Eine kurze Geschichte der Fantasy

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ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 8


Farah Mendlesohn & Edward James
10.11.2017

Im achten Kapitel sind wir in der Zeit angelangt, an die sich manche unserer LeserInnen vielleicht noch erinnern können: David Eddings schickt seine Helden auf eine endlose Queste, Tad Williams betritt mit dem Dachenbeinthron die Bühne, Marion Zimmer Bradleys Nebel von Avalon wird zum Welterfolg, und Guy Gavriel Kays Fionavar-Trilogie steht am Anfang der Karriere eines der bedeutendsten Fantasy-Autoren überhaupt.


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Achtes Kapitel | Die 1980er Jahre

Um darzulegen, dass in den 1980ern die Questen-Fantasy zur vorherrschenden Tradition wurde, müssen wir den Unterschied zur älteren Sword & Sorcery klären. In ihrem Gebrauch mittelalterlicher oder anderer vorindustrieller Settings, ihrer schwülstigen Sprache und dem Moralsystem, in das sich die Abenteuer einbetten, haben die beiden mitunter eine gewisse Ähnlichkeit. Die Questen-Fantasy wird jedoch für gewöhnlich anhand von etwas wie einem unausweichlichem Schicksal konstruiert – mal in Gestalt einer Prophezeiung, mal durch simple erzählerische Kausalität, wie man sie in Märchen findet. Die Questen-Fantasy hat ein abgeschlossenes Ende: Üblicherweise wird das Land geheilt und die Magie entweder wiederhergestellt oder aufgelöst. In der Sword & Sorcery hingegen ist immer noch Platz für ein weiteres Abenteuer. Daraus ergibt sich unter anderem, dass die Questen-Fantasy häufig als strukturierte Trilogie erscheint (oder als Folge von vier bis fünf, oder wie im Falle von Robert Jordan, vierzehn Bänden), während Sword & Sorcery häufig als Folge miteinander verknüpfter, separat veröffentlichter Kurzgeschichten entsteht. Als Konsequenz daraus gibt es bei der Questen-Fantasy einen übergreifenden Handlungsbogen, während Sword & Sorcery-Bücher aus lose verknüpften Abenteuern bestehen.

Ein neuer Trend der 1980er waren Fantasyfilme, die große Ähnlichkeit mit der literarischen Form des Genres hatten. Es kamen etliche Filme mit einer Fantasy-Queste in die Kinos: Jim Hensons Der dunkle Kristall (1982) erzählt vom Abenteuer eines kleinen Gelflings, der seinen Wald verlässt und in die magischen und politischen Machenschaften seiner Welt verwickelt wird. Jen heilt den Kristall, vernichtet das böse Volk, das die Welt beherrscht, und stellt die frühere Schönheit der geschundenen Landschaft wieder her. Die Figuren werden von großen Puppen verkörpert. Der Film beschwört eine phantastische Welt herauf und erschafft ein Queste mit der ihr eigenen Atmosphäre, in der kleine Geschöpfe mit großer Unbill konfrontiert sind. Ein sehr viel interessanterer Puppen-(Muppet-)Film war Jim Hensons Die Reise ins Labyrinth (1986), das auf das alte Märchen des Koboldkönigs zurückgeht, der einen Säugling stiehlt. Der Film hatte nur mäßigen Erfolg, wurde als DVD jedoch zum Dauerbrenner, was zum Teil an der beeindruckenden Darstellung des Koboldkönigs durch David Bowie und dem wunderbaren, an Escher gemahnenden Koboldschloss lag.

Die unendliche Geschichte begann ihr Dasein als Kinderbuch des deutschen Autors Michael Ende (1979). Die Geschichte von Bastian, einem dicklichen Bücherwurm, der eine andere Welt entdeckt, wo er ein durchtrainierter und tatkräftiger Held ist, der versuchen muss, die Welt in Gestalt der erkrankten Kindkaiserin zu retten, zeichnete sich durch Schrifttypen in verschiedenen Farben aus. Durch die diversen Begegnungen mit fabelhaften Wesen und Aufgaben erinnert das Buch ein wenig an den Zauberer von Oz. Der Film arbeitete mit großen Puppen, doch Michael Ende lehnte ihn heftig ab und distanzierte sich davon. Die Titelmusik war erfolgreich, der Film an sich jedoch weniger.

Der Tag des Falken (Regie: Richard Donner, 1985) ist ein Fantasy-Märchen über zwei Liebende, auf denen ein Fluch liegt. Er ist tagsüber ein Mensch, nachts ein Wolf; sie tagsüber ein Falke und des Nachts eine Frau. Mithilfe eines jungen Diebs bäuerlicher Herkunft besiegen sie den Bischof, der sie verflucht hat. Bei dieser kammerspielartigen Geschichte handelt es sich um Mittelalter-Fantasy, die der Sword & Sorcery näher steht; sie könnte durchaus als Abenteuer in einem Conan-Sammelband stehen, ein interessanter Zufall, da in diesem Jahrzehnt auch zwei Conan-Filme gedreht wurden. Conan der Barbar (Regie: John Milius, 1982) war bekanntlich der Startschuss für die Schauspielkarriere von Arnold Schwarzenegger (auch wenn es nicht sein Debüt war), dabei ist es sogar ein recht guter Film, in dem Conan auf Rachemission für die Zerstörung seines Dorfes in seiner Kindheit durch die Lande reist. Die Einführung des Rachemotivs war ein Anzeichen größerer Veränderungen in der US-amerikanischen Kultur: Das Paradigma vom Recht des Zivilisierteren oder Stärkeren, Gewalt einzusetzen (man denke an den Western), bröckelte, und zumindest zögerlich kam man zu der Erkenntnis, dass Gewalt so etwas wie einen Anlass erforderte. Der zweite Conan-Film, Conan der Zerstörer (Regie: Richard Fleischer, 1984), ist im Tonfall viel leichter, enthält jedoch weit mehr von der Magie aus Howards Vorlage.

Die konventionellste literarische Questen-Fantasy der 1980er war die hochgeschätzte Belgariad von David Eddings, eine fünfbändige Serie, die mit einem kurzen Prolog über die Schöpfung der Welt und die Zwietracht zwischen den Göttern beginnt. Das erste Buch, Kind der Prophezeiung (1982), beginnt damit, dass der junge Garion beinahe ertrinkt. Garion lebt zusammen mit seiner Tante Pol auf einem Bauernhof und ist so gewöhnlich und schmutzig wie alle dort, wenn auch vielleicht etwas nachdenklicher. Nach dem Erhalt einer geheimnisvollen Nachricht bricht Garions Tante mit ihm und dem Schmied des Ortes zu einer Reise auf. Begleitet werden sie von dem Geschichtenerzähler Wolf, und in den ersten drei Büchern erfährt Garion vieles über die große weite Welt, den verstümmelten Gott, das Wirken von Magie und die allumfassende Prophezeiung, die seine Familie betrifft. Am Ende des dritten Bandes entdeckt er, dass er der Hochkönig der Welt ist. In den nächsten beiden Bänden führen er und seine Frau, eine Dryade, die Armeen der halben Welt gegen die andere Hälfte, um den verstümmelten Gott zu töten. Die Handlung entspricht der Questen-Fantasy: Sie hat sowohl einen persönlichen als auch einen kosmischen Abschluss und beginnt klein, bescheiden und gemütlich (wie in Tolkiens Auenland); Gefährten finden sich, Informationen werden gesammelt; es gibt viele falsche Fährten für den Leser, wohingegen Hinweise, die aus alten Schriften stammen oder von einem alten Zauberer mit langem Bart gegeben werden, höchstwahrscheinlich richtig sind. Ein weiteres Charakteristikum dieser Bücher ist die Einschränkung der Magie. Hier sind es der Wille und das Wort – das richtige Wort und der nötige Wille –, und die Einschränkung liegt in der Vernichtung des Magiers, sofern er versucht, etwas ungeschehen zu machen. Dass die Bücher von Eddings nicht einfach nur eine Ansammlung von Klischees sind, wird teilweise dadurch verhindert, dass sie häufig sehr amüsant sind. Viele Figuren sind Überspitzungen der mittelalterlichen Romanze, und wie andere Autoren von Fantasy-Questen kommentiert Eddings auf bissige Weise den Feudalismus, was die Bücher davor bewahrt, allzu selbstgefällig zu werden.

