Eine kurze Geschichte der Fantasy von Farah Mendlesohn & Edward James

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ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 9


Farah Mendlesohn & Edward James
28.11.2017

Im neunten Kapitel wird Mittelalter-Fantasy zu einem großen Geschäft, bietet aber auch alsbald Angriffsflächen für satirische Texte. Die Stars der Stunde sind Robert Jordan, Terry Goodkind und ... George R. R. Martin. Aber auch Robin Hobb und K. J. Parker schreiben faszinierende Werke, und Guy Gavriel Kay wendet sich seiner Königsdisziplin zu: dem historisch-phantastischen Roman. Die große Mary Gentle schafft ihren Durchbruch, und der Vampir- und der Liebesroman gehen eine unheilige Allianz ein.

Neuntes Kapitel | Die 1990er Jahre

In den 1990ern diversifizierte sich das Fantasy-Genre immer mehr. Ältere Gattungen bestanden zwar weiter, gewannen jedoch neue Dimensionen hinzu, weswegen wir uns in der Folge nicht immer für dieselben Kategoriebezeichnungen entschieden haben. Urban Fantasy wurde zum Beispiel hier in »Indigene Fantasy« umbenannt, sowohl um das wachsende Interesse an regionalen ländlichen und städtischen Settings zu berücksichtigen, als auch dem Ausmaß gerecht zu werden, in dem Magie von vielen Schriftstellern den einheimischen Gegebenheiten angepasst wurde. In ähnlicher Weise kam in den 1990ern das Label »Dark Fantasy« auf, das sich vom Horror unterschied, auch wenn es diesen als Genre weiterhin gab. Ein Aspekt, auf den wir aufmerksam machen wollen, ist die wachsende Anzahl von kanadischen, australischen und britischen Schriftstellern, die auf unseren Listen auftauchen. Speziell in den späten 1990ern begann der »britische Boom« zunächst in der SF, aber später auch in der Fantasy, dem sich rasch die wachsende Zugänglichkeit hervorragender Werke aus Kanada und Australien zugesellte.

Das einzige Subgenre, das in dieser Periode offenbar an Bedeutung verlor, war die Sword & Sorcery. Wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, machte sich auch mindestens ein Autor zum Anliegen, die Sword & Sorcery ins Lächerliche zu ziehen: Das war vielleicht nicht der Grund ihres Niedergangs, ist aber gewiss hilfreich, um die Neuinterpretation der Sword & Sorcery in den 2000ern zu erklären.

Mittelalter-Fantasy wurde zu einem großen Geschäft, und im Falle der drei erfolgreichsten Autoren dieser Zeit führte kommerzieller Druck dazu, dass sie ihre Geschichte zu einer scheinbar endlosen Serie ausdehnten, selbst wenn sie ursprünglich eine Questen-Trilogie geplant hatten. Ebenso auffallend war der Umfang dieser Bücher: Stapelt man Fantasy-Bücher nach ihrem Erscheinungsdatum, waren sie bis 1977 mit 250 Seiten relativ dünn und wuchsen später auf bis zu 500 Seiten an. In den 1980ern schwollen die mittelalterlichen Fantasy-Geschichten gewaltig an und brachten es häufig auf 1000 Seiten (danach wird das Binden zum Problem). Von mehr als einem Lektor erfuhren wir, dass diese Entwicklung durch zwei eher unliterarische Hintergedanken begünstigt wurde: Erstens ist der Name des Autors horizontal auf den Buchrücken besser sichtbar, und außerdem handelt es sich bei dicken Büchern um den bewussten Versuch, andere Autoren buchstäblich aus den Fantasyregalen der Buchhandlungen zu verdrängen. (Später kamen Buchrücken in Mode, die durch ihre Gestaltung zusammen mit den Folgebänden ein Bild ergaben, als Ermunterung, die ganze Reihe zu kaufen.)

Ehe wir auf die Mittelalter-Fantasy zu sprechen kommen, sollte vielleicht die beste Kritik an Mittelalter-Fantasy Erwähnung finden. 1996 betrat Diana Wynne Jones mit The Tough Guide to Fantasyland und einer ordentlich geschärften Lanze die Arena. The Tough Guide to Fantasyland gibt vor, einen »groben Überblick« über die Welt der mittelalterlichen Questen-Fantasy zu geben und schildert ein speziell für Abenteurer, die dort als »Touristen« bezeichnet werden, entworfenes Fantasyland (TM). Der Tough Guide ist alphabetisch geordnet und bietet so nützliche Anmerkungen wie diese:

 

Pferde gehören einer Rasse an, die es nur im Fantasyland gibt. Sie können einen Tag ohne Pause im vollen Galopp reiten. Manchmal brauchen sie weder Futter noch Wasser. Sie verlieren nie ein Hufeisen, lahmen nie und geraten auch mit den Hufen nicht in Schlaglöcher, es sei denn, das Management [der Autor] erachtet es als notwendig, weil die Streitkräfte des DUNKLEN HERRSCHERS nur eine halbe Stunde entfernt sind.

 

Karten. Keine Reise ist vollständig ohne Karte. Des Weiteren sollte man nicht erwarten, dass einem der Besuch auch nur eines verdammten Ortes darauf erspart wird.

 

Prophezeiung wird vom Management eingesetzt, damit kein Tourist über Gebühr von irgendwelchen Ereignissen überrascht wird, und von GÖTTINNEN UND GÖTTERN, damit die Leute nach den Wünschen der Gottheit handeln. Alle Prophezeiungen gehen in Erfüllung. Das ist eine feste Regel.

 

Eintopf: ... das Standardessen im Fantasyland ... Eintopf ist eine merkwürdige Entscheidung als Standardessen, da die Zubereitung ungefähr vierzigmal so lange dauert wie bei einem Steak.

 

1998 veröffentlichte Jones Einmal zaubern – Touristenklasse, in dem dieses Szenario fiktionalisiert wurde: Es ist eine Fantasy-Welt, die von einem Reisebüro übernommen wurde, das jedes Jahr Gruppen von irdischen Pauschaltouristen dorthin schickt, wodurch es zu der wirtschaftlichen und kulturellen Verwüstung kommt, die man von vielen irdischen Touristenorten kennt. Durch Jones' Brille macht allzu viel Mittelalter-Fantasy den grotesken Eindruck, ganz nach den Vorlieben der Leser inszeniert zu sein: Man sieht niemals Toiletten, sondern immer nur Tempel.

Die drei großen Autoren von Mittelalter-Fantasy der 1990er sind Robert Jordan, Terry Goodkind und George R. R. Martin. Robert Jordans Serie Das Rad der Zeit begann 1990 mit dem Erscheinen von Drohende Schatten, Die Suche nach dem Auge der Welt. Jordan schrieb noch am zwölften Band der Serie – keines der Büchern ist dünner als 800 Seiten –, als er 2007 verstarb. Dabei handelt es sich um die Geschichte um einen ewigen Helden, die in einem klassischen Fantasyland (TM) spielt: Um Shai'tan (Satan) zu besiegen, bringt das Rad der Zeit immer wieder einen Helden namens »der Drache« hervor, und in der Serie geht es um einen dieser Helden. Der erste Band verläuft im Stil der archetypischen Questen-Fantasy, und der Leser lernt den jungen Mann, der die Welt (zumindest vorübergehend) retten wird, zunächst zu Hause in seinem kleinen Dorf kennen. Im weiteren Verlauf der Geschichte finden sich Gefährten verschiedenster Art und Herkunft zusammen, die dann die ganze Welt bereisen (siehe Karten weiter oben) und das ihnen übermittelte Evangelium größtenteils annehmen, bis es von einer anderen Erzählung abgelöst wird, die daraufhin zum neuen Evangelium wird. Die Charakterzeichnung ist dürftig – die meisten Figuren haben nur eine einzige Eigenschaft, auf die ständig Bezug genommen wird, damit der Leser sie auseinanderhalten kann­­­ (unsere rothaarige Priesterin zum Beispiel zupft ständig an ihrem Zopf). Selbst einigen der eingefleischtesten Fans der Reihe (und es gibt Millionen) wurden die endlosen Reisen über die ganze Welt und wieder zurück und der ständig nach hinten verlegte Höhepunkt allmählich zu viel.

