»Jeder meiner Romane überrascht mich«: Guy Gavriel Kay im Interview

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»Jeder meiner Romane überrascht mich«: Guy Gavriel Kay im Interview


TOR Team
02.11.2017

Guy Gavriel Kay, der erfolgreichste Fantasy-Autor Kanadas, entführt uns in seinem aktuellen Buch »Am Fluss der Sterne« zum zweiten Mal nach Kitai, in das magische Reiche der Mitte. Im Interview mit Robert Rhodes von www.fantasyliterature.com spricht er über alternative Geschichte, Blitz-Expertise und seine Lieblingsschriftart.

Ich halte hier eine wunderschöne Ausgabe von Ihrem Roman »Am Fluss der Sterne« in den Händen. Genau wie Ihr letztes Buch, »Im Schatten des Himmels«, spielt der Roman im Land Kitai, einem ›alternativen‹ China, aber in recht unterschiedlichen Epochen. Erzählen Sie uns doch bitte etwas über das Kitai Ihres neuen Romans. Wie unterscheidet es sich von dem Kitai aus »Im Schatten des Himmels«?

»Am Fluss der Sterne« ist keine Fortsetzung von »Im Schatten des Himmels«, schon allein deshalb nicht, weil der Roman 350-400 Jahre später spielt. Es ist teilweise eine Abkehr vom dynastischen China, wie ich es bisher in vielen meiner Bücher beschrieben habe. Der Hauptunterschied ist, dass das Reich nun kleiner, begrenzter, nicht mehr so gewaltig ist wie in den früheren Büchern – und das hängt zum Teil damit zusammen, wie sich die Dynamik zwischen Militär und Justiz über die Jahrhunderte entwickelt hat. Diesmal habe ich mich von der Song-Dynastie inspirieren lassen, von der manche Historiker sagen, dass sie die Keimzelle des ›neuen‹ Chinas in sich trägt und das Ende der ›mittelalterlichen‹ Periode markiert.

Nachdem »Im Schatten des Himmels« erschienen ist, sind Sie nach China gereist. Würden Sie uns von Ihren Erfahrungen dort berichten und uns verraten, ob diese Erlebnisse womöglich »Am Fluss der Sterne« beeinflusst haben?

Ich denke nicht, dass die Reise einen unmittelbaren Einfluss darauf hatte, wie das Buch entstanden ist. Aber man ist mir in China sehr freundlich begegnet, und das könnte mich unterschwellig dazu bewegt haben, mich weiter mit dem Land zu beschäftigen. An der Pädagogischen Universität Peking fand ein Symposium über mein Werk. Fünf oder sechs Vorträge wurden auf Chinesisch gehalten, und für mich hatte man eigens einen Dolmetscher bereitgestellt. Ein Vortrag wurde von einem Wissenschaftler gehalten, der »Im Schatten des Himmels« auf Englisch gelesen hatte und der das Buch unglaublich wohlwollend aufgenommen hat. Es war beruhigend und gleichzeitig aufregend zu sehen, dass die chinesischen Literaturkritiker und Akademiker ›begreifen‹, was ich tue, und dass sie den Respekt erkennen, der meinem Ansatz zugrunde liegt, Geschichte unter Verwendung phantastischer Elemente zu thematisieren.

Das Phantastische schlägt sich auch in der Gestaltung der Charaktere nieder. Zu den wichtigsten Figuren in »Am Fluss der Sterne« gehören, neben vielen anderen, Ren Daiyan und Lin Shan. Wer sind diese Figuren, und wie sind Sie auf sie gekommen?

Nun ja, einerseits sind sie erfunden, wie alle meine Figuren. Ich bediene mich beim Schreiben unter anderem deshalb phantastischer Elemente, weil ich nicht vorgeben will, ich wüsste, was reale Menschen früher gedacht oder gefühlt haben, oder was ihre Lieblingsposition im Bett gewesen sein mag. Wenn ich also sage, dass Figuren wie die zwei genannten oder andere manchmal von echten Menschen inspiriert sind, dann ist es das – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zu beiden Figuren haben mich Personen aus der Zeit der Song-Dynastie inspiriert, aber ihre Persönlichkeit – und die Ereignisse in ihrem Leben, auch der Zeit, die sie gemeinsam verbringen – sind Teil der Geschichte Kitais, nicht der von China! Das ist mir wichtig. Und was ihre Entstehung betrifft: Ich wollte Charaktere entwickeln und ergründen, die in ihrem Wollen und Streben mit den Zwängen und Einschränkungen in Konflikt geraten, die ihnen ihre Kultur auferlegt, indem sie Männern und Frauen (besonders Frauen) vorschreibt, wer sie sein und was sie tun dürfen.

