Interview mit Gerald H. Leonard über die Entstehung seines Debütromans »Kup-pelwelt«

©2014 fotostudio-charlottenburg

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Interview mit Gerald H. Leonard über die Entstehung seines Debütromans »Kuppelwelt«


TOR Team
14.11.2017

»›Den Warpkern mit Tachionen fluten und so mithilfe des entstehenden Antiprotonenstrahls die Schildmatrix auf der negativen Achse zu polarisieren‹, finde ich als Lösungsansatz nicht so toll.« 


Jom lebt in einer idealen Welt: Die Menschen haben es geschafft, sich von ihrem tierischen Erbe zu lösen. Gewalt, Neid und Hass sind nur noch leere Wörter ohne Bedeutung. Die Menschen regulieren ihre Gefühle mithilfe von »Infusoren«, Geräte, die an ihrem Unterarm befestigt sind. Nach einer globalen Seuche haben sie sich in Kuppelstädte zurückgezogen.

Es ist eine Welt ohne Geld, ohne Kriege, ohne Familien und ohne Religion. Alle Menschen sind gleich und leben ihr Leben in Harmonie und Einheit.

Doch Jom ist anders. Und Anderssein passt nicht in diese Welt. Jom bekommt Probleme, er sondert sich ab und führt ein einsames Leben, den Kopf voller Fragen, die er niemandem stellen darf. Joms Unzufriedenheit wächst, und immer dringlicher wird der Wunsch, die Kuppelwelt zu verlassen. Doch selbst wenn ihm das gelingen sollte, erwartet ihn draußen eine rätselhafte Welt – und ein finsteres Geheimnis, von dessen Existenz er nichts ahnt …

Gerald H. Leonard

©2014 fotostudio-charlottenburg

Der Verlag vergleicht deinen Roman mit klassischen Dystopien wie „Schöne neue Welt“ und „1984“. Was sind deine literarischen bzw. filmischen Vorbilder für die Kuppelwelt? Oder hat dich etwas völlig anderes inspiriert?

Na ja. Hier trägt der Verlag etwas dick auf. Ich gehe nicht davon aus, dass mein Roman in Zukunft in einem Atemzug mit den beiden Klassikern genannt werden wird.

Ich wollte eine vordergründig utopische Welt erschaffen. Grundlage war mein eigener Kindheitstraum von einer »gerechten« Welt.

Aufgewachsen bin ich in der Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, des sauren Regens, und mit dem von den neu aufgekommenen Grünen als sicher angenommenen Weltuntergang – wahlweise durch Pershing-II-Raketen oder explodierende Atomkraftwerke.

So träumte ich von einer Welt, in der sich alle liebhaben, alle Menschen gleich sind, keiner mehr arm oder krank ist. Und ökologisch muss sie sein. Am besten ziehen sich die Menschen in Kuppeln zurück, dachte ich, und überlassen die Natur sich selbst.

Als ich in die Pubertät kam, wurde meine Traumwelt natürlich noch um Sex erweitert, jede Menge Sex; am besten ohne Verpflichtungen, ohne Angst vor Krankheiten und ohne Druck durch lästige Besserwisser wie die Familie oder Kirchen.

Wenn man dann erwachsen wird, verliert die Idee einer solchen Gesellschaft ziemlich an Strahlkraft. Einerseits ist die Idee »der totalen Gleichheit« (bitte mit Hitlers Stimme lesen) ganz schön rassistisch, und außerdem kommt man ins Grübeln, ob eine Gleichmacherwelt ohne Geld so toll ist, wenn man als Erwachsener den vom ersten eigenen Geld (gebraucht) gekauften Mercedes poliert.

Also entwarf ich eine Welt, in der es keine Gewalt gibt, und in der alle in Harmonie die Hymne der Einheit singen. Eine kleine Heldenreise später entpuppt sie sich als etwas ganz anderes. Was genau, möchte ich den Lesern natürlich noch nicht verraten.

 

Das heißt, du hast dich nicht so sehr an bestehenden Science-Fiction-Welten orientiert?

Wie gesagt hat eine Kindheitsfantasie alles ins Rollen gebracht, aber als ich dann als Erwachsener angefangen habe zu schreiben, gab es natürlich vielfältige Einflüsse.