Auch bei Terry Goodkind gibt es eine mittelalterliche Welt, und zwar in seiner Serie Das Schwert der Wahrheit (deren erster Band Das erste Gesetz der Magie 1994 erschienen ist), wie auch einen dunklen Herrscher und einen charakterlosen Helden, der passenderweise Richard Cypher (englisch für Chiffre) heißt (was nahelegt, dass ihm sein Tun durchaus bewusst ist). Auf den ersten paar hundert Seiten (von insgesamt 836) folgt der Leser der Geschichte eines jungen Mannes, der ein junges Mädchen liebt, und fast könnte man meinen, man befände sich in einem Fantasy-Roman für junge Erwachsene, wie David Eddings sie schreibt. In Kapitel 40 begegnet Richard jedoch einer Mord'Sith, einer der Foltermaiden des dunklen Herrschers. Natürlich ist sie in rotes Leder gekleidet, um die Blutspuren besser zu verstecken, und foltert Richard über Monate, um ihn zu ihrem unterwürfigen Sexsklaven zu machen. 2007 kam der elfte Band der Serie heraus, Konfessor (der es auf Platz zwei der New York Times-Bestseller-Liste schaffte), in dem Richard mittlerweile herausgefunden hat, dass sein wirklicher Vater der dunkle Herrscher ist, zum Anführer eines Reiches erhoben wurde und eine neue, nicht-magische Welt für Leute erschließt, die dorthin auswandern wollen. Die Handlungsstränge dazwischen sind extrem verwickelt und enthalten alle für diese Art von Fantasy charakteristischen Elemente – zahlreiche Reisen und eine gewisse Ritualisierung des Unerfreulichen: Bei der Folter geht es selten darum, an Informationen zu gelangen, und beinahe immer darum, die Gelüste des dunklen Herrschers zu befriedigen. Eine interessante Idiosynkrasie der Bücher ist die Präsenz nordamerikanischer Fauna (Streifenhörnchen) in einer ansonsten europäisch angehauchten Standard-Fantasywelt: Da Richard sie den Foltermaiden schenkt, damit diese menschlicher werden, handelt es sich hierbei möglicherweise um ein indirektes Statement über die zivilisierende Rolle der Neuen Welt gegenüber der Alten Welt. Vielleicht aber auch nicht.

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George R. R. Martin ist von den drei hier unter die Lupe genommenen Autoren bei den Kritikern verdientermaßen der am höchsten geschätzte und hat gleichermaßen von Jurys als auch durch Leserabstimmung vergebene Preise gewonnen. Martin war bereits als Science-Fiction-Autor etabliert, als er 1996 den ersten Roman der Serie Das Lied von Eis und Feuer, Eisenthron, veröffentlichte; der fünfte, Krähenfest, erschien 2011, und im selben Jahr startete auch die äußerst erfolgreiche Adaption der Serie fürs Fernsehen, A Game of Thrones. Was Martin von Jordan und Goodkind (und vielen anderen Autoren von Mittelalter-Fantasy) unterscheidet, ist seine Darstellung einer plausiblen und in sich stimmigen mittelalterlichen Welt, die zum Großteil frei von Klischees ist, wie sie Jones in ihrem Tough Guide auf die Schippe nahm. Vermutlich war es der Rosenkrieg im 15. Jahrhundert, der Martin inspirierte, und in diesen Büchern gibt es auf jeden Fall weit mehr detaillierte Schilderungen von Politik und Kriegsführung als Magie und Zauberei. Martins realistischerer und härterer Ansatz beeinflusste eine Reihe neuerer Autoren, darunter die Kanadier Steven Erikson und R. Scott Bakker.

Weitere bemerkenswerte Autoren, die mit mittelalterlichen Fantasy-Welten arbeiten, sind unter anderem K. J. Parker (britisch), Tanya Huff (kanadisch), Patricia McKillip und Robin Hobb. K. J. Parkers Trilogie Die Farben des Stahls spielt in einem mittelalterlichen Stadtstaat, der sich gegen Steppen-Barbaren verteidigen muss. Im ersten Buch, Stadt der Schwerter (1998), werfen wir einen genaueren Blick darauf, wie so ein Stadtstaat aus Sicht eines Barbaren-Häuptlings funktioniert, der ihn zu Fall bringen möchte. Parkers Bücher sind weniger für ihre Mittelaltertümelei beachtenswert, als wegen ihres Ingenieursblicks auf die Welt (was dann in der dritten Trilogie namens The Engineer Trilogy thematisiert wird); das Magie-System funktioniert beinahe, als würde man der Welt mit Hebeln und Schraubenziehern zuleibe rücken. In Die Farben des Stahls gibt es überhaupt keine augenfällige Magie, doch sind sich die Figuren ihrer Fähigkeit bewusst, während in der Engineer-Serie Magie zwar nicht vorhanden ist, jedoch in der Luft liegt. Die Faszination dieser Bücher und der beiden nachfolgenden Trilogien entsteht weniger durch das Setting als durch die Spirale aus familiären und höfischen Rachefeldzügen, die metaphorisch durch Metallerprobung, den Bau von Belagerungsmaschinen und das Ersinnen großer Strategien ausgedrückt werden. Parkers Werk ist außerdem von Zynismus durchdrungen, weswegen jede Figur, die so dumm ist, es auf eine klassische »Fantasy-Laufbahn« anzulegen, beinahe sicher dem Untergang geweiht ist.

Tanya Huff ist derzeit bekannter für ihre paranormalen Krimis, aber sie hat, angefangen mit Sing the Four Quarters (1994), auch eine äußerst beliebte vierbändige Mittelalter-Fantasyserie geschrieben, in der magische und musikalische Fähigkeiten in engem Zusammenhang stehen. Als Autoren mittelalterlicher Fantasy besser bekannt sind die US-amerikanischen Autorinnen Patricia McKillip und Robin Hobb. Patricia McKillip, von der bereits im siebten Kapitel die Rede war, schrieb besonders in den 1990ern und 2000ern sehr viel und tauchte immer wieder auf den Fantasy-Bestenlisten des Magazins Locus auf. In diesem Zeitabschnitt verfasste sie die beiden Cygnet-Bände Die Zauberin und der Schwan (1991) und Der Prinz und der Feuervogel (1993), die das mittelalterliche Setting für Neuinterpretationen von Märchen nutzten und gleichzeitig Stellung zum Erzählen an sich nahmen: Schwertkämpferinnen und Drachen haben ihren Platz neben Schwänen und Phönixen. McKillip veröffentlichte in den 1990ern auch eine Reihe in sich abgeschlossener Romane, wie etwa Winterrose (1996), eine Nacherzählung der Tam-Lin-Geschichte, die neben dem ebenfalls herausragenden Thomas the Rhymer (1990) von Ellen Kushner bestehen kann. Es führt zwar ein wenig vom Thema ab, doch es ist vielleicht erwähnenswert, dass eine der wirklich exzellenten Nacherzählungen aus den 1990ern Geraldine McCaughreans Fire's Astonishment (1990) war, das die Geschichte des Laidly Worm (einer Volkssage aus Northumbria) wiedergibt und sie in einem sehr glaubhaften Frühmittelalter ansiedelt, einer Welt, die das Christentum noch nicht vollständig akzeptiert hat.

Von Robin Hobb war bereits im achten Kapitel die Rede – in ihrer anderen Inkarnation als Megan Lindholm, einem Namen, unter dem sie ausgefallene Urban Fantasy schrieb. In den 1990ern veröffentlichte sie zwei hochgelobte Trilogien, die Weitseher-Trilogie, die mit Der Adept des Assassinen (1995; auch u.d.T. Der Weitseher) beginnt, und die Trilogie um Die Zauberschiffe, die mit Der Ring der Händler und Viviaces Erwachen (1998) ihren Anfang nahm. Beide spielen in derselben Welt und sind lose miteinander verbunden. In der ersten Trilogie geht es um den Bastard eines Aristokraten und dessen Aufstieg zur Macht, aber es gibt etliche Abweichungen vom üblichen Handlungsverlauf. Erstens sind die Titel irreführend: Assassin's Quest ist der dritte Band und nicht (wie einer von uns beiden, geschult an Texten, bei denen die »Queste« eigentlich immer das mittlere Buch ist und der dritte Band mit einer Krönung endet, dachte) der zweite. Die richtige Reihenfolge für Unachtsame lautet: Assassin's Apprentice, Royal Assassin und Assassin's Quest. Zweitens wird Fitz nicht König. Er stirbt sogar und muss zurückgeholt werden. Hier haben wir also einmal einen Helden, der damit zufrieden ist, sein Leben als Nebenfigur zu verbringen, wenn auch als eine sehr mächtige.

