Krimis von Fantasten

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Zur Seite gesprungen: Lesenswerte Krimis von Fantasy- und Science-Fiction-Autoren


Verleger und Buchhändler sehen es gar nicht gern, wenn Autoren einfach mal so das Genre wechseln. Trotzdem gibt es einige lesenswerte Krimis von bekannten Fantasy-, Science-Fiction- und Horror-Autoren, die nicht zum Pseudonym greifen mussten, als sie über Ermittler, Verbrecher und Opfer schrieben. Ihnen widmet sich dieser Beitrag zwischen Joe R. Lansdale, David Eddings, Eoin Colfer und Stephen King.

Cooler Prügelknabe: Hank Thompson von Charlie Huston

Charlie Huston verfasste eine Handvoll hardboiled-mäßiger Horror-Romane über den ungewöhnlichen Vampir-Detektiv Joe Pitt, den endzeitlichen Science-Fiction-Thriller „Die Plage“, harte Comics wie „Moon Knight“ oder „Wolverine: Der Beste von allen“ und die Drehbücher zur TV-Adaption des Superheldenkrimi-Comics „Powers“. Doch Huston brachte auch einige reinrassige Prosa-Krimis zu Papier. Allen voran die Noir-Trilogie, die aus den Büchern „Der Prügelknabe“, „Der Gejagte“ und „Ein gefährlicher Mann“ besteht, und die es auf Deutsch als Sammelband gibt. Ergibt Sinn: Die Romane erzählen schließlich eine fortlaufende Geschichte, die man idealerweise an einem Stück liest. Hustons gebeutelter Protagonist Hank Thompson, dem eine schmerzhafte Odyssee durch Nord- und Südamerika bevorsteht, der viel einstecken muss und der vorübergehend zum meistgesuchten Mann der USA wird, ist schon nach den ersten paar Seiten ein Antiheld, dem man gerne folgt. Seine rasante Geschichte kommt ungeheuer lässig und ziemlich brutal daher, und Hustons Spiegelstrich-Dialoge waren nie cooler.

Spannendes Frühwerk: High Hunt von David Eddings

Wer in den 80ern und 90ern mit Vorliebe klassische Fantasy gelesen hat und dennoch nie die Werke des amerikanischen Genre-Giganten David Eddings (1931–2009) goutierte, der hat die Fantasy nie geliebt. Der Zauberer Belgarath, der Ritter Sperber, der göttliche Dieb Althalus – Eddings verstand sich hervorragend darauf, süchtig machende Fantasy-Serien mit einem tollen Cast aus lebendigen Charakteren und echten Sympathieträgern zu inszenieren. Sein Romandebüt aus dem Jahre 1973 hatte allerdings noch so gar nichts mit Fantasy zu tun: In „High Hunt“ schickt Eddings eine Freundesgruppe zum Jagen in die Berge, wo die Dinge zwischen den unterschiedlichen Männern schnell eskalieren. Auf Deutsch erschien dieser eher unbekannte, für sein Fantasy-Schaffen völlig irrelevante Mainstream-Roman aus Eddings’ Feder vor ein paar Jahren posthum im kleinen Basilisk Verlag. Und wenn wir gerade bei Fantasy-Altmeistern sind: Vor ein paar Monaten kam mit „Rhyming Rings“ ein bis dato unveröffentlichter Krimi von David Gemmell (1948–2006) heraus, der sich ein Jahrzehnt lang in seinem Nachlass versteckte.

