Fünf Bücher, die »Stranger Things«-Leser in neue Anderswelten mitnehmen

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Fünf Bücher, die »Stranger Things«-Leser in neue Anderswelten mitnehmen


Die perfekte Reiseliteratur für regnerische Tage und Ausflüge ins Dunkel. Hier kommen fünf Buchtipps, die dich in neue Anderswelten mit »Stranger Things«-Feeling mitnehmen. 

Einmal Upside Down und zurück: Innerhalb der ersten drei Tage schauten Millionen von Zuschauern die zweite Staffel von »Stranger Things«. Und der Erfolg hält an. Kaum eine US-Serie löste so viele Diskussionen im Netz aus. Der Kampf von Eleven, Mike, Dustin, Lucas, Will und Sam gegen das Böse aus der Anderswelt nimmt die Zuschauer mit. Doch was bleibt dieses Mal? Wieder viel Nostalgie, Anspielungen auf die Achtzigerjahre, Horror und Ghostbusters. Dazu tut sich eine Lücke im Alltag auf, wenn nach den neun Folgen kein Nachschub vorhanden ist. Dabei bot die Handlung nicht einmal viel Neues. Vielmehr erzählte die Serie fast dieselbe Geschichte wie in der ersten Staffel, lediglich mit größerem Monster und Sean Astin.

Macht aber nichts, denn »Stranger Things« zieht trotzdem. Was an den tollen Figuren und der beeindruckend dichten Atmosphäre liegt. Aber: Was jetzt tun? Allen popkulturellen Referenzen der Serie aus den ungezählten Filmen nachzuspüren? Mitnichten, wir schaffen Abhilfe. Hier kommen fünf Buchtipps für Fans der Serie »Stranger Things«.

 

Joe Hill – Christmasland

Wenn Victoria McQueen über die verfallene Shorter Way Bridge fährt, bringt sie die Brücke nicht über einen Fluss. Vic kommt dort heraus, wo sie es sich wünscht. Entfernungen? Machen der Brücke nichts, sie fungiert als Wurmloch durch eine andere Dimension. Über diesen Weg findet Vic nicht nur alte Fotografien und verlorenen Schmuck wieder. Auch Antworten auf Fragen tun sich ihr mit dieser Methode auf. Und Charles Talent Manx. Mit seinem Roll Royce Wraith gabelt er Kinder auf, um sie ins Christmasland zu bringen. Dort warten Qualen auf seine Opfer, die sich in Monster verwandeln. Die Kinder verlieren dabei ihre Seelen, so bezieht Manx seine Lebenskraft. Vic begegnet dem alten Mann in ihrer Jugend, kann sich jedoch retten. Das vergisst sie nicht, das vergisst Manx nicht. Für Vic steht danach fest, dass sie dieses Böse nie wiedersehen will, dass sie sich vor ihm verstecken muss. Doch Jahre später entführt Manx ihren Sohn. Jetzt bleibt nur ein Weg: Vic muss Manx finden – in Christmasland. Dieser Ort erweist sich in dem gleichnamigen Roman von US-Autor Joe Hill als eine obskure Hölle einer anderen Dimension. Der Mond grinst mit einer widerlichen Fratze auf die Landschaft, unter dem Eis eines gefrorenen Sees zeigen sich verlorene Seelen als verzerrte Gespenster. Doch nicht nur diese andere Welt erinnert an »Stranger Things«, denn Hill hat als Sohn von Stephen King in diesem Roman besonders viele Verweise auf das Werk seines Vaters eingebaut. Neben Es und Mr. Mercedes erinnert vor allem das merkwürdige Auto von Manx, jener Rolls Royce Wraith, der fast ein Eigenleben zu haben scheint, an Kings Roman Christine aus dem Jahr 1983. Und das große Finale von Christmasland, die Schlacht zwischen dem Guten und dem Bösen, steht den letzten Szenen der beiden Staffeln von »Stranger Things« in nichts nach.