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Eine Autorin, die es sich zum Anliegen gemacht hat, die Mittelalter-Fantasy vorsichtig zu unterwandern, ist Barbara Hambly. In den 1980ern schrieb sie zwei Sword & Sorcery-Serien, aber auch Der schwarze Drache (1985), in dem John Aversin, hochgewachsen, mager und mit Brille, der letzte erfolgreiche Drachentöter im Königreich ist. Hambly verfasste etliche Folgebände – Dragonshadow (1999), Knight of the Demon Queen (2000) und Dragonstar (2002) – und außerdem die leicht subversive Chroniken von Windrose, in der Antryg Windrose aus seiner eigenen Welt ins Exil auf die Erde geschickt wird. Die beiden nervenaufreibendsten Bücher aus dieser Zeit bilden jedoch die Sun Cross-Duologie. Das erste Buch, The Rainbow Abyss (1991), beginnt mit einer Welt, in der Zauberer verfolgt werden. Die Hauptfigur arbeitet mit ihrem Meister daran, ein Portal in eine andere Welt zu öffnen, die sich offenbar nach einem Wiederaufleben der Magie sehnt. Das zweite Buch, The Magicians of Night (1992), beginnt mit Rhions Erwachen in jener anderen Welt. Anfangs ist er, um die Welt um sich herum zu verstehen, wie jeder Portalreisende auf das angewiesen, was man ihm erzählt; nur langsam begreift er, wer die Leute sind, für die er nun arbeitet, und dem Leser wird klar, dass es sich um Nazis und das Jahr 1940 handelt. Im Verlauf der beiden Bücher stellt Hambly unser Verständnis von Mittelalter-Fantasy ebenso infrage wie unsere Funktion als Leser von Portal-Fantasy.

Das radikalste Buch in dieser Richtung ist vermutlich Greer Gilmans Moonwise (1991), wenn auch nur wegen seiner Sprache. Das Hochsprachliche des Mittelalterkults im 19. Jahrhundert hat man längst aufgegeben, und Mittelalter-Fantasy wird größtenteils mit der Stimme der Gegenwart erzählt. In Moonwise nimmt Greer Gilman eine alte Geschichte über Ritual und Erdmagie und schildert sie in einem »Tonfall und einer sprachlichen Dichte, die an Gerard Manley Hopkins erinnern« (Clute, S. 411). Gilman ist die womöglich einzige Autorin, die ein ganzes Buch im iambischen Pentameter verfasst, wie sie es bei ihrem neuesten Buch Cloud and Ashes (2009) getan hat.

Der vielleicht kühnste unter den Autoren von Mittelalter-Fantasy in den 1990ern ist Guy Gavriel Kay, von dessen Die Herren von Fionavar im letzten Kapitel die Rede war. In den 1990ern schrieb er vier große Fantasy-Romane, die in vier verschiedenen mittelalterlichen Welten spielen. Tigana (1990) handelt von einer Rebellengruppe, die versucht, ihre Heimat in einer dem spätmittelalterlichen Italien ähnelnden Welt zurückzugewinnen, Ein Lied für Arbonne (1992) ist teilweise eine Nacherzählung der Geschichte des Kreuzzugs gegen die Katharer, Schauplatz ist Frankreich. Die Löwen von Al-Rassan (1995) spielt in einer Welt, die an Spanien zur Zeit der mittelalterlichen Reconquista erinnert, und schließlich verfasste Kay in den 1990ern noch Sailing to Sarantium (1998, dt. Das Komplott und Das Mosaik) und dessen Fortsetzung, Lord of Emperors (2000, dt. Der neunte Wagenlenker und Herr aller Herrscher). In diesen Büchern folgt der Leser den Abenteuern eines Mosaikkünstlers, der vom Kaiser von Sarantium damit beauftragt wird, dessen herrliche neue Kirche zu dekorieren. Kay macht sich das Fantasy-Genre zunutze, um zur »echten« Geschichte Stellung zu beziehen. Bei seinem Kaiser, Valerius II, handelt es sich eindeutig um Justinian aus dem 6. Jahrhundert, und Sarantium ist ein oberflächlich getarntes Byzanz. Im Fantasy-Kontext kann Kay übernatürliche Eingriffe und Visionen auf eine Weise einsetzen, die uns das Denken des 6. Jahrhunderts letztlich näher bringt, als es ihm in einem gewöhnlichen historischen Roman möglich gewesen wäre, da die Erwartungen der Leser sich enger an denen der Figuren orientieren, als es im »realistischen« Modus der Fall wäre, in dem sich eine herablassende Haltung gegenüber historischen Glaubenssystemen nur schwer vermeiden lässt.

Nicht jede Mittelalter-Fantasy, die in Großbritannien auf den Markt kam, war angloamerikanischen Ursprungs. Fans, die sich für japanische Zeichentrickfilme interessierten, kannten Hayao Miyazaki bereits, aber der groß angelegte Start des Fantasy-Films Prinzessin Mononoke 1997, einem historischen Drama über das Konfliktpotenzial der menschlichen Industrialisierung und das Eingreifen der Waldgötter, die die umweltverschmutzenden Industrien zerstören, bescherte Miyazaki größere Aufmerksamkeit. Die Bildsprache des Films war ausgesprochen einflussreich, und das Bewusstsein unterschiedlicher phantastischer Traditionen beflügelte die Mittelalter-Fantasy des darauf folgenden Jahrzehnts.

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Diese Art von Fantasy blieb zwar populär, doch in den 1990er Jahren wurden andere Zeitepochen als Schauplätze für Fantasy immer attraktiver. Die Texte, um die es hier geht, unterscheiden sich stark von der Mittelalter-Fantasy. Wo die mittelalterlichen Welten von der unseren größtenteils klar getrennt waren, siedelten Autoren, die mit dem Stoff späterer Epochen arbeiteten, ihre Geschichten eher in Imitationen unserer Welt an oder ließen sie zumindest scheinbar in unserer Welt beginnen. Diese Romane sind näher an der Alternativweltgeschichte als an der voll ausgestalteten Fantasywelt des Mittelalters und haben auch eine Menge mit der Urban Fantasy der 1990er gemeinsam, die wir weiter unten in diesem Kapitel näher betrachten werden, da dort die Magie oft auf komplexe Weise mit dem Gemeinwesen verflochten ist.

 Mary Gentles Herr der Ratten (1990), Peter Ackroyds Das Haus des Magiers (1993) und Michael Swanwicks Jack Faust (1997) sind jeweils sehr unterschiedliche Bücher, haben jedoch das Konzept einer Urban Fantasy gemeinsam, in der die Renaissance entweder vom Autor oder den Figuren infrage gestellt wird. Bei Mary Gentles Herr der Ratten handelt es sich um eine voll ausgestaltete Fantasywelt. Es ist der erste ihrer White Crow-Romane, die in einem erfundenen 17. Jahrhundert spielen, einer Welt, in der Ratten über Menschen herrschen und Götter durch das Land wandeln. Die Welt ist zwar vollkommen phantastisch, doch Gentle schöpft aus der Geistesgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts mit deren Glauben an verborgene Geheimnisse, die sich entweder in den Schriften des Hermes Trismegistos verbergen oder von Geheimgesellschaften wie etwa den Rosenkreuzern bewahrt werden. Gentles Welt stehen die Entwürfe einer Reihe von Fantasy-Romanen diametral gegenüber, wobei Ackroyd und Swanwick in diesem Zeitabschnitt hervorstechen. In Ackroyds Das Haus des Magiers gelangt die Hauptfigur zu der Ansicht, ein von Doctor Dee geschaffener Homunculus zu sein. John Dee erwies sich als eine der großen Standard-Figuren der modernen Fantasy und taucht in den Werken von Charles Maturin und H. P. Lovecraft sowie in jüngerer Zeit in Umberto Ecos Das Foucaultsche Pendel (1988), John Crowleys Aegypt-Serie, Michael Moorcocks Gloriana (1978), Lisa Goldsteins The Alchemist's Door (2002), Michael Scotts Der unsterbliche Alchemyst (2007) und Liz Williams' The Poison Master (2003) auf. Michael Swanwicks Jack Faust ist eine Neufassung der Faust-Geschichte. In diesem Fall gehört zu Fausts Pakt mit Mephistopheles die Absicht, unsere gegenwärtige Industrialisierung zu verhindern. Faust durchlebt im Eiltempo die Konsequenzen seiner Wünsche, und als Leser muss man sich die Frage stellen, ob dies wohl wirklich die beste aller möglichen Welten ist.