Etwas anspruchsvoller, aber ebenfalls viel gelesen ist die Fionavar-Trilogie von Guy Gavriel Kay (der erste Band trägt den Titel Die Herren von Fionavar [1984]). Es handelt sich sowohl um eine Portal- als auch um eine Questen-Fantasy, zu deren Beginn die fünf Hauptfiguren eine Vorlesung bei Professor Marcus besuchen, der sich als ein Magier aus dem Land Fionavar entpuppt und sie dorthin mitnehmen will. In drei Bänden werden ihre Abenteuer in diesem Land geschildert, das sie schließlich vor seinem dunklen Herrscher rettet. Guy Gavriel Gay ist ein Kenner der mittelalterlichen Literatur, und Fionavar ist das Land, in dem alle Legenden der Erde ihren Ursprung haben. Nordische, keltische und englische Legenden fließen in sein Werk ein, und etwa ab der Mitte des zweiten Bandes kommen auch Figuren aus dem Artus-Zyklus vor. In diesen Texten findet sich einiges, was typisch für die Gattung ist: Wie bei Thomas Covenant verfügt jeder der Protagonisten in Fionavar über eine Eigenschaft, die sich für das Wohlergehen des Landes als lebensrettend erweisen wird – einer von ihnen nimmt den Platz des Königs ein und wird drei Tage und drei Nächte lang kopfüber an den Sommerbaum gehängt, eine andere Figur wird zur Seherin. Auch der von Tolkien entwickelte Kunstgriff, den man seither aus beinahe jeder Questen-Fantasy kennt, findet sich hier – die Aufspaltung der Gruppe: In weiten Teilen des zweiten Bandes spielen sich ihre Abenteuer getrennt voneinander ab und vereinigen sich erst am Schluss zu einem Finale von kosmischer Bedeutung.

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Weitere erwähnenswerte Serien sind unter anderen die Werke von Jennifer Roberson, Tad Williams und Freda Warrington. Jennifer Robersons Chroniken von Cheysuli begannen 1984 mit Wolfsmagie: Alle acht Romane der Serie verbindet eine Prophezeiung sowie die Bemühungen der Protagonisten, nicht von deren Erfüllung eingeholt zu werden. Bei der Prophezeiung, die mehr als einhundert Jahre umfasst, geht es um die Züchtung einer neuen Rasse, und am Ende scheitert sie beinahe, als das letzte Glied der Kette die Fortpflanzung verweigert. Freda Warringtons Blackbird-Tetralogie (Drei Krieger in Silber [1986]) erzählt von der großen Schlacht gegen eine weltenvernichtende Schlange und von der anschließend errichteten Welt. In Michael Scott Rohans vierbendigem Der Winter der Welt (Der Amboss aus Eis [1986]) ist der Weltenvernichter das Eis selbst, das in einer prähistorischen Eiszeit nach Süden vordringt. Tad Williams' Schwerter-Serie startete 1988 mit Der Drachenbeinthron und wurde mit zwei Bänden fortgesetzt, von denen einer beinahe so lang war wie eine ganze Trilogie früherer Autoren. Der Drachenbeinthron ist eine weitere Geschichte über einen Küchenjungen. Dieses Mal heißt er Simon und wird in einen verheerenden, von Prophezeiung und Magie geprägten Krieg zwischen Menschen und unsterblichen Sithi verstrickt. Wie bei vielen dieser Bücher gibt es eine Gruppe von Gefährten, Magie muss erlernt werden, es geht um das Erwachsenwerden, schließlich auch um eine Heilung des Landes durch die lang verschollenen Schwerter der Macht; und Simon wird König. Doch gerade die formale Vorhersehbarkeit macht einen Teil des Reizes aus.

 Autoren, die Fantasy-Questen schreiben, wissen zwar, dass gewisse Muster für die Stimmigkeit des Genres unumgänglich sind, sind sich jedoch auch darüber im Klaren, dass die langen Reisebeschreibungen ein einzigartiges Medium für die Beschreibung fabelhafter Völker und Orte stellen. Diese Bücher sind episch und funktionieren am besten, wenn man sie als Improvisation über ein Thema begreift. Ihre Originalität liegt in Auswahl und Variation der Instrumente und weniger in der musikalischen Form. In den Händen echter Schnellschreiber (also Autoren, die für eine Marke schreiben) erschöpft sich die Queste als literarische Form jedoch rasch. In den 1980ern kamen Serien heraus, die an die Regelwerke von Spielen anknüpfen sollten. Steve Jackson, der Mitbegründer von Games Workshop, entwickelte die Reihe der Fighting Fantasy-Bücher (mit mittlerweile 59 Bänden, dt. Band 1: Der Hexenmeister vom Flammenden Berg [1983]), die auf Figuren und Strukturen aus Dungeons and Dragons basiert, während Tracy Hickman und Margaret Weis mit der Drachenlanze-Serie (bisher über 190 Bücher) eine andere Richtung einschlugen. Diese zielte vor allem auf ein Publikum, das Fantasy bisher in erster Linie durch das Spiel Dungeons and Dragons kannte, und bei den frühen Drachenlanze-Romanen handelte es sich um Romanfassungen tatsächlich gespielter Partien.

Die Bücher von Jackson und Weiss/Hickman sind wenig originell, aber manche Autoren nutzten das Spielesetting auch als Kontext für eigenständige Romane. Ian Watsons Queenmagic, Kingmagic (1986) basierte auf dem Schachspiel: Die Höflinge zweier sich bekriegender Nationen (König, Dame, Läufer, Springer usw.) verfügen über unterschiedliche Arten der Magie und der magischen Fortbewegung. In Das wahre Spiel konstruierte Sheri S. Tepper ihre Planeten-Hierarchien und Konflikte mithilfe von Spielregelwerken. Jeder Spieler hat bestimmte Attribute, es sind Spielzüge, die über Hierarchien entscheiden, und in allen drei Trilogien der Serie gibt es regelhaftes Gameplay. King's Blood Four (1983, dt. Königszug [1999]) ist der erste Band der Peter-Serie; darauf folgt die Mavin Manyshaped-Trilogie, die mit The Song of Mavin Manyshaped (1985) beginnt, vielleicht das bekannteste Buch der Reihe und sicherlich das unbequemste, erzählt es doch von der Flucht eines jungen Mädchens aus einer Familie, in der der Mangel an Frauen zu erheblichem und legitimiertem sexuellem Missbrauch geführt hat.

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Titel: Das Geheimnis der Großen Schwerter
Autor: Tad Williams
Verlag: Klett-Cotta
Erscheinungsjahr: 2017

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Die Questen-Fantasy ist eine umfangreiche Kategorie, und es gibt Spielarten, die, auch wenn sie formal dazugehören, ganz andere Töne anschlagen. Eine Form der Fantasy-Queste befasst sich weniger mit Katastrophen als mit häuslichen Ereignissen: Die Autoren nutzen zwar die Struktur der Queste, betonen aber die Aspekte des Bildungsromans. In solchen Büchern geht es um den Aufstieg oder den Fall des Protagonisten vor dem Hintergrund bedeutender Ereignisse. Mercedes Lackeys Talia, die Erwählte (1987) und die beiden Folgebände Talia, die Hüterin (1987) und Talia, die Mahnerin (1988) passen in dieses Schema. Sie erzählen von dem Erwähltwerden und der Ausbildung der Heroldin der Königin, Talia, die über die »Gabe der Empathie« und andere übernatürliche Sinne verfügt, was einerseits Feindseligkeiten weckt, jedoch auch zu ihrem Aufstieg beiträgt. In solchen Büchern erfährt der Leser häufig viel über das Handwerk, in dem der Protagonist ausgebildet wird. Zu den beliebtesten Werken dieser Art zählen die Geschichten für junge Erwachsene von Tamora Pierce über Alanna, eine junge Frau, die ihre Bestimmung als Anwenderin von Magie verweigert und sich anstelle ihres Zwillingsbruders zum Ritter ausbilden lässt. Der erste Band der Serie ist Die schwarze Stadt (1983). Bis zum vierten Band Das Juwel der Macht (1988) begegnet Alanna der großen Muttergöttin, besiegt ihre magischen Feinde und wird zum ersten weiblichen Champion des Königs. Zumindest teilweise bezieht das Buch seinen Reiz aus der ausführlichen Anleitung zum Krafttraining für die jungen Leserinnen. Raymond E. Feists Doppelroman Der Lehrling des Magiers und Der verwaiste Thron (1982) kombiniert den Bildungsroman mit einem Portal zwischen zwei Fantasywelten und komplexer Hofpolitik. Im Unterschied zu vielen anderen Büchern dieser Sparte handelt er vom Heranwachsen einer Magier/Merlin-Figur und nicht von der eines Königs. Pug ist ein Küchenjunge, der als Magier ausgebildet, aber von Eindringlingen aus einer anderen Welt – die man durch ein magisches Portal erreicht – gefangen wird. Dort dient er jahrelang als Sklave, bevor er in der Hierarchie aufsteigt. Als Höflinge aus seiner eigenen Welt ihn finden, wird er gewaltsam zurückgeholt, in einen Bürgerkrieg verstrickt und schließlich Berater des neuen Königs. Am Ende heilt Pug das Land, indem er den Spalt bzw. die Verbindung zwischen den beiden Welten blockiert, womit er die andere Welt an einer erneuten Invasion hindert. Dieses Buch wurde zum Auftakt einer längeren Serie, die unter dem Namen Midkemia-Saga bekannt ist und immer noch in Form von Trilogien fortgeführt wird. Zusammenhängende Trilogien erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, weil sie durch die regelmäßige Erneuerung des Franchise eine kontinuierliche Vermarktung ermöglichen.