Stephen King – Es

Okay, hier kommt sie, die obligatorische Nennung von Stephen Kings Es. Der Roman erschien 1986 und avancierte innerhalb kürzester Zeit zum weltweiten Bestseller. Kings fiktiver Ort Derry prägt bis heute das Bild der typischen US-Kleinstadt. Der erfolgreichste Horrorautor aller Zeiten schuf sich mit diesem Buch selbst ein Denkmal – und fasste Schrecken und Zeitgeist nie wieder so konzentriert und perfekt zusammen. Das Böse lauert hier in der Kanalisation von Derry auf seine Opfer, alle 28 Jahre erwacht es und muss fressen. Dabei zeigt es sich auffällig oft und unverhohlen als Clown Pennywise, raubt Kinder aus der Nachbarschaft und sucht den kleinen Ort heim. Nachdem dieses Böse seinen Bruder George frisst, beschließt Bill gemeinsam mit seinen Freunden, es zu jagen und zu besiegen. Selbst wenn sie dafür in das Labyrinth der Kanalisation unter Derry absteigen müssen. Auf über 1500 Seiten erzählt King von den Ängsten der Kindheit, kein anderer Autor hat jemals die vergangenen Sommer dieser Zeit besser mit Wörtern eingefangen. Auf zwei Zeitebenen lässt King seinen »Klub der Verlierer« gegen Pennywise antreten, jedes Kind muss dafür seine eigene Hölle durchlaufen. Die letzte Schlacht  macht nur einen kleinen Teil dieses Romans aus, vielmehr erzählt King vom Ende der Kindheit, jener Schwelle, die jeder einmal übertreten muss. Dann gibt es kein Zurück mehr, willkommen im Alltag der Erwachsenen. Nur: Unsere Ängste bleiben nicht hinter dieser Schwelle zurück, sie kommen mit in die neue Welt, in das Leben nach der Kindheit, verfolgen uns weiterhin. Lediglich eine einzige Sache bietet eine Rettung: Freundschaft. Das dürften Mike, Dustin und Co. aus »Stranger Things« ebenfalls so sehen – auch wenn sie noch ein paar Jahre Zeit bis zum Erwachsenenalter haben.

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John Ajvide Lindqvist – Himmelstrand

Willkommen in der Unendlichkeit! Zehn Menschen verschwinden auf einmal von einem Campingplatz und finden sich unter einem strahlend blauen Himmel wieder – ohne Sonne. Darunter: Gras, jede Menge sattgrünes Gras. Ein Kontakt zum Rest der Welt? Unmöglich. Im Radio läuft stets der Schlager des Schweden Peter Himmelstrand. Einen Ausweg, eine Zuflucht vor diesem Ort scheint es nicht zu geben. Wer sich ins Auto setzt und immer in Richtung Horizont fährt, sieht nicht mehr als jenen und das Gras. Die Navigationsgeräte versagen, der eigene Orientierungssinn verschwindet. In diesem gespenstisch leeren Ort gesellt sich bald der Lagerkoller zu den Campern. Alte Streitigkeiten brechen wieder aus, verdrängte Abscheu steigt wieder hoch. Allerdings verkommt dies schnell zum kleineren Problem: Denn dunkle Wolken zeichnen sich bald am Himmel ab – es regnet Säure. Und als wäre das nicht genug, schlurfen bald die persönlichen Albträume der Camper hinter ihnen her. Der schwedische Autor John Ajvide Lindqvist hat mit Himmelstrand einen klaustrophobischen Roman geschrieben, der mit jeder Seite tiefer und tiefer in diese merkwürdige Ebene zieht, die kein Ende, keine Endlichkeit kennt. Ein skandinavisches Literaturmagazin bescheinigte Lindqvist hier einen Horror, der sowohl »psychisch, physisch und metaphysisch« daherkommt. Das sei an dieser Stelle unterschrieben. Im Gegensatz zu »Stranger Things« oder »Christmasland« hat Lindqvist nur eine ganz dünne Verbindung zur Welt gelassen, die sich erst zum Ende des Buchs zeigt. Doch daneben überzeugen seine Figuren: das merkwürdige Mädchen Molly, dessen Mutter denkt, sie könnte ein Wechselbalg sein, der naive Emil, das homosexuelle Pärchen Lennart und Olof, und all die anderen verlorenen Camper, die sich gegenseitig das Leben schwermachen. Dazu tauchen zwei bereits bekannte Themen aus Lindqvists Büchern wieder auf: Vampire und Vergänglichkeit. Dieser Roman gehört zur besten Horrorliteratur der letzten Jahre. Und wen die Anderswelt schon wohlig gruselte, sollte sich hier durchaus umgucken.