Gibt es Figuren im Roman, die Sie überrascht haben? Die sich zum Beispiel in die Geschichte hineingedrängt oder sich nicht so verhalten haben, wie Sie es geplant hatten?

Die gibt es immer, in jedem Buch. Ich schreibe vorher kein Konzept – das Schreiben ist ein Erkundungsprozess. Da werde ich zwangsläufig von Personen (und Plot-Elementen) überrascht. Es gibt eine Menge von Figuren, aus deren Perspektive erzählt wird (einen Assassinen; einen Magistrat, der einen großen Wandel durchmacht; einen Steppenjungen; eine Dorfbewohnerin mit einer kranken Tochter und viele andere), die aber in der ersten Entstehungsphase des Buches überhaupt nicht vorkamen. Jeder Roman überrascht mich, erschüttert mich manchmal sogar.

Aus Leserperspektive kann ich sagen, dass es nicht nur Ihnen so geht. Für mich ist Lin Shan eine außergewöhnliche Figur – sie ist diejenige, die ganz besonders in Konflikt mit ihrer Kultur steht. Sie beherrscht eine Kunst, die in Kitai hoch geschätzt wird, nämlich die Kalligraphie. In einer Szene ziemlich am Anfang des Buches bereitet sie sich darauf vor, einen wichtigen Brief zu schreiben, und Sie erzählen, wie sie die Tinte anrührt und sich auf die richtige Haltung und den richtigen Schreibstil konzentriert. Wie haben Sie zur Kalligraphiekunst recherchiert? Und allgemeiner, wie viel Recherche betreiben Sie für Ihre Romane, und wie läuft sie ab?

Die eigentliche Recherche war relativ unkompliziert, denn über Kalligraphie damals und heute gibt es eine Menge Literatur. Außerdem promovierte einer meiner besten Freunde über Kalligraphie zur Zeit der Song-Dynastie. (Das war nützlich!) Ich wollte etwas machen, was ich schon früher gemacht habe (etwa im Fall der Mosaikkunst): Expertise und Kunstfertigkeit unter Beweis stellen, indem ich mich auf technische Details konzentriere. Die Recherche ist bei allen meinen Büchern der Teil der Arbeit, der mir am meisten Spaß bereitet. In dieser Phase lerne ich einfach viel Neues, mache mir Notizen, und da ich mich dazu entschlossen habe, ein Buch zu dem betreffenden Thema zu schreiben, ist das Material für mich naturgemäß interessant. Erst wenn sich bei mir die vorwurfsvolle innere Stimme meldet und mich daran erinnert, dass aus all dem ein Buch entstehen soll, werde ich unruhig. Meistens betreibe ich meine Recherche, indem ich lese, manchmal reise ich auch, aber immer häufiger stehe ich auch in Korrespondenz mit Wissenschaftlern, die schon seit vielen Jahren zu den Themen forschen, über die ich mehr wissen möchte. Manchmal kommt es sogar zu einem persönlichen Treffen. Ich lerne eine Menge dabei, und ab und an entstehen daraus auch Freundschaften. Mich als Autor freut besonders, dass mein sehr eigenwilliger schriftstellerischer Ansatz, Geschichte fiktional zu verarbeiten, von Seiten der Wissenschaft Unterstützung findet. Wie die chinesischen Forscher in Peking verstehen die meisten Historiker offenbar, dass hinter meiner Arbeit Respekt vor der Geschichte steht und dass ich auf keinen Fall den Anspruch erhebe, zu wissen, wie es wirklich gewesen ist.

Der Großteil der heute Über-30-Jährigen ist wohl damit aufgewachsen, dass man Texte mit der Hand schreibt, und dann erst später zum Tippen übergeht. Schreiben Sie eigentlich per Hand oder tippen Sie lieber? Und wenn Sie in Kitai leben würden, was würde Ihre Handschrift über Ihren Charakter verraten? Und für die Computer-Puristen: Haben Sie eine Lieblingsschriftart?