In den 1980ern gab es außerdem mehrere Ansätze, die Questen-Fantasy zu unterlaufen. In Geoff Rymans Der Orden der Frauen (1985) lässt eine Frau, deren Leben durch den Krieg zerstört wurde, sich in einen Mann verwandeln, um Rache zu nehmen. Nach und nach erkennt sie, dass es auch einen anderen Weg gibt. Das Buch verzichtet auf das sonst übliche, monumentale Ende und widmet sich stattdessen den Themen Geschlechterrollen und Pazifismus. Julian Mays Pliozän-Saga (beginnend mit Das vielfarbene Land [1981]) ist eine Questen-Fantasy-Serie, in der das ursprüngliche Portal in die Vergangenheit führt und die Wesen aus der »keltischen« Mythologie eigentlich auf der Erde gestrandete Aliens sind. Zwei Spezies, die Tanu und die Firvulag, wetteifern um die Erde. Beide verfügen über magische Kräfte, aber die Tanu tragen Torques, die diese verstärken. Unsere Hauptfiguren landen inmitten dieses Kampfes und erregen Unmut unter den Menschen, sodass diese sich dem Krieg gegen die Tanu anschließen. Diese Bücher sind womöglich die erste stark sexualisierte Queste-Fantasy und thematisierten gleichzeitig erstmals die Gefahr durch die Begegnung mit dem Feenreich, eine Vorstellung, die sich in den 1990ern weiter ausbreiten wird, als die viktorianische, präraffaelitische Auffassung, die in Elfen und Feen grundsätzlich gute und weise Wesen sah, langsam von dem elisabethanischen Konzept eines eigensinnigen und bösartigen Feenvolks abgelöst wird.

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R. A. MacAvoys Parabel vom Lautenspieler beginnt als ziemlich traditionelle Fantasy mit einem Jungen, dem Sohn eines Zauberers (Damiano, 1982), spielt jedoch nicht im mittelalterlichen England oder Frankreich, sondern in einem Italien der Renaissance. Vom Großteil der Questen-Fantasy der 1980er unterscheidet es sich durch die Aufnahme eindeutig christlicher Mythologie: Damianos Führer ist der Erzengel Raphael, und im dritten Band (Raphael, 1984) widmet sich das Buch dem kosmischen Kampf zwischen dem Erzengel und seinem Bruder Luzifer. Abgesehen von Gene Wolfe – der so subtil ist, dass man es nicht merkt, und auf den wir noch ausführlicher zu sprechen kommen werden – macht kein anderer Autor dieser Epoche so unmittelbaren Gebrauch von der christlichen Überlieferung (auch wenn Orson Scott Cards Alvin Maker-Serie, die 1987 mit Der siebente Sohn beginnt, von seiner Zugehörigkeit zur mormonischen Religion inspiriert ist und ab den 1990ern unter anderem James Morrow und Philip Pullman die christliche Mythologie als ergiebige Quelle für moderne Fantasy betrachten).

Gene Wolfe war einer der am meisten bewunderten Schriftsteller der 1980er, in erster Linie aufgrund seines Buches der neuen Sonne, das 1980 mit Der Schatten des Folterers seinen Anfang nahm. Viele Gelegenheitsleser betrachten diese vierbändige Serie (der 1987 ein fünfter Band hinzugefügt wurde) als Fantasy. Wie oft in der Questen-Fantasy beschreiben die Bücher die Reisen eines einfachen Bediensteten, der schließlich zu Ruhm und Ehren kommt. Severian ist jedoch ein Folter-Lehrling. Wolfe gestaltet die Sache noch verwirrender, indem er Severian seine Erlebnisse selbst schildern lässt, wobei dieser seine Erzählung auf sein perfektes Gedächtnis und die Überzeugung von der Rechtschaffenheit seiner Arbeit gründet. Wolfe spielt mit dem Leser, auch wenn es mehrerer Lesedurchgänge bedarf, um das zu erkennen und – wie viele Kritiker – zu dem Schluss zu kommen, dass Severian eine Christus-Figur und die ganze Geschichte von Wolfes Katholizismus durchtränkt ist. Im Übrigen spielt der Roman in einer fernen Zukunft und wird im fünften Band ganz eindeutig zu Science Fiction. Kritiker wie John Clute und John Crowley sehen darin eines der großen SF-Werke des 20. Jahrhunderts; doch ist es auch ein wegweisendes Werk in der Geschichte der Fantasy. Das Gegenstück zu Severian mit dem perfekten Gedächtnis findet sich in Wolfes anderer großer Fantasy-Serie, die mit Soldat des Nebels (1986) begann und in der Latro, ein Krieger des antiken Griechenland, wenn er morgens aufwacht, sich nie an den Vortag erinnern kann. Der Leser rätselt und kämpft gemeinsam mit Latro darum, seine Welt zu verstehen und zwischen den Sterblichen und Unsterblichen, denen er begegnet, zu unterscheiden.

Einige der am besten verkäuflichen Bücher des Jahrzehnts waren Nacherzählungen des Artus-Zyklus, von denen Stephen Lawheads Taliesin (1987), Merlin (1988) und Artus (1989) sich am genausten an die Vorlage hielten. Lawhead ließ eine zweite Trilogie folgen, Pendragon (1994), Grail (1997) und Avalons Rückkehr (1999), bei denen es sich um zwei Prequels und einen Folgeband handelte. Der Großteil der Bücher basiert auf den mittelalterlichen Artus-Geschichten, besonders den Varianten, die Geoffrey von Monmouth zugeschrieben werden, aber etliche chronologische Inkonsistenzen in Lawheads Büchern lassen erkennen, dass er keine historische Rekonstruktion anstrebt, wie etwa Rosemary Sutcliff in ihrem Sword at Sunset (1963). Die Erwähnung von Kartoffeln mag historische Unkenntnis sein (oder eine Anspielung auf Tolkien, bei dem es sie in Teilen von Mittelerde gab), aber die Bücher beginnen mit der Zerstörung von Atlantis, und es treten historische Figuren aus dem 4. bis zum 7. Jahrhundert n. Chr. auf, von denen alle einen Platz in Lawheads Version von Artus‘ Leben finden. Das erste Buch der Serie ist besonders interessant, weil es sich auf den Barden Taliesin konzentriert, eine ziemlich vage historische Gestalt, die hier als der Vater von Merlin dargestellt wird. David Gemmells Bücher König der Geister (1988) und Das letzte Schwert (1988) erzählen von Merlin, dem Mitglied einer Gruppe von Magiern, die das Wissen des verlorenen Königreichs von Atlantis erhalten. Uther Pendragon wird zur großen Hoffnung auf dem Feldzug gegen die Mächte der Finsternis.

