Queere Fantasy vs. Putin

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BUCH

Die vielen Farben der Magie: Queere Fantasy vs Putin


In V.E. Schwabs Weltenwanderer-Trilogie regiert Magie statt Heteronormativität. Das kam in Russland nicht so gut an – also wurde die schwule Romanze von zwei Protagonisten kurzerhand rausredigiert. Anja Kümmel über einen internationalen Literaturskandal. 

Wie könnte eine Welt aussehen, in der Macht und Einfluss nicht an Geschlecht, sexuelle Orientierung und heteronormative Ideale gekoppelt sind? Sondern – zum Beispiel – an Magie? V.E. Schwabs Weltenwanderer-Trilogie spielt diese queere Möglichkeitsforschung auf angenehm zugängliche Art durch. Es ist vor allem die Fähigkeit, sich zwischen verschiedenen Paralleluniversen – genauer gesagt: vier Versionen von London – hin und her zu bewegen, die einigen Figuren eine gewisse Macht, aber auch eine gesteigerte Verantwortung verleiht. Und bezeichnenderweise sind diese Weltenwanderer eben keine weißen, heterosexuellen Männer. Vielmehr ist Schwabs Welt – insbesondere das Rote London, die Heimat des Hauptprotagonisten Kell – inhärent pansexuell angelegt. »Ich bin fest davon überzeugt, dass sich die meisten Einwohner des Roten London genauso gut in eine Person des gleichen Geschlechts oder eine nicht-binäre Person verlieben könnten wie in jemanden des anderen Geschlechts«, erklärt die 30-jährige US-Amerikanerin im Interview.

Da Paarbeziehungen für sie beim Schreiben nicht im Vordergrund stehen (»Ich bin keine besonders romantische Autorin«), springt diese innewohnende Queerness allerdings nicht sofort ins Auge. So bleibt Kells Sexualität im Großen und Ganzen offen und formbar – abgesehen von einer zarten Annäherung an die androgyne Diebin Lila. Mit etwas Mühe lässt sich dieses Verhältnis als heterosexuell lesen, Schwab allerdings bezeichnet die beiden vielmehr als »partners in crime«.

»Homosexuelle Propaganda«

Pech für Romantik-Fans? Weit gefehlt! Eine zentrale Liebesgeschichte gibt es nämlich, die sich in Vier Farben der Magie bereits ankündigt und die nun im aktuell auf Deutsch erschienenen zweiten Band Die Verzauberung der Schatten an Bedeutung gewinnt: die turbulente Affäre zwischen Kells extravagantem Adoptivbruder Rhy Maresh und dem Piratenkapitän Alucard Emery.

Und genau diese schwule Romanze war es dann auch, die in den letzten Monaten für einen kleinen Skandal sorgte: Im August machte ein Leser Schwab darauf aufmerksam, dass in der russischen Übersetzung von Verzauberung der Schatten die pikanten Stellen einfach wegzensiert worden waren – ohne dass die Autorin oder ihre Agentur etwas davon mitbekommen hatten! »Ich bin total entsetzt«, twitterte Schwab zurück. Und fing an, der Sache auf den Grund zu gehen.

Einer Moskauer Zeitung gegenüber gab ihr russischer Verlag (Rosman) kurz darauf zu, eine Szene zwischen Rhy und Alucard gekürzt zu haben, um die nationale Gesetzgebung nicht zu verletzen. Tatsächlich gilt seit 2013 in ganz Russland ein Verbot »homosexueller Propaganda«, insbesondere gegenüber Kindern. Wer sich nicht daran hält, hat mit Geldstrafen bis zu eine Million Rubeln zu rechnen. Dass Rosman diese Summe nicht blechen wollte, ist verständlich – eigenmächtig Änderungen am Manuskript vorzunehmen, ohne die Autorin bzw. deren Agentur im Voraus zu informieren, ist und bleibt allerdings ein No-go. »Ob es nun ein Versehen oder ein absichtlicher Fehltritt war, sei dahingestellt«, ist Schwabs Meinung dazu: »Beides stellt leider einen Vertragsbruch dar.«

Die wichtigste Romanze der Serie

Konkret wurde insbesondere eine Szene, in der sich Rhy und Alucard nach drei Jahren zum ersten Mal wiedersehen, auf wenige Zeile zusammengekürzt. Sätze wie »Als Alucards Blicke langsam und gierig über seinen Körper wanderten, errötete Rhy. Hitze durchflutete seinen Körper, kroch ihm über Hals und Brust bis in die Lenden« würde hierzulande wohl kaum jemand als jugendgefährdend einstufen – für den russischen Buchmarkt waren sie jedoch eindeutig zu heiß.