Steven Millhauser – Ein Protest gegen die Sonne

Hier ist sie wieder – diese typische US-Kleinstadt, in denen die Geschichten von Stephen King oder auch Ray Bradbury so oft spielen. Und auch Steven Millhauser schickt seine Figuren mehr als einmal durch jene Straßen. Bereits vor einigen Jahren erschien mit »Ein Protest gegen die Sonne« eine Sammlung seiner zahlreichen Kurzgeschichten in deutschsprachiger Übersetzung. Mehr als einmal wählt Millhauser einen kindlichen Erzähler und versetzt den Leser so ins naive Staunen. Im Sommer seines zwölften Geburtstags tritt etwa in einer Erzählung ein Junge aus der Augustsonne in das Dunkel einer Spielhalle. Die Magie von einst? Verflogen. Die Figuren, die Geschöpfe der Spielhalle erwachen nicht mehr zum Leben. Eine Kindheit endet, ein Erwachsenendasein beginnt. In einer anderen Geschichte verbreitet sich unter Kindern ein neues Spielzeug – der fliegende Teppich. Stundenlang üben alle in der Nachbarschaft, wie sie nach oben steigen, lenken, bremsen und beschleunigen können. Der Nachtflug ohne das Wissen der Eltern gehört zu den schönsten Passagen der US-Literatur. Mit wenigen Wörtern fängt Millhauser stets die Essenz der Jugend ein, die wenigen melancholischen Bilder, die auch »Stranger Things« in vielen Szenen herausbeschwört. Sie stammen aus jener Zeit, in der uns der Sommer unendlich erschien und sechs Wochen Ferien für die größten Abenteuer reichten. Die Phantasie siegt stets bei Millhauser. Magischer Realismus zieht sich durch jede seiner Erzählungen. Die Welt? Hat mehrere Versionen, mehrere Wahrheiten. Ein Autor, den in Deutschland viel zu wenig Leser kennen. Und das, obwohl Millhauser nicht nur über die typische US-Kleinstadt wie King und Bradbury schreibt – sondern ihr Niveau mit jeder seiner Geschichten hält. Wer hätte außerdem nicht gerne einen fliegenden Teppich?

Katharina Hartwell – Das fremde Meer

»Stranger Things« erzählt nicht nur von der Anderswelt, von Monstern und der Kindheit – die Serie erzählt ebenso von der Liebe zwischen Mike Wheeler und Eleven. Die Umstände machen es ihnen allerdings nicht gerade einfach. Davon handelt auch Das fremde Meer von Katharina Hartwell. Die deutsche Autorin stellt in ihrem Debütroman von 2013 eine fast schon unschuldige Liebesgeschichte in den Mittelpunkt. Um davon zu berichten, springt sie durch alle möglichen literarischen Formen und Gattungen. Der Roman der Moderne steckt in diesem Buch ebenso drin wie das Märchen, die Dystopie oder der Steampunk. Doch dieser Wechsel in der Atmosphäre stellt keinen Selbstzweck dar, Hartwell verfolgt eine Strategie, beziehungsweise ihre Erzählerin verfolgt diese Strategie. Es fächert sich so nicht nur die Geschichte einer großen Liebe auf, sondern dieses Buch verwandelt sich in ein Labyrinth mit allerlei Schlupfwinkeln. Die Figuren wissen das selbst nur zu gut und entkommen so von der einen in die andere Geschichte. Denn eine dunkle Kraft verfolgt die beiden Liebenden. Das Erzählen rettet sie. Das fremde Meer bleibt einer der wenigen Romane aus den letzten Jahren, der die Unschuld und die Kraft der Liebe in sich trägt. Ein wunderschönes Buch bis zum traurigen Ende. Vor drei Jahren erhielt Hartwell für diesen Roman den Phantastik-Preis Seraph. Vollkommen berechtigt, gibt es doch kaum jemanden in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, der sich mit so viel Melancholie und Leichtigkeit durch die Phantasie wie Hartwell bewegt. Und den Leser dabei durch zig verschiedene Welten mitnimmt. Der Weg ist das Ziel, das Erzählen das Mittel der Wahl gegen den Tod. Tatsächlich herzzerreißender als jeder Winterball in »Stranger Things« – dabei sind die beiden Liebenden doch ein paar Jährchen älter als Mike und Eleven.

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