1992 veröffentlichte John Whitbourn A Dangerous Energy, das erste von mehreren Büchern in einem England, in dem Elisabeth I. 1562 an Pocken gestorben ist. Maria Stuart ist ihr auf den englischen Thron gefolgt und hat dort eine Gegenreformation begonnen; es ist jedoch auch eine Welt der Magie, in der Inkubi und Sukkubi wirklich existieren und es tatsächlich möglich ist, einen Pakt mit dem Bösen zu schließen. Wesentlich in diesem und in weiteren Büchern des Autors (Popes and Phantoms [1993] und To Build Jerusalem [1995]) sind die geheimen Intrigen der Reformer und Puritaner, die von der Rückkehr der alten Ordnung verdrängt werden. Whitbourns Bücher entwerfen eine alternative Geschichte Englands, wie sie nicht selten durch die Hoffnungen und Ängste englischer Katholiken in den Jahren vor dem Scheitern der Jakobiter-Aufstände umrissen wurde, und er vervollständigte die Reihe mit The Royal Changeling (1998), bei dem es sich im Grunde um eine Geschichte der Jakobiten-Rebellion und -Propaganda handelt (an Jakobiten-Fantasy gibt es ansonsten nur noch Joan Aikens Romane). Whitbourns Werk unterscheidet sich stark von dem seiner Zeitgenossen, und er und Mary Gentle sind gewissermaßen beide die Vorboten des New Weird, einer Bewegung der britischen Fantasy, die wir im letzten Kapitel abhandeln werden.

Zwar war die Französische Revolution für Autoren von Zeitreise-Romanen eine attraktive Epoche, doch Fantasy-Autoren zog sie nicht an. Eine Ausnahme war das ausgesprochen ungewöhnliche Die Porzellantaube (1993) von Delia Sherman. In einer Kleinstadt weit entfernt von Paris wird einem korrupten Herzog (und Magier) in einem Fluch prophezeit, dass seine Familie niemals glücklich sein wird, bis die Porzellantaube gefunden ist. In dem Roman, aus der Perspektive einer Magd erzählt, geht es größtenteils um den langwierigen Verfall einer Familie sowie um den Verlust von Tugend und Selbstwahrnehmung, während die Welt um sie herum sich unaufhaltsam auf die Revolution zubewegt. Der Tonfall des Buches ist elegisch und elegant, aber es beschreibt furchtbare Ereignisse. Der schließliche Ausbruch der Revolution ist erschütternd, und die Tochter des Hauses macht sich auf die Suche nach der Porzellantaube, wobei sie die ganze Familie im Schloss einschließt. Deren Mitglieder schlafen zwar nicht hundert Jahre lang, werden jedoch von den Ereignissen ferngehalten, unsterblich und niemals alternd.

Wie wir gesehen haben, entstand Ende der 1980er eine neue Veröffentlichungskategorie. Bis zu den 1990ern erlebte der Horror eine Durststrecke. Die Dark Fantasy als Konzept war wohl ebenso sehr eine Strategie zur Wiederbelebung des Marktes als auch eine Reaktion auf die wachsende Betonung von Blut und Metzeleien im Horror-Film. Bei einigen Schriftstellern wurde ihr Werk schlicht neu kategorisiert. Tanith Lee war schon immer als dem Horror zugeneigte Fantasy-Autorin betrachtet worden, und das neue Label war sozusagen wie für sie gemacht. In den 1990ern schrieb sie die Einhorn-Serie (Das schwarze Einhorn, Das goldene Einhorn, Das rote Einhorn, Die Macht des Einhorns, Romane mit einer voll ausgestalteten Fantasy-Welt [1994-1997]), die Blood Opera-Serie (Unstillbares Verlangen [1992], Unheimliche Ferne [1993], Ägyptische Nacht [1994]) und die Venus-Serie, die in einem düsteren und von der Gothic-Strömung geprägten Alternativentwurf eines heidnischen Venedig des 18. Jahrhunderts spielt (Faces Under Water, Saint Fire, A Bed of Earth und Venus Preserved [1998-2003]).

Im Allgemeinen ist die Dark Fantasy im 19. oder 20. Jahrhundert angesiedelt und einigen der traditionellen Ikonen der phantastischen Folklore zugeneigt wie etwa dem Vampir und dem Werwolf. Es handelt sich jedoch nicht um Schock-Literatur, und das traditionelle Verständnis dieser Phänomene erfuhr eine Neuorientierung. Die Dark Fantasy ist außerdem tendenziell »immersive« Fantasy, wogegen der Horror der »intrusiven« Fantasy zuzurechnen ist (siehe Mendlesohn, 2008: Bei immersiver Fantasy befindet der Leser in einer gänzlich anderen Welt, welcher der Protagonist angehört; in intrusiver Fantasy dringt das Phantastische in unsere Welt ein oder fällt über sie her). Oft weiß man in der Dark Fantasy bereits, dass das Übernatürliche existiert, und hat sich damit arrangiert, häufig auf einem gesamtgesellschaftlichen Niveau. Einen Großteil der Dark Fantasy kann man auf ganz ähnliche Weise als »Alternativweltgeschichten« lesen, wie das schon mit dem Werk von Keith Roberts und John Whitbourn möglich war. Oft handelt es sich um eine Form der rationalen Fantasy. Ein Aspekt dabei war der Einfluss von Aids auf die Fantasy-Literatur, der sich in den frühen 1990er Jahren bemerkbar machte. Eine Reihe von Stereotypen der Dark Fantasy, mittels derer man bis dahin Tabus von Rasse oder Sex thematisiert hatte, wurden nun herangezogen, um sich den gesellschaftlichen Konsequenzen dieser erschreckenden neuen Krankheit zu widmen.

Eine der frühesten Manifestationen der Dark Fantasy war Brian Stablefords Das Reich der Angst, von dem im vorherigen Kapitel die Rede war. Stableford begann 1990 seine David Lydyard-Trilogie mit The Werewolfes of London. Der junge Protagonist reist 1872 nach Ägypten, wo eine seltsame Macht von ihm Besitz ergreift; bei seiner Rückkehr nach London wird er in die Intrigen von Okkultisten verwickelt und begegnet den legendären Werwölfen der Erzählung. In The Angel of Pain (1991) schreiben wir das Jahr 1893, und Lydyards seherische Gabe wird immer beklemmender. Er wird in das große okkulte Ereignis der späten viktorianischen Ära verwickelt, die Wiedererweckung gefallener Engel. Der letzte Band, The Carnival of Destruction (1994), setzt im Jahr 1918 ein, als Lydyard von der Verschwörung der Engel erfährt, um der Welt die Apokalypse zu bringen. In den frühen 1990ern schrieb Stableford außerdem zwei rationalere Versionen der Vampirlegende, Young Blood (1992), das sich mit dem Zusammenhang zwischen Vampirismus und bewusstseinverändernden Viren beschäftigt, und The Hunger and Ecstasy of Vampires (1996), in dem H. G. Wells' Zeitreisender in eine von Vampiren beherrschte Zukunft gelangt.

Zwei weitere britische Autoren, die Vampire in ein moderneres Umfeld versetzten, waren Freda Warrington und Kim Newman. Warringtons Blood Wine-Serie (Das Blut der Liebe [1992]) inszenierte eine monumentale Fehde zwischen einem Vampir und seinem Schöpfer auf dem Schlachtfeld des ersten Weltkrieges und in den Salons von Cambridge in den 1920ern. Damit verwoben wird eine Geschichte über Begierde, in der es zur hoffnungslosen Verwechslung von der Lust auf Liebe mit der Lust auf Blut kommt, womit wir es mit einem Vorläufer der Paranormal Romance zu tun haben, die das Subgenre später in diesem Jahrzehnt dominieren sollte.