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Marion Zimmer Bradleys Die Nebel von Avalon (1979) ist eine feministische Neu-Erzählung des Artus-Zyklus aus der Sicht von Morgaine und unter Berücksichtigung von Guinevere (die hier Gwenhwyfar heißt), Viviane und Morgause. Artus fungiert als Raum zwischen ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten und ihrer Rollen innerhalb des Zyklus. Der Fokus der Geschichte liegt daher auf den Erlebnissen der Frauen; der Großteil des Kriegs- und Hofgeschehens, das sonst im Mittelpunkt der Erzählung steht, spielt sich nur am Rande ab, und aus der Geschichte des Christentums, das das Heidentum verdrängt, wird die Geschichte eines Geschlechterkrieges: Die Frauen sind freundliche, sanfte Anbeterinnen der Muttergöttin, die Männer dagegen bösartige, mysogyne, scheinheilige Christen. Mediävisten reagierten äußerst ungehalten, aber das Buch war ein riesiger Erfolg und führte zu einer langatmigen Reihe, die zusammen mit Diana L. Paxson verfasst wurde, einer für Fantasy und heidnisch-spirituelle Werke bekannten Autorin.

Eine viel exzentrischere Version des Artus-Zyklus war Jack Vances Lyonesse Trilogy (Herrscher von Lyonesse [1983]; Die grüne Perle [1985]; Madouc [1989]). Wie bei Lawheads Trilogie gibt es eine Verbindung zwischen Atlantis und Artus, aber Vances Ausführung ist viel phantastischer und viel stärker vom Feenreich geprägt. Die Handlung spielt sich zum Großteil auf Inseln westlich von Cornwall ab, vermutlich zwei oder drei Generationen vor Artus. Der erste Band entwickelt liebevoll die jugendliche Heldin Suldrun, nur um sie in der Mitte des Romans Selbstmord begehen zu lassen – auch wenn sie später wieder als Geist erscheint und in die Handlung eingreift. Der Plot ist ausgesprochen kompliziert und die Namen irreführend, aber durch diese Geschichte von Wechselbälgern, Zauberern und verschollenen Prinzen zieht sich eine Reihe von Ereignissen, die vom historischen Artus geprägt sind, wie T. H. White ihn zeichnete.

Die radikalste Umsetzung des Artus-Zyklus in den 1980ern findet in Robert Holdstocks Mythenwald (1984) statt. Einerseits ist es überhaupt kein Artus-Buch, sondern die Geschichte einer Familie, die am Rande von Ryhope Wood lebt, einem seltsam bedrohlichen und schwer zu passierenden Waldstück. Der Vater der Familie ist Psychologe und fasziniert vom Konzept der Mythagos, heroischer, legendärer Gestalten unseres kollektiven Unbewussten, die sowohl menschliches Handeln prägen als auch selbst davon geprägt werden. Als sein Vater verschwindet, macht sich Stephen Huxley im Wald auf die Suche nach ihm und entdeckt, dass der Wald diese Mythago-Wesen hervorbringt. In der ersten Hälfte des Romans geht es vorwiegend um Guineveres Beziehung mit und ihrem Verrat an Artus. Guinevere kommt als Figur mehrmals vor, jedes Mal in Beziehung zu einem anderen Mann; sie war etwa Stephens einige Jahre zuvor verstorbene Mutter Jennifer, taucht aber auch als Guiwenneth, als Gwyneth und als Gwyn auf und erscheint auch als Göttin und als Kriegerin. Stephen muss in seiner Mythago-Rolle vordergründig das Land vom Bösen befreien, aber in einem Geniestreich ist der dunkle Herrscher/Außenseiter Stephens Bruder Christian, sodass auch der Mythago von Kain und Abel nachgestellt und die Rolle des Außenseiter-Protagonisten in der Questen-Fantasy unter die Lupe genommen wird. Eines der wichtigsten Themen, die diese Bücher durchziehen, ist die Verbindung der Protagonisten mit dem Land. Was Stephen und Christian tun, beeinflusst das Gedeihen oder Verderben des Waldes; wer in der Erde begraben wird, wird also sowohl spirituell als auch physisch zu Dünger. Spätere Bücher von Holdstock vertiefen das Thema des Mythagos. The Hollowing (1993) ist von Sir Gawain und der Grüne Ritter inspiriert, und in der Titelgeschichte der Sammlung Merlin's Wood (1994) wird eine Familie in den Kampf zwischen Merlin und Vivian verwickelt. Ein neues Buch der Reihe, Avilion, kam 2009 heraus, kurz vor Holdstocks Tod.

Ende der 1970er wurde die Sword & Sorcery eindeutig in den Hintergrund gedrängt, ironischerweise nahm jedoch auch – wie wir es im Fall von Russ und Delany gesehen haben – ihr Anspruch zu, und sie entwickelte sich zu einem weitaus bewussteren Genre, das sich an der eigenen Vergangenheit ebenso bediente, wie es sie kritisierte. Eine der intelligentesten Geschichten ist vielleicht Sláine, ein Comic, den Pat Mills als Texter und Angela Kincaid, Mike McMahon und Massimo Belardinelli als Zeichner ab den 1980ern für das Comicmagazin 2000 AD verfassten. 2000 AD war in erster Linie auf Science Fiction spezialisiert, aber mit Sláine brachte es einen der klassischen Helden der Sword & Sorcery hervor. Größtenreils aus der Perspektive von Ukko, dem Zwerg, wird darin berichtet, wie Sláine, ein Berserker-Krieger, Herrscher über Tir-Nan-Og wird. Sláines Raserei, die von einer besonderen Rüstung in Schach gehalten werden muss, ist besonders spektakulär und wird durch die Kraft der Erde genährt, die durch seinen Körper fließt.

Einige Sword & Sorcery-Bücher beschäftigten sich mit der Frage, was wohl eine Alternative zu dem großen, weißen, muskulösen Tölpel aus dem Handlungsverlauf einer Sword & Sorcery-Geschichte machen würde. Charles R. Saunders, ein afroamerikanischer Autor, schrieb eine Trilogie, die mit Imaro (1981) begann und auf deren Cover ursprünglich das Zitat »der monumentale Roman eines schwarzen Tarzans« stand. Der Zusatz wurde als Zugeständnis an die Erben von Edgar Rice Burroughs entfernt, beschreibt den Roman und die Folgebände jedoch zutreffend. Die Bücher spielten in einem präkolonialen, magischen Afrika und kritisierten die kolonialistischen Strukturen der Tarzan-Bücher. P. C. Hodgells God Stalk (1982) erzählt von einer umherstreifenden Kriegerin mit ihrem Gefolge, die einen dunklen Herrscher herausfordert, jedoch ständig vom Sexismus ihrer Gesellschaft behindert wird. Glen Cooks Im Dienst der Seelenfänger (1984) erzählt Sword & Sorcery aus der Perspektive der Söldner, die eine Armee des Bösen bilden (der Blick mit den Augen eines einfachen Soldaten, was für einen Mann, der sein Leben zum größten Teil bei General Motors verbrachte, durchaus passend war). Steven Brusts Vlad Taltos-Serie (Jhereg [1983]) führt die Stimme eines abgebrühten Detektivs ein (der telepathisch mit seinem drachenartigen Jhereg in Verbindung steht), um das Leben im kriminellen Milieu einer von Magieanwendern und dümmlichen Kriegern dominierten Welt zu schildern. David Gemmells Drenai-Serie, die 1984 mit Die Legende beginnt – einem der meistverkauften Fantasy-Bücher überhaupt –, konzentrierte sich tendenziell auf die Rolle einzelner Soldaten und Anführer in einem deutlich größeren Konflikt. Bei Gemmell finden sich zwar durchaus Fantasy-Stereotypen dunkler Feinde, die über mystische Kräfte verfügen, doch seine Protagonisten haben damit in der Regel nichts zu tun. Gemmell war ein religiöser Schriftsteller, dessen Bücher um die Themen Loyalität, Ehre und Erlösung kreisten. Als Christ glaubte er an die Möglichkeit der Erlösung selbst für das grenzenlos Böse, und sein Werk ist davon durchdrungen. Einige dieser Ideale wurden nahtlos von der modernen High Fantasy übernommen, selbst dort, wo die christliche Botschaft keine Beachtung fand.