Ich habe in meinem Leben viele SF-Romane gelesen und alles gesehen von »Raumschiff Orion« bis zu »Star Trek: Discovery«. Da war viel Gutes dabei, aber auch Schlechtes. Es ärgert mich, wenn eine Geschichte durch »plot holes« unglaubwürdig wird. Rey hat also eine Verbindung zu Luke Skywalker. Und der Millennium Falcon parkt seit 30 Jahren direkt in ihrem Städtchen? Und sie bauen einen dritten Todesstern, obwohl ihnen die zwei davor unter ihrem Arsch weggeblasen wurden? Also, wer ein drittes Mal an einen elektrischen Zaun pinkelt, um zu sehen, ob es immer noch so zeckt, dem ist nicht zu helfen.

Und ich finde es noch schlimmer, wenn z.B. Lieutenant Data angesichts einer bis eben noch einhellig als komplett ausweglosen beschriebenen Situation vorschlägt, »den Warpkern mit Tachionen zu fluten und so mithilfe des entstehenden Antiprotonenstrahls die Schildmatrix auf der negativen Achse zu polarisieren«, was dann den Konflikt (meist explosionsartig) auflöst.

Ich habe mich also hingesetzt und gesagt: »Ich kann das besser!«. Um mal Jochen Malmsheimer zu zitieren: »Welch groteske Selbstüberschätzung!«

Ich wollte eine spannende Geschichte in einer Welt erzählen, die glaubwürdig und konsistent gestaltet wurde. Das Ganze hat mich dann gut 10 Jahre gekostet.

 

Klingt nach einer ganz schön langen Reise. Was waren die Herausforderungen beim Weltenbau?

Am Anfang habe ich einfach losgeschrieben, wie man das halt als unerfahrener Autor so macht. Doch bald schon kam ich darauf, dass sich der Leser fragen wird, woher diese Infusoren (am Arm des Mitgliedes befestigte iPhone-artige Infusions-, Überwachungs- und Kommunikationsgeräte) kommen oder warum die Menschen überhaupt in Kuppeln leben.

Also musste ich eine glaubhafte Welt erschaffen. Wie ist es zu den Kuppeln gekommen? Die Antwort darauf ist eine globale Seuche, vor der sich die Menschen zurückzogen. Die Kuppeln dienten aber nicht nur dem Schutz vor der Krankheit, sie waren auch äußert wehrhaft und mit allen Waffengattungen bestückt, die das 22. Jahrhundert zu bieten hatte. Als die Menschen bemerkten, dass es vor allem die Reichen und Mächtigen waren, die sich in die Kuppeln zurückzogen, war es schon zu spät.

Die Infusoren waren zur Bekämpfung der Seuche nötig, da der Impfstoff täglich verabreicht werden musste, so wie bei einer Insulinpumpe. Bald schon kamen die Mächtigen der Kuppeln auf die Idee, auch andere Stoffe zu verabreichen: Beruhigungs- und Verhütungsmittel sowie »Belohnungsinfusionen« für das in den Kuppeln benötigte arbeitende Volk. Man kennt das: Wenn eine mächtige Technologie existiert, ist die Versuchung groß, sie für Zwecke einzusetzen, die zwar praktisch, aber ethisch fragwürdig sind.

Später ersann man die Farbcodes, mit denen die Mitglieder ihre Infusionen selbst steuern konnten. Das verbesserte die Beeinflussung sogar. Die vollautomatische Unterdrückung aller menschlichen Triebe macht die Menschen zu (wenn auch nur rudimentär) funktionierenden Maschinen.

Nicht alles, was ich hier beschrieben habe, findet sich so auch im Roman wieder. Ich habe historische Berichte der Kuppelwelt geschrieben und Mind Maps von absurder Größe erstellt. Ich habe sogar ein Lehrbuch für Berater (eine Mischung aus Mentor und Überwacher, die jedem Kuppelwelt-Mitglied zugeteilt wird) geschrieben. Doch all das war nötig, damit die Kuppeln zum Leben erwachen und zu einer glaubhaften Welt werden.

Der nächste Punkt ist, die Welt interessant zu machen. Wie lebt man mit den Infusoren und der Überwachung? Was geschieht bei abweichendem Verhalten? Gibt es Strafen oder andere Maßnahmen? Um all dies zu zeigen, begleiten wir Jom, den Helden des Romans, beginnend mit dem Kindergarten durch sein Leben in der Kuppelwelt.