Im selben Jahr veröffentlichte Kim Newman Anno Dracula (1995), den ersten Roman einer Reihe alternativ-historischer Vampir-Romane in einer Welt, in der Graf Dracula real ist, nicht getötet wurde und Königin Victoria geheiratet hat. Die Vampire drohen das Land zu übernehmen, und die Morde von Jack the Ripper sollen in diesem Roman die Vampir-Prostituierten davon abhalten, ihre Freier zu »verwandeln«. Der Folgeband, Der rote Baron (1995), spielt während des Ersten Weltkriegs, als die Deutschen versuchen, aus den Untoten erstklassige Piloten zu machen, von denen einer als der Rote Baron bekannt wird. In Newmans Werken wimmelt es von über den Text hinausweisenden Bezügen, denn es tritt eine ganze Reihe bekannter fiktionaler Figuren auf. Dass sowohl Newman als auch Warrington ihre Geschichten im Ersten Weltkriegs ansiedelten, ist kein Zufall: Am Ende des 20. Jahrhunderts trauerte Großbritannien um die letzten Veteranen des Krieges, und dieser war in der Öffentlichkeit wieder präsenter geworden. Die Sprache und Poesie des Krieges, mit dem Schwerpunkt auf dem Ausbluten des Landes ist merkwürdig leicht umzuwidmen.

Eine der neueren Entwicklungen in der Dark Fantasy war der Privatdetektiv im Bereich des Paranormalen. Die Art der Ermittlung variierte: Tananarive Dues Jennifer in der African Immortals-Serie wird in My Soul to Keep (1997) durch die Morde ihres unsterblichen Gatten in die Welt des Übernatürlichen hineingezogen. Gängiger war in diesen neuen Geschichten jedoch die voll ausgestaltete Fantasy-Welt, in der das Übernatürliche um uns herum lebendig ist, bei Mondlicht, wenn schon nicht tagsüber. In Tanya Huffs Blutzoll (1991), dem ersten Band einer Serie, tut sich die ehemalige Polizistin Vicki Nelson mit einem Autor von Vampirschmonzetten zusammen, um einer Mordserie in der Stadt Toronto nachzugehen, an der Werwölfe und andere übernatürliche Wesen beteiligt sind.

Die erfolgreichste Fantasy dieser Art in den 1990ern war Laurell K. Hamiltons Serie Anita Blake, ein Phänomen, das möglicherweise dem Film Buffy the Vampire Slayer 1992 (zu dem wir noch kommen werden) etwas zu verdanken hat. Der erste Band der Serie heißt Bittersüße Tode (1993) und entwirft eine Welt, in der allgemein bekannt ist, dass es Vampire gibt, und in den Vereinigten Staaten bekommen diese sogar den Status von Staatsbürgern, wodurch es zu einer Zuwanderung aus Europa kommt. Vampire sind vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, solange sie das Gesetz nicht brechen – in diesem Fall werden sie von Vampirjägern ausgeschaltet, zu denen trotz ihrer geringen Körpergröße auch Anita Blake gehört. Blake ist ein gut katholisches Mädchen, deren Glaube sie oft rettet, wird als professionelle Zombie-Animatorin jedoch exkommuniziert: Zu Beginn der Reihe ist die Vampirjagd lediglich Nebensache. Vampire sind zwar akzeptiert, bei Gestaltwandlern (die durch Ansteckung mit Blut und Geschlechtsverkehr entstehen) liegt die Sache jedoch anders, und eine der Gestaltwandler-Hauptfiguren ist durch ihre Angst vor dem Outing zum sozialen Krüppel geworden, worin sich abermals die Aids-Ängste der 1990er Jahre widerspiegeln. Die ersten Bücher sind im Grunde Detektivromane, doch auch voller romantischer Verwicklungen. Anita wird vom Meistervampir der Stadt St. Louis umworben, aber außerdem auch vom Anführer der Werwölfe. Wie es sich für ein katholisches Mädchen gehört, lässt sie sich mit beiden ein, verbringt die nächsten Bücher (2016 erscheint das fünfundzwanzigste) deswegen mit Schuldgefühlen und muss sich mit dem Zorn des Werwolfs sowie der unglückseligen übersinnlichen Verbindung herumschlagen, die zwischen den dreien besteht. Das Krimi-Element verliert immer mehr an Bedeutung, und in den Büchern geht es zunehmend um Beziehungen zwischen den paranormalen Einwohnern der Stadt, die rein zufällig in Anitas Bett ausgelebt werden, häufig verbunden mit Peitschen und Ketten. Nach dem zehnten Band veränderte sich langsam die Leserschaft der Bücher, auch wenn sie immer noch zunahm. Viele Fans der ersten Stunde konnten mit den offenen Beschreibungen des einverständlich ausgelebten Sadismus und auch den sexuellen Misshandlungen in den späteren Büchern nichst anfangen. In den 2000ern sollte es zu einer Schwemme von Büchern kommen, die den Aspekt der Paranormal Romance dieser Reihe aufgreifen, wie etwa Charlaine Harris' The Southern Vampire Mysteries (Vorübergehend tot [2002]; die Serie wurde bis 2014 fortgeführt).

Die Geschichte über einen paranormalen Ermittler bzw. die phantastische Liebesgeschichte, die in den 1990ern den größten Erfolg hatte, war natürlich Buffy the Vampire Slayer. Der ursprüngliche Film aus dem Jahr 1992, bei dem Fran Rubel Kuzei Regie führte und Joss Whedon das Drehbuch schrieb, wird allgemein als ziemliches Fiasko angesehen, aber die ihm zugrundeliegende Idee einer Cheerleaderin, die herausfindet, dass es ihre Aufgabe ist, die Welt vor Vampiren und allen nächtlichen Schrecken zu retten, war tatsächlich unterhaltsam. Niemand rechnete damit, dass die Fernsehserie, die ab 1997 (dieses Mal zur Gänze in der Obhut von Josss Whedon) ausgestrahlt wurde, sich als eine der wohlüberlegtesten, geistreichsten und subtilsten Fernsehserien erweisen würde. Die Prämisse blieb erhalten, und im Lauf von sieben Staffeln wurden zahlreiche Geschichten erzählt, in denen Buffy Monster besiegt, aber es existieren auch etliche große Handlungsbögen, darunter eine Romanze mit einem Vampir, dessen wiederhergestellte Seele ihn an Buffys Seite kämpfen lässt, und später eine zweite Freundschaft mit einem weiteren Vampir, der durch einen Chip im Kopf am Töten gehindert wird. Beide Beziehungen bilden den Kontext, in dem das Wesen des freien Willens und von Gut und Böse behandelt wird. Buffy spielte außerdem mit der ironischen Kenntnis der fiktionalen Welt: Als Dracula erscheint, wird er mühelos besiegt, weil die Figuren, wie sie sagen, »das Buch gelesen haben«. Wir könnten mit Buffy locker ein ganzes Kapitel füllen, denn wir sind beide glühende Fans, aber leider ist hier nicht genügend Platz dafür. Man sollte jedoch festhalten, dass Buffy eine vollkommen neue Mythologie rund um Vampire und andere Aspekte des Übernatürlichen schuf, und viele jüngere Autoren diese Konzepte einfach übernahmen – offenbar, ohne die früheren Traditionen zu kennen.

Ganz am Ende der 1980er begann Ellen Datlow, eine der besten Herausgeberinnen von Kurzgeschichten im Genre, in Zusammenarbeit mit Terri Windling, selbst eine talentierte Autorin und Herausgeberin, für St Martin's Press eine jährliche Anthologie namens Year's Best Fantasy and Horror zusammenzustellen. Diese Anthologie präsentierte einige der besten Dark-Fantasy-Erzählungen überhaupt und war an der Ausgestaltung des Subgenres maßgeblich beteiligt. Seit 2003 wurde Windlings Part von Kelly Link und Gavin Grant übernommen, und die Serie erscheint weiterhin. Die Cover wurden stets von Thomas Canty gestaltet, der mit seinem Werk das Feenreich der Präraffaeliten wiederbelebte; er gestaltete auch die Cover für Datlows und Windlings Sammlungen moderner Märchen, die Reihe Colors of Fantasy.

Die Colors of Fantasy begannen 1993 mit Snow White, Blood Red. Es sind Sammlungen originärer Märchen, teils lose auf Überlieferungen zurückgehend wie etwa Gahan Wilsons »The Frog Prince« (1993), und teils von Märchen-Strukturen und -Stereotypen inspirierte, aber ansonsten neu konzipierte Geschichten wie etwa Neil Gaimans »Die Trollbrücke«. In dieser Reihe erschienen sechs Bände, von denen der letzte Black Heart, Ivory Bones (2000) ist – eine insgesamt eher düstere Sammlung. Einige der allerbesten Autoren des Genres leisteten Beiträge hierzu, darunter John Brunner, Susanna Clarke, John Crowley, Nalo Hopkinson, Pat Murphy und Gene Wolfe, die dabei die Einstellung der Fantasy-Autoren zu Märchen veränderten. Wo sich die Auseinandersetzung mit Märchen vorher vor allem auf Nacherzählungen beschränkt hatte, verwendeten die Autoren der 1990er Jahre Märchen- und Fantasy-Strukturen zunehmend für vollkommen moderne Geschichten, in denen das Wissen um diese Strukturen das Exoskelett der Geschichte bildete und nicht die Geschichte selbst.