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Und dann wäre da natürlich nochTerry Pratchett, auf den wir im zehnten Kapitel ausführlich zu sprechen kommen werden. Auch wenn sich die Scheibenwelt-Serie sehr schnell von ihrem Fokus auf Sword & Sorcery entfernte, begann Pratchett die Reihe mit Die Farben der Magie (1983) und Das Licht der Phantasie (1986), in denen ein ziemlich heruntergekommener und unfähiger Zaubberer (sic, denn buchstabieren kann er auch nicht) namens Rincewind den Touristen Zweiblum durch eine Welt führt, in der folgende Figuren zu Hause sind: Hrun der Barbar (der denken kann, ohne die Lippen zu bewegen), Herena, der Xanthippe mit dem hennagefärbten Haar (die schönes, praktisches braunes Leder trägt), Cohen, dem gealterten Barbar, der glaubt, die besten Dinge im Leben seien »warmef Waffer, ein gutef Gebiff und weichef Toilettenpapier«, und TOD, der ein echtes weißes Pferd reitet, weil das Skelettpferd ständig auseinanderfiel. Als Pratchett damit fertig war, war vom Sword & Sorcery-Genre nicht mehr viel übrig, was man ernst nehmen konnte, auch wenn sich davon niemand abhalten ließ.

Es lässt sich leicht behaupten, die literarische Qualität habe sich verbessert, wenn damit eigentlich eine erhöhte Sensibilität gemeint ist, aber in den 1980ern scheint man sich ernsthaft mit der literarischen Ebene der Fantasy beschäftigt zu haben. Im Jahr 1973 war Gabriel García Márquez' Hundert Jahre Einsamkeit in englischer Übersetzung erschienen. Direkte Einflüsse lassen sich zwar schwer festmachen, aber es wuchs ein Bewusstsein dafür, dass Fantasy Literatur sein konnte, von der Art, wie sie auch in Mainstream-Zeitungen besprochen wurde. Zwei Autoren, die davon profitierten, waren Jonathan Carroll und Joyce Carol Oates. Jonathan Carroll veröffentlichte seinen ersten Roman, Das Land des Lachens (1980), eine Geschichte über einen jungen Lehrer, der das Leben seines liebsten Kinderbuchautors recherchiert; das Buch gleitet in die Fantasy ab, als ein Hund mit ihm zu sprechen beginnt und sein Leben sich mit dem des von ihm recherchierten Autors vermischt. Carroll ist stark in die Fantasy-Szene involviert, stand im Lauf der Jahre auf den Shortlists für den World Fantasy, den Hugo und den British Fantasy Award und bezeichnet sich in Interviews selbst gern als Fantasy-Autor, aber sein Werk wird häufig als »magischer Realismus« angesehen und metaphorisch gelesen. Im Gegensatz dazu war Joyce Carol Oates in den 1980ern eng mit dem literarischen Establishment verbunden; ihre Veröffentlichungen reichen bis 1964 zurück. 1980 erschien ihr Bellefleur, eine Gothic-Saga über mehrere Generationen einer Familie im Staat New York. Früher wäre dieses Buch vielleicht gänzlich als Mainstream aufgefasst worden, aber es bekam rasch das Etikett »magischer Realismus«. 1985 wurde Isabel Allendes Das Geisterhaus (1982) ins Englische übersetzt, eine ähnliche Geschichte über phantastische Ereignisse und den bürgerlichen Verfall einer Familie über etliche Generationen. Magischer Realismus, wie man ihn in der englischsprachigen Welt zu verstehen begann, erforderte die Schöpfung einer Welt wie der unseren mit Magie als natürlichem Bestandteil. Anstatt sich auf US-amerikanische Schriftsteller wie Faulkner zu konzentrieren, verwendete man die Bezeichnung für eine Reihe von Autoren, von denen einige aus dem britischen und amerikanischen Mainstream kamen und das Phantastische nutzten, um eine metaphorische Resonanz zu schaffen (wie etwa Jeanette Wintersons Orangen sind nicht die einzige Frucht [1985], die von Fabeln durchsetzte Geschichte einer jungen Lesbe, die im nördlichen England aufwächst), und einige aus anderen Kulturen. Die Mischung dieser verschiedenen Traditionen wurden unter diesem Label zusammengefasst. Suniti Namjoshis The Conversations of Cow (1985) bringt Suniti, »eine durchschnittliche lesbische Separatistin wie jede andere«, in einem kanadischen Vorort mit Bhadravati zusammen, einer lesbischen Brahmin-Kuh. Andere Autoren kamen aus dem Fantasy-Ghetto und sahen die Chance, eine doppelbödigere Variante der Phantastik zu schreiben. Zu diesen Autoren gehörten John Crowley, Christopher Priest, Megan Lindholm und Carol Emshwiller, die jeder auf ihre Weise demonstrierten, wie das Alltägliche vom Phantastischen durchdrungen werden kann.

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John Crowleys Little, Big oder Das Parlament der Feen (1981) lässt sich (um John Clutes Terminlogie zu verwenden) als »Gebäude-Fantasy« verstehen. Wo jedoch derartige Texte häufig von Schlössern handeln (Otranto oder Gormenghast), richtet sich Crowleys Vision auf eine US-amerikanische Häuslichkeit: eine ganze Familie, die von einem Haus und dessen Lage an der Schwelle zum Feenland geformt wird. Das Buch besitzt die klassische Struktur, die von Gabriel García Márquez und Isabel Allende für einen Roman des magischen Realismus geprägt wurde, und schildert den Niedergang der Generationen, der mit dem Schwinden ihrer Verbindung zum Feenreich und dem Verfall der städtischen Ordnung einhergeht. Der Roman ist ein verschlungenes Gebilde aus den Lebensgeschichten der Figuren, zusammengehalten von den Beobachtungen Smoky Barnables, der als junger Mann eintrifft, um die Tochter des Hauses zu heiraten, Daily Alice Drinkwater, und am Ende ist es Smokys Tod, der den kompletten Übergang ins Feenland und die neu erstarkte Verbindung zwischen dem Haus und seinen Bewohnern kennzeichnet. Herausragend an dem Roman ist jedoch seine Sprache. Crowley führt uns wieder zum distanzierten Blick und den fein herausgearbeiteten Details der präraffaelitischen Schriftsteller zurück. Sogar wenn der Leser sich in der echten Welt wähnt, stellt die Sprache eine phantastische Landschaft dar. 1987 ließ John Crowley Ægypten folgen, den ersten Teil einer Serie, die erst 2007 beendet wurde und in der man im Rückblick wohl eines der größten Fantasy-Werke unserer Zeit sehen kann. Die vier Bücher spielen auf ähnliche Weise in einem »echten Amerika« (abgewechselt mit Passagen aus einem Roman über John Dee und Giordano Bruno), doch erfüllt von der Auffassung, dass die sichtbare Welt nicht die einzige Wirklichkeit ist und dass die Rückkehr der magischen Welt, die vor der wissenschaftlichen Revolution existierte, womöglich unmittelbar bevorsteht.

Christopher Priest hatte sich bereits einen Ruf als Autor von Science-Fiction-Kurzgeschichten und -Romanen gemacht, aber in den 1980ern wandte sich sein Werk einer Form des magischen Realismus zu, in dem die Grenzmauern der Welt zunehmend durchlässig werden. Ideen, die in einem Science-Fiction-Text im Bereich der Mechanik umgesetzt wurden, wie etwa in A Dream of Wessex (1977), in dem Maschinen den Protagonisten in eine andere Welt projizieren, werden in Der weiße Raum (1981), in dem der Text eines Schriftstellers offenbar dieselbe Wirkung erzielt, phantastisch umgeschrieben. In Der schöne Schein (1984) beginnt ein Mann, der an traumatischem Gedächtnisverlust leidet, sich an eine Unterwelt voller unsichtbarer Wesen zu erinnern.

Megan Lindholms Wizard of the Pigeons (1986) ist ein sehr merkwürdiger Roman. Man kann ihn als reine Fantasy lesen -- als die Geschichte eines urbanen Zauberers, der hilft, Seattle von Dämonen frei zu halten. In dieser Auslegung ist die schmutzige Realität des Vietnamkriegs und seiner Nachwirkungen Teil einer verwirrenden Illusion, als der Zauberer angegriffen wird. Nach einer anderen Lesart ist es ein Roman über Armut und psychische Krankheit, in der Michael Ignatius O'Brien nur überlebt, weil er sich in eine phantastische Welt in seinem eigenen Geist zurückgezogen hat. Das Buch ist allerdings so einzigartig und wird so häufig zitiert, weil es eine außerordentlich wirksame Auslegung gibt, die beide Lesarten miteinander versöhnt und derzufolge es sich um eine Welt handelt, in der das Magische und das Wirkliche Seite an Seite existieren.