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Eiskalt und doch hartgekocht: Joe Kurtz von Dan Simmons

Dan Simmons schrieb den Science-Fiction-Klassiker „Hyperion“ und Bücher wie „Drood“, „Terror“, „Sommer der Nacht“ und „Song of Kali“, die vom historischen Horror bis hin zum klassischen Vorstadt-Thriller alles abdecken. Zwischen 2001 und 2003 veröffentliche Simmons zudem die Joe Kurtz-Trilogie, die auf Deutsch komplett bei Festa vorliegt. „Eiskalt erwischt“, „Bitterkalt“ und „Kalt wie Stahl“ drehen sich um den abgezockten Privatdetektiv Joe Kurtz, dem trotz seiner Bewährungsauflagen und dem Entzug seiner Lizenz Ärger, Gewalt, Serienkiller, Tod und die Mafia quasi auf Schritt und Tritt durch das ungemütlich kalte Buffalo folgen. Für die drei knackigen Romane verzichtet Simmons komplett auf stilistische Schnörkel – die Bücher sind eben eine klare, hartgekochte Hommage an die zerknitterten Schnüffler, widerstandsfähigen Actionhelden und durchtriebenen Gangster aus den amerikanischen Krimis in Literatur und Film, deren Wurzeln wiederum bis in die Pulp Magazines reichen. Eine gewisse Überzeichnung und sogar ein gewisser Trash-Faktor sind da nicht auszuschließen, jedoch nie störend. Für Fans von Bruce Willis, Jason Statham und Co.!

 

Südstaaten-Sahnehäubchen: Hap & Leonard von Joe R. Lansdale

Der 1951 geborene Joe Lansdale beherrscht jedes Genre. Horror, Science Fiction, Fantasy, Krimi; dazu kommen eine offizielle „Tarzan“-Fortsetzung, Geschichten über Batman oder Jonah Hex und die Prosa-Vorlage zum Kultfilm „Bubba Ho-Tep“. Die große Konstante in Lansdales Schaffen ist aber sein Gespann Hap und Leonard. Seit 1990 liefert der texanische Alleskönner Romane, Kurzgeschichten und Novellen über den weißen Träumer und Tagedieb Hap und den stolzen schwarzen, schwulen Vietnamveteran Leonard. Hap erzählt ihre Fälle als fehlbare Amateurdetektive und engagierte Problemlöser im rauen Osten von Texas scheinbar frei von der Leber weg, und entsprechend derb, witzig und gewalttätig fallen die wunderbar knackigen Schilderungen ihrer Zusammenstöße mit Mördern und Rassisten aus. Die erfolgreiche TV-Adaption hat die Frequenz neuer Fälle des Duos, das sich mit Herz und vollem Einsatz in jedem Schlamassel stürzt, erfreulich gesteigert. Im September ist gerade der neueste Roman „Krasse Killer“ bei Golkonda erschienen. Wer Krimis mag, muss die Bücher mit Hap und Leonard lesen. In chronologischer Reihenfolge, wild durcheinander, völlig egal, Hauptsache, man liest sie. Zu den gelungensten Romanen der echten Lieblingsserie gehören „Schlechtes Chili“, „Mucho Mojo“ und „Bärenblues“.

 

Mehr Gangster als Game of Thrones: 25 Stunden von David Benioff

Vermutlich kennt man David Benioff heute am ehesten für seine Arbeit als Showrunner und Autor von HBOs „Game of Thrones“, oder für Filme wie „Troja“, „X-Men Origins: Wolverine“ und „Drachenläufer“, die allesamt nach einem Drehbuch von Benioff entstanden. Doch Benioff ist auch der Autor einiger großartiger Romane. Etwa des abenteuerlich-historischen Genre-Mixes „Stadt der Diebe“, das eines dieser Bücher ist, die man immer wieder verschenkt und daraufhin auch nach Jahren noch begeisterte und dankbare Rückmeldungen erhält. Oder den hinreißenden schmalen Krimi „25 Stunden“, der 2001 Benioffs Debüt als Romancier darstellte. Im Buch widmet sich der Amerikaner einem verurteilten Drogendealer, der seine letzte Nacht in Freiheit verbringt. Wem der Plot bekannt vorkommt: „25 Stunden“ wurde 2002 mit Edward Norton in der Hauptrolle grandios verfilmt. Man würde sich über einen neuen Roman freuen, wenn Benioff  in Westeros nicht mehr gebraucht wird.