Das erste und eines der eindrucksvollsten dieser Bücher ist Geoff Rymans »Was ...« (1992), die Geschichte zweier Menschen, eines jungen Mannes, der an Aids stirbt und sich aufmacht, die roten Schuhe aus dem MGM-Musical The Wizard of Oz zu suchen, und einer älteren Frau, die in einem Altenheim stirbt und jedem erzählt, dass sie die ursprüngliche Dorothy war und dass Baum ihre Geschichte gestohlen habe. Dieser Roman ist zwar sehr stark in der »Gegenwartsliteratur« verwurzelt, aber voller immanenter Bedeutung. Stets hat man das Gefühl, die gute Hexe Glinda könnte gleich hinter der nächsten Ecke lauern und Wünsche erfüllen und Dorothy ihren Weg zurück nach Oz finden. Einen vollkommen anderen Ansatz zur Verwendung des Märchenhaften findet man in Patrice Kindls Die Liebe des Eulenmädchens (1993), in dem die Geschichte eines Froschprinzen aus der Sicht eben des Froschprinzen erzählt wird. Owl ist eine Wer-Eule, und als sie ihre wahre Liebe trifft, verwandelt ihr Kuss ihn ebenfalls in eine Wer-Eule (oder lässt ihn zumindest erkennen, dass er eine solche ist). Die Geschichte selbst spielt an einer Highschool, und bei Owls Problemen geht es um die Schwierigkeit dazuzugehören. Jane Yolens Briar Rose Dornrose (1991) entfernt sich sogar noch weiter vom Märchen als Rymans »Was...«. Einerseits ist es eine Geschichte über das Konzentrationslager bei Chelmno, eines der schrecklichsten Todeslager der Nazis, das nur wenige überlebt haben und das sich in einer von Stacheldraht umgebenen Burg befand. Davon inspiriert verwendete Yolen die Geschichte von Dornröschen (das in einer von einer Dornenhecke umgebenen Burg schläft) und verstärkte dadurch die von der Haupfigur, einem Nachfahren eines der wenigen Überlebenden aus Chelmno, erlebte Angst und Bedrohung.

Es gab auch direktere Annäherungen an das moderne Märchen. In Elizabeth Ann Scarboroughs The Godmother (1994) wünscht sich Rose Samson, eine gute Fee möge ganz Seattle retten, und ist ein wenig verdutzt, als prompt eine eintrifft – eine äußerst moderne gute Fee, die sich in der modernen Welt problemlos zurechtfindet. Rachel Pollacks zwei Hauptfiguren in Godmother Night (1996) bekommen übernatürlichen Beistand, doch dabei handelt es sich um den Tod, der eine Harley Davidson fährt und ihnen hilft, als Lesben in einer feindseligen Gesellschaft zurechtzukommen. In Holly Lisles Sympathy for the Devil (1995) schließt eine Krankenschwester einen Pakt mit Gott, um den Bewohnern der Hölle eine zweite Chance zu geben, eine Geschichte, die an die »Hochglanz«-Fantasy der 1930er und 1940er Jahre erinnert. John Barnes' Der Wein der Götter (1996) ist ein äußerst originelles Märchen, in dem ein junger Mann nur noch zur Hälfte da ist, nachdem er am Wein der Götter genippt hat. Auf seinen Reisen, auf denen er versucht, die andere Hälfte wiederzufinden, begleiten ihn verschiedene – sehr eigenwillige – Gefährten, die am Hof auftauchten, als der Held noch ein kleines Kind war. Es ist eindeutig ein Märchen und keine Questen-Fantasy, denn sie hält sich eng an die Rhythmen und Klischees der klassischen Märchen, wie Vladimir Propp sie beschrieben hat. Neil Gaimans Sternenwanderer (1998, 2007 verfilmt) erzählt von einem jungen Mann, der in einer kleinen Stadt am Rande des Feenlandes lebt und die Mauer überquert, um eine Sternschnuppe zu finden, die er seiner Verlobten mitbringen will. Sternwanderer ist eine klassische Geschichte über verlorene Prinzen, eine geretteten Heldin, Bosheit und Hexen, eindeutig beeinflusst vom Werk von Hope Mirrlees, von der in einem früheren Kapitel die Rede war. Patrick O'Learys Hüter der Nacht (1997) ist eine Geschichte über das Geschichtenerzählen, über einen König und einen Jungen, der verflucht wird. Sie schöpft stark aus der spezifisch amerikanischen Märchen-Bildsprache, wie sie von Baum geschaffen wurde, und bis zu einem gewissen Grad aus der düsteren Welt der Brüder Grimm. China Miévilles Debütroman, König Ratte (1999), ist eine Rattenfänger-Geschichte, die in den dreckigen Straßen von London spielt und aus der Perspektive eines jungen Mannes erzählt wird, der entdeckt, dass sein wahrer Vater eine Wer-Ratte und er das Ergebnis einer Vergewaltigung ist. Von den hier besprochenen Texten ist der von Miéville der brutalste, und er greift in seiner Darstellung der Feen- und Volkssagen in mancher HInsicht außerdem auf die Brüder Grimm zurück.

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Der bekannteste »Neuerzähler« der 1990er ist vermutlich Gregory Maguire. Als bereits populärer Kinderbuchautor veröffentlichte Maguire Wicked – Die Hexen von Oz (1995), das die Darstellung der Hexen in Der Zauberer von Oz zerpflückte und sich der Frage widmet, wie »Bösartigkeit« sowohl real als auch als Konzept entsteht. Maguires Version der Geschichte hauchte vielen politischen Themen aus Baums Märchen neues Leben ein und zeigte ein ungewöhnliches Bewusstsein für die amerikanische Politik des frühen 20. Jahrhunderts (wie etwa die neuerliche Abkapselung von Washington). Wicked wurde 2003 sehr erfolgreich als Musical aufgeführt, das den Inhalt stark verwässerte, den Fantasy-Metatext jedoch sehr gut umsetzte. Seitdem hat Maguire die Märchen-Neuerzählungen Das Tulpenhaus oder Bekenntnisse einer hässlichen Stiefschwester (1999), Mirror Mirror (2003) sowie einige weitere Titel veröffentlicht.

Die Filme dieser Zeit, die man an dieser Stelle lose einreihen könnte, sind Die Maske (1993, Regie: Charles Russell) und Und täglich grüßt das Murmeltier (1993, Regie: Harold Ramis). In Die Maske findet ein junger Mann ohne Selbstvertrauen eine Maske, die seine Persönlichkeit verwandelt und es ihm ermöglicht, das Verhalten seiner Mitmenschen zu verändern, ganz ähnlich wie die Gaben im Märchen. In Und täglich grüßt das Murmeltier muss ein arroganter und egoistischer Wetteransager denselben Tag immer wieder erleben; er optimiert ihn immer weiter, bis er nicht nur alles »richtig« macht, sondern dabei auch seinen Charakter verändert hat. Bei der Geschichte handelt es sich eindeutig um einen Feenfluch und eine Bestrafung; erst als er sein Mittagessen einem Fremden überlässt und sich wie ein Märchenheld verhält, kann er von dem Fluch erlöst werden.

Die Betrachtung dieser modernen Märchen führt uns zu einer Entwicklung in der Fantasy, die zwar nicht ganz neu ist, in den 1990ern jedoch besonders hervorstach: die zunehmende Verwendung lokaler Schauplätze und lokaler Mythologien, nötigenfalls auch die Erschaffung mythischer Strukturen gänzlich aus dem Stoff der modernen Welt, eine Gattung, die wir als »indigene Fantasy« bezeichnet haben. Graham Joyces Gefährtin der Nacht (1998) hätte man auch im vorigen Abschnitt besprechen können. In dieser Geschichte wacht ein Junge auf und sieht die Zahnfee am Fußende seines Bettes, und im weiteren Verlauf kommt es zu immer unheimlicheren Begegnungen mit der Fee. Aber die Geschichte wurzelt fest in den englischen Midlands, vor dem Hintergrund des Schulalltags, der Suche nach der ersten Freundin und des Zusammenseins mit den Freunden, und am Ende des Buches zeigt sich, wie sehr der Junge seine eigenen kindlichen Vorstellungen einem Wesen übergestülpt hat, das ihnen nichts entgegenzusetzen hat. Die Zahnfee dieses Buches ist nicht unsere Zahnfee, sondern etwas ganz anderes.