Tolle Frage. Als ich jung war, hatte ich tatsächlich eine ziemlich gute Handschrift (und das, obwohl ich Linkshänder bin, was es deutlich schwerer macht). Von meinen ersten Rucksackreisen durch Europa habe ich Aerogramm-Briefe nach Hause geschrieben, über die ich heute staune: dass ich damals so klein und ordentlich schreiben konnte (der Platz beim Aerogramm war beschränkt, das war ein Papierbogen, den man, um ihn zu verschicken, zum Brief falten musste). Und heute? Meine Recherche-Notizen mache ich immer noch überwiegend per Hand in schwarze Kladden, aber niemand außer den Menschen, die mir nahestehen, würde je behaupten, dass meine Handschrift auch nur im Entferntesten schön ist. Heute tippe ich alle Bücher (ich bin einer der frühen Mac-Geeks gewesen). Meine ersten drei Romane habe ich allerdings per Hand und mit einem Füllfederhalter geschrieben und später abgetippt. Ziemlich verschroben, nicht wahr? Ich bin kein Schriftarten-Fetischist, aber da Sie gefragt haben: Meine Word-Standardeinstellung ist die Bookman Old Style.

Bleiben wir beim Papierkram: Obwohl das Reich Kitai in »Am Fluss der Sterne« an Größe verloren hat, floriert dort die kaiserliche Bürokratie. Sie sind von Ihrer Ausbildung her Jurist, und zu den Hauptfiguren in Ihren Romanen gehören immer wieder Herrscher. Wie haben Ihre eigenen Erfahrungen mit Recht, Herrschaft und Politik Ihr Werk beeinflusst?

Auch eine tolle Frage. Und was die Bürokratie im Buch betrifft, da haben Sie recht. Wenn eine Nation oder ein Imperium im Niedergang begriffen ist, dann wird die Verwaltung oftmals rigider. Ich bin mir ganz sicher, dass wir alle in vielerlei und meist auch unmerklicher Hinsicht ›beeinflusst‹ werden. (Welche Bücher oder Schriftsteller einen Autoren geprägt haben, oder welche Maler einen Künstler, wird völlig überbewertet.) Aber hat mein Interesse an den für die Gesellschaft gefährlichen dunklen Seiten des menschlichen Wesens mein Interesse an Jura geweckt, oder hat mich meine Auseinandersetzung mit dem Strafrecht dazu gebracht, in einer bestimmten Art und Weise zu schreiben? Verstehen Sie, worauf ich hinaus will? Man kann es so oder so interpretieren. Ich denke, dass das praktische Training im Gerichtssaal mein Schreiben in einer Hinsicht stark beeinflusst hat: Richter und Anwälte müssen sich die Fähigkeit aneignen, ›Blitz-Experte‹ zu einem Thema zu werden. Damit ist keine ›echte‹ Expertise gemeint, aber man muss schnell auf einen Wissensstand kommen, von dem aus man einen Fachmann auf seinem Spezialgebiet befragen oder ins Kreuzverhör nehmen kann. Bei meinen Recherchen zu verschiedenen Epochen und Zeiterscheinungen (byzantinische Wagenrennen!) sind solche Fertigkeiten sicherlich von Nutzen.

Ihre Romane haben inzwischen weite Teile Europas und Asiens erkundet – und Toronto, wenn man an »Die Herren von Fionavar« denkt. Für welche Schauplätze in Raum und Zeit interessieren Sie sich jetzt, nach der Fertigstellung von »Am Fluss der Sterne«? Mit anderen Worten: Worüber schreiben Sie eventuell als Nächstes?

Netter Versuch, Robert! Aber Spaß beiseite, nach wie vor gilt meine Standardantwort: Ich weiß vorher nie, worum es in meinem nächsten Buch gehen wird. Jetzt, in dem Moment, wo ich dieses Interview gebe, weiß ich es nicht. Eine einzige Ausnahme gibt es: Nach »Ysabel« war mir klar, dass ich ein Buch schreiben würde, das mit China zu tun hat. Das war ganz ursprünglich mein Vorsatz gewesen. Doch dann hat mich Südfrankreich ›gepackt‹. Wir sind dorthin gefahren, weil ich dort Recherche betreiben wollte, um ein Buch über die Seidenstraße zu schreiben. Nach so vielen Jahren in die Provence zurückzukehren, das hat mich überwältigt: die ganzen Dinge, die ich gesehen, gehört, gerochen, geschmeckt, gefühlt habe, und der Geist der Vergangenheit, der überall spürbar ist … und so ist dann »Ysabel« entstanden. Dieses eine Mal wusste ich, was als Nächstes kommen würde. Aber selbst damals hat es sich noch einmal verschoben: »Im Schatten des Himmels« ist letztendlich kein Buch über die Seidenstraße geworden, aber es ist von der Zeit der Tang-Dynastie beeinflusst.

Phantastisch. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, und Cheers!

 

Quelle: Rob Chats with Guy Gavriel Kay about A River of Stars, mit freundlicher Genehmigung von Robert Rhodes; zuerst erschienen auf www.fantasyliterature.com; aus dem Amerikanischen von Anne-Marie Wachs

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