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Irischer Pechvogel: Dan McEvoy von Eoin Colfer

Der Ire Eoin Colfer schrieb mehrere schwer erfolgreiche Romane über seine berühmteste Figur Artemis Fowl, einen der wenigen echten Konkurrenten von Harry Potter, und sogar eine offizielle Fortsetzung zu Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Die größte Überraschung in seinem Portfolio verkörpern wohl die beiden lupenreinen Noir-Krimis „Der Tod ist ein bleibender Schaden“ und „Hinterher ist man immer tot“ über den schlagkräftigen Türsteher und Gangster Dan McEvoy, bei dem man sich auf eines verlassen kann: Was er anfasst, geht auf die eine oder andere Weise gründlich schief, und meistens jagen ihn Cops und Kriminelle gleichermaßen. Die Übersetzung von Conny Lösch, die über die Jahre viele superbe Krimis aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat, fungiert quasi wie ein Gütesiegel für Colfers wirklich überzeugenden Ausflug ins Noir-Genre, dem gerne mehr hätte folgen dürfen.

 

Verrückt wie der Osterhase: Gott schütze Amerika von Warren Ellis

Der Stabschef des US-Präsidenten heuert Privatdetektiv Mike McGill an, um die geheime Verfassung der USA zu finden – und damit den wahren Geist des alten Amerika, der von Pornos und dem Internet pervertiert wurde. Im Verlauf seiner Ermittlung prallt McGill auf Bodybuilder, die sich Salzwasser in die empfindlichen Teile spritzen, und verhandelt mit Leuten, die „reich wie Pharaonen und verrückt wie Osterhasen“ sind. Wenigstens hat Mike eine clevere Nymphomanin an seiner Seite, die ihm jedoch das Herz bricht und im Flieger gerne wegdöst, sodass Mike sich dann über den Wolken mit einem Serienkiller betrinkt. Der englische Comic-Gott und Top-Futurologe Warren Ellis („Transmetropolitan“, „Planetary“) ist ein wahnsinnig cooler, scharfsinniger und provokanter Autor und Zukunftsseher. Dieses Hardboiled-Roadmovie, dem später das deutlich phantastischere „Gun Machine“ folgte, war 2007 das radikale Romandebüt des erfolgreichen Comic-Stars, der derzeit das WildStorm-Universum wiederbelebt. Chandler trifft in „Gott schütze Amerika“ auf den Geist von Ellis’ „Desolation Jones“ und den Zeitgeist der Handy-Videos.

 

Hard Case-Vergnügungspark: Joyland von Stephen King

Zum Schluss eine kleine Mogelpackung. Bestsellerlisten-König Stephen King ist im Horror für gewöhnlich natürlich ebenso zu Hause wie in den Gefilden von Thriller und Krimi. Und sein Roman „Joyland“, um den es hier explizit geht, hat sogar eine unbestreitbar übernatürliche Komponente. Dass die Geschichte über einen Sommerjob in einem Vergnügungspark und eine Mordserie an dieser Stelle trotzdem aufgeführt wird, liegt einerseits an ihrer bestechenden Qualität, andererseits am interessanten Kontext der Originalveröffentlichung. In den Staaten erschien eine Ausgabe von „Joyland“ nämlich innerhalb der berüchtigten „Hard Case“-Reihe, deren Bücher dem pulpigen Erbe des amerikanischen Krimis huldigen, was den kernigen Inhalt und die grelle Retro-Aufmachung der Titelbilder angeht. In dieser Reihe wurde später übrigens auch Harlan Ellisons kurzer Roman „Rumble“ von 1958 als „Web of City“ neu aufgelegt, für den Ellison tatsächlich mehrere Wochen lang Teil einer Teenager-Gang in einer richtig üblen Gegend Brooklyns wurde. Oh, und „Joyland“? Einer der besten und knackigsten Romane, die King in jüngerer Vergangenheit abgeliefert hat.

 

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