In den 1990ern arbeiteten eine Reihe von Autoren daran, neue Spielarten der Fantasy hervorzubringen, die mit ihrer Ortsverbundenheit und ihren eigenen Vorstellungen des Phantastischen im Zusammenhang standen. In Großbritannien ragen dabei einige Schriftsteller heraus. Ellen Galford, die in den 1980ern The Fires of Bride schrieb, ließ 1990 Queendom Come und 1993 The Dyke and the Dybbuk folgen. Queendom Come ist eine Anti-Thatcher-Fantasy, in der ein deprimierter schottischer Arzt unabsichtlich eine an Boudicca gemahnende Gestalt wiederbelebt, um Großbritannien in der Zeit der Not zu retten. Unglücklicherweise kommt diese heidnische Barbarin ganz gut mit der Premierministerin zurecht, und schließlich verschwören sich unser Protagonist und der Handlanger der Königin miteinander, um sie beide in ein magisches Gefängnis zu sperren. An einem Punkt des Romans wird die Premierministerin mit den äußerst missgelaunten Geistern von Hexen, die den Märtyrertod gestorben sind, und anderen problematischen Frauenfiguren konfrontiert. In The Dyke and the Dybbuk muss eine lesbische Jüdin aus North London mit einem Fluch zurechtkommen, mit dem ihre Ur-Ur-Großmutter belegt wurde, als sie ihre Freundin zugunsten einer vielversprechenden Ehe fallen ließ.

Ben Okri ist ein nigerianischer Schriftsteller, der einen Großteil seiner Kindheit und seines Erwachsenenlebens in London verbrachte. 1991 schrieb er Die hungrige Straße, das in Nigeria spielt und den Booker Prize gewann. Die Geschichte wird von Azaro erzählt, einem Kind, das niemals seine Verbindung zur spirituellen Welt verloren hat, die ihn ständig zurückzuholen versucht. Christopher Priest, ein Autor, der in den 1960ern mit der New Wave der Science Fiction in Verbindung stand, verfasste in dieser Zeit einen bemerkenswerten Fantasy-Roman: Prestige: Der Meister der Magie (1995; 2006 verfilmt, Regie: Christopher Nolan). Die Hauptfigur lebt in einem Haus, mit dem sie offenbar irgendetwas verbindet und in dem sich irgendwann in der Vergangenheit zwei Bühnen-Magier begegnet sind. Der Roman besteht größtenteils aus dem autobiografischen Bericht des ersten Magiers und dem Tagebuch des zweiten. Beide erzählen von ihrer Rivalität und ihrem tödlichen Wettstreit, wobei Teleportation und die Replikation von Menschen eine Rolle spielen. Diana Wynne Jones lief mit einem Roman für Erwachsene namens Plötzlich war da wilder Zauber (1992) wieder zu großer Form auf: Darin stehen die britischen Inseln unter dem Schutz eines Hexenzirkels, dessen Mitglieder stark der irren Katzenfrau um die Ecke und der netten Dame ähneln, die eine Straße weiter einen Kristalladen hat. Der herausragende indigene Fantasy-Roman aus Großbritannien jener Zeit ist jedoch M. John Harrisons The Course of the Heart (1992), ein Roman über drei Leute, die auf der Universität Magie wirken und unter den Folgen zu leiden haben. Einer von ihnen erholt sich offenbar, beobachtet aber, wie die beiden anderen sich bei ihren Versuchen aufreiben, die Magie im Zaum zu halten. Zu diesem Zweck schaffen sie eine Erzählung über eine weitere Welt, doch dies gibt der schlummernden Magie offenbar weitere Nahrung, sodass unsere Welt sich sowohl mit dem fiktionalen Text als auch der magischen Welt überschneidet. In diesem Roman raunt es bedrohlich in den Straßen von Manchester, Geister erscheinen vor Landhäusern, aber nichts hängt wirklich zusammen, wie es auch zwischen den Menschen der postmodernen Welt nur noch wenige Verbindungen gibt. Harrisons These lautet offenbar, dass unsere Welt irreal und phantastisch ist und wir sie nur um des eigenen Seelenfriedens willen als real wahrnehmen.

Drüben in den USA schrieb Thomas M. Disch in Form von Horror und Fantasy eine Reihe von bitteren Satiren über die Institutionen der US-amerikanischen Gesellschaft. In The Priest: A Gothic Romance (1994) macht sich ein Priester aus Minneapolis einer Reihe von Taktlosigkeiten schuldig, von denen die Tatsache, dass er häufig von einem mittelalterlichen Bischof – einem Inquisitor – besessen wird, nicht die geringste ist. In The Sub: A Study in Witchcraft (1999) wird die Lehrerin Diana Turney in einer Grundschule als Ersatz für zwei Lehrer eingestellt, die wegen satanischer Umtriebe gefeuert wurden. Diana ist jedoch eine Wicca und entdeckt rasch, dass sie magische Kräfte besitzt, die sie einsetzt, um sich an den Männern in ihrem Leben zu rächen. Rebecca Ore nähert sich in Slow Funeral (1994) der Hexenkunst auf etwas andere Weise an. Maud Fuller, die den Umgang mit ihren Hexen-Verwandten bisher immer gemieden hat, kehrt heim, um bei ihrer sterbenden Großmutter zu wohnen. Das Buch ist im Alltag der Appalachen verwurzelt. Terri Windling wendet sich in The Woodwife (1996) einer anderen indigenen Tradition zu. In diesem Roman zieht Maggie Black nach Tucson und merkt nach und nach, dass sie von Magie und Magieanwendern umgeben ist. Als sie sich in der Landschaft Arizonas niederlässt, wird sie sich der dort ansässigen Geister und Folklore bewusst. Ähnlich verhält es sich in Louise Erdrichs Die Antilopenfrau (1998), in dem ein Soldat, der einen Hund mit einem auf den Rücken geschnallten Ojibwa-Baby verfolgt, zu einem Schlüsselbild in einer modernen Geschichte über im heutigen Minneapolis lebende Ojibwa-Familien wird. In Erdrichs Buch gibt es mehrere übereinander geschichtete Welten, während Geschichten die Zeit überbrücken, verbunden durch Artefakte aus der Vergangenheit. Jonathan Carroll, der 1980 Das Land des Lachens schrieb, veröffentlichte in den 1990ern Vor dem Hundemuseum (1991), Wenn die Ruhe endet (1992) und From the Teeth of Angels (1993). All diese Bücher haben etwas von Rabelais, wenn sich, was oft geschieht, in den »Hochglanz«-Fantasy-Stil, in dem Leute einen Pakt mit dem Übernatürlichen schließen, die Anarchie eines Lewis Carroll mischt. Jonathan Carroll scheint vom Leben nach dem Tod fasziniert zu sein, und all seine Bücher haben ein Element von »posthumer Fantasy«.

Vier Autoren, die in dieser Zeit zur Ausprägung einer speziell US-amerikanischen Spielart der Fantasy beigetragen haben, sind Elizabeth Hand, James Morrow, Michael Swanwick und Sean Stewart. Beginnend mit Passionsspiel (1992) und dann mit Romanen wie Hexensturm (1998) und Galveston (2000) hat Sean Stewart einen magischen Realismus des US-amerikanischen Südens entworfen, in dem die Götter des Karnevals in und unter den Einwohnern leben und besänftigt werden müssen. Galveston erzählt die Geschichte einer kleinen Insel, die sowohl von Wasser als auch von Magie überflutet wird und mit ihrer neuen Beziehung zum Übernatürlichen zurechtkommen muss. Elizabeth Hands erster Roman Winterlong (1988) spielt in einem postapokalyptischen pantagruelischen Amerika der Zukunft, durch das heidnische Götter wandeln. In den 1990ern veröffentlichte sie Aestival Tide (1992), Icarus Descending (1993), Die Mondgöttin erwacht (1994), Glimmering (1997, ein SF-Roman) und Black Night (1999) und außerdem eine Geschichtensammlung, Last Summer at Mars Hill (1998). Die Mondgöttin erwacht und Last Summer at Mars Hill sind davon am charakteristischsten. Die Mondgöttin erwacht handelt von einem jungen Studienanfänger an einer katholischen Universität, der versehentlich in den Dunstkreis mehrerer geheimer Meister gerät, die in eine jahrhundertealte Verschwörung verwickelt sind, durch die sie eine heidnische Göttin in Schach zu halten versuchen. Sweeney Cassidys Freund lässt sich mit einer Frau namens Angelica ein, die am Ende zu einem Avatar der Göttin wird. Das Buch ist typisch für Hand, weil es darin, auch wenn es sich auf die griechische Geschichte der Bacchae bezieht, unter anderem um die Amerikanisierung älterer Traditionen geht. In diesem Fall kritisiert Hand anhand der Bacchae zum Teil den Stellenwert, den die Göttinnenanbetung im amerikanischen Feminismus einnimmt.