Der magische Realismus bot Feministinnen neue Möglichkeiten, da man nun wieder Fantasy ohne die Anmutung von Rationalität und Realität schreiben konnte, die im Genre zur Norm geworden war. Wir haben bereits das Werk von Jeanette Winterson erwähnt. In Carol Emshwhillers Carmen Dog (1988) werden Frauen in Hunde verwandelt und umgekehrt – zur großen Verwirrung der männlichen Beobachter. Ellen Galford, eine US-amerikanische Autorin, die seit den frühen 1970ern in Schottland lebt, hat drei feministische Romane verfasst, die dem magischen Realismus zugehören. Der erste, The Fires of Bride (1986), erzählt von einer jungen Künstlerin, die sich letztendlich auf einer schottischen Insel niederlässt und deren Skulpturen aus Metallabfällen die ehemalige Göttin Bride wiederbeleben.

Entfernt man sich einen Schritt weit von jener eindeutig dem magischen Realismus zugehörigen Belletristik, gibt es noch das, was man »Konversations-Fantasy« nennen könnte. In den 1980ern werden eine Reihe von Texten veröffentlicht, in denen Leute herumstehen und über Magie oder die magischen Welten sprechen, in denen sie sich befinden. R. A. MacAvoys Stelldichein beim schwarzen Drachen (1983) ist eine Geschichte über eine junge Frau, die in schlechte Gesellschaft gerät und entführt wird, doch das Vergnügliche an der Geschichte sind die Konversationen zwischen ihrer Mutter und einem älteren Gentleman, den diese in ihrem Hotel kennenlernt und der sich als alter chinesischer Drache entpuppt. In ähnlicher Weise ist Woody Allens The Purple Rose of Cairo (1985) eine Meta-Geschichte über die Zeit der Depression und die schlechten Perspektiven für Frauen, aber der eigentliche Reiz liegt in der Unterhaltung zwischen Cecilia und Tom, einer Figur aus einem Film, die aus der Leinwand in Cecilias Welt entflieht. Ein kurioser Roman aus dieser Zeit ist die Brief-Fantasy Sorcery and Cecelia or The Enchanted Chocolate Pot Being the Correspondence of Two Young Ladies of Quality Regarding Various Magical Scandals in London and the Country (1988) von Caroline Stevermer und Patricia C. Wrede. Dieser Roman wurde als spielerischer Briefwechsel verfasst und ist ein köstlicher Leckerbissen aus Boshaftigkeit und Fantasy, ohne auch nur im geringsten Maße skurril zu sein.

In den 1980ern konnte die Fantasy auch zwei Regisseure in Empfang nehmen, die eindeutig originäre Beiträge zum Genre leisteten (im Gegensatz zu Adaptionen oder, wie bei den oben erwähnten Filmen, Neuauflagen des Genres). Terry Gilliam drehte in diesem Jahrzehnt drei Filme, die bei Genrekritikern allesamt einen herausragenden Ruf haben (wenn auch Filmkritiker tendenziell recht lange für die Erkenntnis brauchen, dass ein Science-Fiction- oder Fantasy-Film wertvoll sein könnte). In Time Bandits (1981) platzt eine Schar Zwerge auf der Flucht vor dem Obersten Wesen in das Schlafzimmer eines Jungen namens Kevin. Als das Oberste Wesen dazustößt, fliehen sie in eine schwarze Leere und nehmen Kevin mit. Unter Nutzung der von ihnen entwendeten Wurmloch-Karte machen sie sich zu einer furiosen Jagd quer durch die Geschichte auf. Brazil (1984) ist eine Science-Fiction-Dystopie, in der eine der Figuren ihre geistige Gesundheit dadurch erhält, dass sie sich ein phantastisches Utopia vorstellt und in das sie sich zurückzieht, wenn sie gefoltert wird. Schließlich kam in den 1980ern noch Die Abenteuer des Baron Münchhausen (1988) in die Kinos, eine Adaption des deutschen Phantastik-Klassikers aus dem 18. Jahrhundert, der zuvor bereits dreimal verfilmt worden war. Der Film war ein finanzielles Desaster, weil Columbia Pictures zu jener Zeit verkauft wurde und keine Mittel für den Vertrieb übrig waren. Er ist unausgewogen (und möglicherweise ein bisschen zu lang), doch er ist vielleicht einer der besten Fantasy-Filme aller Zeiten, weil der Film das Gefühl der Liebe zur Fantasy vermittelt. Später drehte Gilliam etliche weitere Genrefilme: König der Fischer (1991), eine urbane Fantasy auf der Grundlage des Artus-Mythos; Twelve Monkeys (1996), ein Science-Fiction-Film, Brothers Grimm (2005), der die Geschichte der Brüder mit den von ihnen gesammelten Geschichten verbindet, und Das Kabinett des Doktor Parnassus (2009), ein Fantasy-Film über eine Wette mit dem Teufel.

Der andere Filmemacher, der sich in dieser Zeit bei Genre-Fans beliebt machte, war Tim Burton. Der erste seiner Fantasy-Filme war Lottergeist Beetlejuice (1988), ein humorvoller Horrorfilm, in dem ein glücklich verheiratetes Paar auf dem Weg zu seinem neuen Haus getötet wird und sich in Geistergestalt wiederfindet. Leider wird das Haus schnell verkauft, und die neuen Mieter sind unerträglich. Gegen den Rat ihres Geister-Sozialarbeiters bitten sie einen freiberuflichen »Bioexorzisten« um Hilfe, der die neuen Bewohner vertreiben soll. Betelgeuse/Beteigeuze hat jedoch seine eigenen Pläne. 1989 schuf Burton Batman, den ersten revisionistischen Superhelden-Film, und 1990 das Steampunk-Märchen Edward mit den Scherenhänden, eine Neuinterpretation von Frankenstein, die in einer geschönten Vorstadt der 1960er spielt. Burtons Fantasy-Karriere dauerte über die 1990er hinaus an, und zwar mit A Nightmare before Christmas (1993), einem Stop-Motion-Film, in dem Jack Skellington aus Halloween Town (mit den besten Absichten) versucht, die Kontrolle über Weihnachten an sich zu reißen; James und der Riesenpfirsich (1996), einer Adaption von Roald Dahls Buch; dem abscheulichen Mars Attacks! (1996); Sleepy Hollow (1999), einer Verfilmung von Washington Irvings klassischer Geistergeschichte; Big Fish (2003), einer »Fischgeschichte« im Stil des magischen Realismus; Charlie und die Schokoladenfabrik (2005), einer weiteren Dahl-Adaption; Corpse Bride – Hochzeit mit einer Leiche (2005), einer Jenseits-Fantasy; Alice im Wonderland (2010), einer freien Verfilmung der Alice-Romane; Dark Shadows (2012), einer humorvollen Vampirgeschichte; und Frankenweenie (2012, dt. Frankenweenie), einer Frankenstein-Parodie als Stop-Motion-Film.