»Ich habe die englische Ausgabe mit der russischen verglichen, in der alle Änderungen markiert waren. Sämtliche romantischen Konnotationen waren entfernt worden«, erzählt die Autorin. Ihre Haltung zu diesem Vorgehen ist klar: »Sie haben etwas getan, das potenziell sogar schlimmer ist, als die Figuren oder den ganzen Handlungsstrang zu streichen – sie haben einen zentralen Aspekt ihrer Identität ausradiert.« Und diese Identitäten beinhalteten eben, dass Alcuard schwul und Rhy bisexuell ist. »Die Beziehung zwischen Alucard und Rhy fungiert als treibende Kraft im letzten Band«, erläutert Schwab. »Für mich als Autorin ist sie definitiv die wichtigste Romanze in der Serie.«

Demgegenüber mutet die Behauptung des Verlags, trotz der massiven Kürzungen den »romantische Plot im Ganzen erhalten« zu haben, wie ein schlechter Witz an. Denn es geht ja nicht nur um isolierte Szenen, sondern gleichermaßen um das Beziehungsgeflecht zwischen sämtlichen Figuren. Zum einen ergibt Kells Abneigung gegen Alucard keinen Sinn, wenn man nicht um dessen Beziehung zu Rhy weiß. Zum anderen fungiert das Auf und Ab zwischen Alucard und Rhy vor allem im dritten Band als Spiegel der Beziehung zwischen Kell und Lila.

Apropos Lila: Wie erging es eigentlich der Diebin in Männerkleidern, die davon träumt, Piratenkapitän zu werden? »Lila ist durch die Zensur gekommen, weil ihre queere Identität zwar angedeutet, aber nie explizit ausformuliert wird«, vermutet Schwab. »Das hat vor allem mit der Zeit zu tun, in der das Buch spielt: Wäre Lila eine Figur aus dem Jahr 2017, wäre sie zweifellos genderqueer. Aber im Text würde ich sie nicht so bezeichnen, denn damals standen ihr diese Begriffe gar nicht zur Verfügung.«

In dem (missglückten) Versuch, durch die Streichung schwuler Inhalte ein inhärent queeres Buch etwas weniger queer zu machen, liegt damit auch eine traurige Ironie – die nicht zuletzt an den Einfluss des Hays Code auf viele US-amerikanische Spielfilme der 1930er bis 50er Jahre erinnert. Abweichungen von der heterosexuellen Norm wurden damals oft in einer Weise codiert, die von eingeweihten ZuschauerInnen wahrgenommen werden konnte, die Zensur jedoch passierte. Dass Russland im 21. Jahrhundert die USA der 1950er imitiert, könnte gut und gerne eine düstere Zeitrissfantasie aus der Feder eines Philip K. Dick  sein – ist aber leider Realität, wie man an diesem Vorfall sieht.

Die verheerenden Auswirkungen der russischen Gesetzgebung

Die gute Nachricht ist, dass Schwab inzwischen eine neue Heimat für ihre Trilogie gefunden hat: den renommierten russischen Verlag AST. Er hat sich dazu verpflichtet, alle drei Bände ohne Kürzungen  zu veröffentlichen. Allerdings müssen die Bücher in Plastikfolie eingeschweißt werden und dürfen nur an Erwachsene verkauft werden. Da die Weltenwanderer-Trilogie zur Crossover-Literatur zählt, die Erwachsene ebenso wie Jugendliche anspricht, ist dieses Zugeständnis natürlich ein Wermutstropfen. Gerade, weil Schwab aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig es ist, als Heranwachsende/r mit verschiedenen (Geschlechter)Rollen-Angeboten und Beziehungsformen in Berührung zu kommen – wenn schon nicht in der Realität, dann wenigstens auf Papier. »Wenn ich als Teenager einen besseren Zugang zu einer breiten Palette an queeren Geschichten gehabt hätte, hätte ich wahrscheinlich sehr viel schneller herausgefunden, wo ich mich wiederfinde innerhalb der queeren Community, wo ich am ehesten ich selbst sein konnte.«

Bei allem Ärger, den der Zensurskandal für die Autorin und ihre russischen LeserInnen bedeutet, hat er doch immerhin etwas Gutes: Die verheerenden Auswirkungen der russischen Gesetzgebung auf die Literatur kamen auf diese Weise in die Presse und riefen weltweite Proteste hervor. Zugleich hat die schiere Möglichkeit, sich andere Welten vorzustellen – zum Beispiel ein blühendes, queeres Rotes London im Vergleich mit dem magielosen Grauen London –, noch einmal an Bedeutungskraft gewonnen.

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