Durch die Dinge, die Jom widerfahren, wird einerseits die Story vorangetrieben, andererseits wird die Welt erklärt, ohne allzu viel Exposition .Und Jom durchlebt alles. Ich will nicht zu viel verraten, aber durch seine Andersartigkeit und Aufsässigkeit kriegt er natürlich das volle Programm mit, das die Kuppeln so an Überwachung und Maßnahmen gegen Abweichung zu bieten haben.

 

Wie ist die Figur Jom entstanden? Was war die ursprüngliche Idee, und wie hat sich die Figur im Laufe der Arbeit am Roman verändert?

Jom wurde natürlich anfangs als makelloser Held entworfen. Wie man das halt so macht, wenn man keine Ahnung vom Schreiben hat. Er sollte intelligent, witzig, charmant und noch so einiges mehr sein.

Als Held meiner Geschichte musste er natürlich »anders« sein als die anderen normierten Mitglieder. So bekam er die eigentlich schon längst weggezüchteten, blauen Augen. Aber es gibt auch Eigenschaften, die man nicht sieht: Er hinterfragt Dinge, über die sich kein anderer Gedanken macht. Er durchschaut Widersprüche, er ist intelligenter als die anderen.

Doch im Laufe des Romans nehmen andere Wesenszüge Gestalt an. Und nichts davon war von mir geplant! Wenn man als Autor nach 200 Seiten plötzlich innehält, »Was für ein arrogantes Arschloch!« sagt und damit seinen eigenen Helden meint, merkt man, dass sich da etwas getan hat.

Es ist sehr viel Wut in ihm. Wut, die er in einer pazifistischen Welt nicht ausleben kann. Er kann arrogant und gefühlskalt sein. Das äußert sich z.B. darin, dass eine Freundin vor seinen Augen stirbt und er sie die nächsten 200 Seiten nicht mit einem Wort erwähnt. Was ist da passiert? Es dauerte, bis ich erkannte, worin sein Verhalten begründet war: Er ist in einer lieblosen Welt aufgewachsen! In der Kuppelwelt wird zwar viel von Liebe geredet und es gibt ja auch keinerlei Gewalt, aber es ist immer die Liebe zur Gemeinschaft gemeint. Liebe zwischen Menschen wird mit mehr oder weniger subtilen Methoden unterdrückt. Jom kennt keine echten Beziehungen. Eine Freundin zu haben bedeutet nie mehr als Sex mit jemanden, den man nicht mehr dazu überreden musst. Es gibt in der Kuppel keine Familien, keine Liebesromane oder irgendetwas anderes, das Jom beigebracht hätte, wie man eine Beziehung aufbaut und wie man liebt.

Anscheinend habe ich meine Welt so konsequent gebaut, dass sich meine Figuren genau so benehmen, wie es ihnen in dieser Umgebung möglich ist. Ich als Autor war allerdings der Letzte, der darüber informiert wurde. 

 

Auch wenn der Roman eine abgeschlossene Handlung hat, gibt es doch noch einiges über den Protagonisten Jom und die Geschehnisse im Universum der Kuppelwelt zu erzählen. Planst du eine Fortsetzung? Und was kannst du uns darüber erzählen?

Also geplant ist sie schon, aber erst mal muss dieser Roman seine Leser finden. Sollte dieses Wunder geschehen, bleibt natürlich einiges offen. Ich kann hier natürlich nicht allzu viel verraten, aber Jom hat die Kuppelwelt am Ende des Romans verändert. Doch wie geht es weiter? Was ist mit den Figuren, die ihm das Leben schwergemacht haben oder die ihm wichtig waren? Es ließe sich noch so vieles über die Kuppelwelt schreiben. Wo kam alles her? Und was passiert nach den von Jom angestoßenen Ereignissen? Wie sieht die nahe und wie die ferne Zukunft der Kuppelwelt aus?

 

Wir sind gespannt! Vielen Dank für das Interview!

 

 

»Kuppelwelt« von Gerald H. Leonard ist am 14.11.2017 als eBook bei beBEYOND erschienen. 

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