ im Kapitel „Raus aus der Bratpfanne, rein ins Feuer“ eine hohe Lärche beschrieben wird, die „wie ein enormer Weihnachtsbaum“ aussieht. Ein unbeabsichtigter Anachronismus oder ein Hinweis auf die Existenz dieses Festes im Auenland? Immerhin sind die Hobbits laut Tolkien eine Verkörperung des viktorianischen Englands. Und in der Viktorianischen Epoche entwickelte sich Weihnachten mit Traditionen wie Weihnachtsbaum, Geschenken und Weihnachtsessen zu dem wichtigsten Feiertag überhaupt. Auch heute noch bezeichnet man das traditionelle Weihnachtsfest in England als „viktorianische Weihnachten“. Nun ist auch über J. R. R. Tolkien bekannt, dass er die Weihnachtstradition sehr hoch hielt und in der Adventszeit für seine Kinder sogar eigens erdachte Geschichten über den Weihnachtsmann erfand, die später in dem Buch „Briefe vom Weihnachtsmann“ erschienen sind. Kaum vorstellbar, dass er dieses wichtige Fest bei den Traditionen der viktorianischen Hobbits unter den Tisch hat fallen lassen. Und tatsächlich: Laut Tolkiens Auenlandkalender ist das höchste Fest der Hobbits das Julfest (Original: Yuletide), welches um den 22. Dezember gefeiert wird und zwei Hauptfeiertage – den 1. und 2. Jul – umfasst. Diese Zeit, in der die Hobbits traditionell die Wintersonnenwende und den Jahreswechsel feiern, beschreibt der Autor als eine Zeit des ausgiebigen Schlemmens und der Fröhlichkeit. Zufälligerweise war „Yule“ im alten England auch die Bezeichnung für Weihnachten, und ist heute noch ein Begriff, der in einigen skandinavischen Ländern für Weihnachten Verwendung findet. Auch wenn Tolkien es nicht im Detail beschrieben hat, darf der geneigte Leser wohl davon ausgehen, dass im winterlichen Auenland während der Jul-Feiertage die Hobbit-Familien an reichlich gedeckten Tafeln beisammen sitzen und unter geschmückten Bäumen Geschenke überreichen, während draußen leise der Schnee rieselt. Die Antwort lautet also: Ja, die Hobbits feiern Weihnachten!

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