Ein Kennzeichen von Gilliam und Burton war eine gewisse Schrulligkeit und die Bereitschaft, verschiedene Subgenres und Elemente des Phantastischen zu plündern und neu miteinander zu kombinieren. Das literarische Äquivalent zu Gilliam und Burton sind die Freunde Tim Powers und James Blaylock, die in den 1980ern an der Erschaffung des als Steampunk bekannten Subgenres beteiligt waren. Blaylocks erste Serie, die mit Das Elfenschiff (1982) beginnt, wirkt auf den ersten Blick mit ihren Elfen und Zauberern wie eine ziemlich konventionelle Questen-Fantasy. Aber Setting und Anmutung der Bücher sind die eines 19. Jahrhunderts, in dem Magie neben technologischen Entwicklungen existiert, die es in unserer viktorianischen Epoche nie gegeben hat. Dies ist die Essenz des Steampunk, der von Blaylock in Homunculus (1986) weiterentwickelt wurde: Dort steht unser Held einem Reanimator von Leichen gegenüber, begegnet einem Luftschiff, das von einem Skelett gesteuert wird, einem außerirdischen Raumschiff und allen möglichen Science-Fiction- und Fantasy-Klischees, die auf sehr originelle Weise zusammengeführt werden. Tim Powers' dritter Roman war The Drawing of the Dark (1970), in dem König Artus als Glücksritter wiedergeboren wird, der Wien gegen die Türken verteidigt. Powers' charakteristischtes Buch ist jedoch Die Tore zu Anubis Reich (1983). Streng genommen handelt es sich dabei um einen Science-Fiction-Roman, in dem der Protagonist zurück ins frühe 19. Jahrhundert in das London von Lord Byron reist, aber durch die phantasmagorische Atmosphäre seines fiktiven Londons und die beinahe an Dickens gemahnende Figurenvielfalt wirkt es viel mehr wie Fantasy. Die Idee, die Fantasy zurück ins viktorianische Zeitalter und das viktorianische London zu bringen, gewann zunehmend an Beliebtheit, besonders bei Autoren, die die Kluft zwischen SF und Fantasy überbrückten. William Gibsons und Bruce Sterlings Steampunk-SF-Roman Die Differenzmaschine (1990) und Colin Greenlands Sophies Kurs (1993) sind zwei der besten Romane auf der SF-Seite der Kluft. Eine der einflussreichsten Fantasy-Geschichten dieser Art (die vielleicht auch Michael Swanwicks Die Tochter des stählernen Drachen (1993) beeinflusst hat, ist Lucius Shepards Novelle »Der Mann, der den Drachen Griaule malte« (1984). Darin kommt ein Künstler zu dem Schluss, dass man einen schlafenden Drachen am besten tötet, indem man ihn mit Farbe vergiftet; dabei erschafft er jedoch ein großes Kunstwerk und wird zugleich von dem Drachen vergiftet, um zuvor noch die Entstehung ganzer Industrien und Industrie-Systeme zu erleben, die erschaffen werden, um sein großes Werk tragen.

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An der Beliebtheit des London des 19. Jahrhunderts in Powers’ und Blaylocks Werken zeigt sich, wie der urbane Schauplatz als Setting für das Phantastische immer interessanter wird. Ellen Kushners Swordspoint (1987) ist ein ruritanischer Roman: eine Geschichte politischer, gesellschaftlicher und sexueller Intrige, angesiedelt in einem erfundenen 17. Jahrhundert. Der davor spielende Folgeband, Die Legende vom letzten König (2002), in Zusammenarbeit mit Delia Sherman geschrieben, befasst sich konkreter mit der Interaktion zwischen Magie und »moderner« Welt, ein Thema, auf das wir im elften Kapitel in etlichen Büchern stoßen werden. Archetypischer für das, was inzwischen als »Urban Fantasy« bekannt ist, sind Emma Bulls War of the Oaks (1987) und Charles de Lints Jack, the Giant Killer (1987). In dieser neuen Urban Fantasy haben die Feen und Elfen des ländlichen Großbritannien ihre Zelte abgebrochen und, häufig in den Fußstapfen der irischen Auswanderer, in den Städten Nordamerikas Einzug gehalten.

In Emma Bulls Roman wird eine junge, in Minneapolis lebende Musikerin in die Fehde zweier Feenhöfe hineingezogen; bei Charles de Lint gerät eine einsame junge Frau in einen Kampf zwischen zwei Feenhöfen, dieses Mal in einer Stadt in Kanada. In beiden Büchern gibt es eine Feen-Ordnung, die von der alten Welt in die neue ausgewandert ist; beide Bücher gründen auf der Prämisse, dass die Menschen dem Feenreich etwas Besonderes zu bieten haben. Der Reiz der Bücher liegt größtenteils in der Art und Weise, wie die Autoren das Feenreich in die urbane Umgebung ihrer Wahl einfügen. In beiden Fällen sowie im Subgenre der Urban Fantasy, das sich aus diesen beiden Büchern entwickelt, kommt als weiteres Element das beständige Gefühl der Protagonisten hinzu, am Rande des Wahnsinns zu stehen – und vielleicht trifft das ja auch wirklich zu.

Charles de Lint ist einer der bedeutendsten Vertreter dieser Fantasygattung, und viele seiner Fantasygeschichten spielen in der fiktiven Stadt Newford. Zu seinen jüngsten Büchern zählen The Blue Girl (2004), in dem ein Neuzugang in Newford Freundschaft mit einem Geist schließt und feststellt, das Feen in ihrer beider Träume eindringen, und ein Buch für junge Erwachsene, Little (Grrl) Lost (2007), in dem ein Mädchen in einen Vorort zieht und dort einer urbanen Punk-Fee begegnet, mit der es sich anfreundet. Mark Helprins Wintermärchen (1983, verfilmt 2014) ist da ganz anders. Es erzählt von einem jungen Mann namens Peter Lake, der als Kind von Auswanderern in New York eintrifft und von den Bewohnern des Bayonne-Sumpfes adoptiert wird. Als Erwachsener wird er nach Manhattan geschickt, wo er ein ganz normales Leben führt, aber als jemand, für den das Wunderbare immer wieder Partei ergreift. An einer Stelle des Romans verschwindet er für etliche Jahre, und als er zurückkehrt, kann er Dinge hören und sehen, die sonst niemand wahrnimmt. Als New York zu brennen beginnt, erlangt er seine volle Macht und gewinnt letztlich christusähnliche Fähigkeiten. Die Geschichte enthält Elemente des Fischerkönigs (womit die amerikanische Faszination für Artus ein weiteres Mal deutlich wird), und auch wenn es in vielerlei Hinsicht ganz anders ist als das Werk von Bull und de Lint, wiederholt sich hier die Vorstellung, dass Amerika sein magisches Heil aus der alten Welt importieren muss. Im Jahr 1984 kam auch der Filmhit Ghostbusters – Die Geisterjäger (Regie: Ivan Reitman) in die Kinos, der Geister aus dem verwunschenen Schloss auf die Straßen und in die Hochhäuser von New York City holte. Dank Ghostbusters hielt außerdem der Exorzismus im Reich der rationalen Fantasy Einzug, denn die für ihn typischen Utensilien wichen der neuen Technologie der Energiestrahlen und der metallenen Geisterfallen.

In Großbritannien fand die Urban Fantasy am sichtbarsten in Comics statt. Künstler wie etwa Bryan Talbot und Autoren wie Neil Gaiman und Alan Moore entwickelten eine düstere, schmutzige Sicht des von Margaret Thatcher geprägten Landes, die sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft beeinflusste. Vieles davon wurde im immer noch erscheindenden 2000 AD publiziert. Das heute noch bekannteste Beispiel ist vielleicht die Sandman-Serie, die unter anderem in der Hölle, dem Feenreich und Asgard spielt, aber hauptsächlich im Reich von Morpheus. Auch wenn es sich dabei streng genommen nicht um Urban Fantasy handelt, sind die Bilder klar von deren Strömungen inspiriert und von der Vision einer Welt, die vom Phantastischen und ganz besonders dem Feenreich durchdrungen ist. The Sandman (1989-96) demonstrierte, was man mit Comics erreichen konnte, und ist für die Entwicklung der Graphic Novel einer der bedeutendsten Texte dieser Zeit. Nach wie vor ist die Serie unglaublich einflussreich und hat die Talente einer ganzen Reihe von Künstlern angezogen, am herausragendsten Dave McKean und Charles Vess, die beide zu äußerst bedeutenden Fantasy-Künstlern mit sehr unterschiedlichen Visionen des Urban-Phantastischen geworden sind. In den Vereinigten Staaten wurde diese düstere Vision in Frank Millers Batman – Die Rückkehr des Dunklen Ritters (1986) zusammengefasst, einem Neuentwurf von Batman, den Tim Burton später auf die Leinwand übertrug.