In den 1990ern schrieb James Morrow eine Reihe hochgelobter Bücher, die das Christentum karikierten, indem sie Gott (und seine Leiche) in einen sehr US-amerikanischen Kontext setzen. In Die eingeborene Tochter (1990) wird ein im Zölibat lebender Leuchtturmwärter in der Nähe von Atlantic City der Vater eines weiblichen Messias, die über das Wasser gehen und die Toten auferstehen lassen kann. In Das Gottesmahl (1994) enthüllt der Erzengel Raphael, dass Gott tot ist und sein zwei Meilen langer Leichnam im Atlantik treibt; ein Supertanker soll den Körper in die Arktis schleppen, um seine Verwesung zu verhindern (die allgegenwärtige Hauptsorge US-amerikanischer Bestatter). Im zweiten Band, Blameless in Abaddon (1996), hat man den Leichnam in einen religiösen Vergnügungspark integriert. In den späten 1980er und 1990er Jahren behandelte Morrow die Frage der Religion auf vielfältige Weise in Kurzgeschichten, die gesammelt in Bible Stories for Adults (1996) vorliegen.

Einer der einfallsreichen Romane des Jahrzehnts ist schließlich Michael Swanwicks Die Tochter des stählernen Drachen (1993). Swanwick hat geäußert, dass dieser Roman aus einem Besuch in England und seiner Bewunderung dafür entstand, wie englische Schriftsteller gewissermaßen aus ihrer eigenen Landschaft heraus schrieben. Auf der Suche nach einer charakteristischen US-amerikanischen Landschaft sah er sich mit dem Bild eines aus einem Tunnel herausfahrenden Zuges konfrontiert und machte daraus einen großen eisernen Drachen, eine Kriegswaffe. Die Tochter des stählernen Drachen ist in einer amerikanischen Feen-Parallelwelt angesiedelt. Es handelt sich um ein industrialisiertes, urbanes Märchen, in dem es niemanden kümmert, was aus dem Wechselbalg Jane wird, als sie aus einer Drachenfabrik von einem Drachen gerettet wird, der seine eigenen Pläne schmiedet. Sie irrt durch ein tödliches Universitätssystem und die gesellschaftlichen Strukturen des Feenlandes, bevor sie den Weg zurück in die Menschenwelt findet. 2008 veröffentlichte Swanwick einen Folgeband, The Dragons of Babel, in dem ein Junge entdeckt, dass er ein verlorener Prinz dieses Fantasy-Landes ist, was sich in der Praxis irgendwie nicht ganz als das erweist, was man als Mensch erwartet, der mit Märchen aufgewachsen ist.

Eine Reihe von Autoren und Texten soll noch Erwähnung finden, die sich nicht so einfach den oben genannten vagen Kategorien zuordnen lassen. In den 1990ern gab es zum Beispiel zwei neue Sword & Sorcery-Fernsehserien – genau zu der Zeit, als das Genre in der geschriebenen Form ins Hintertreffen geriet.

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Hercules (produziert von Pacific Renaissance Pictures Ltd, 1995-1999) plünderte schamlos die griechische Mythologie und bereitete sie auf witzige und sympathische Weise neu auf. Der Spin-off Xena jedoch, aus demselben Stall (1995 bis 2001), wurde ein großer Kulthit. Bei im Prinzip den gleichen Grundlagen beschränkte sich Xena nicht auf die griechischen Mythen, sondern bediente sich querbeet bei den Geschichten der antiken Welt (wobei Xena in einer Woche an der Belagerung von Troja teilnahm und in der nächsten Julius Cäsar begegnete). Zum Teil bezog die Story ihren Reiz aus der Beziehung zwischen Xena und ihrem Sidekick Gabrielle. Irgendwann wurde den Produzenten bewusst, dass die Serie eine große homosexuelle Anhängerschaft anzog, aber anstatt den homoerotischen Subtext zu meiden, wie man es in früheren Serien getan hatte, betonten die Drehbuchautoren ihn daraufhin stärker und stellten Xena und Gabrielle immer mehr als Seelenverwandte dar. Im Kino war einer der besten Fantasyfilme der 1990er Anthony Minghellas Wie verrückt und aus tiefstem Herzen (1991), in dem eine Frau die Trauer um ihren Partner nicht aufgeben kann, weshalb er als Geist zurückkehrt und sie bewegen will, einen Schlussstrich zu ziehen – in erster Linie, indem er seine Freunde einziehen lässt. Der Film spielt zum Großteil in einer kleinen Wohnung, und die meiste Zeit sitzt der Geist da und zittert; es ist zwar ein sehr bewegender Film, jedoch keine sentimentale Geschichte, ganz im Gegensatz zu dem romantischen Drama Ghost – Nachricht von Sam (Regie: Jerry Zucker), das ein Jahr davor in die Kinos kam.

Autoren, die in dieser Zeit interessante Bücher verfassten, waren Lisa Goldstein (Dark Cities Underground, 1999), Maggie Furey (Windharfe, [1995]), Monica Furlong (Junipers Hexenkind [1995] und Michael Bishop (Brüchige Siege [1994]). Zwei Autoren, die in der Dark Fantasy aktiv waren, sind Nina Kiriki Hoffman (The Thread that Binds the Bones, 1993) und S.P. Somtow (Riverrun, 1991). Eine der besten Kinderbuchautorinnen der 1990er Jahre war K. A. Applegate, die als Katherine Applegate weit bekannter für umfangreiche romantische Serien war, aber bereits eine längere SF-Serie namens Animorphs veröffentlicht hatte (1996-2001, 54 Bände). Ihre Everworld-Serie für junge Erwachsene (1999-2001,12 Bände) lässt fünf Teenager in einem besonders gruseligen Nischenuniversum festsitzen, das von verbannten Göttern bewohnt wird. Im Zuge der generellen und grundlosen Geringschätzung von Serien für junge Leser wird es oft übergangen. Tom Holt wurde in Großbritannien in diesem Jahrzehnt wegen seiner humorvollen Neuschöpfungen bekannter Fantasy-Schauplätze sehr populär. Er hatte 1987 mit Wir haben Sie irgendwie größer erwartet begonnen, in dem die Welt der nordischen Götter über das moderne England hereinbricht, und sich in den 1990er Jahren dem fliegenden Holländer, Artus, Faust, Ali Baba und anderen Gestalten zugewandt. Ebenfalls interessant ist Caroline Stevermers A College of Magics (1994), eine verschrobene ruritanische Romanze, die in einem Mädchenpensionat spielt, das Hexen ausbildet, und Ein gutes Omen (1990) von Neil Gaiman und Terry Pratchett, eine Geschichte darüber, was passiert, wenn der Antichrist wirklich kommt und jemand mit dem Verstand eines Kreuzworträtselsüchtigen sich ein Buch mit Prophezeiungen vornimmt. In diesem Buch werden die großen Pläne, von denen so viele Fantasy-Geschichten geprägt sind, mit einer harten Realität aus Inkompetenz und guten Absichten konfrontiert.

Am Ende der 1990er war die Fantasy – wie dieses Kapitel demonstriert – gesünder und vielgestaltiger als je zuvor, doch die öffentliche Wahrnehmung des Genres wurde von drei britischen Autoren dominiert: Terry Pratchett, J. K. Rowling und Philip Pullman. Im nächsten Kapitel werden wir erläutern, wie es dazu kam.

Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


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Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

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