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Eine für Schubladen beinahe zu vielseitige Autorin ist Diana Wynne Jones, vordergründig eine Kinder- und Jugendbuchautorin, die inzwischen allerdings auch unter Erwachsenen viele Fans hat. Wollte man sie in eine übergreifende Kategorie einordnen, wäre Urban Fantasy vielleicht am zutreffendsten, schließlich spielen ihre Bücher größtenteils in nach dem 18. Jahrhundert angesiedelten Welten, zuweilen auch in einem Setting der Industrialisierung, und in einem oder zwei ihrer Bücher stehen die Industrialisierung und Modernisierung auf dem Spiel. Jones' erster Fantasy-Roman, erschienen 1973 unter dem Titel Wilkins' Tooth, ist ein in einer Kleinstadt angesiedeltes Märchen. In den 1970er Jahren schrieb sie vier Bücher, darunter The Ogre Downstairs (1974), in dem ein magischer Chemiekasten in das Leben zweier Gruppen von Kindern eingeführt wird, die gerade durch eine neue Ehe zusammengeschmiedet wurden, Eight Days of Luke (1975), in dem ein sehr einsamer Junge unabsichtlich Loki heraufbeschwört und in nordisches Sagengut verwickelt wird, und Dogsbody (1975), in dem der Stern Sirius sich auf der Erde wiederfindet, gefangen im Körper eines Hundes, dem Haustier von Katherine, die im Haus ihres Onkels das Mädchen für alles (engl. dogsbody) ist. Alle drei Bücher verlegen alte Geschichten in ein modernes Setting und fragen sich, wie sie sich dort entwickeln würden. Jedes Mal ist es die Geschichte, die den Anforderungen der Gegenwart weichen muss, und genau das zeichnet Jones' Werk aus.

In den letzten drei Jahrzehnten war Jones (bis zu ihrem Tod im Jahr 2011) äußerst produktiv, aber es waren die 1980er Jahre, in denen sie einige ihrer spannendsten Werke schrieb. Da an dieser Stelle nicht auf alle eingegangen werden kann, seien drei der interessantesten genannt: Das Geheimnis des siebten Zauberers (1984), Feuer und Schierling (1984) und Zauberstreit in Caprona (1980). Das Geheimnis des siebten Zauberers spielt in einem kleinen Vorort und ist die Geschichte von Howard und seiner jüngeren Schwester, die meist unter dem Namen Sirene bekannt ist. Ihr Vater Quentin ist Schriftsteller und Fachhochschullehrer und ihre Mutter Schulprüferin mit dem Schwerpunkt Musik. Zu Beginn der Geschichte findet Howard bei seiner Heimkehr einen Rowdy am Küchentisch vor, der nach »Archer's 2000« verlangt. Als Howard nachforscht, was mit den 2000 gemeint ist (Wörter) und wer Archer ist, erfährt er, dass seine Stadt von sieben Geschwistern beherrscht wird, Zauberern, die alle offenbar von den Wörtern gefangen gehalten werden, die Quentin dreizehn Jahre lang für Archer geschrieben hat. Das Geheimnis des siebten Zauberers ist eine klassische Screwball-Komödie, wenn auch eine recht düstere. Howard findet heraus, dass er nicht ganz der ist, der er zu sein glaubte, und Quentins Wörter zeigen ihre Macht in einer Weise, mit der niemand von ihnen gerechnet hätte. Das Thema Wörter und ihre Macht hat Das Geheimnis des siebten Zaubers mit dem ansonsten völlig anderen Feuer und Schierling gemeinsam. Ersteres ist durch eine Reihe von Thesen oder Prämissen gegliedert, letzteres durch vier Gemälde, T. S. Eliots Vier Quartette und etwa 30 Fantasy-Bücher für Kinder, die namentlich im Text genannt werden. Feuer und Schierling ist die Geschichte eines jungen Mannes, der von der Feenkönigin gefangengenommen wird, und dem Mädchen Polly, das er kennenlernt, als sie gerade erst neun Jahre alt ist, und das er sich zu seiner Befreierin heranzieht (ein düsterer Aspekt der Geschichte, wie Jones eingesteht). Zugrunde liegen der Geschichte die Balladen »Tam Lin« und »Thomas the Rhymer«, aber es ist eine neue Version und keine Nacherzählung. Darin wird die Feenkönigin besiegt, weil Polly auf die Mittel der gegenwärtigen Welt zurückgreifen kann und, vor allem anderen, auf die Macht der Wörter. Zauberstreit in Caprona ist eine Romeo-und-Julia-Geschichte, die in einem erfundenen Stadtstaat im Renaissance-Italien spielt, und gehört zur Chrestomanci-Serie, die mit Charmed Life (1977, dt. Neun Leben für den Zauberer [1981]) beginnt. In dieser Serie gibt es aufeinander aufbauende Alternativwelten. In einer dieser Welten, in der Magie möglich ist, wird dieses Wissen missbräuchlich durch den Chrestomanci kontrolliert, einen Zauberer mit neun Leben. Chrestomanci spielt in Zauberstreit in Caprona nur am Rande eine Rolle; hier geht um das Geschick des Stadtstaats, als seine beiden großen Magier-Häuser sich entzweien, und um seine Rettung durch vier Kinder und zwei Katzen. Zwei der Kinder verfügen über eine recht absonderliche Magie, was den Leser zu dem führt, was man wohl als Jones' Kernbotschaft ansehen kann: Magie ist das rechte Wort zur rechten Zeit. Seinen Reiz bezieht das Buch teilweise auch durch die vielen verschiedenen Einblicke in die Stadt Caprona. Jones' zur Zeit bekanntestes Werk ist Sophie im Schloss des Zauberers (1986), verfilmt von Studio Ghiblis Hayao Miyazaki (2004). Der Film ist auf seine Weise zwar wunderbar, doch nicht mehr Jones’ Werk. Miyazaki verzichtete auf einen Großteil von Jones' charakteristischem Humor und ihren recht respektlosen Umgang mit Autoritäten; und, was von grundlegender Bedeutung ist, Sophie Hatter hat hier nicht mehr die Macht, unbelebten Gegenständen Leben einzuhauchen.

Die Chrestomanci-Serie kann man als eine Alternativhistorie mit funktionierender Magie sehen. Zwei weitere Bücher dieser Art sind David Brins Der Übungseffekt (1984) und John M. Fords Der Thron des Drachen (1984). In Der Übungseffekt reist ein Mann von der Erde durch eine andere Welt, in der Gegenstände vervollkommnet werden, indem man sie benutzt (aus einem schlichten Stuhl wird, wenn man sich viele Jahre daraufsetzt, nach und nach ein Designer-Möbelstück). John M. Fords Der Thron des Drachen ist eine Alternativweltgeschichte, die eine Mischung aus Folklore sowie verschiedene historische Gestalten wie etwa den Medici und den Sforza mit komplizierten Intrigen rund um Edward IV. und Richard III. von England kombiniert.

Die Verknüpfung von Folklore mit englischer Politik wird auf brillante Weise in Brian Stablefords Das Reich der Angst (1984) umgesetzt. Als eine der neuen, modernen Vampir-Geschichten setzt die Handlung von Das Reich der Angst im London des 17. Jahrhunderts ein, als der Aufstieg der modernen Wissenschaft beginnt. Edmund Cordery, ein Mechaniker am Hof des sich nach wie vor bester Gesundheit erfreuenden Richard Löwenherz, entwickelt ein Mikroskop, mit dem er die Langlebigkeit der Vampire enträtseln will, die in dieser Alternativwelt den Adel bilden. Wie sich herausstellt, ist Vampirismus in dieser Welt eine sexuell übertragbare Krankheit (wodurch die sexuellen Neigungen gewisser Adliger ans Licht kommen).

Chelsea Quinn Yarbro war eine der erfolgreichsten Modernisiererinnen des Vampir-Mythos. 1978 veröffentlichte sie den ersten ihrer Saint Germain-Romane, Hotel Transylvania (1978), der im frühen 18. Jahrhundert spielt. Durch die Unsterblichkeit ihrer Vampire kann sie zahlreiche historische Schauplätze besuchen, sodass Blood Games (1980) zur Zeit von Nero spielt, Tempting Fate (1981) dagegen während der russischen Revolution. Auch Anne Rice setzte nach einer zehnjährigen Pause ihre Vampir-Serie fort, die 1976 mit Interview mit einem Vampir begann. 1985 erschienen Der Fürst der Finsternis, 1988 Die Königin der Verdammten, zwei Bücher, durch die sie in die erste Riege der Vampir-Autoren aufstieg und ein Genre aus der Taufe hob, aus dem sich die Paranormal Romance entwickeln sollte, in der die Betonung auf dem Flirt (und mehr) mit dem Monster (Vampir, Werwolf, etc.) liegt.

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Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


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Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

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